Geschichte und Kultur

Pedro Álvares Cabral

Eigentlich ist er auf dem Weg nach Indien. Doch starke Winde treiben seine Flotte im Atlantik so weit nach Westen, dass er plötzlich unbekanntes Land sichtet. So wird der Portugiese durch einen Zufall zum Entdecker Brasiliens.

Von National Geographic

Eigentlich ist Pedro Álvares Cabral auf dem Weg nach Indien. Doch starke Winde treiben seine Flotte im Atlantik so weit nach Westen, dass er plötzlich unbekanntes Land sichtet. So wird der Portugiese durch einen Zufall zum Entdecker Brasiliens.

Nicht immer ist der direkte Weg auch der beste. Der große Vasco da Gama hat diese Erfahrung schon gemacht, als er 1497 zum ersten Mal das Kap der Guten Hoffnung umsegelte. Er fand damals von den Kapverdischen Inseln noch nicht den richtigen Bogen zur Südspitze Afrikas und brauchte endlos lange. Mal waren es Stürme, mal Flauten, mal ungünstige Meeresströmungen – es war alles andere als die ideale Route. Nach seiner Rückkehr wusste da Gama, dass es eine bessere gab.

Nun, drei Jahre später, gibt er sein Wissen weiter. Ein junger Landsmann, Anfang 30, hat den Auftrag erhalten, das Tor zu Indiens Gewürzmärkten, das da Gama mühsam geöffnet hat, für Portugal vollends aufzustoßen. Pedro Álvares Cabral soll nach Calicut segeln und möglichst viele Gewürze mit nach Hause bringen.

Die Aufzeichnungen aus dieser Zeit sagen nichts darüber aus, was Cabral für diese Fahrt qualifiziert hat. Zwar ist er schon in jungen Jahren als Page an den Königshof gekommen. Zwar ist er Mitglied des Kronrats geworden und hat in dieser Eigenschaft sicher gute Beziehungen. Aber das allein kann es nicht gewesen sein. War Pedro Álvares Cabral ein Verlegenheitskandidat, weil da Gama es abgelehnt hatte, das Kommando über diese Flotte zu übernehmen? Oder hat der Entdecker des Seewegs nach Indien ihn selber dafür empfohlen?

Wie auch immer, da Gama gibt ihm genaue Anweisungen für den Weg: Von den Kapverden aus nicht nach Südost, sondern erst mal nach Süden, um die nordöstlichen Winde auszunutzen. Dann, wenn die Winde auf Südost drehen, so hart wie möglich gegen sie kreuzen. Und erst dann, schon auf Höhe des Kaps, bei 34 Grad südlicher Breite, voll auf Ostkurs gehen. Cabral nimmt sich die Instruktionen zu Herzen. Seine Verantwortung ist schließlich nicht gering. Mit einer stolzen Flotte – 13 Schiffe und 1200 Mann Besatzung – sticht er am 9. März 1500 von der Tejo-Mündung aus in See. Pedro Álvares Cabral hat mehrere Priester und Mönche dabei, dazu Kapitäne und Steuerleute, die sich schon einen Namen gemacht haben: etwa Bartolomeu Diaz , der 1488 als Erster das Kap der Guten Hoffnung umsegelte, und Nicolau Coelho, der da Gama nach Indien begleitete. Cabral spürt, welcher Erwartungsdruck auf ihm lastet. Zu Hause sind alle schon trunken, wenn der Name Indien nur fällt.

Aber auf See läuft nicht immer alles nach Plan. Kaum hat Cabral die Kapverden hinter sich gelassen, gerät eines der Schiffe aus seinem Blickfeld; trotz zweitägiger Suche wird es nicht wieder gefunden. Die verbliebenen zwölf Karavellen werden zwar wie erwartet vom Nordostpassat erfasst, aber auch von der starken Äquatorialströmung. Statt nach Süden zu steuern, treiben sie eher nach Westen. Am 21. April, nach 43 Tagen auf dem Wasser, schwimmen große Mengen Seetangs an ihnen vorbei, das sind Anzeichen von Land. Am Morgen des folgenden Tages nahen die ersten Vögel. Und am Abend erblicken die Portugiesen einen Berg, zu dessen Füßen einen Fluss und eine flache, baumbestandene Küste. Es ist die Osterwoche, so nennen sie den Hügel Monte Pascoal, „Osterberg“.

Da es schon dämmert, lässt Pedro Álvares Cabral erst mal die Anker werfen. Tags darauf schickt er Coelho mit einem Boot zur Flussmündung. 20 splitternackte, langhaarige Menschen erwarten ihn dort voller Neugier. Einer von ihnen bietet den Ankömmlingen seinen bunten Kopfschmuck, ein anderer eine Kette aus kleinen, weißen Perlen an. Zwei weitere steigen ins Boot der Portugiesen und lassen sich an Bord eines der Schiffe bringen. Es sind Indianer vom Stamm der Tupinambá, Gestalten von «dunkler Farbe, etwas rötlich, mit angenehmen Gesichtern und Nasen, wohlgeformt», wie der Reiseberichterstatter Pedro Vaz de Caminha aufschreibt. Durch ihre Unterlippen sind weiße Knochen getrieben, so lang wie eine Handbreit, so dick wie eine Baumwollspindel und an den Enden «so spitz wie eine Ahle».

