Geschichte und Kultur

Kuba: Gehen oder bleiben?

In Kuba brechen neue Zeiten an: Bald wird es Reisefreiheit geben. Auch ansonsten lockert das Land, dass seit 2006 von Raùl Castro regiert wird, seine sozialistischen Strukturen.

Von Cynthia Gorney
Bilder Von Paolo Pellegrin
Kuba: Gehen oder bleiben?

«Ich zeig dir, wo wir es verstecken», sagt Eduardo. Keine gute Idee, sage ich. Jemand wird mich, die Ausländerin, bemerken. «Nein, ich weiß, wie wir es machen», sagt Eduardo. «Du steigst gar nicht aus dem Auto aus. Ich fahre vorbei, langsam, aber nicht so langsam, dass es auffällt. Ich sage dir, wann du hinschauen sollst. Sei halt diskret.»

Er hat sich von einem Freund eine máquina geborgt, was „Maschine“ bedeutet, aber auf Kuba auch die Bezeichnung für die alten amerikanischen Autos ist, die man immer wieder auf den Ansichtskarten aus Havanna sieht. Dieses hier ist ein Plymouth aus dem Jahr 1956, grell lackiert. Ich ziehe die Beifahrertür behutsam zu, denn darum bitten die Kubaner stets – schließlich sind die máquinas nicht mehr die jüngsten. Wir fahren ein Stück die Küste entlang, in eine Stadt am Meer. Dort haben Eduardo und neun weitere Männer jemandem Geld zugesteckt, damit er für sie ein Boot baut, seetauglich genug, um sie alle aus Kuba fortzubringen.

«Da», sagt Eduardo und bremst den Plymouth ab. Zwischen zwei Gebäuden mit abblätternder Farbe endet eine schmale Gasse an einem fensterlosen Schuppen von der Größe einer kleinen Garage. «Wir müssen es dann heraustragen und auf einem Gestell zum Meer rollen», sagt er. «Einen ganzen Häuserblock diese Hauptstraße entlang bis zum Schotterplatz am Wasser. Wir werden bis nach Mitternacht warten, denn vor der Küste patrouillieren Marinehelikopter.»

Konzentriert schaut er in den Rückspiegel, also bleibe ich still. Eduardo ist 35 Jahre alt, ein hellhäutiger Kubaner mit kurzem braunem Haar und dem Körperbau eines Ringers – er hat auf dem Bau gearbeitet. Wir haben uns im vergangenen Winter kennengelernt, als er mit einer geliehenen koreanischen Limousine unterwegs war, um als Taxifahrer schwarz ein bisschen Geld zu verdienen. Seither haben wir uns auf vielen Fahrten durch die Provinz Havanna angewöhnt, lautstark, aber gutmütig über den Reformprozess in Kuba zu streiten.

Er sagt, es gebe ihn nicht. Ich sage, dass viele Leute anderer Meinung seien. Ich verweise auf die vielen Berichte und Studien mit Überschriften wie „Wandel im post-fidelistischen Kuba“ oder „Kubas neue Entschlossenheit“. Eduardo richtet dann entnervt seinen Blick gen Himmel. Ich zitiere die neuen Richtlinien, welche die kontrollierte Wirtschaft des sozialistischen Kuba geöffnet haben: Gesetze, die es Bürgern nun erlauben, Häuser und Fahrzeuge privat zu verkaufen, einen Kredit bei der Bank aufzunehmen und nicht mehr nur für den Staat zu arbeiten, sondern als Selbständige Betriebe zu gründen.

Aber nein. Er rollt wieder mit den Augen. «Das ist doch alles nur zum Nutzen dieser Leute», sagt Eduardo und tippt sich auf die Schulter – das diskrete Zeichen, wenn vom kubanischen Militär und seinem weitreichenden politischen Einfluss die Rede ist.

Aber immerhin hat doch Fidel Castro 2006 die Präsidentschaft aufgegeben und den Oberbefehl formal an seinen pragmatischeren jüngeren Bruder Raúl übertragen?

«Viva Cuba libre», murmelt Eduardo, so wie wir es als revolutionäre Losung an einer Häuserwand prangen gesehen haben. «Lang lebe das freie Kuba. Frei von den beiden», sagt er. «Dann könnte sich hier wirklich etwas verändern.»

Kuba, ein Staat im Wandel? Falls dem wirklich so ist, ist Eduardo ein entscheidender Baustein darin. Eduardo ist kein Dissident. Er flieht nicht, weil er vom Staat verfolgt wird. Er ist ein­fach jung, voller Tatendrang – und frustriert. Wie ihm geht es vielen seiner Landsleute.

Schon als Eduardo zur Schule ging, sei für ihn klar gewesen, dass man als Erwachsener im revolutionären Kuba keinerlei Chance habe, persönlich voranzukommen oder materielle Annehmlichkeiten zu genießen, sagt er mir – es sei denn, man würde zu den peces gordos, den „großen Fischen“, gehören. «Nichts funktioniert hier», ruft Eduardo und schlägt dabei verzweifelt auf das Lenkrad: Das Wirtschaftsmodell habe versagt, selbst Staatsangestellte überlebten mit ihren winzigen Gehältern nur, weil sie am Arbeitsplatz klauten. Die nationalen Nachrichtenmedien seien so gegängelt, dass nur pein­liches Eigenlob verbreitet werde. Und die Regie­rung treibe Leute in den Wahnsinn, weil sie gleichzeitig zwei Währungen in Umlauf halte.

«Ich liebe mein Land», sagt Eduardo immer wieder, «aber es gibt hier keine Zukunft.»

