Geschichte und Kultur

Mexiko: Die Supermacht der Maya

Mit Gewalt und Diplomatie schufen die Schlangen-Könige einst das größte Reich der Maya-Kultur. Archäologen gibt die mysteriöse Dynastie noch viele Rätsel auf. Ein Politthriller vor über tausend Jahren.

Von Erik Vance
Bilder Von David Coventry

Eine grinsende Schlange als Wappen: Im 7. Jahrhundert n.Chr. prägte die Dynastie der Schlangenkönige die Maya-Hochkultur. Mit Gewalt und Diplomatie verteidigten sie ihr Reich gegen Feinde. Lange Zeit blieb ihre Herrschaft verborgen, erst vor Kurzem wurden ihre Spuren im Dschungel Guatemalas entdeckt. Nun rekonstruiert der Archäologe Francisco Estrada-Belli ihre Geschichte.

Die uralte Stadt Holmul sieht nicht besonders spektakulär aus. Auf den ersten Blick erkennt der Laie nur ein paar steile, bewaldete Hügel hier im Dschungel Nord-Guatemalas. Der Wald im Petén-Becken nahe der mexikanischen Grenze ist undurchdringlich, warm und seltsam still. Nur gelegentlich hört man zirpende Zikaden und laute Schreie von Brüllaffen. Schaut man genauer hin, erkennt man, dass die meisten Hügel auf gewaltigen Kreisbahnen angeordnet sind – wie Reisende, die sich in einer kalten Nacht um ein Feuer scharen. Ein noch genauerer Blick enthüllt, dass die Hügel zum Teil aus behauenem Stein errichtet wurden, an manchen Seitenhängen befinden sich Tunneleingänge. Irgendwann realisiert man, dass man es nicht mit einer geologischen Formation zu tun hat, sondern mit Pyramiden, die nach dem Niedergang der Maya-Zivilisation vor mehr als tausend Jahren dem Verfall preisgegeben wurden.

In der klassischen Maya-Epoche, zwischen 250 bis 900 n. Chr., war Holmul eine dynamische Siedlung. Damals blühte überall im heutigen Mittelamerika und südlichen Mexiko die Kultur und insbesondere die Kunst des Schreibens. Doch es war auch eine Ära kriegerischer Unruhen: Die Stadtstaaten Tikal und Calakmul kämpften um die Vorherrschaft. Für kurze Zeit gewann einer der beiden die Oberhand und entwickelte sich zu einer Art Großmacht, die in der Geschichte der Maya einmalig war. Dieses Reich wurde von den Schlangen-Königen der Kaan-Dynastie regiert, von denen bis vor Kurzem noch niemand wusste, dass sie überhaupt existiert haben. An vielen Fundstätten in der Region – unter anderem in Holmul – suchen Archäologen nun nach Spuren der rätselhaften Herrscher und setzen ihre Geschichte wie ein komplexes Puzzle zusammen.

Holmul ist keine große, berühmte Maya-Ruinenstätte wie etwa das benachbarte Tikal und wurde von Archäologen lange Zeit ignoriert. Im Jahr 2000 kam der guatemaltekische Archäologe Francisco Estrada-Belli hierher. Er war nicht auf der Suche nach spektakulären Fundstücken wie beschriftete Steintafeln oder edle Grabbeilagen, sondern wollte einfach die Wurzeln der Maya besser verstehen.

Wenige Kilometer entfernt von dem Pyramidenkomplex, der vermutlich das Stadtzentrum von Holmul bildete, stieß er in einem Gebäude auf die Überreste eines Wandbildes, das Soldaten auf einer Pilgerreise zu einem fernen Ort zeigte. Das Kunstwerk war offenbar seltsamerweise von den Maya selbst zerstört worden, ganz so, als wollten sie die dargestellte Geschichte auslöschen und ungeschehen machen.