Pedro Álvares Cabral sucht für seine Schiffe einen sicheren Hafen. 65 Kilometer weiter nördlich findet er eine geschützte Bucht, die später Baia Cabrália genannt werden wird. Dort geht Cabral mit seinen Leuten an Land. Er lässt einen Altar bauen und eine Messe feiern. Alle Segel der portugiesischen Schiffe haben ein rotes Kreuz auf weißem Grund. So ein Christusbanner wird nun auch in den Boden gepflanzt. Cabral nennt das neue Land Terra da Vera Cruz, das „Land des wahren Kreuzes“ – womöglich auch, weil es unter dem Südlichen Kreuz am Sternenhimmel liegt und just in der Woche entdeckt worden ist, in der die Christen der Kreuzigung Christi gedenken. Aber eigentlich weiß Cabral gar nicht so recht, was er mit dem Neuland anfangen soll. Sein Fahrtziel lautet Calicut, sein Auftrag Gewürzgeschäfte – was soll er mit diesen nackten Wilden? Pedro Álvares Cabral lässt Meister João, seinen Astronomen, die Polhöhe des Orts bestimmen, es sind 17 Grad südliche Breite. Er setzt Sträflinge an Land aus, die eigens für solche Gelegenheiten auf Expeditionen mitgenommen werden; sie sollen die Sprache und Sitten der Eingeborenen kennen lernen und irgendwann wieder abgeholt werden. Aber ihn selber drängt es nicht, das Landesinnere zu erkunden. Ist es Festland oder eine Insel? Cabral scheint es nicht zu interessieren. Er rammt nur – der übliche Akt der Besitzergreifung – ein großes Holzkreuz mit dem Wappen des Königs Emanuel I. in den Boden.

Pedro Álvares Cabral schickt ein inzwischen leeres Versorgungsschiff unter dem Befehl von Gaspar de Lemos zurück nach Portugal. Es hat zwei Briefe für den König an Bord, die von der Entdeckung berichten. Der eine, aus Camninhas Feder, spricht von einer „Insel Vera Cruz“, der andere, geschrieben von Meister João, nur von „Vera Cruz“. Der König entscheidet sich für das „Land Santa Cruz“. So meldet er nach Erhalt der Nachricht gleich seinen Anspruch beim Papst an – gemäß dem Vertrag von Tordesillas aus dem Jahr 1494, in dem Spanien und Portugal alle noch neu zu entdeckenden Länder schon vorab untereinander aufgeteilt haben.

Am 2. Mai brechen die verbliebenen elf Schiffe nach Osten auf. Am 12. Mai erscheint den Portugiesen am Himmel ein Komet, der zehn Tage lang nicht verschwinden wird. Ein böses Vorzeichen, unken die Matrosen. Und in der Tat, am 24. Mai bricht ein Orkan über die Flotte herein. Vier Karavellen sinken, darunter auch die von Bartolomeu Diaz. Sein Bruder Diogo wird mit seinem Schiff vom Kap der Guten Hoffnung so weit abgetrieben, dass er ungewollt als erster Europäer an der Küste Madagaskars landet. Mit den verbliebenen sechs Schiffen aber schafft es Cabral nach Calicut. Am 13. September läuft er in den indischen Hafen ein.

Die dort tätigen arabischen Händler sind wütend über die Faktorei, die Pedro Álvares Cabral auftragsgemäß einrichtet. Sie stürmen sie, Cabral beschießt als Vergeltung die Stadt. Er gründet eine zweite Faktorei im friedlicheren Cochin und lädt fünf Schiffe mit Gewürzen voll. Im Dezember 1500 tritt er die Rückreise an. Im Hafen Beseguiche auf den Kapverdischen Inseln sieht er wieder Diogo Diaz, der sich allein bis hierher durchgeschlagen hat – und trifft die Flotte von Gonçalo Coelho und Amerigo Vespucci , die der König zu weiteren Erkundungen an die neu entdeckte südamerikanische Küste geschickt hat. Doch bei der Ankunft in Lissabon im Juni 1501 wird Cabral nicht für seinen Zufallsfund gefeiert, sondern – Verluste hin, Verluste her – für die fünf Gewürzladungen.

Danach wird es wieder still um Pedro Álvares Cabral. Die nächste Indienexpedition bereitet er zwar noch vor, doch am Ende übernimmt Vasco da Gama das Kommando. Cabral zieht sich auf ein Landgut bei Santarém am Tejo zurück, heiratet Doña Izabel de Castro vermutlich 1503, wird Vater von sechs Kindern. Er stirbt um das Jahr 1520. Kein einziges Monument wird in Santarém an seine Entdeckung erinnern.

Die Überlebenden der Reise, die herrlich bunte, laut krächzende Vögel mitgebracht haben, erzählen zu Hause, sie seien im „Papageienland“ gewesen. Es dauert noch eine ganze Zeit, bis sich ein völlig neuer Name durchsetzt. Er ist von einem roten Farbholz abgeleitet, das die Schiffe bald aus den dortigen Wäldern mitbringen, auch Christoph Kolumbus hat es nach seiner zweiten Atlantikfahrt erwähnt. Brasil ist sein Name. Brasil? Europas Geographen haben das doch schon auf der Karte von Paolo dal Pozo Toscanelli aus dem Jahr 1484 gelesen. Auf ihr taucht unter dieser Bezeichnung eine Insel westlich von Irland auf. Eine Legende machte damals die Runde, wonach ihr Sand mit einer Schicht aus goldenem Staub überzogen sei. Die Realität hat alles von der Karte gefegt. Doch zumindest der Name des Mythos überlebt die Revolutionen, die zu dieser Zeit auf den Atlanten stattfinden.

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