Neun Wochen lang bin ich in diesem und im vergangenen Jahr auf Kuba umhergereist und habe dabei solche Aussagen so oft und von so vielen Leuten unterschiedlichster Stellung ge­hört, dass es zu einer Art kollektivem nationa­lem Klagegesang wurde: Ich liebe mein Land, und es funktioniert nicht. Unter denen, die klag­ten, waren auch loyale Optimisten, von denen ich mir nach einer Weile stets neue Argumente für meine Debatten mit Eduardo beschaffte.

Optimisten wie Roberto Pérez. Der Umwelt­biologe mit dem schütteren Haar lobt die Fort­schritte Kubas bei urbaner Landwirtschaft und Bioanbauprojekten in höchsten Tönen. Pérez ist sechs Jahre älter als Eduardo. Rund 80 Prozent der ehemaligen Schüler, mit denen er die Sekun­darschule abgeschlossen habe, erzählt er, hätten das Land verlassen. «Aber die Dinge ändern sich. Sehr schnell. Und es gibt so viel Gutes hier, das den Leuten gar nicht bewusst ist, weil es seit ihrer Geburt immer so war. Wo sonst kann ein Kind so unbeschwert in Sicherheit aufwachsen, bekommt seine Impfungen, seine Ausbildung, fängt nichts mit Gangs oder Drogen an? Ich kann verstehen, dass jemand aus Mexiko der Gewalt über den Rio Grande nach Norden entfliehen will. Aber hier abhauen? Sich der Straße von Florida aussetzen? Auf die Idee käme ich nie.»

Noch nicht überzeugt? Okay. Hier ist der Optimist Josué López, genauso alt wie Eduardo und gerade nach sechs Jahren in Florida wieder nach Kuba zurückgekehrt, weil ihm das extrem materialistische Wertesystem mancher anderer Exilkubaner in seiner Nachbarschaft zunehmend auf den Geist ging. López und seine Frau wollen die neuen Gesetze nutzen und sich selbständig machen. Weil es auch mehr Flexibilität bei der Nutzung landwirtschaftlicher Flächen gibt, schwebt ihnen vor, auf einem einige Hektar großen Grundstück außerhalb von Havanna ein Bed and breakfast zu eröffnen. «Meinen Freunden, die in die Vereinigten Staaten gegangen sind, sage ich immer: Mensch, Alter, wenn du etwas für dich aufbauen willst, ist Kuba genau der richtige Ort dafür.»

Eduardo hört sich das interessiert, aber mit unbewegter Miene an. Dann schüttelt er den Kopf. Wir sitzen beim Frühstück in einem Café auf einem Dach im historischen Teil von Havanna, als Eduardo mitten in unserer Diskussion den gläsernen Salzstreuer ergreift und ruft: «Mein gesamtes Leben lang bekommen wir vom Staat gesagt: Schau, ich gebe dir diesen hübschen vollen Salzstreuer! Dabei ist er nicht voll. Er ist nie voll.»

Auch dieser ist es nicht. Vielleicht ein Zentimeter Salz ist darin. Eduardo stellt ihn zurück und sagt, er habe ein paar Ruder aufgetrieben. Er und die anderen Männer würden eine Zeitlang rudern müssen, bevor sie den Motor anwerfen, der Lärm könnte sonst die Behörden alarmieren. Bereits ihre Abfahrt wird die derzeitigen kubanischen Gesetze verletzen, denn keiner von ihnen hat eine tarjeta blanca, die „weiße Karte“, die von allen Bürgern bislang benötigte Erlaubnis der Regierung, um auch nur vorübergehend außer Landes reisen zu dürfen. Die Kubaner hassen die tarjeta blanca. Eduardo hat sie erst gar nicht beantragt. Er glaubt, sie wäre ihm sowieso verweigert worden. So wie es manchmal geschieht. Ohne dass es eine Begründung gibt, nur das allgegenwärtige no está autorizado – „nicht genehmigt“. Zusätzlich benötigt ein Kubaner, der eine tarjeta blanca beantragt, ein vorliegendes Visum des Ziellandes. Doch um auch nur auf die Antragsliste für ein US-Visum zu gelangen, muss man – jedenfalls bis Mitte Januar – 160 Dollar bezahlen und die schriftliche Einladung einer Person vorweisen, die in den USA lebt.

Eduardo hat beides nicht. Ich war darauf gefasst, dass er mich um Hilfe bitten würde, sei es bei der Gebühr oder bei der Einladung, aber er verzichtete darauf. Er platzte nur eines Tages während einer langen Autofahrt mit dem Plan heraus, die Flucht über das Meer zu wagen – als ob er darauf gewartet hätte, einen Nichtkubaner einzuweihen. Und nun starren wir auf einen Salzstreuer und grübeln, was mit Eduardos Sohn geschehen soll. Der ist erst neun Jahre alt.

«Ich weiß nicht, ob es schlimmer ist, es ihm zu sagen oder es ihm zu verschweigen», sagt er. Zumindest könne er ihm dann Geld nach Hause schicken, für neue Schuhe. «Bei allem im Leben gibt es ein Risiko», sagt er. «Ich habe keine Angst. Du kannst ruhig meinen richtigen Namen schreiben. Verwende ihn! Ich habe vor niemandem Angst!» Er breitet seine Arme aus, versucht unbesorgt dreinzublicken und wiederholt seinen Namen auf die im Spanischen übliche Weise: Vorname, Nachname des Vaters, Nachname der Mutter. Ich sage ihm, er solle sich nicht lächerlich machen, er lebe immer noch in einem Einparteienstaat, in dem Leute verprügelt oder inhaftiert oder als Söldner beschimpft würden, nur weil sie dessen Führung zu deutlich kritisierten. Wir könnten hier in der Öffentlichkeit nur so offen sprechen, weil der Kellner einer seiner Freunde sei und es keine Fremden in Hörweite gebe. Vergiss es, sage ich: keine Klarnamen.

