Geschichte und Kultur

Wikinger: Feuer im Norden

Mehr als 200 Jahre währte die Ära der Wikinger – bis König Harald Blauzahn zum Christentum übertrat und so den Anfang vom Ende markierte.

Von Siebo Heinken
Bilder Von Heiner Müller-Elsner / Illustrationen: Franziska Lorenz, Jochen Stuhrmann
Wikinger: Feuer im Norden

Es war eine wundersame Begegnung mit weitreichenden Folgen. Bei einem Gastmahl gerieten König Harald Blauzahn und der Priester Poppo darüber in Streit, wer die größere Macht habe: der Gott der Christen oder die Götter der Wikinger. Poppo war – vermutlich von Würzburg aus – im heidnischen Norden unterwegs, um das Wort Christi zu verkünden. Doch der skeptische Herrscher wollte mehr als die Botschaft der Bibel. Gib mir einen Beweis! Worauf der Missionar ein glühendes Eisen in die Hand nahm, im Mittelalter eine verbreitete Methode, um vor Gericht die Wahrheit herauszufinden. Und tatsächlich, so berichten zeitgenössische Chronisten: Als Poppo die Hand hob, war sie unverletzt. Ein Zeichen Gottes! Mehr brauchte es nicht, um Harald zu überzeugen.

Mit seiner Taufe im Jahr 965 begann für Harald Blauzahn und die Wikinger eine neue Zeitrechnung – und die Integration ins mittelalterliche Europa. Seine Politik veränderte Skandinavien für immer und legte die Grundlage für die Königreiche des Nordens, wie es sie noch heute gibt.

«Harald Blauzahn war ein Visionär», sagt Jörn Staecker, Archäologe und Wikingerexperte an der Universität Tübingen. «Er war brillant», ergänzt sein Kollege Mads Kähler Holst von der Universität Aarhus.

Ein großartiger Herrscher, ausgerechnet bei den Wikingern? Wohl kein Volk der europäischen Geschichte steht in so schlechtem Ruf wie die Nordmänner. Sie plünderten, wie es gefiel, mordeten, verbreiteten Angst und Schrecken von der Nordsee bis zum Mittelmeer.

Es begann, als sie im Frühsommer 793 das Kloster Lindisfarne an der englischen Ostküste überfielen. «Am achten Tag des Juni zerstörte das Wüten der Heiden Gottes Kirche zu Lindisfarne mit Raub und Totschlag», so berichtet die „Angelsächsische Chronik“ über den Angriff auf das geistliche Zentrum des Königreichs Northumbria. An diesem Tag tauchten schnittige Schiffe fremder Bauart vor der Küste auf. Kurz vor dem Strand holten die Männer an Bord die quadratischen Segel ein, sprangen an Land und griffen mit Äxten, Lanzen und Schwertern an. Doch wer sollte sich ihnen in den Weg stellen in dieser ungeschützten Festung des Glaubens? Binnen weniger Stunden töteten die aus Dänemark oder Norwegen über die Nordsee gekommenen Angreifer viele der Mönche und zerrten die anderen als Gefangene auf ihre Boote; Sklaven ließen sich gut zu Geld machen. Die Wikinger schändeten die Altäre, rafften Gold und Schmuck an sich und verschwanden, wie sie gekommen waren. «Sie haben im Tempel Gottes auf den Leibern der Heiligen herumgetrampelt, so als wären sie Mist auf der Straße», klagte Alkuin, der englische Berater Karls des Großen.

„Auf Viking fahren“, so nannten sie diese Raubzüge, die der dänische Archäologe Ole Crumlin-Pedersen als frühen «Konflikt der Zivilisationen» bezeichnet: Die Nordmänner hielten sich an Odin und Thor – die Gebote und Verbote der Christen kümmerten sie wenig.

