Geschichte und Kultur

Kriegsgefangener - Albertos späte Heimkehr

Niemand wusste, wo der italienische Weltkriegssoldat begraben lag. Jahrzehnte suchte sein Sohn ihn verzweifelt. Dann übernahmen Hamburger Rechtsmediziner den Vermisstenfall.

Von Claus Lutterbeck
Bilder Von Marc Steinmetz
Im Keller seines Hauses in Perugia zeigt der Amateurfunker Franco Roscini ein Foto seines Vaters Alberto (l.).

Zusammenfassung: Zwei Jahre schuftete der italienische Soldat Alberto Roscini als Gefangener in der Kriegsindustrie des Dritten Reiches. Im April 1945 befreite die US-Army die Stadt Bensberg - Rosini starb jedoch kurz vorher durch eine Bombe der Amerikaner. Niemand wusste, wo er beerdigt war. Sein Sohn Franco suchte Jahrzehnte erfolglos nach den Überresten seines Vaters - bis ihm Hamburger Rechtsmediziner bei der Suche unterstützten.

Die Lage war hoffnungslos, aber Hauptmann Müller wollte sich nicht ergeben. Mit dem letzten Aufgebot von Hitlerjungen und Rentnern ließ er im April 1945 mitten in Bensberg eine Sperre aus Holz errichten. Damit wollte er die Panzer der 97th US-Infantry Division aufhalten, die von Köln her Richtung Ruhrkessel vorrückten. Am 12. April gegen Mitternacht flogen die letzten Granaten, sie schlugen im „Rheinischen Hof“ ein und töteten zehn Menschen. Am 13. April mittags gegen ein Uhr marschierten die Amerikaner in die Stadt ein.

Es war eine tragische Befreiung: Die Opfer des letzten US-Beschusses waren italienische Militärinternierte. Zwei Jahre lang hatten sie in der Kriegsindustrie des Dritten Reiches schuften müssen. Zwei Jahre lang hatten sie Hunger und mörderische Arbeitsbedingungen überlebt. Die Freiheit war nur wenige Stunden entfernt, als sie ihr Leben verloren.

In den letzten Wochen des Krieges hatten die Nazis etwa 200 Italiener in den Gasthof, 20 Kilometer östlich von Köln, evakuiert. Zu essen bekommen die Gefangenen nichts. Willi Fritzen, Sohn eines Bäckers, war damals neun Jahre alt. Er erinnert sich noch heute an die Hungernden, die sich nach der Arbeit in leeren Konservenbüchsen Schnecken kochten.

Wo die zehn Getöteten im Chaos der ersten Nachkriegstage verscharrt wurden, wusste niemand genau. Unter ihnen war auch ein Soldat, den Granatsplitter in die Brust getroffen hatten, er hatte mit gebrochenen Beinen am Fuß einer Treppe gelegen. Als Pastor Rodenburg ihn am 14. April 1945 beerdigte, kam ein schlichter Stein auf sein Grab, ohne Namen. Und so blieb er ohne Identität, bis Hamburger Wissenschaftler die Knochen aus Bensberg mithilfe einer aufwendigen DNA-Analyse untersuchten. Im Mai 2015, 70 Jahre nach seinem Tod, hatte der Unbekannte wieder einen Namen: Alberto Roscini, geboren am 5. September 1907 in Perugia, gestorben am 12. April 1945 in Bensberg. Vereint mit seiner Frau Lidia liegt er heute auf dem Friedhof seiner Heimatstadt in Umbrien.

Warum wir die Geschichte des einfachen Soldaten Roscini erzählen, der wie Abermillionen andere ein Opfer der Deutschen wurde? Weil es eine Geschichte voller Liebe und Hass ist, voller Zufall und Gewalt und weil sie mit einem Wunder endet. Sie führt tief in die unbewältigte deutsche Vergangenheit, sie führt zu Wissenschaftlern, die fasziniert waren von einem Fall, wie ihn auch hartgesottene Rechtsmediziner selten erleben. Und sie erzählt vom Kampf des Franco Roscini, der nie aufgegeben hat, seinen Vater Alberto zu suchen.