Wir sind Still. Unter uns liegt der berühmteste Bezirk Kubas, mit den Straßen, die Touristen als Erstes sehen wollen. Leuchtende Fliesen aus dem 19. Jahrhundert, korinthische Säulen, der Blick hinaus auf das türkisblaue Meer.

Die ganze Stadt scheint an diesem Morgen zu leuchten, dabei hat es in dem Stadtviertel, in dem ich wohne, gerade einen derrumbe gegeben: Ein Haus ist eingestürzt, etwas, das besonders in Havanna mit einiger Regelmäßigkeit passiert. Einst prächtige Gebäude verrotten in dem tro­pischen Klima, und der Staat hat kein Geld, sie zu reparieren. Deshalb stürzen sie ein, teilweise gleich ganz, mit einem gewaltigen, rumpelnden Donnern. Bei diesem derrumbe sind vier Men­schen ums Leben gekommen, darunter drei junge Frauen. Das Gebäude war als unsicher deklariert worden, aber die Kubaner in Havanna sind beim Wohnraum einfallsreich: In manchen dicht bevölkerten Stadtteilen hausen gleich meh­rere Familien und Generationen in Gebäuden, die in dekadenteren Zeiten für eine Familie ge­baut wurden. Eduardo sagt, dass sogar 21 Menschen bei dem derrumbe in meinem Stadtviertel ums Leben gekommen seien – er habe dies über radio bemba erfahren – das Lippen-­Radio, wie man in Kuba die Mund­ zu ­Mund ­Propaganda nennt, das einzige unzensierte Medium für die Verbreitung entmutigender Lokalnachrichten. Ich hingegen habe Granma gelesen, die Tages­zeitung der Kommunistischen Partei.

Überall in Havanna sind Touristen unterwegs, ganze Busladungen voll, mit Stadtplänen in der Hand, und es hat den Anschein, als fühlten sie sich sehr wohl. Sie genießen den Rum und die frische Minze in ihren mojitos, während sie den in vielen Sprachen versierten kubanischen Stadtführern folgen und der fröhlichen Kakofonie der Rumba-­ und Son-­Klänge applaudieren, die aus Restaurants und Bars und von Straßenecken über die plazas schallen.

Niemand kann übersehen, dass in den Stra­ßen Ungewöhnliches, ja Provokantes vor sich geht: In einigen Gegenden scheint jeder zweite Hauseingang von Händlern in Beschlag genom­men zu sein, Männer und Frauen sitzen erwar­tungsvoll neben selbstgezimmerten Verkaufs­ständen für Haarschmuck oder hausgemachtes Gebäck oder DVDs von Filmen und TV­-Serien. An Hausfenstern sieht man nun „Zu verkaufen“­ Schilder, die in all den Jahrzehnten verboten waren, als man seinen Wohnraum zwar tauschen, aber nicht veräußern durfte.

Hier und dort ragen stabil wirkende halbfertige Bauwerke empor: die Anti­derrumbes, wie ich sie für mich nenne, in die die knappen Investitionsmittel des Landes fließen. Hohe Baukräne und Gerüste zeigen an, wo historische Gebäude wieder instandgesetzt, touristische Sehenswürdigkeiten aufgehübscht oder neue Hafeneinrichtungen errichtet werden. Von bestimmten Stellen entlang der Küste ist die Silhouette einer gewal­tigen Tiefseebohrinsel sichtbar, mit der kubani­sche Gewässer nach möglichen Ölvorkommen abgesucht werden. Vermutlich sind dort Mil­liarden Tonnen Öl zu finden. Sollte sich die Aus­beutung der Lagerstätten lohnen, würde dies ungeahnte Möglichkeiten für die wirtschaftliche Zukunft des Landes eröffnen.

Die meisten Kubaner, mit denen ich spreche, scheinen sehr damit beschäftigt, sich die neuen Möglichkeiten auszumalen. Es sei noch nicht die Zeit für dauerhafte Veränderungen, sagen viele. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass sich die Botschaften der Regierung an ihr Volk ändern, dass die comandantes erst die private Wirtschaft fördern, sie dann aber als konterrevolutionär bezeichnen und wieder einschränken.

Andererseits ist Raúl Castro nicht Fidel, und so wird die theoretische Möglichkeit echten Wandels, die Chance, dass sich nach einem hal­ben Jahrhundert unter Fidel tatsächlich etwas Bedeutsames daran ändert, wie die Kubaner im Alltag leben, mit der genuin kubanischen Kombination von Aufregung, Skepsis, Berechnung, schwarzem Humor und Sorge beurteilt. Den «Wiederaufbau des Hauses Kuba», nennt es der Kirchenrechtler und Verleger Roberto Veiga mit großem Ernst.

Doch Vorsicht: Wer die Metapher vom Wiederaufbau benutzt, sollte über einen Bauplan verfügen. Und wer außerhalb von Kuba der Überzeugung ist, dass über diesen Bauplan auf der Insel irgendwo ein klarer Konsens besteht, täuscht sich gewaltig. Will man den uneingeschränkten Individualismus der Vereinigten Staaten, die weder eine kostenlose Gesundheitsversorgung noch ein kostenloses Bildungssystem kennen? Den offen zur Schau gestellten, aber mit Umweltzerstörung einhergehenden Reichtum des modernen China? Die wirtschaftlichen Krisen und inneren Spannungen Europas? Die Drogenkriege Mexikos?

«Das ist für uns die große Herausforderung», sagt Veiga. Er ist an einer Publikation der Erz- diözese von Havanna beteiligt, die sich Espacio Laical („Säkularer Raum“) nennt. Die Zeitschrift ist, wie die römisch-katholische Kirche Kubas selbst, einer der wenigen Orte, an denen eine halbwegs kritische öffentliche Debatte über Kubas Zukunft geführt werden kann. «Wie wird es aussehen, dieses Haus Kuba?», fragt Veiga. «Es geht jetzt um Veränderungen, die schon vor zwei Jahrzehnten hätten beginnen müssen. Haben sie aber nicht. Und nun sind wir eine Nation, die versucht, sich selbst zu definieren.»