Im Jahr 841 überfielen die víkingr, so ihr altnordischer Name (möglicherweise von vík, Bucht, oder wik, einem Handelsplatz) die Stadt Rouen in Nordfrankreich, vier Jahre später Hamburg, dann Paris, York, Dublin, London. Dorestad, einen bedeutenden Handelsplatz in den heutigen Niederlanden, griffen sie fast jedes Jahr an. Entlang der großen Flüsse und an den Küsten wurden Wachen aufgestellt, doch sie boten keinen Schutz vor dem Tod aus dem Norden. Immer wieder griffen die Wikinger unbewachte Klöster an. Dort machten sie leichte Beute, um damit ihre Gefolgschaft zu belohnen und den Göttern Geschenke darzubringen.

Und dann kam Harald Blauzahn und brachte ihnen das Christentum. Innerhalb weniger Jahrzehnte veränderte sich alles, was bis dahin einen stolzen Wikinger ausgemacht hatte. Wie überzeugte er sein Volk und sicherte seine Macht? Wie sah die Welt aus, über die er herrschte? Und was ist von ihm geblieben?

Wer die Geschichte dieses weitsichtigen Königs der Dänen erzählt, ist vor allem auf Erkenntnisse aus archäologischen Forschungen angewiesen. Die schriftlichen Zeugnisse jener Zeit stammen überwiegend von Missionaren und sind – wie auch die mehr als 200 Jahre später aufgeschriebenen Sagas – meist unkritisch, tendenziös, teils unglaubwürdig. «Mönche wie Adam von Bremen stellten das Heidentum stets als stark und brutal dar, um ihre eigene Arbeit umso glorreicher erscheinen zu lassen», sagt der Tübinger Professor Jörn Staecker. So kommt den Interpretationen von Wissenschaftlern eine besondere Bedeutung zu, um zu rekonstruieren, wie Harald Blauzahn den Norden revolutionierte.

Im frühen Mittelalter war Europa im Wandel. Die Römer hatten dem Kontinent nicht nur Städte, Straßen und Bildung hinterlassen, sondern auch das Christentum als weitgehend vorherrschende Religion. In der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausends fasste der neue Glaube im Kerngebiet Westeuropas immer stärker Fuß. Nach der Taufe des Germanen Chlodwig, König der Franken, 498 in Reims, begann die Christianisierung, und Missionare zogen aus, das Wort Gottes zu verkünden. 300 Jahre später war Karl der Große Herrscher eines erstmals geeinten christlichen Europa von der Nordsee bis ans Mittelmeer, von der Normandie bis nach Süditalien. Er gliederte 804 auch die Sachsen an der Elbe in sein Reich ein. Sein direkter Einflussbereich endete erst am Danewerk: dem Grenzwall der Wikinger. So blieb es zunächst auch unter Otto I., von 962 an römisch-deutscher Kaiser. Das System von Wällen nahe der heutigen Stadt Schleswig trennte das christliche Europa vom Gebiet der Heiden, wo Harald Blauzahn zur gleichen Zeit herrschte.

Es war eine raue, lebensfeindliche Landschaft. Jütland, heute der westliche Teil Dänemarks, war von Flüssen und Sümpfen durchzogen. Im Osten der skandinavischen Halbinsel erstreckten sich endlose Wälder und Seen. In den kargen Gebirgszügen und entlang der zerklüfteten Küste des heutigen Norwegen war der Transport von Waren besonders beschwerlich. Fruchtbaren Boden gab es dort nur in engen Tälern und entlang von Wasserarmen. Viele Menschen lebten unter erbärmlichen Bedingungen unter der Herrschaft lokaler Häuptlinge. Die Raubzüge halfen, die Lebensbedingungen zu verbessern. Aber sie dienten immer auch dazu, Ruhm und Ehre zu erwerben.