Um das Rätsel zu lösen, grub Estrada-Belli tiefe Tunnel in mehrere Pyramiden in der Nähe. Die präkolumbischen Mesoamerikaner errichteten ihre Pyramiden in mehreren Bauabschnitten, weshalb die Bauwerke den schachtelbaren, russischen Matroschka-Puppen ähneln. Wollten die Bewohner von Holmul eine Pyramide vergrößern, errichteten sie eine weitere Schicht auf der Vorgängerkonstruktion, die so konserviert wurde. Ein Glücksfall für die Archäologen. Denn wenn sie Tunnel in die Bauten graben, finden sie die alten Strukturen fast so vor, wie sie verlassen wurden – und je tiefer sie graben, desto weiter reisen sie zurück in der Zeit.

Im Jahr 2013 arbeiteten sich Estrada-Belli und sein Team immer weiter in eine der größeren Pyramiden hinein und folgten einer uralten Treppe bis zu dem Eingang eines Kultbaus. Nachdem sie durch eine Öffnung im Boden geklettert waren, entdeckten die Forscher über einem Grabeingang einen unglaublich gut erhaltenen Fries von acht Meter Länge.

Stuckfriese sind selten und sehr empfindlich. Dieses Kunstwerk zeigt einen König von Holmul und zwei weitere Männer, wie sie aus den Mäulern seltsamer Ungeheuer steigen. Dabei werden sie von Dämonen flankiert und von zwei riesigen, gefiederten Schlangen umschlungen. Ein symbolträchtiges und beeindruckend lebendiges Kunstwerk.

Als Estrada-Belli den Fries untersuchte, bemerkte er Schnitzereien am unteren Rand. Er kniete sich hin und entzifferte Schriftzeichen, die die Könige von Holmul aufzählten. Und dann, in der Mitte, sah er ein Symbol, von dem er sofort wusste, dass es die spannendste Entdeckung seiner Laufbahn sein würde: eine grinsende Schlange – das Stadtwappen von Calakmul (der historische Name lautet: Kaan). „Plötzlich waren wir mitten in der aufregendsten Phase der Maya-Geschichte“, sagt er.

Animation: Das Peabody-Museum hat dieses 3D-Modell des Holmul-Fries entwickelt:

https://sketchfab.com/models/4432a0388b2346eeb00f43dc5d9c955d/embed

 

Die Geschichte, wie Archäologen den Schlangen-Herrschern und ihren Plänen zur Errichtung eines Großreichs auf die Spur kamen, beginnt ausgerechnet in Tikal, der Heimat ihrer Todfeinde. Genau wie der Stadtstaat Tikal über Jahrhunderte das Maya-Tiefland beherrscht hatte, so dominierte er seit den 1950er-Jahren auch die archäologische Forschung. In der Stadt lebten einst 60.000 Menschen. Mit ihren großen, eleganten Bauwerken beeindruckte sie Besucher um das Jahr 750 sicher ebenso wie heutige Touristen.

In Tikal stehen auch Dutzende von wunderschön gearbeiteten, beschrifteten Stelen, mit deren Hilfe Wissenschaftler das Schicksal der Stadt bis zu ihrem Niedergang im 9. Jahrhundert rekonstruierten. Doch in der Geschichte klafft eine merkwürdige Lücke: Zwischen den Jahren 560 und 690 wurden keine Stelen behauen und auch sonst kaum Gebäude errichtet. Tikal-Hiatus, Tikal-Auszeit, nennen Archäologen den weißen Fleck in der Maya-Geschichte.

Seit den 1960er-Jahren bekamen Archäologen eine erste Ahnung davon, was in dieser Zeit geschehen war, als sie an verschiedenen Ausgrabungsstätten aus der damaligen Epoche ein seltsames Emblem fanden – ein Schlangenkopf mit einem clownesken Grinsen, gesäumt von Symbolen, die mit der Königswürde assoziiert wurden. Die Archäologin Joyce Marcus von der Universität Michigan fand 1973 heraus, dass es sich um eine Art Wappen für eine Stadt und ein Herrscherhaus handelt, und fragte sich, ob ein Zusammenhang zwischen der Tikal-Auszeit und dem mysteriösen Zeichen besteht. Wurde die Stadt womöglich von unbekannten Kriegern erobert? Und wenn dem so war: Von woher stammten die Eroberer ursprünglich, und warum hatten Archäologen bisher keine Spuren von ihnen gefunden?