Elf Millionen Menschen leben auf Kuba, etwa so viele wie in Baden-Württemberg. Es ist die größte Insel in der Karibik, nur rund 150 Kilometer vom Territorium der USA entfernt. Viele Menschen beschäftigt Kuba aber vor allem, weil es zwei widerstreitende Sichtweisen seiner jüngeren Geschichte gibt, beide von Mythen überhöht. Entweder hat 1959 ein skrupelloser Revolutionär die Macht übernommen, den Besitz US-amerikanischer Unternehmen beschlagnahmt, die Unternehmer außer Landes getrieben und die gesamte Opposition zum Schweigen gebracht, indem er einen totalitären Polizeistaat schuf. Das ist die Version, die bis zum heutigen Tag von Radio Mambí aus Miami verbreitet wird, dem Sprachrohr der leidenschaftlichsten Castro-Hasser in Florida. Oder ein brillanter Revolutionär stürzte eine korrupte Diktatur, schüttelte den Kolonialismus ausländischer Unternehmen und der Mafia ab, verhalf einer engagierten Bevölkerung zu Bildung, Gesundheitsversorgung und einem egalitären Wertesystem. So entstand eine gebildete Bastion des Sozialismus – trotz eines halben Jahrhunderts von Versuchen der US-Regierungen, die Revolution zu zerstören, indem sie US- Bürgern verboten, mit Kuba Geschäfte zu machen oder dort als Touristen Geld auszugeben.

Beide Sichtweisen enthalten ein Stück Wahrheit. Die Zuckerinsel kann einen mit ihrer Komplexität und ihren Paradoxien zur Erschöpfung treiben – die Kubaner sind die Ersten, die das zugeben würden –, und die Fragen, vor die Kuba seine Besucher stellt, sind groß, ernsthaft und schwer einzugrenzen. Was brauchen Menschen zum Leben? Was sind sie einander schuldig? Was ersehnen sie jenseits der Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse? Was ist eigentlich Freiheit?

«Wir sind alle Versuchskaninchen», sagt eine 58-jährige Künstlerin mit Universitätsausbildung nachdenklich, als sie in ihrer Küche Paprikaschoten für das Abendessen klein schneidet. Ihr Heim in einem grünen Teil Havannas lässt die Abendluft herein, ein Zaun umschließt den Rasen im Vorgarten. Das Haus gehörte ihrer Familie schon vor dem triunfo, dem Triumph der Revolution, wie Kubaner die Ereignisse von 1959 bezeichnen. Sie nutze nur noch Energiesparlampen, sagt die Frau – so wie es ein ehrgeiziges nationales Projekt verlangt. Seit einigen Jahren müssen alle Kubaner auf stromsparende Lampen umrüsten, im Interesse der Energieunabhängigkeit und der Umwelt.

«Das wurde überprüft», sagt sie. «Sie zerstörten die alten Glühbirnen vor deinen Augen, um sicherzustellen, dass du sie nicht heimlich wieder in die Fassung drehst.» Sie hat ein Kind, einen Sohn, der ein Jahrzehnt jünger ist als Eduardo – doch er ging weg, hat Kuba hinter sich gelassen und eine Therapielizenz in Spanien erworben. «Es war eine großartige Idee, alle Glühbirnen auszutauschen», sagt sie. «Das Problem war die Vorgehensweise.»

In der Kurzform sieht der Wiederaufbau des Hauses Kuba so aus: Der Kapitalismus sickert ein, von den Rändern nach innen, in kleinen Portionen. Seit 2010 haben mehr als 150.000 kubanische Arbeitskräfte ihre staatlichen Jobs aufgegeben oder wurden entlassen. So etwas war zuvor undenkbar in einem System, das ur­sprünglich darauf angelegt war, für die gesamte Erwerbstätigkeit und den Sozialstaat zuständig zu sein. Präsident Raúl Castro selber erklärte, der Staatsapparat sei aufgebläht und fördere Abhän­gigkeit und Korruption. Als Konsequenz müsse der Staat eine halbe Million Beschäftigte ent­lassen. Staatliches Ackerland wird deshalb jetzt in Parzellen an private Bauern und Kooperativen verpachtet, und behutsam werden auch andere Formen legaler Selbständigkeit gefördert.

Selbst das Bezugsbüchlein, die libreta, die an alle kubanischen Haushalte ausgegeben wird und auf deren Seiten der Empfang der staatlich sub­ventionierten Grundnahrungsmittel bestätigt werden muss, könnte bald der Vergangenheit angehören, hat Raúl Castro gesagt. Die libreta! Das wäre wirklich ein Ruck. Nichts symbolisiert die Widersprüche des kubanischen Wirtschafts­systems und die komplizierte Umgangsweise der Kubaner mit ihm mehr als die spielkartengroße libreta mit ihrem zusammengehefteten Pappeinband. Sie listet all jene Dinge auf, die der Bürger zu künstlich niedrig gehaltenen Preisen beziehen darf: Reis, Zucker und, falls es in der Familie Kinder unter acht Jahren gibt, Milch. Für alles muss jeweils ein Kästchen abgehakt werden. Die Seiten sehen aus wie die Kladden der Buchhalter in den Romanen von Charles Dickens.

Einmal besuchte ich das Haus eines Santería­ Priesters der afrokubanischen Religion, der auch viele Kubaner anhängen, die sich selber als Katholiken bezeichnen. Ich versuchte gerade noch, meine Fassung wiederzugewinnen, denn der Priester hatte bei einer Zeremonie einigen Tauben und Hühnern den Hals durchschnitten und ihr Blut in geheiligte Schalen laufen lassen, während er auf Yoruba predigte. Dabei wollte der Priester eigentlich nur über seine libreta re­den. «Einen Viertelliter Öl pro Person und Mo­nat!», rief er. «Knapp 300 Gramm Bohnen! Eine Packung Nudeln alle drei Monate!»