Von den Fjorden der Nordsee bis zu den Schären der Ostsee einte die Wikinger die gemeinsame Sprache, und sie hatten ähnliche religiöse Vorstellungen. Waren mutige Krieger und hervorragende Schiffskonstrukteure, geniale Seeleute und kluge Händler. In einer Zeit, als man nur eine vage Vorstellung von der Gestalt Europas, geschweige denn von anderen Teilen der Welt hatte, fuhren sie den norwegen (Nordweg) entlang in arktische Gewässer, über den Atlantik bis nach Grönland und landeten als erste Europäer um 1000 in Amerika, an der Küste Neufundlands. Sie kolonisierten Island und andere Inseln im Nordatlantik. Mit ihren Schiffen gelangten sie durch die Straße von Gibraltar ins Mittelmeer, über die Flüsse Russlands bis zum Schwarzen Meer. Trieben Handel mit Samarkand im heutigen Usbekistan, wo es Anschluss an die Seidenstraße nach China gab.

Karl der Große herrschte über halb Europa. Doch seine Macht endete am Danewerk, dem Grenzwall der Wikinger bei Haithabu.

Beim Schiffbau knüpften sie an alte nordische Traditionen an. Aus Südeuropa übernahmen sie das Segel und überwanden große Entfernungen, indem sie sich an der Sonne und den Wellen, am Vogelflug und an Landmarken orientierten. Die rekonstruierten Überreste der 37 Meter langen „Roskilde 6“, ihres größten je gefundenen Schiffs, Waffen und Schmuck werden vom 10. September an in der Ausstellung „Die Wikinger“ im Berliner Martin­ Gropius­Bau zu sehen sein.

Im späten 8. Jahrhundert legten Wikinger am Ende der Schlei, einem 42 Kilometer langen Meeresarm im Süden der Halbinsel Jütland, einen Hafen und Handelsplatz an und nannten ihn Haithabu, frei übersetzt: Siedlung auf der Heide. Der Ort war geschickt gewählt: Für die Nordsee bestimmte Waren mussten von hier nur 18 Kilometer über Land bis zum Flüsschen Treene transportiert werden und von dort per Schiff an die Westküste. In einer Zeit, als es weder Straßen noch den Nord­Ostsee­Kanal gab, ersparte das die lange Passage durch das Kattegat und den Skagerrak oder durch den Limfjord in Nordjütland. Haithabu wurde zum bedeutendsten Knotenpunkt des Fernhandels.

Die Siedlung ist längst Geschichte, doch ein Museum erinnert heute an ihre große Zeit. Ein Modell zeigt, wie sie aufgebaut war. An gut 20 Brücken, die bis zu 50 Meter weit ins Wasser ragten, wurden die Handelsschiffe be­ und entladen. Die Archäologen fanden hier zudem die Überreste eines um 982 gebauten, 31 Meter langen, besonders eleganten und schnellen Kriegsschiffs – das sogenannte „Wrack 1“ –, mit dem wohl Harald Blauzahn und später sein Sohn Sven Gabelbart ihren südlichen Vorposten besucht hatten.

Entlang einem Hauptweg aus Bohlen parallel zum Ufer und der Gassen standen gedrungene Häuser, in denen Metallgießer, Goldschmiede, Drechsler und Weber ihrer Arbeit nachgingen. Forschungen ergaben, dass die Stadt rasch wuchs und schließlich eine Fläche so groß wie 36 Fußballfelder umfasste. Bis zu 1500 Menschen könnten hier gelebt haben.

Aus dem Norden kamen Holz, Walrosselfenbein, Speckstein, Felle und Pelze nach Haithabu. Die Ware wurde direkt am Anleger gegen Tuche, Glas, Schmuck, Seide, Gewürze und Silber aus dem Orient verhandelt, die über Zwischenhändler im heutigen Russland an die Schlei gelangten. Viele Rohstoffe verarbeiteten die Handwerker am Ort weiter. «Es war laut, und es hat wohl ziemlich gestunken von all dem Abfall und den Fäkalien», sagt die Museumsleiterin Ute Drews.

Schon früh kamen auch Missionare nach Haithabu. Von etwa 850 an gab es eine christliche Kirche, wie üblich wohl etwas außerhalb des Handelsplatzes. Sie diente der Missionierung, und wie die Seemannskirchen unserer Zeit war sie auch ein Anlaufpunkt für Reisende.