Alberto Roscini, der Funker mit der Matrikelnummer II 625, war wie die meisten jungen Männer seiner Generation begeistert vom Faschismus. 1935 meldete er sich freiwillig für den Abessinienfeldzug, damals überfielen 200.000 italienische Soldaten das Königreich Äthiopien. Es war der erste faschistische Krieg, in Rom brüllte Diktator Benito Mussolini: „Wir pfeifen auf alle Neger der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft (...) es wird nicht lange dauern, und die fünf Erdteile werden ihr Haupt vor dem faschistischen Willen beugen müssen.“

Roscini blieb ein Jahr in Afrika, kurz vor Weihnachten 1936 kehrte er zurück in seinen Zivilberuf als Standesbeamter. 1940 meldete er sich wieder freiwillig für einen Einsatz in Nordafrika, danach kämpfte er mit dem 108. Bataillon in Albanien, gemeinsam mit deutschen Truppen. Im Juli 1943 stürzten die Italiener ihren Diktator, weil sie – anders als die Deutschen – begriffen hatten, dass der Krieg verloren war. Während Mussolini floh und mit seinem faschistischen Gefolge im Norden die Italienische Sozialrepublik gründete, unterzeichneten seine Generäle im September in Sizilien das Waffenstillstandsabkommen mit den USA und Großbritannien.

Hitler stellte die italienischen Soldaten vor die Wahl: Entweder ihr kämpft mit uns gegen die Amerikaner oder ihr seid unsere Feinde. Die große Mehrheit weigerte sich, für die Deutschen in den Krieg zu ziehen. Damit galten sie ab sofort als „Verräter“, Generalfeldmarschall Erwin Rommel organisierte mit der ihm eigenen Effizienz ihre Gefangennahme. Wer sich wehrte, wie die 4.000 Soldaten auf der griechischen Insel Kefalonia, wurde erschossen. Auf dem Balkan brach die SS - Gebirgs-Division „Prinz Eugen“ den Widerstand der italienischen Truppen innerhalb von Tagen. Für die ehemaligen Verbündeten begann nun die Hölle.

Roscini erwischte es im kroatischen Dubrovnik. Einige Männer seiner Einheit konnten sich retten und auf Booten in die Heimat fliehen. Weil sie aber wichtige Dokumente im Lager vergessen hatten, kehrte Roscini zurück, um sie vor den Deutschen zu retten. Es war ein verhängnisvoller Schritt. Am 8. September 1943 wurde er gefangen genommen und zusammen mit 28.000 anderen Italienern in plombierten Güterwaggons nach Norden deportiert.

Seine erste Station war das Stalag II D in Stargard bei Stettin. In welchem Lager er jeweils gefangen war, wusste Roscinis Frau Lidia immer genau, denn ihr Mann schrieb mit seinem Füller in kleiner, bestechend klarer Schrift unzählige Briefe nach Hause. Über seine Haft- und Arbeitsbedingungen war darin wegen der Zensur nichts zu lesen.

Stammlager, als Stalag abgekürzt, waren riesige Gefangenenlager, von dort aus wurden Arbeitskommandos in die Kriegsindustrie oder in die Landwirtschaft geschickt. Eine interne Dienstanweisung an die Wachen in den Lagern besagte: „Auf Flüchtige ist sofort ohne vorherigen Haltruf zu schießen.“

Im Herbst 1944 war das Heer der Zwangsarbeiter im Deutschen Reich auf fast neun Millionen angewachsen, der Gefangene mit der Erkennungsnummer II D 104 962 gehörte nun zum Stalag VI J Krefeld-Fichtenhain, sein Arbeitskommando war dem Martinswerk zugeteilt. Die Aluminiumfabrik in der Kölner Straße 110 in Bergheim ist heute noch in Betrieb. Das Martinswerk gehört zu jenen 6.000 deutschen Unternehmen, die im Jahr 2000 – spät und zögerlich – rund zehn Milliarden D-Mark in den Fonds eingezahlt hatten, mit dem NS- Zwangsarbeiter entschädigt wurden. Die Militärinternierten aus Italien bekamen allerdings nichts. Durch eine umstrittene Entscheidung des Karlsruher Verfassungsgerichts wurde verhindert, dass die rund 130.000 noch Lebenden eine Entschädigung einklagen können.