Es gibt eine Redensart, die kubanische Haus­frauen verwenden, wenn sie versuchen, den täg­lichen Lebensmittelbedarf ihrer Familie zu beschaffen: pollo por pescado. Das bedeutet: „Hühnchen statt Fisch“. Für das Abendessen hattest du Fisch versprochen, aber den gab es in den Geschäften nicht, also hast du ein wenig Hühn­chen besorgt und tust eben so, als wäre es dein Fisch. Kuba ist auf allen Seiten vom Meer umgeben. Wo ist also all der Fisch? Ah, wird dir jeder Kubaner sagen und sich nahe zu dir herüberbeugen: Gut, dass du das fragst, mi amor. Der Fisch ist in den Restaurants. Der Fisch ist auf den Ho­telbuffets der Touristen, die sich an langen The­ken mit Speisen bedienen, von denen ein nor­maler Kubaner nie etwas zu Gesicht bekommt. Fisch wird allenfalls privat an der Hintertür verkauft, wenn du weißt, wo du klingeln musst.

Und meist wird dieser Fisch – wie nahezu je­des begehrte Produkt auf Kuba, vom Eintritt in so manchen Nachtclub über Haarfärbemittel und Plasmafernseher bis zu gebleichten Jeans – nur gegen CUC verkauft. Das ist die Kurzbezeichnung für den peso convertible, den kubanischen konvertiblen Peso, eine der beiden offiziellen Währungen im Land.

Womit wir bei jenem Aspekt des heutigen Kuba wären, der jeden yuma (das ist der Slang­ begriff für „Ausländer“) zum Taschenrechner und einer Kopfschmerztablette greifen lässt. Auch ein Crashkurs in jüngerer kubanischer Geschichte ist erforderlich. Wie die libreta sollen auch die parallelen Währungen theoretisch ein Provisorium sein; und die Dinge ändern sich so rasch in Kuba, dass es vorstellbar ist, dass die Regierung auch deren Abschaffung schon ein­ geleitet hat, wenn Sie diese Zeilen lesen.

Sehen Sie hier ein Video des NDR über die Wirtschaftslage in Kuba nach 53 Jahren Sozialismus:

http://www.youtube.com/embed/4CuJkwN1low

Vor einem Jahrzehnt wurde der CUC als Wäh­rung eingeführt, um an die Stelle des Dollar und anderer ausländischer Währungen zu treten, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ins Land geflossen waren und wirtschaftliche Verzerrungen hervorgerufen hatten. Damals versiegte die Hilfe der großen Sozialisten an die kleinen Sozialisten, die bis dahin Kubas Wirtschaft am Laufen gehalten hatte. Die folgende mehrjährige tiefe Wirtschaftskrise war katastrophal (Benzin­knappheit, 14­-stündige Stromsperren, weitverbreiteter Hunger), und die Regierung versuchte Abhilfe zu schaffen, indem sie das Land dem internationalen Tourismus öffnete. Dies geschah alles recht ungebremst, der Bauboom der Strandhotels setzt sich bis zum heutigen Tag fort. Gleich­zeitig prangen an Autobahnschildern und an den Wänden staatlicher Gebäude nach wie vor anti­kapitalistische Lösungen:

Sozialismus oder Tod! Wandel bedeutet MEHR Sozialismus!

Der CUC sollte für Waren und Dienstleistun­gen als Zahlungsmittel dienen, die auf irgendeine Weise mit dem Ausland verbunden sind: Hotel­rechnungen, T­-Shirts mit Fidels Konterfei in den Souvenirläden. Ein CUC ist exakt einen Dollar oder etwa 80 Eurocent wert, und er ist für yumas wie für Kubaner einfach zu kriegen: In den staat­lichen Wechselstuben nehmen die Angestellten jede Fremdwährung entgegen und tauschen sie ein gegen die entsprechende Menge CUC.

Diese Angestellten werden allerdings eben­ sowenig in CUC bezahlt wie die übrigen Kuba­ner mit staatlichen Jobs – gegenwärtig 80 Prozent aller Arbeitskräfte im Land. Sie erhalten die zweite Währung, den Kubanischen Peso. 24 dieser Pesos entsprechen einem CUC, einer ist also etwa vier Eurocent wert. Die staatlichen Gehälter im sozialistischen Kuba sind festge­setzt, sie betrugen Mitte 2012 pro Monat zwi­schen 250 und 900 Pesos. Einige Angestellte erhalten als Anreiz Zuschläge in CUC, außer­dem wurden in jüngster Zeit die Obergrenze der Gehälter erhöht und die Bezahlung stärker an die Produktivität gebunden als an vorab festgesetzte Erhöhungsschritte.

Kubaner pflegen die allgemeine Arbeitsphi­losophie spöttisch mit den Worten zusammen­zufassen: «Sie tun so, als würden sie uns bezah­len, und wir tun so, als würden wir arbeiten.»