Joyce Marcus machte sich auf den Weg nach Petén, dem nördlichsten Bezirk Guatemalas. Der Dschungel dort ist während der Trockenzeit ausgedörrt und in der Regenzeit nahezu unpassierbar. Überall lauern Gefahren: giftige Pflanzen und Insekten, bewaffnete Drogenkuriere. Dennoch erkundete Marcus die Region monatelang, sie besuchte Ruinen und foto-grafierte Schriftzeichen. Und wo sie auch hinkam, entdeckte sie Verweise auf die grinsende Schlange, besonders in der Umgebung der Ruinenstadt Calakmul im heutigen Südmexiko. „Immer ging es um eine Zentral-Stadt“, erzählt Marcus „die als Drehkreuz für die Satelliten-Siedlungen in ihrem Umkreis fungierte.“ Als Marcus nach Calakmul kam, staunte sie über die Größe der Stadt – hier lebten einst 50.000 Menschen. Überall standen Stelen, die zumeist keine Inschriften mehr trugen. Der Kalkstein ist so weich, dass die Erosion die Zeichen im Laufe der Jahrhunderte weggewischt hatte. In Calakmul selbst fand Marcus aber lediglich zwei Schlangen-Zeichen.

Das Geheimnis der Schlangen-Dynastie brachte auch den jungen britischen Forscher Simon Martin dazu, alle Informationen über die Schlangen und die politischen Intrigen in der Maya-Welt zusammenzutragen. „Eigentlich wissen wir über Tikal nur, was uns die Stadt selbst erzählt. Unsere Informationen über Calakmul dagegen stammen alle aus dritten Quellen“, sagt Martin, „aber nach und nach deuteten all diese scheinbar beliebigen Spuren in die gleiche Richtung.“ Gemeinsam mit dem Bonner Altamerikanisten Nikolai Grube veröffentlichte Martin das Buch „Chronicle of the Maya Kings and Queens“, in dem die verschlungene Geschichte der Maya-Reiche beschrieben wird. Und für ein strahlendes Jahrhundert lang standen die Schlangen-Könige im Zentrum dieser Welt. Marcus beschreibt das Reich als eine Art schwarzes Loch, das alle Städte rundherum einsog. Natürlich blieben viele Fragen: Wie lebten, herrschten und kämpften die Schlangen? Und handelt es sich bei ihren Königen um historische Personen oder doch nur um Mythen?

Tikal war am ende des 5. Jahrhunderts einer der mächtigsten Stadtstaaten in der Region. Archäologen vermuten, dass es seine Stellung aber nur mit Unterstützung einer wesentlich größeren Stadt in den Bergen halten konnte, dem 1000 Kilometer westlich gelegenen Teotihuacán. Jahrhundertelang prägten die beiden Städte die Malerei, Architektur, Töpferei, Waffenproduktion und Stadtplanung der Maya-Kultur. Doch das änderte sich im 6. Jahrhundert, als Teotihuacán sich von der Maya-Region abwandte und Tikal sich selbst überließ.

Die Zeit war reif für die Schlangen-Herrscher. Niemand weiß genau, woher sie kamen. Es gibt keine Hinweise darauf, dass sie Calakmul schon vor dem Jahr 635 regiert haben. Einige Experten glauben sogar, dass die Schlangen schon lange vor der klassischen Periode der Maya von Ort zu Ort zogen und eine Megastadt nach der anderen gründeten. Aber das ist Spekulation. Die ersten Zeichen, die einwandfrei den Schlangen-Königen zuzuordnen sind, tauchten in Dzibanché auf, einer Stadt im heutigen Süden Mexikos, 125 Kilometer nordöstlich von Calakmul.