Schon bei den Nazis hatten Italiener einen besonderen Status besessen. In der mörderischen NS-Rassenhierarchie rangierten die Juden ganz unten, nur knapp darüber Russen und Polen, die man als Untermenschen aus dem Osten so schlecht behandelte, dass fünf der sechs Millionen Russen in Gefangenschaft starben. Auch für Italiener hatte sich die sogenannte Herrenrasse eine Sonderbehandlung ausgedacht. Man betrachtete sie nicht als Kriegsgefangene, die von der Genfer Konvention geschützt waren, sondern als „Verräter“, für die keinerlei Regeln galten. Von den 600.000 italienischen Militärinternierten starben etwa 50.000 an Hunger und Erschöpfung.

Oder sie wurden bei Massakern getötet, wie in Hildesheim, wo zwischen 50 und 130 Italiener auf dem Marktplatz aufgehängt wurden, weil sie Käse aus einem Güterwaggon gestohlen hatten. So groß war der Hass auf die „von Verrat verseuchten“ Italiener, wie Hitler bei einem Treffen mit Mussolini im April 1944 wetterte, dass man sie noch ermordete, als die Kämpfe vorbei waren. So geschehen im April 1945 südlich von Berlin. Damals hatte die Rote Armee 3.000 Zwangsarbeiter einer Munitionsfabrik befreit. Doch zwei Tage später tauchten deutsche Soldaten auf, suchten sich die Italiener heraus und schossen auf sie in einem Wald bei Treuenbrietzen. Dann befahl der Kommandeur, mit einem Panzer über die 131 niedergemähten Körper zu fahren. Vier Männer überlebten, weil der Panzerfahrer sich weigerte – nicht aus Barmherzigkeit, er wollte Benzin sparen.

In Italien sind die Verbrechen der Deutschen ein großes Thema, in den Medien wird darüber ausführlich diskutiert. Deutschland hat dieses Kapitel seiner Geschichte bis heute weitgehend ausgeblendet, kaum jemand bei uns weiß, dass es überhaupt italienische Zwangsarbeiter und Militärinternierte gab. Im Jahr 2009 einigten sich die Außenminister der beiden Staaten auf den Einsatz einer Historikerkommission, die das Thema aufarbeiten sollte. Es war wohl eine rein politische Entscheidung, um die aufgebrachte öffentliche Meinung in Italien nach den verweigerten Entschädigungszahlungen etwas zu beruhigen. Die Kommission regte den Bau einer Gedenkstätte und eine Dauerausstellung über das Schicksal der Italiener an. Sie ist für das kommende Jahr in Berlin geplant.

Alberto Roscini hatte bereits vier Stalags hinter sich, als er im Herbst 1944 im Martinswerk eingesetzt wurde. Die Schichten für Zwangsarbeiter dauerten zwölf bis 16 Stunden, unterbrochen nur von Bombenalarm. Kurz vor Weihnachten schaffte er es, eine Sechs-Pfennig- Postkarte für seinen sechsjährigen Sohn Franco aufzutreiben. Er hatte ihn seit fast vier Jahren nicht mehr gesehen, er hatte Sehnsucht: „Mein geliebter Sohn, ... ich hoffe sehr, dass Dich diese Karte erreicht und dass Du sie an Dein kleines Herz drücken kannst. Bete für Deinen Papa ... ich leide sehr darunter, dass Du so weit entfernt von mir bist ... Viele, viele Küsse, möge Gott Dich schützen, Dein Papa Roscini Alberto.“ Auf der Rückseite stand der übliche Aufdruck: „Der Führer kennt nur Kampf, Arbeit und Sorge. Wir wollen ihm den Teil abnehmen, den wir ihm abnehmen können.“