Die Wikinger galten Fremden gegenüber als tolerant und gestatteten christlichen Mönchen, auf ihrem Gebiet zu missionieren. An langen Winterabenden erzählten die Skalden, ihre Dichter und Sänger, aber noch lieber vom Reich der Riesen und den Göttern, deren Mächtigster Odin mit seinem achtbeinigen Pferd Sleipnir war. Von der Erde Midgard, wo die Menschen lebten (Vorlage für Tolkiens „Mittelerde“ in „Der Herr der Ringe“), von der Welt der Götter Asgard und von Utgard, wo die Mächte der Finsternis leben.

Gewiss berichteten sie auch von Walhall, wohin mutige, im Kampf gefallene Krieger gebracht wurden, und vom Totenreich Hel. Den Weg dorthin legten die Verstorbenen in prachtvollen Schiffen zurück; die bekanntesten fanden Archäologen in den Grabhügeln von Gokstad und Oseberg nahe Oslo in Norwegen. Oder die Toten reisten in symbolischen Schiffen, deren Umrisse mit Feldsteinen auf Gräberfeldern nachgezeichnet sind, etwa in Lindholm Høje nahe dem dänischen Limfjord: eine phantastische Anlage, als sei eine ganze Flotte von Schiffen gestrandet und zu Stein geworden.

Der Jenseitsglaube der Christen, die Idee der Erlösung, war den Wikingern fremd. Ihnen ging es nicht um die unsterbliche Seele. «Es spielte keine Rolle, ob man im Diesseits ein guter oder ein böser Mensch gewesen war. Es ging darum, dass man einen guten Ruf erworben hatte und dass die gute Nachrede nach dem Tod erhalten blieb», sagt der Skandinavist Rudolf Simek von der Universität Bonn. Auch deshalb waren Begräbnisse ein großes, nachwirkendes Ereignis. Was man an Bord der Totenschiffe brachte, vergaßen die Trauernden nie, und die Verstorbenen blieben für immer in Erinnerung.

Der Jenseitsglaube der Christen war den Wikingern fremd. Ihnen ging es nicht um die unsterbliche Seele, sondern einzig
um gute Nachrede.

In dieser Vorstellungswelt wuchs Harald Blauzahn auf: in einer Gesellschaft allerdings, die sich schon für die neue, allmählich in ihre heidnischen Vorstellungen eingeflossene Religion geöffnet hatte. Die Wikinger waren bereit, sich zu Christus zu bekennen, wenn er ihnen einen Vorteil gegenüber den hergebrachten Gottheiten versprach – oder wenn Odin und Thor sie im Stich gelassen hatten.

Harald Blauzahns Vater Gorm hatte sich gegen konkurrierende regionale Herrscher durch gesetzt und Mitte des 10. Jahrhunderts in Mitteljütland, etwa 150 Kilometer nördlich von Haithabu, ein zentrales Königtum geschaffen, in dem erstmals die Macht vererbt wurde. Wahrscheinlich regierten Gorm und sein Sohn von 936 an etwa zwei Jahrzehnte lang gemeinsam.

Harald war um die 18, als er bei einem Treffen mit Unni, dem missionarischen Erzbischof von Hamburg-Bremen, erstmals mit dem Christentum in Berührung kam. Gorm stand der Religion eher ablehnend gegenüber, doch sein Sohn war Berichten von Mönchen zufolge aufgeschlossener und erlaubte Unni, Gottesdienste abzuhalten. Wahrscheinlich auch, weil er die Bedrohung aus dem Süden richtig einschätzte: Der römisch-deutsche Kaiser Otto I. war entschlossen, das Wort Jesu bei den Heiden auch mit Gewalt durchzusetzen. Das entsprach nicht nur dem Selbstverständnis des christlichen Kaisers, sondern sollte ihm politischen und wirtschaftlichen Einfluss sichern.

Niemand weiß, wie Harald Blauzahn aussah noch wie er als Mensch war. Es gibt keine Bildnisse von ihm außer auf Goldreliefs aus der Kirche von Tamdrup in Jütland, die ihn bei seiner Taufe durch den Priester Poppo zeigen. Unklar ist auch, wie er zu seinem Beinamen kam. Möglich, dass er einen toten und dadurch dunklen Zahn hatte. Oder ließ er sich – wie es Mode war – seine Zähne abfeilen und färben?

