Geschichte und Kultur

Tarahumara - ein Volk im Abseits

Jeder Stern am Himmel ist ein Tarahumara-Indianer, dessen Seele - Männer haben drei und Frauen vier, weil sie neues Leben schaffen - für immer erloschen ist.

Von Cynthia Gorney
Bilder Von Robb Kendrick

Jeder Stern am Himmel ist ein Tarahumara-Indianer, dessen Seele - Männer haben drei und Frauen vier, weil sie neues Leben schaffen - für immer erloschen ist. Solche Dinge erfährt man von Kulturanthropologen und einheimischen Priestern über den Glauben der Tarahumara. Sie nennen sich selbst Rarámuri und leben in den Canyons der Sierra Madre Occidental im Norden Mexikos. Vor 500 Jahren zogen sie sich vor den eindringenden Spaniern hierhin zurück. Die Spanier hatten nicht nur Schusswaffen und Pferde, sondern auch unheimliche Bärte. Dieser Umstand brachte das Rarámuri-Wort chabochi hervor. Bis heute bezeichnet es jeden, der kein Tarahumara ist.

Chabochi ist keine Beleidigung, eher eine Art, die Welt einzuteilen. Noch heute, im 21. Jahrhundert, verrät die wörtliche Übersetzung viel über die Kluft zwischen den Tarahumara und dem Rest von Mexiko. Chabochi heißt "Mensch mit Spinnweben im Gesicht". Die Tarahumara sind stille, zurückgezogene Menschen. Sie leben weit voneinander entfernt in kleinen Ziegel- oder Holzhütten oder in Häusern, die unter Felsvorsprünge gebaut sind. Sie brauen ein alkoholisches Getränk aus Mais, den sie auf kleinen, mit der Hand gepflügten Feldern anbauen. Zu feierlichen Anlässen versammeln sie sich und reichen das Maisbier in halbierten, ausgehöhlten Kalebassen herum. Seit alters sind die Tarahumara gerühmte Dauerläufer, denn sie leben seit Generationen in steilen Schluchten, durch die nur Fußpfade führen. Deshalb haben sie sich auch Rarámuri genannt, was so viel heißt wie "Läufer" oder "der gut zu Fuß ist".

Arbeit ist für sie notwendig zum Überleben, hat aber keinen eigenen moralischen Wert und steht hinter spirituellen Verpflichtungen und seelischen Angelegenheiten zurück. Traditionell basiert ihre Wirtschaft auf Tauschhandel statt auf Geld. Sie verfügen über ein Wort, das "Teilen" bedeutet, sich aber nur schwer ins Spanische oder Deutsche übersetzen lässt: "Kórima", sagt ein Tarahumara, wenn er die Hand aufhält und erwartet, was ein chabochi wohl Almosen nennen würde. Für eine Münze ist jedoch kein Dankeschön zu erwarten: kórima ist eine naturgegebene Verpflichtung, Besitz zum Wohle aller zu teilen. Etwa 106 000 Tarahumara leben in Mexiko.

Damit gehören sie zu den größten indigenen Gruppen Nordamerikas. Die meisten von ihnen fristen ihr Dasein immer noch relativ isoliert in der Barranca del Cobre, der Kupferschlucht, die Mexiko als "Copper Canyon" bewirbt. Das Bild, das Tourismusunternehmen von den Einheimischen zeichnen ("Sie führen ein von moderner Technik unbeeinträchtigtes, einfaches Leben"), stellt lediglich die adrette Verpackung für eine schwierige Wirklichkeit dar. Legale und illegale Händler dringen immer aggressiver in die Gegend vor. Drogenhändler bauen Marihuana und Mohn zur Opiumherstellung an und vertreiben die Tarahumara-Familien von ihren Mais-, Bohnen- und Sojafeldern. Staatliche Bemühungen, die Tarahumara-Gemeinden an das Straßennetz anzubinden, bringen Junkfood und das bewaffnete Verbrechen in ehemals isolierte Region. Früher trugen die Tarahumara-Männer breite Stirnbänder und selbst bei Frostwetter Lendenschurze. Heute tragen sie Jeans, Cowboyhüte und spitze, gefärbte Lederstiefel. Die meisten Frauen haben noch immer ihre bunten Kopftücher und lange Röcke mit Blumendruck und aufgeplusterten, leuchtenden Volants. Einige ziehen inzwischen aber schon Jeans an.

Es ist Gründonnerstag, der erste große Festtag der Semana Santa, der Heiligen Woche vor Ostern. Für die Tarahumara ist dies die wichtigste religiöse Zeit des Jahres. Im 17. Jahrhundert hatten Jesuitenpriester das Christentum in die Sierra Tarahumara gebracht. Hundert Jahre später waren sie bereits verschwunden.

Als die Jesuiten um 1900 zurückkehrten, hatten sich die religiösen Bräuche der Tarahumara in ein intensiv praktiziertes Nebeneinander von Christentum und Volksglauben verwandelt. In der Semana Santa geschehen in den Canyons Dinge, die auswärtigen Christen fremd erscheinen dürften. Es gibt eine symbolische Judasverbrennung, bei der man sich fragt, ob kleine Kinder dabei eigentlich zusehen sollten. Es gibt als Pharisäer verkleidete Tarahumara, die überhaupt nichts Biblisches an sich haben und eine wichtige Rolle in einem rauschhaften Festzug mit Rennen, Tänzen und Kämpfen spielen. Viele Männer bemalen sich Gesicht und Körper mit weißen Punktmustern - sie sehen eher gefährlich als fromm aus. Tausende Besucher kommen jedes Jahr zur Heiligen Woche in die Sierra.

Dass sich die Tarahumara vor den Spaniern ausgerechnet in die Sierra Madre flüchteten, ist für sie heute Geschenk und Last zugleich. Ihre Vorfahren waren weder Feiglinge noch Pazifisten. Chroniken verzeichnen mehrere gewalttätige Aufstände unter den Tarahumara. "Doch es waren weniger diese Kämpfe, als das große Talent der Tarahumara für Ausweichmanöver, was sie überleben ließ", erklärt mir ein Priester in der Sierra. Aber das moderne Mexiko dringt immer weiter in die Sierra Tarahumara ein und bedroht die indigene Kultur, die bisher die Außenwelt erstaunlich lange von sich fernhalten konnte.

Ihrem Tal in der Sierra Madre Occidental, in das sie sich die Tarahumara nach der Eroberung ihres Landes durch die Spanier vor 500 Jahren zurückgezogen haben, droht nun der Anschluss an die Jetztzeit. Mit modernem ökonomischen Denken, mit den Segnungen der Informationstechnologie, mit devisenbringendem Tourismus. 

(NG, Heft 11 / 2008, Seite(n) 106)

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