Wo auch immer ihr altes Machtzentrum gelegen hatte – im frühen 6. Jahrhundert erkannten die Schlangen-Könige offenbar, dass Tikal verwundbar war, und versuchten, die Kontrolle über die Stadt zu gewinnen. König Tuun K’ab Hix verbrachte zunächst Jahrzehnte damit, den Städten im Maya-Tiefland Höflichkeitsbesuche abzustatten und gemeinsame Feste zu feiern. Eine scheinbar harmlose Strategie, doch so sah Expansionspolitik in der Maya-Welt oft aus: Man brachte Geschenke dar, erwies einander die Ehre – und schmiedete wichtige Bündnisse. Und niemand scheint darin besser gewesen zu sein als die Schlangen. Es dauerte nicht lange, bis sich die Stadt Caracol, Tikals Verbündeter im Südosten, ebenso auf die Seite der Schlangen-Könige schlug wie Waka, eine kriegerische Stadt im Westen. Endlich hatte Tuun K’ab Hix den Feind im Klammergriff und drohte, ihn zu zermalmen. Doch der Schlangen-König starb, ehe er die Früchte seiner politischen Manöver ernten konnte. Es lag in der Hand seines Nachfolgers, die Falle zuschnappen zu lassen. Der junge König, dessen Name so viel bedeutete wie „Himmelszeuge“, muss eine beeindruckende Erscheinung gewesen sein. Wissenschaftler, die seine sterblichen Überreste untersuchten, sagen, er sei kräftig gebaut gewesen und sein Schädel, von unzähligen Kämpfen gezeichnet, übersät mit Narben.

Wie Inschriften auf einem Altar in Caracol erzählen, eroberte der junge König am 29. April 562 endlich Tikal. Wie Schachfiguren postierte er seine Verbündeten rund um die Stadt, dann schlug er zu. Er selbst führte die Schlangen-Armee östlich von Waka, während Streitkräfte aus Caracol, dem nahen Stadtstaat Naranjo und vermutlich auch aus Holmul immer weiter nach Westen vordrangen.

Die übermächtigen Angreifer brachen rasch den Widerstand in Tikal, plünderten die Stadt und richteten vermutlich den König von Tikal mit einem Steinschwert auf seinem eigenen Altar hin – als Opfer für die Götter. Vermutlich wurde in dieser Zeit auch das Wandgemälde, das der Archäologe Estrada-Belli mehr als 1400 Jahre später in Holmul entdecken sollte, zerstört – denn es wurde zu Ehren von Tikal und Teotihuacán angefertigt. Vielleicht wollten die Einwohner von Holmul zeigen, dass sie ihren neuen Verbündeten gegenüber loyal waren. Die Herrschaft der Schlangen hatte begonnen.

Animation: Das Peabody-Museum hat dieses 3D-Modell des Holmul-Fries entwickelt:

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Über die folgenden 30 Jahre der Maya-Geschichte ist wenig bekannt. Die mexikanischen Archäologen Enrique Nalda und Sandra Balanzario fanden heraus, dass der Nachfolger von Tuun K’ab Hix zehn Jahre nach seinem Sieg über Tikal mit Anfang 30 starb. Im Jahr 2004 entdeckten sie in einer Pyramide in Dzibanché eine Reihe von Gräbern. Dort lag zwischen Jademasken, Obsidian und Perlen auch eine Knochennadel, die für Rituale verwendet wurde, auf der stand: „Dies ist das Blutopfer von ‚Himmelszeuge‘.“ Während der Tikal-Auszeit regierten acht Schlangen-Könige, aber nur von „Himmelszeuge“ und einem seiner Nachfolger fand man die sterblichen Überreste.

Nach der Schlacht um Tikal tauchten die Schlangen weit im Westen auf, nahe der prunkvollen Stadt Palenque. Anders als die Flachland-Metropolen Tikal und Calakmul war Palenque sehr kultiviert. Die eleganten, mit Stuckreliefs geschmückten Pyramiden und der Wachturm schmiegten sich in die von Flüssen und Wasserfällen durchzogenen Ausläufer der Berge, die sich bis zum Golf von Mexiko erstrecken. Palenque hatte vielleicht 10000 Einwohner, war aber ein Leuchtfeuer der Zivilisation und ein Handelstor zum Westen Mittelamerikas – und deshalb: Ein lohnendes Ziel für eine aufstrebende Macht.