Auf seine Postbeamten konnte sich der Führer auch noch im Bombenhagel vom Dezember 1944 verlassen. Die Karte wurde aussortiert und an den Gefangenen Roscini im Martinswerk zurückgeschickt. Bis zum Tod trug er sie in seiner Brieftasche mit sich. Ein Leidensgenosse, der das Bombardement überlebt hatte, brachte sie samt Portemonnaie im September 1945 nach Perugia. Er berichtete der Familie auch, dass es damals nicht möglich war, die Getöteten zu begraben, „weil wir gezwungen wurden, mit den Deutschen zu fliehen. Deshalb musste Roscini dort liegen gelassen werden, wo er gestorben ist. Ich weiß nicht, wo er beerdigt wurde.“

Seit dem Ende des Krieges suchte Lidia Roscini das Grab ihres Mannes. Sie schrieb zahllose Briefe, auch an den Vatikan, der 1946 in lateinischer Sprache antwortete, 15 Italiener seien in Bensberg am 14. April 1945 „per parochum Joseph Rodenburg ritu cattolico sepeliti sunt“ – also von Pastor Rodenburg nach katholischem Ritus begraben worden. Aber wo?

Als Lidia Roscini 1986 starb, wusste sie es zu ihrem großen Kummer noch immer nicht. Nun übernahm ihr Sohn Franco die Suche. Er war noch hartnäckiger als seine Mutter. Meist bekam er keine Antwort auf seine Fragen, aber im Jahr 2000 fand er zufällig heraus, dass etliche Gebeine schon im Jahr 1958 von Bensberg nach Hamburg- Öjendorf umgebettet worden waren, in die zentrale letzte Ruhestätte für italienische Zwangsarbeiter. War sein Vater dabei? Und wenn ja, in welchem der 5.849 Gräber lag er?

14 lange Jahre zog sich die Suche hin, unzählige Male wurde Franco Roscini von Ministerien und Behörden abgewimmelt, meist bekam er gar keine Antwort. Aber dann fand er im italienischen Generalkonsulat in Hannover eine Dame mit Herz. Luisa Bergamaschi rief den Leiter des italienischen Ehrenfriedhofes in Hamburg-Öjendorf an. Olaf Leguttky wiederum kontaktierte den Chef des rechtsmedizinischen Institutes am Universitätsklinikum Hamburg- Eppendorf. Und dann ging plötzlich alles ganz schnell.

TED-Video: Auch bei anderen Konflikten können Rechtsmediziner weiterhelfen. Während des Bürgerkriegs in Guatemala starben über 200.000 Menschen; viele Opfer wurden nie identifiziert. Das Team von Fredy Peccerelli hilft betroffenen Familien dabei, die sterblichen Überreste ihrer Angehörigen zu finden:

https://embed-ssl.ted.com/talks/fredy_peccerelli_a_forensic_anthropologist_who_brings_closure_for_the_disappeared.html

Professor Klaus Püschel zögerte nicht, als er von dem Fall erfuhr. Natürlich, so ließ er Roscini wissen, könnte man durch eine DNA- Analyse herausfinden, ob sein Vater in Öjendorf begraben lag. Püschel ist einer der renommiertesten deutschen Forensiker – und einer der neugierigsten.

Püschel hat ein Faible für ausgefallene Projekte. Er fand heraus, dass ein 600 Jahre alter Schädel, der in Hamburg gefunden wurde, wahrscheinlich dem Seeräuber Klaus Störtebeker zuzuschreiben ist. Er sezierte die Leiche des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Uwe Barschel, der sich in Genf das Leben genommen hatte. Er analysierte eine 2.600 Jahre alte Moorleiche. Und er forscht noch immer im Entführungsfall Reemtsma. Sein Forschungsdrang stößt in kriminellen Kreisen nicht immer auf Begeisterung. Man hat ihm schon das Auto angezündet und Molotowcocktails ins Schlafzimmer geworfen.

Zusammen mit zwei Wissenschaftlern seines Instituts, der Anthropologin Eilin Jopp und dem Genetiker Oliver Krebs, begann Püschel im Dezember 2014 die Suche nach Alberto Roscinis Gebeinen. Die Unterlagen der Umbettung nach Hamburg waren verschollen, also suchten sie im handschriftlich geführten Register nach dem möglichen Liegeplatz der zehn Toten von Bensberg und konzentrierten sich schließlich auf Sektion III, Reihe Z, Grab 49 bis 57 und 66.