Unter Harald Blauzahn ließen die Raubzüge von Dänemark aus nach. Wie üblich reiste der Herrscher aber durch sein Reich, um Macht zu demonstrieren und lokale Häuptlinge an sich zu binden. Gewiss pflegte er Kontakte ins Ausland. Seine Frau stammte aus der slawischen Region der Ostseeküste. Wahrscheinlich kannte er entweder aus eigener Anschauung oder aus Berichten seiner Gesandten auch die prachtvollen Kaiserpfalzen in Ingelheim und Paderborn, den Aachener Dom und andere Kathedralen. Denkbar, dass er einen Lebensstandard wie im Süden anstrebte.

Blauzahn wusste, dass er – wie andere europäische Regenten des frühen Mittelalters – mithilfe der Kirche seine Macht sichern und ausbauen konnte. Christlicher Herrscherideologie zufolge regierte ein König von Gottes Gnaden: als sein Stellvertreter auf Erden. «Das Christentum war in Skandinavien schon lange bekannt. Jetzt wurde es auch von der politischen Elite angenommen», sagt Mads Kähler Holst. Er war maßgeblich an der Erforschung von Harald Blauzahns Königshof in Jelling beteiligt: dem Symbol dieser neuen Zeit.

Heute ist Jelling ein Dorf nahe der Stadt Vejle in Mitteljütland. Wer sich dem Ortszentrum nähert, sieht zwei Hügel und zwischen ihnen eine weiße Kirche mit zwei großen Runensteinen vor der Südseite. Daneben erstreckt sich der christliche Friedhof. Erst auf den zweiten Blick erfasst man eine rautenförmige Formation aus weißen Stelen, die den nördlichen Teil von Jelling umschließt und auf der anderen Seite mitten durch das Dorf schneidet. Sie wurde 2013 genau dort errichtet, wo Harald Blauzahn seinen Königshof durch ein gewaltiges Bauwerk begrenzt hatte. Den Ort hatte er geschickt gewählt: unweit des Meeresarms Lillebælt, direkt am Ochsenweg, dem bedeutenden Handelsweg von Nordjütland bis zur Elbe, aber in sicherer Entfernung zum feindlich gesinnten römisch-deutschen Kaiser.

In Jelling wird schon seit zwei Jahrhunderten geforscht. Archäologen öffneten die beiden Hügel, unter denen sie Bestattungen vermuteten. Doch das Grab im 8,50 Meter hohen Nordhügel erwies sich als schon geplündert, und im elf Meter hohen Südhügel war überhaupt kein Grab angelegt. Unterhalb der Kirche entdeckten die Forscher aber die Überreste eines Mannes. Lange Zeit nahmen sie an, dies sei König Gorm, der nach Harald Blauzahns Übertritt zum Christentum von seinem Sohn aus dem heidnischen Nordhügel hierher umgebettet worden sein soll. Das ist heute umstritten. Wessen Knochen es sind, bleibt ein Rätsel.

Vor allem lenken zwei Runensteine vor der Kirche den Blick auf sich. Der größere hat drei Seiten. Eine zeigt einen heraldischen Drachen oder Hirsch im Kampf mit einer Schlange. Auf der zweiten sieht man Jesus: nicht am Kreuz, sondern aufrecht in Ranken hängend. Und über alle Seiten zieht sich in Runenschrift der Satz: „König Harald gebot, dieses Denkmal zu machen im Andenken an Gorm, seinen Vater, und Thyra, seine Mutter. Jener Harald, der ganz Dänemark und Norwegen für sich gewann und die Dänen zu Christen machte.“

Harald Blauzahn ließ diesen Runenstein zum Gedenken an seine Eltern aufstellen. Heute gilt er als Monument einer neuen Epoche. Es verbindet traditionelle Wikingerkunst mit christlichen Symbolen, bezieht sich auf Tradition und ruft gleichzeitig das Christentum als neue Staatsreligion aus.