Die Schlangen wurden von König Uneh Chan angeführt, der wie seine Vorgänger viele Verbündete um sich geschart hatte. Yohl Ik’nal, die Königin von Palenque, versuchte die Stadt gegen den Ansturm zu verteidigen, musste sich jedoch am 21. April 599 ergeben.

Einen solch ausgeprägten Expansionswillen, wie ihn die Schlangen-Könige zeigten, gab es unter den Staaten der klassischen Maya-Ära nur selten. Zwar werden die Maya häufig als streitsüchtig und launisch beschrieben, doch ihre Herrscher konzentrierten sich meist auf ihre Territorien und hegten keine weiteren Ambitionen. „Der Angriff auf Palenque war Teil eines größeren Plans“, vermutet Guillermo Bernal, ein Experte für alte Inschriften von der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko. „Ich glaube, dass ihre Motive weniger materieller als ideologischer Natur waren – die Kaan wollten ein Imperium errichten.“

Diese Reichgründungshypothese ist unter Maya-Experten umstritten, viele halten das aus kulturellen und geographischen Gründen für unwahrscheinlich. Es gibt jedoch keine Zweifel daran, dass die Schlangenkönige ein Muster verfolgten: Sie machten die größten Städte im Osten zu Verbündeten, eroberten jene im Süden und trieben Handel mit dem Norden. Palenque lag am westlichen Rand der Maya-Welt. Aber wie haben die Schlangen das geschafft – ohne stehende Armee und Pferde?

Die Kontrolle eines Gebiets, so groß wie Bayern und Baden-Württemberg zusammen, erforderte eine Organisation, wie sie es bei den Maya bis zu diesem Zeitpunkt nicht gegeben hatte. Die Schlangen brauchten auch eine neue Hauptstadt, die näher an den reichen Jadevorkommen im Süden lag. Ihre vermutete Heimat Dzibanché lag 125 Kilometer von Calakmul entfernt, eine gewaltige Strecke, wenn man sie zu Fuß im dichten Dschungel zurücklegen muss. Es gibt keine Aufzeichnungen über den Umzug nach Calakmul. Doch im Jahr 635 errichteten die Schlangen-Könige dort ein Monument und ernannten sich zu den Herren der Stadt.

Bald darauf bestieg der größte Schlangen-König – vielleicht der größte Maya-König überhaupt – den Thron. Sein Name war Yukno’m Ch’een II, „Erneuerer der Städte“, wie er auch genannt wurde. Während seine Vorgänger als große Eroberer galten, war Yukno’m Ch’een II ein wahrer Regent. Wie Kyros in Persien oder Augustus in Rom spielte er seine vielen Feinde geschickt gegeneinander aus, die einen wurden bestochen, die anderen eingeschüchtert, während er zugleich seine eigene Machtposition festigte wie kein anderer König vor und nach ihm. 50 Jahre lang vollführte er diesen politischen Balanceakt.

Am besten versteht man einen Herrscher, wenn man seine Diener befragt. Und auf ähnliche Weise versteht man auch ein Imperium besser, wenn man analysiert, wie es mit seinen Vasallenstädten umging. Der vielleicht interessanteste Verbündete der Schlangen war eine kleine, unauffällige Stadt namens Saknikte.

Saknikte wurde von Archäologen zweimal entdeckt. In den frühen 1970er-Jahren stießen sie zunächst auf einige Steintafeln, die auf dem internationalen Schwarzmarkt gehandelt wurden. Die schön gearbeiteten Platten mit komplexen Inschriften und Schlangenzeichen waren von Grabräubern verkauft worden, weshalb es keine Möglichkeit gab, sie zu ihrem Herkunftsort zurückzuverfolgen. Die Archäologen tauften die unbekannte Stätte, an der die Plünderer die Tafeln gefunden hatten, „Site Q“.