Am 11. Dezember 2014 begann die Exhumierung. „Es war wirklich geheimnisvoll, wie in einem Krimi“, erinnert sich Püschel. „Da standen wir vermummte Gestalten um die offenen Gräber, Nebelschwaden zogen über den Friedhof, nasse Flocken fielen vom Himmel.“ Aus Perugia war auch Franco Roscini mit seinem Sohn Roberto gekommen. Sie verharrten im Schneeregen und schauten schweigend zu, als Dr. Jopp vorsichtig bei Grab 49 zu kratzen und zu graben begann. „Obwohl sie mehrfach umgebettet wurden, waren die Knochen in relativ gutem Zustand, vor allem wenn man bedenkt, dass sie meist im feuchten Boden lagen“, sagt Jopp. Lagern die Gebeine trocken, wie die Knochen einiger Neandertaler, dann sind sie auch nach zigtausend Jahren noch wertvoll für die Genetiker, lagern sie nass, dann sind schon nach 50 Jahren kaum noch DNA-Spuren zu finden.

Zwar waren nur die großen Knochen aus den Gräbern erhalten, die aber ließen Rückschlüsse zu. Manchmal zeigte eine Schädelverletzung, dass dem Opfer etwas Schweres auf den Kopf gefallen sein musste. Andere Knochen wiesen Frakturen an den Beinen auf. „Da kann der Tod durch Weichteilverletzungen eingetreten sein, und der Mann ist verblutet. Aber das können wir an den Knochen nicht erkennen“, sagt Jopp. Die gelernte Tischlerin hat Archäologie und Anthropologie studiert, nebenher besuchte sie die Vorlesungen von Püschel und war begeistert von seinen Fällen. Im Jahr 2000 holte der Rechtsmediziner sie in sein Team, weil er erkannte, „dass interdisziplinäre Forschung die Forensik enorm bereichert. Kein anderes Institut beschäftigt eine Anthropologin“.

Als Jopp bei Grab Nummer 55 neben gut erhaltenen Knochen und einem intakten Schädel auch zwei Löffel fand, einen halben Kamm, Lederriemen, ein Blechgeschirr und einen Füller, begann Franco Roscini zu weinen. Am Abend hatten die Forscher alle zehn Gräber auf dem Friedhof durchsucht und die Knochen, wie in der Forensik üblich, banal in zehn schwarze Plastiksäcke gepackt. Im Institut wurden die Gebeine vorsichtig gereinigt, um eine mögliche Kontaminierung durch Dritte auszuschließen. „Dann wurden die Skelette darauf untersucht, ob prä-, peri- und postmortale Verletzungen vorliegen, also Verletzungen vor dem Tod, um die Todeszeit herum oder nach dem Tod, vielleicht bei späteren Umbettungen“, erklärt Jopp.

Nun begann für den DNA-Experten Oliver Krebs die schwierige Arbeit: „In jeder Zelle unseres Körpers ist das gesamte Genom enthalten, mehrere Billionen Zellen hat man, und irgendwo bleiben, wenn man Glück hat, welche übrig.“ Bei lebenden Menschen ist das einfach: „Ein Tropfen Speichel enthält so viel DNA, dass man sehr gut damit arbeiten kann.“ Auch Franco, dem Sohn von Alberto, nahm Krebs mit Wattestäbchen zwei Proben ab. Doch bei alten Knochen ist es fraglich, ob sie noch Zellen enthalten. Vorsichtig sägte Krebs aus den Oberschenkelknochen der zehn Skelette kleine, nur drei Gramm schwere Quader heraus: „Die Stellen kurz über dem Knie haben eine hohe Knochendichte, da ist die Wahrscheinlichkeit, dass man noch eine Zelle findet, besonders hoch.“

In einer kleinen Kugelschwingmühle, in der ein Metallpendel 70-mal in der Sekunde hin und her schlägt, zermahlte er die Knochenreste zu einem feinen Puder. Diesen wiederum löste er mit einer leichten Säure auf: „In dieser Flüssigkeit sind dann die Zellen, sofern es noch welche gibt. Sie werden mit einem Enzym aufgebrochen, und am Ende schwimmt die DNA frei in der Lösung.“