Der Stein von Jelling ist das Taufzeugnis einer neuen Nation.

Vor wenigen Jahren stießen die Archäologen bei Grabungen auf Feldsteine, die auf einer Achse mit beiden Grabhügeln lagen. Die Forscher nahmen an, dass sie mit der Anlage in Zusammenhang standen. Doch erst geomagnetische Messungen, die Strukturen im Erdreich sichtbar machen, brachten sie auf eine Spur, die durch Ausgrabungen bestätigt wurde. «Wir hatten im Umkreis von zehn Kilometern nach dem Königshof gesucht – und plötzlich war er da, direkt vor unseren Füßen», sagt Mads Kähler Holst. Die Dimension der Anlage zeigt eine im Norden nie gewesene Demonstration von Macht, Präzision in der Planung und Monumentalität.

Die Forscher fanden heraus, dass die beiden Hügel, die zwischen ihnen aufgestellten Runenteine und die erste Kirche an dieser Stelle von einer Schiffssetzung umgeben waren: einem aus Findlingen nachgebildeten Schiffsrumpf für die Reise von Verstorbenen nach Walhall. Länge: 350 Meter. Seine Mittelachse lief exakt durch die Grabkammer des Nordhügels. Dieses Ensemble wurde mit einer gewaltigen Palisade geschützt. Seitenlänge: 360 Meter, gebaut aus 25 bis 40 Zentimeter dicken Eichenstämmen, die vermutlich bis zu vier Meter aus dem Boden ragten. Sie war in Rautenform so angelegt, dass ihre Diagonalen exakt im Nordhügel zusammentrafen und dort ein Kreuz bildeten – auch dies wohl eine Verbindung von heidnischer und christlicher Symbolik. Nach bisherigem Stand der Forschung gab es nur einen Eingang in den Bezirk, der insgesamt so groß wie 17 Fußballfelder war. Nahebei fanden die Archäologen die Grundrisse von drei jeweils 27 Meter langen Häusern – aber kein einziges Anzeichen, dass in ihnen Menschen gelebt hatten.

Baumringanalysen der Palisadenstämme ergaben, dass die Anlage um 970 errichtet wurde. Sie war Teil eines einzigartigen Bauprogramms. «Der König plante, wie es die Menschen noch nicht erlebt hatten», sagt Mads Kähler Holst. «Ich glaube, dass er ein Perfektionist war – und ein kluger Manager der von ihm angestoßenen Veränderungen.»

Und er wusste sich zu inszenieren. Das muss er von den Herrschern im Süden gelernt haben, die an ihren Pfalzen und bei Auftritten in Kathedralen regelmäßig demonstrierten, wer die Macht im Land hatte.

Einige Jahre nach seiner Taufe, so wissen Archäologen und Historiker, lud Harald Blauzahn die Häuptlinge und anderen Anführer aus seinem Reich nach Jelling ein, um sie auf die neue Zeit einzuschwören. Dazu Herrscher und Delegationen aus dem Ausland, um sie zu beeindrucken und für sich zu gewinnen. Im Zentrum der Zeremonien stand der Runenstein.

Viele Gäste kamen von weither und reisten von Süden über den Fluss Vejle an. Wer den Anstieg zum Königssitz geschafft hatte, stand nun staunend vor der monumentalen Palisade. Eingelassen wurde nur, wer auf der Gästeliste stand. «Die Leute werden sich herausgeputzt haben. Ich stelle mir vor, dass sie farbenfrohe Wollmäntel mit Pelzbesatz, dazu gewebte Bänder aus Seide mit Gold­ und Silberfäden trugen, die im Sonnenlicht glänzten», sagt Anne Pedersen vom Dänischen Nationalmuseum in Kopenhagen. «Alle wollten sich und ihren Reichtum präsentieren. Wahrscheinlich hat Harald Blauzahn eine Rede gehalten, vermutlich gab es Gesprächsrunden wie auf einem Gipfel­ treffen in heutiger Zeit. Wer wichtig war, durfte sich um die Mächtigen scharen. Davon erzählten die Leute zu Hause: Wer dabei war und wer neben wem gestanden hatte.»