Für Archäologen wie Marcello Canuto von der Tulane-Universität in New Orleans wurde „Site Q“ zu einem ähnlichen Mythos wie die Bundeslade. An einem heißen Nachmittag im April 2005 begleitete er Forscher, die eine neu entdeckte Stätte namens La Corona kartierten, in den Dschungel von Petén. Plötzlich fand er sich in einem von Plünderern ausgehobenen Graben wieder, der in eine Pyramide führte. Aus einer Wand ragte ein Stück von einem behauenen Stein, etwa so groß wie eine Geldbörse. „Ich erkannte ein paar Schnörkel auf dem Stein und traute meinen Augen nicht“, sagt Canuto. „Tatsächlich: Schriftzeichen.“ Unter Schichten von Schmutz und Vegetation kamen die feinsten Schnitzereien zum Vorschein, die er je bei einer archäologischen Stätte erblickt hatte. „Nachdem wir sie freigelegt hatten, wussten wir: La Corona ist ,Site Q‘.“ Oder besser: Saknikte.

Saknikte hatte, wie es scheint, eine besondere Stellung im Reich der Schlangen inne. Die Prinzen der Stadt wurden zur Erziehung nach Calakmul geschickt, drei von ihnen heirateten Töchter von Schlangen-Königen. Saknikte scheint ein friedliebender Ort gewesen zu sein. Die Könige trugen harmlose Namen wie „Sonniger Hund“, „Weißer Wurm“ oder „Roter Truthahn“. Aus den Schnitzereien, die Canutos Team fand, geht hervor, dass König Yukno’m Ch’een nach Saknikte kam, kurz bevor die Schlangen in die neue Hauptstadt Calakmul übersiedelten. Die Darstellung zeigt Yukno’m Ch’een im Sitzen; er blickt zur Seite, während ihn der König von Saknikte ergeben anschaut.

Saknikte war nicht der einzige Ort, an dem die Schlangenkönige ihren Einfluss stärkten. Der Name von Yukno’m Ch’een taucht überall in der Region auf. Er verheiratete seine Tochter Kalomt’e K’abel mit einem Prinzen aus Waka, später wurde sie eine mächtige Kriegsherrin. Er installierte neue Könige in Cancuén im Süden und in Moral-Reforma, fast 160 Kilometer westlich. Und in Dos Pilas besiegte er den Bruder von Tikals neuem König und machte ihn zu einem treuen Vasallen.

Nicht zuletzt ließ er im Westteil seines Reiches eine neue Handelsroute bauen, die eine Verbindung zwischen mehreren Alliierten schuf. Bei der Untersuchung der Vasallenstädte fiel Wissenschaftlern auf, dass diese kein eigenes Wappenzeichen besaßen. Und die lokalen Herrscher trugen zwar opulenten Schmuck, aber keinen Königstitel mehr, sobald sie sich den Schlangen angeschlossen hatten.

Die neuen Herrscher in Calakmul schmückten sich derweil mit einem noch größeren Titel: kaloomte – König der Könige. „Ich glaube, die Schlangen haben die Art der Politik verändert und etwas recht Neues geschaffen“, sagt Tomás Barrientos, Co-Direktor der Grabungsstätte Saknikte. „Wenn Sie mich fragen, war das ein Durchbruch in der Geschichte der Maya.“

Unterdessen behielten die Schlangenkönige den alten Feind Tikal im Auge, der immer wieder versuchte, Rache zu nehmen. Nachdem Yukno’m Ch’een seine Verbündeten gestärkt hatte, schlugen er und ein benachbarter Marionettenkönig, der ehrgeizige B’alaj Chan K’awiil, den Widerstand in Tikal im Jahr 657 nieder. Zwei Jahrzehnte später erhob sich die Stadt erneut. Die Schlangen blieben wieder siegreich und töteten diesmal auch den König der aufständischen Stadt.