In der Stadt Santa Clara, deren wichtigste Se­henswürdigkeit das monumentale Denkmal des revolutionären Märtyrers Ernesto „Che“ Gue­vara ist (der mit Fidel Castro kämpfte und in Bolivien bei dem Versuch, einen Aufstand anzuzetteln, ermordet wurde), verbringe ich einen Nachmittag mit einem Notfallarzt, dessen Ge­halt auf 785,35 Kubanische Pesos oder umgerechnet 32,72 CUC festgelegt ist. Wie so oft in Kuba ist diese Rechnung nur die halbe Wahrheit, denn der Mediziner – nennen wir ihn Dr. M. – musste nichts für seine Berufsausbildung bezahlen, ge­nausowenig wie für die Gesundheitsversorgung seiner Familie. Auch die gesamte Ausbildung seines Sohnes ist kostenlos. Gemüse und einige andere Grundnahrungsmittel, die es nicht über die libreta gibt, können in Pesos bezahlt werden, ebenso kubanische Bücher, Tickets zu Baseball­ spielen, die Fahrkarten für die stets überfüllten Busse oder die Eintrittskarten für Museen, Kino und Ballett. Die Währung, in der er als Arzt be­zahlt wird, ermöglicht Dr. M. jenes asketische Dasein der sechziger Jahre, das Che Guevara anpries: ein Leben, in dem Señora M. mit der schlechten Peso­-Seife zufrieden ist, die Familie M. nur den Peso-­Kaffee aufbrüht, der schon vor dem Verpacken gestreckt wird, und niemand von ihnen ein Deodorant kauft.

«Der Spielzeuglaster, den ich für meinen Sohn wollte, mit kleinem Motor und Fern­steuerung?», sagt Dr. M., als wir unter dem gi­gantischen Denkmalssockel stehen und zu Che starren. «40 CUC.»

40 CUC, jedenfalls im staatlichen Geschäft. Die Kubaner lassen einen weitverzweigten Schwarzmarkt blühen, auf dem alles erhältlich ist – por la izquierda, sagen sie, „auf der linken Seite“. Aber der surrealistischste Aspekt des Le­bens im Kuba des Jahres 2012 ist wohl der Eifer, mit dem der Staat – die gleiche Instanz, die die Kubaner in Pesos bezahlt – sei­nen Bürgern Dinge für CUC verkauft. Einzel­handelsgeschäfte sind, wie Medikamentenfabri­ken oder Nickelbergwerke auch, Unternehmen in staatlicher Hand. Da braucht das Verkaufspersonal gar nicht CUC auf das Preisschild zu ma­len, denn wenn ein Ding summt, glitzert oder in einer schönen Verpackung daliegt, wissen die Kubaner schon, in welcher Währung es zu haben ist. Und ganz egal, was der Geist von Che ihnen ins Ohr flüstert: Sie wollen es haben.

Als ich Dr. M. begegne, habe ich mir schon viele Schaufenster angeschaut und in meinen Notizbüchern Preise vermerkt. Eine Tube Pep­sodent­ Zahnpasta: 1,50 CUC. Ein Elektromixer: 113,60 CUC. Eine gepolsterte Wohnzimmer­ Sitzgarnitur: 597,35 CUC. Es gibt mehrstöckige Einkaufszentren mit Cafés und Videospielhallen und Bekleidungsläden, in denen ausschließlich mit CUC bezahlt werden kann.

Auch Mobiltelefone, nach denen die Kubaner nahezu süchtig sind, seit Raúl Castro ihr Verbot aufgehoben hat, sind überall zu sehen. Sowohl die Geräte wie auch die Minutengebühren werden in CUC gehandelt. Der Preis für ein Buca­ nero Fuerte, eines der besseren kubanischen Biere: ein CUC. Für Dr. M. entspricht dies einem Tageslohn. Das Problem mit dem Spielzeugauto wird nun verständlich. Deshalb fährt Dr. M. an vier Tagen in der Woche Taxi, obwohl er sich eigentlich von seinen 24­ Stunden ­Schichten in der Notfallstation erholen sollte.

Formal ist er in seinem eigenen Fahrzeug unterwegs, einer alten russischen Karre, die er von seinem Vater geerbt hat. Aber er kutschiert darin Touristen, denn die bezahlen mit CUC. In einem Monat in der Hauptreisesaison verdient Dr. M. mit dem Taxi das 15­-Fache seines Krankenhausgehalts. In Kuba ist das nichts Besonderes. Unter den Taxifahrern wie in der gesamten Tourismusindustrie gebe es jede Menge hervorragend ausgebildete Kubaner, die nur deshalb nicht in ihrem gelernten Beruf als Inge­nieur, Mediziner oder Psychologe arbeiteten, weil ihre Jahre in Schulen und Universitäten zum Nutzen des Landes ihnen lediglich ein Ge­halt «in der wertlosen Währung» einbrächten – so erklärte es mir einmal ein freundlicher kubanischer Schalterbeamter in einer Bank. Man spricht dabei von der „umgekehrten Pyra­mide“: Wer am meisten gelernt hat, verdient am wenigsten Geld. Jeder Kubaner, der mir gegen­ über diesen Begriff benutzte, tat dies mit Ver­zweiflung in der Stimme, als wollte er sagen: Deshalb, verstehst du, hauen die ehrgeizigen jungen Leute weiterhin ab.

Dr. M. und ich fragen uns, was Che hoch über uns eigentlich in seiner gewaltigen Hand hält. Wir lassen es eine Handgranate sein. Dann ge hen wir ins Museum. Che hatte in Argentinien sein Medizinstudium abgeschlossen, als er Fidel traf. Während wir an den gläsernen Schaukästen entlanggehen, in denen seine medizinischen Notizbücher und sein Laborkittel ausgestellt werden, schaue ich zu Dr. M. hinüber. Er sagt, es sei das erste Mal, dass er hier im Museum ist, seit Guevaras sterbliche Überreste vor 15 Jahren nach Santa Clara überführt wurden. Aber er ist schweigsam und ungerührt, und als wir wieder im Freien stehen, meint er nur: «Ich verstehe nicht, was da falsch bei uns läuft – dass ein Taxifahrer so viel mehr Geld verdienen kann als ein Arzt. Ich verstehe es einfach nicht.»