Mit bloßem Auge ist das alles nicht zu sehen. „Wir bewegen uns hier im Nano-Bereich“, erklärt Krebs. Mit magnetischen Kugeln wird die DNA aus der Lösung gelockt und danach in einem 250.000 Euro teuren Apparat in Fragmente zerlegt. Dann werden die einzelnen Sequenzen von einer Software in Zahlenkolonnen übersetzt. Die Wissenschaftler vergleichen diese mit den Kolonnen eines anderen Menschen und leiten daraus ab, wie wahrscheinlich es ist, dass die beiden Personen voneinander abstammen. „Wir können heute sehr genau Vater- oder Mutterlinien über Generationen nachweisen“, sagt Krebs. Noch vor zehn Jahren wäre dies so exakt nicht möglich gewesen.

Der Molekularbiologe untersuchte jede der zehn Knochenproben in fünf verschiedenen Analysen. Nach einer Woche war klar: Der Tote aus Grab Nummer 55 musste der Vater von Franco Roscini sein. „Die Wahrscheinlichkeit lag bei 99,99994 Prozent.“ Als er mit dem Ergebnis ins Büro seines Professors kam, machte der spontan eine Flasche Sekt auf. „Solch einen Fall erlebt man als Forensiker schließlich auch nicht alle Tage“, sagt Püschel. „Inzwischen hatte ich mich in die historische Dimension des Falles eingearbeitet, die ich aus dem Geschichtsunterricht nicht kannte. Und ich muss gestehen: Das alles hat mich sehr erschüttert.“

Ende Mai dieses Jahres stand ein kleiner Sarg mit einer italienischen Flagge geschmückt in der Kathedrale San Lorenzo von Perugia. Der Erzbischof segnete die sterblichen Überreste von Alberto Roscini, der junge Bürgermeister sprach feierlich, Kriegsveteranen standen stramm in den alten Uniformen.

Die Rede von Professor Püschel wurde von einer Dolmetscherin vorgetragen: „Wir wurden sehr direkt und hart konfrontiert mit der Geschichte der italienischen Militärinternierten, einem besonders schmerzhaften und schrecklichen Kapitel unserer Geschichte (...) Tief bewegt hat uns die persönliche Begegnung mit Herrn Franco Roscini (...) Er hat uns am Grab seines Vaters die Hand gereicht, uns umarmt (...) Dass wir dabei sein dürfen, wenn die Gebeine wieder in die Heimaterde gebettet werden, ist für uns sehr beeindruckend und hat große symbolische Strahlkraft.“

Nach der Totenmesse in der Kirche lud Franco Roscini die Hamburger Wissenschaftler zu einem Umtrunk in seine Wohnung ein. Sie saßen auf der Terrasse, der Blick ging über das grüne Tal des Tiber. Auf dem Tisch ausgebreitet lagen die Siebensachen, die dem 76-Jährigen von seinem Vater geblieben sind. Ein halber Kamm, Heiligenbildchen, getrocknete Blumen aus Albanien, die Erkennungsmarke des Heeres und ein winziges, vergilbtes Foto aus dem Jahr 1941, das Franco als Dreijährigen auf dem Arm seines Vaters zeigt: „Es war in seiner Brieftasche, als er starb.“

70 Jahre lang blieb der Vater ein Phantom, verschollen irgendwo in Germania. Ob er böse ist auf die Deutschen? „Nein“, beteuerte Franco Roscini, „ich habe keinerlei Bitterkeit. Nicht auf die Amerikaner , die ihn bombardiert haben, nicht auf die Deutschen. Damals war Krieg.“ Dann nahm er, tief bewegt, seine Gäste aus Hamburg in den Arm, jeden Einzelnen, und sagte: „Ich bin nur froh, das wir jetzt einen Ort haben, an dem wir weinen können.“

(NG, Heft 10 / 2015, Seite(n) 138 bis 153)

Galerie ansehen
Wei­ter­le­sen