Warum aber gelang es Tikal immer wieder, die scheinbar allmächtigen Schlangen herauszufordern? Experten gehen davon aus, dass Maya-Könige behutsam vorgehen mussten, wenn sie ihr komplexes Bündnisgeflecht aufrechterhalten wollten. Die Könige besiegter Städte wurden meist am Leben gelassen. Die Gründe dafür sind unklar. Es könnte sein, dass Schlachten in der Maya-Kultur weniger gewalttätig als zeremoniell ausgetragen wurden. Oder dass es damals keine Armeen gab, die groß genug waren, um eine Stadt dem Erdboden gleichzumachen. Vielleicht bettelten die Verbündeten der Schlangen auch um Gnade für die besiegten Könige – aus Angst, sie könnten die nächsten Opfer sein.

Yukno’m Ch’een spielte sein politisches Spiel mit viel Fingerspitzengefühl. Anstatt Tikal seinem Verbündeten B’alaj Chan K’awiil zu überlassen, hielt er einen Friedensgipfel mit Tikals neuem Herrscher ab. Zu dem Zeitpunkt führte er auch seinen Nachfolger Yich’aak K’ahk’ ein, bei dem es sich vermutlich um seinen Sohn handelte. Im Alter von etwa 86 Jahren starb Yukno’m Ch’een. Die durchschnittliche Lebenserwartung in Calakmul betrug damals vermutlich um die 40 Jahre – wenn man Glück hatte. Während in den ärmeren Schichten viele Menschen unter Mangelernährung litten, aßen die verwöhnten Adeligen nur weiche Tamales, gefüllte Maisteigtaschen, und waren oft übergewichtig. Es gibt Experten, die die Ansicht vertreten, dass Yich’aak K’ahk’, der das Reich vermutlich schon lange vor dem Tod seines Vaters regierte, ein Vertreter dieser dekadenten Elite war. Auf jeden Fall erging es ihm wie vielen Söhnen von großen Herrschern: Er konnte seinem Vater nicht das Wasser reichen. Trotz zahlreicher vernichtender Niederlagen erhob sich das rebellische Volk von Tikal im Jahr 695 erneut. Dieses Mal wurde es angeführt von einem jungen König mit dem beeindruckenden Namen Jasaw Chan K’awiil I, was so viel bedeutet wie „Gott, der den Himmel aufklart“. Yich’aak K’ahk’ stellte eine weitere Schlangen-Armee auf, um den Emporkömmling aus Tikal in Schach zu halten.

 

Es ist unklar, was genau an jenem Tag im August geschah. Manche Forscher glauben, das B’alaj Chan K’awiil, verbittert über diverse Kränkungen, seine Verbündeten verraten habe. Andere vertreten die These, dass Yich’aak K’ahk’, der nicht mehr der Jüngste war und unter einer schmerzhaften Wirbelsäulenerkrankung litt, seine Truppen den Glauben an den Sieg nicht mehr vermitteln konnte. Die Schlangen-Krieger wurden jedenfalls vernichtend geschlagen. Ein paar Jahre später starb Yich’aak K’ahk’ und nahm die Träume von einem Großreich mit ins Grab. Die Schlangen-Könige blieben einflussreich, erholten sich aber wohl nie mehr ganz von der Niederlage gegen Tikal.

Mitte des 8. Jahrhunderts hatten die Schlangen-Könige ihren Biss endgültig verloren.
Eine Nachbarstadt von Calakmul errichtete sogar eine Stele zur Feier der Rückkehr der Fledermaus-Könige, die von den Schlangen einst vertrieben worden waren. Die Steinplatte zeigt einen Krieger, der eine Schlange zertritt. Im folgenden Jahrhundert bestrafte die neue Vormacht Tikal die Stadtstaaten, die den Schlangen geholfen hatten, konnte jedoch kein Herrschaftsgebiet aufbauen, das dem Vergleich mit dem der Schlangen standgehalten hätte. Im 9. Jahrhundert brach die Maya-Kultur zusammen. Es ist unklar, ob Überbevölkerung, politische Instabilität oder lange Dürreperioden den Ausschlag gaben – aber die großen Städte stürzten ins Chaos und wurden aufgegeben.