Eduardo sagte mir, dass sie in den nächsten Wochen mit dem Boot in See stechen wollen. Während ich im Landesinnern unterwegs bin, erscheinen immer wieder Textnachrichten von ihm auf meinem gemieteten kubanischen Handy: «hey mein freund gehe bald in urlaub.»

Ich bin viel zu Fuß unterwegs oder setze mir einen wenig vertrauenerweckenden Helm auf den Kopf und klettere auf den Sozius inoffizieller Motorradtaxis. Für mich als Außenseiterin ist das neue, sich wandelnde Kuba in all seiner rauen Improvisiertheit offen erkennbar – wie ein enormer Flohmarkt, verstreut auf der gesamten Länge der Insel. Junge Männer sitzen auf den Stufen von Treppenaufgängen und bieten an, Mobil­telefone zu reparieren oder Feuerzeuge aufzu­füllen. Familien stellen Tische vor ihrer Veranda, auf denen sie alte Küchengeräte, Kaffee aus Thermoskannen oder Schinken-Käse-Sandwiches feilbieten. Andere Kubaner haben das kleine Eckgeschäft, die Snackbar oder den Friseurladen, wo sie früher als Staatsangestellte arbeiteten, in Eigenregie übernommen.

In Havanna hat zwischen benachbarten Wohnhäusern ein schickes neues Restaurant namens Le Chansonnier eröffnet. Es hat kein Schild, denn dies ist ein paladar, ein privat geführtes Restaurant in einem Wohnhaus. Wer das nötige Geld hat oder besser: Wer über ausreichend CUC verfügt, weiß, wo es liegt. Paladares gibt es schon seit Jahren in Kuba, aber bisher unterlagen sie strengen Beschränkungen, denn sie wurden als kleine Familienbetriebe eingestuft, die den staatlichen Restaurants keine Kunden wegnehmen. Doch seit 2011 dürfen sie ihren Betrieb ausweiten und auch Mitarbeiter einstellen. Wie die Gästezimmer, die Kubaner in ihren eigenen Häusern und Wohnungen an Ausländer vermieten dürfen, bieten auch die populäreren paladares Möglichkeiten, beträchtliche CUC- Beträge in die Kasse der Betreiber zu spülen.

«Ich habe immer von meinem eigenen Laden geträumt», sagt der 39-jährige Miteigentümer Héctor Higuera Martínez, als ich eines Nachmittags dort haltmache. «Eigentlich bin ich Ingenieur. Aber dann stellte ich fest, dass man mit Touristen wirklich ein Einkommen hat.» Higuera gibt jemandem einen Wink, und nach kurzer Zeit steht ein großartiger Salat auf meinem Tisch, mit zarten Blättern, dünn geschnittenem Huhn und einem Hauch darübergestreuter Schokolade. Der Gastgeber grübelt derweil, wie er am Abend mehrere Reservierungen für jeweils zehnköpfige Gruppen bewältigen soll; ein Abendessen im Chansonnier, das von Kubanern genauso wie von Ausländern besucht wird, kostet etwa 40 CUC. Seine Geschäftspartnerin Laura Fernández Córdoba, die das Restaurant mit ihm betreibt, seit die beiden es mithilfe französischer Investoren im Herbst 2011 eröffneten, ist im Nebenraum mit der Bestellung neuen Bestecks beschäftigt. Es fällt nicht schwer sich vorzustellen, wie das Geld hier herein- und wieder hinausströmt.

Hier ist es, das neue Kuba, und ich beginne zu begreifen, was mir am Anfang meiner Zeit auf Kuba ein völliges Rätsel war: Nicht jeder Kubaner fährt Taxi oder steht abends hinter einer Theke, nicht wahr? Wie um Himmels willen kommen sie dann an all diese CUC, die im Umlauf sein müssen, da sonst niemand all diese nicht für Pesos erhältlichen Waren kaufen könnte, die einem ständig überall angeboten werden?

Ein Teil der Antwort sind die Überweisungen, mit denen Verwandte im Ausland Dollars und Euros nach Kuba schicken. Es ist schwer zu sagen, wieviel, aber einige Ökonomen schätzen, dass die Summe in diesem Jahr zwei Milliarden Dollar überschreiten könnte. Der moderne Staat Kuba wird zum Teil von Leuten unterstützt, die ihm zuvor den Rücken gekehrt haben. Und weil Kuba wie die USA die Bestimmungen für Emigranten gelockert hat, die ihre Familien in der Heimat besuchen wollen, bringen die aus Kuba stammenden US-Bürger, die auf dem Flughafen Havanna mit tränenreichen Umarmungen empfangen werden, in der Regel sowohl Geld als auch Waren mit: Fernsehapparate, Küchengeräte, Reisetaschen voller Kleidung und vieles andere, das ihre Verwandten por la izquierda gegen CUC einträglich verkaufen können.

Es wird auch geklaut. In den Krisenjahren nach dem sowjetischen Zusammenbruch wurde dies zur landesweiten Praxis für jede Familie, die ums Überleben kämpfte. Das Verb luchar, das „kämpfen“ bedeutet, übersetzt man in Kuba auch frei als „die Überführung von am Arbeitsplatz verfügbaren Dingen in persönliches Eigentum, wozu uns das System zwingt, denn unser Gehalt reicht nicht mal für ein lausiges Bucanero-Bier“. Raúl Castro hat mehrere Reformkampagnen angestoßen, die zu Dutzenden spektakulärer Festnahmen wegen Korruption geführt haben. Aber es bleibt dabei, dass sich die Attraktivität eines Arbeitsplatzes auch danach bemisst, was es dort abzuzweigen gibt.