Musste es so kommen? Was wäre geschehen, wenn Yich’aak K’ahk’ im Jahr 695 gegen Tikal siegreich geblieben wäre? „Ich glaube, die Schlangen hätte den Kollaps abwenden können“, sagt der US-Archäologe David Freidel, der die Ausgrabungen in Waka leitet. „Die Tatsache, dass es nicht gelang, das zentrale Gebiet der Maya-Welt unter einer Regierung zu vereinen, war ein entscheidender Faktor, der zu Anarchie und endemischen Kriegen führte und die Region anfällig machte für Dürreperioden.“

Vielleicht wird man eines Tages die Lösung für dieses Rätsel finden. Vor 40 Jahren waren die Schlangen-Könige schließlich ein bloßes Gerücht. Vor 20 Jahren galten sie als die Herren von Calakmul. Heute wissen wir, dass sie das mächtigste Reich der Maya aufgebaut haben.

Aber diese unerträgliche Langsamkeit zeichnet die Arbeit der Archäologen eben aus; sie finden Bruchstücke der Geschichte und versuchen, aus diesen flüchtigen Einblicken ein Bild der Vergangenheit zusammenzusetzen.

Kein Wunder, dass sie nicht immer einer Meinung sind. Der Archäologe Ramón Carrasco, der verantwortlich ist für die Ausgrabungsstätte Calakmul, vertritt zum Beispiel die Ansicht, die Schlangen-Könige hätten nie in Dzibanché gelebt und ihre ruhmreiche Stellung gar nicht verloren. Er arbeitet unter anderem mit Simon Martin zusammen, hat dieselben Fundstücke analysiert – und ist dennoch zu einem anderen Ergebnis gekommen. Und so suchen die Archäologen weiter nach Hinweisen. Man weiß schließlich nie, wann man über den Fund seines Lebens stolpert.

Im Jahr 1996 legte Ramón Carrasco das größte Bauwerk in Calakmul frei, eine Pyramide, an der man schon 300 v. Chr. begonnen hatte zu bauen. Als Carrasco nahe der Spitze vorsichtig Steine herauszog und reinigte, entdeckte er die Überreste eines Leichnams. Und darunter eine Kammer. „Wir hoben die Ab-deckung hoch und sahen hinein“, erzählt Carrasco mit seiner von zu vielen Zigaretten rau gewordenen Stimme. „Wir konnten ein paar Knochen erkennen, Grabbeigaben und jede Menge Staub.“ Neun Monate brauchten sie, um das Grab freizulegen. Als Carrasco endlich -hineinsteigen konnte, wusste er, dass er die letzte Ruhestätte eines mächtigen Königs gefunden hatte. Der Leichnam war in ein kostbares Tuch gewickelt und mit Perlen geschmückt worden. Und man hatte ihn nicht allein bestattet. Eine junge Frau und ein Kind lagen in einer Nebenkammer, die vermutlich geopfert worden waren. Wer war der unbekannte Herrscher?

„Der Leichnam war mit Schmutz und Staub bedeckt“, sagt Carrasco. „Nur ein paar Jadeperlen konnte man erkennen.“ Er nahm einen Pinsel und begann, den Leichnam behutsam zu reinigen. „Das Erste, was ich sah, war ein Auge, das mich anstarrte. Ein Blick aus der Vergangenheit.“ Das Auge war Teil einer wunderschönen Jademaske, die dem König im Jenseits zur Ehre gereichen sollte. Spätere Analysen zeigten, dass der Maya-Herrscher ein stattlicher Mann gewesen sein muss. Das Grab war erlesen geschmückt. In der Nähe des Leichnams lag ein Kopfschmuck aus Jade, daneben ein Keramikgefäß mit einem grinsenden Schlangenkopf und einer Inschrift: „Teller von Yich’aak K’ahk’“.

(NG, Heft 9 / 2016, Seite(n) 126 bis 143)

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