Eigentlich ist diese Abhängigkeit von Heimatüberweisungen und dem täglichen Stibitzen nicht ungewöhnlich für ein kleines tropisches Land ohne bedeutende Rohstoffe für den Export. Genauso wenig ist es der dritte wichtige Weg, auf dem CUC in kubanische Taschen gelangen: legale Geschäfte jeglicher Art, bei denen Geld von Ausländern eingenommen wird. Doch das sozialistische Projekt der kubanischen Regierung, die offiziell weiterhin an diesem Begriff festhält, hat ein halbes Jahrhundert lang versucht, einen großen Teil des Landes vor just dem Handelskreislauf abzuschotten, der dieses Geld hervorbringt. Nun ringen die Kubaner darum, wie weit die Öffnung gehen soll. Higuera und Fernández zum Beispiel: Ihr privates Unternehmen und ihre zehn Angestellten sind den neuen Gesetzen über die Selbständigkeit zufolge erlaubt, solange sie ihre Steuern bezahlen.

Doch Steuern für solche Unternehmen sind selbst ein relativ neues Konzept in Kuba. Wenn ein Privatbetrieb mehr Mitarbeiter einstellt, erhöhen sich seine Steuern deutlich. Das System, das gegenwärtig noch mit Steuern und der Privatwirtschaft experimentiert, bestraft somit das Wachstum von Unternehmen. Die Frage, wann der Erfolg eines privaten Unternehmers zu groß wird und ihm Grenzen gesetzt werden müssen, ist ein heiß debattiertes Thema im neuen Kuba Im vergangenen Jahr wurde nach monatelangen Diskussionen ein bemerkenswertes offizielles Dokument veröffentlicht. Es heißt „Leitlinien für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Politik der Partei und der Revolution“. 313 Leitlinien, um präzise zu sein, von denen jede ein bestimmtes Thema behandelt, etwa die Landnutzung oder die gesellschaftliche Bedeutung des Sports. Leitlinie Nummer drei erklärt, dass die «Eigentumskonzentration» in den Händen von Einzelpersonen «nicht zugelassen wird».

Was heißt das konkret?

«Wir wissen es einfach noch nicht», sagt mir Juan Triana Cordoví, ein erfahrener Wirtschaftswissenschaftler der Universität Havanna. «Man kann den Wandel mit einer Art Urknall umsetzen, wie es in Russland geschah, aber ich finde, das hat nicht sehr gut funktioniert. Oder man geht Schritt für Schritt voran und schaut, wie es sich entwickelt. Es ist wie die Überquerung eines Flusses, bei der man jeden Stein erst prüft, bevor man darauf tritt.»

Junge Kubaner debattieren viel über die Zukunft ihres Landes und fragen sich, ob sie bleiben oder doch gehen sollen. Es gibt heute viele Wege ins Ausland, die meisten davon sicherer, als mit einem kleinen Boot in der Nacht aufs Meer zu fahren. Wer Verwandte im Ausland hat, bekommt nach langem Warten ein Visum zum Zweck der Familienzusammenführung. Manche Fachkräfte, die im Auftrag Kubas im Ausland arbeiten, kommen nicht zurück. «Ständig bin ich damit beschäftigt, Leuten die Auswanderung auszureden», sagt Higuera. «Ich habe einen Freund, der nun in Madrid lebt. Er kam gerade dort an, als in Spanien die Blase platzte.»

Was würden wohl er und Fernández sagen, frage ich, wenn sie direkt mit einem mir bekannten Kubaner reden könnten, der just in dieser Woche Thunfischkonserven einkauft, weil er sich hinaus in die Floridastraße wagen will?

Higuera seufzt und sagt: «Ich würde ihm sagen, wenn du das machen willst, dann mach es.» Eine Woche später fahre ich nach Hause. Ich warte auf das fest versprochene R-Gespräch von Eduardo aus irgendeinem Ort in Südflorida. Zwei Wochen vergehen, doch er ruft nicht an. Noch eine Woche und noch eine. Ich wähle Eduardos alte Mobilfunknummer in Havanna. Niemand antwortet. Schließlich rufe ich seinen Bruder an, der vor ein paar Jahren nach Mexiko ging, um zu heiraten. Die Verbindung ist schlecht, und ich weiß nicht, wieviel ich sagen darf, ohne jemanden zu gefährden. Ich sei eine Amerikanerin, die Eduardo in Havanna kennengelernt habe, sage ich, und dass ich einfach nur wissen wolle, ob es ihm gut gehe. Eduardo habe etwas von einem bevorstehenden Urlaub erzählt. Sein Bruder wird ganz aufgeregt. «Er hat es nicht geschafft», sagt er auf Spanisch. Laut spicht er ins Telefon: «Es gab Schwierigkeiten mit dem Boot.

El timón. Sie haben es nicht geschafft.» Ich habe mein Wörterbuch nicht zur Hand und weiß nicht, was timón bedeutet, aber es klingt ganz ähnlich wie tiburón, das spanische Wort für „Hai“. «Sagen Sie mir, was das bedeutet», dränge ich, und Eduardos Bruder sagt, er wisse nicht genau, wie er es beschreiben solle, aber es sei etwas am Boot ausgefallen, bevor sie weit genug draußen waren. Aber alles sei gut gegangen, sie seien zurück nach Kuba gerudert. Niemand sei festgenommen worden. Eduardo wolle etwas abwarten, sagt sein Bruder, und noch etwas mehr Geld zusammensparen.

Nachdem wir aufgelegt haben, hole ich das Wörterbuch. Timón heißt „Ruder“. Ein Bild erscheint vor meinem geistigen Auge: Eduardo und die anderen treiben manövrierunfähig auf dem Meer. Sie diskutieren sicher eine Weile, ob sie den Motor anwerfen und auf das Land hinter dem Horizont zufahren sollen, obwohl sie ihre Richtung nicht steuern können. Dann drehen sie das Boot herum, in den vertrauten Teil des Meeres, und rudern nach Hause.

(NG, Heft 12 / 2012, Seite(n) 96 bis 123)

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