Das Christentum sicherte Harald Blauzahn die Herrschaft – und die Anerkennung der anderen europäischen Königshäuser.

Aussenpolitisch sicherte das Christentum Harald Blauzahn die Anerkennung europäischer Königshäuser – und innenpolitisch die Macht. Die Kirchenverwaltung stellte dem König ihre Schreibkundigen zur Verfügung, half Steuern einzutreiben sowie ein neues Wirtschaftssystem aufzubauen. Und das Hacksilber – von einem Barren abgeschlagenes und gewogenes Silber – und zerstückelte Münzen als Zahlungsmittel durch Geld zu ersetzen.

Harald Blauzahn zeigte nun Stärke. Jeder sollte sehen, wozu er, wozu ein christlich legitimiertes, zentrales Königtum fähig war. Er baute die Grenzbefestigung des Danewerks aus; so hoffte er, seinen neuen Gegenspieler, den römisch­deutschen Kaiser Otto II. fernzuhalten (was ihm bis auf ein kurzes Zwischenspiel gelang, als dieser 974 Haithabu besetzte). Er ließ Straßen anlegen, errichtete Bauwerke wie die 700 Meter lange zweispurige Ravning­Enge­Brücke über den Fluss Vejle bei Jelling. Im Gebiet zwischen Aggersborg in Nordjütland und Schonen im heutigen Südschweden schuf er fünf gewaltige Ringwallanlagen, die Trelleborgen: alle strategisch gelegen an Hauptwegen, von weitem sichtbar, von der See erreichbar, nie direkt am Wasser. Dort stationierte er Militär.

Else Roesdahl, die Grande Dame der dänischen Wikingerforschung, und ihr junger Kollege Søren Sindbæk von der Universität Aarhus haben die kreisrunden Burgen erforscht. In einem Lagerraum des Museums in Moesgård zeigt Roesdahl ein Modell der Aggersborg, die Harald Blauzahn am Limfjord bauen ließ. Die Anlage folgt einem ausgeklügelten geometrischen Konzept. Es gibt vier Tore. Die beiden von dort ausgehenden Hauptwege bilden in der Mitte ein Kreuz, genau wie die Diagonalen der Palisadenraute in Jelling. So entstanden vier „Tortenstücke“, in denen symmetrisch drei Höfe mit jeweils vier Häusern angeordnet waren – und zwar immer vom gleichen Typ, mit einem Dach, das an einen umgedrehten Schiffsrumpf erinnert. «Es war das Fertighaus der Wikinger: rasch zu bauen, leicht aufzustellen», sagt Else Roesdahl.

Die Trelleborgen waren alle nach dem gleichen Muster geplant und wurden weiterentwickelt, mit größerem Erdwall, besseren und sicheren Häusern. Wie schon beim Bau des Königshofs in Jelling waren große Ressourcen und viele Hände nötig. Sören Sindbæk hat ausgerechnet, dass für die Wälle bis zu 15.000 Kubikmeter Erdreich aufgeworfen wurden – damit könnte man bis zu 30 moderne Frachtwaggons füllen. Für Palisaden, Häuser und Wege wurden rund tausend Eichen gefällt und zugerichtet. Das war nur mithilfe lokaler Häuptlinge möglich, mit denen Harald Blauzahn auch weiterhin Allianzen schmieden musste, um seine Macht zu sichern. Und durch Einberufung von Männern zu Frondiensten.

Wie alle anderen Bauten folgte auch die Konstruktion der Trelleborgen einem Masterplan und einem ausgeklügelten geometrischen Konzept. Die Ringanlage in Fyrkat auf halbem Weg zwischen Aarhus und Aalborg hat einen Durchmesser von 120 Metern, die Aggersborg am Limfjord maß 240 Meter, der Palisadenzaun von Jelling hatte eine Seitenlänge von 360 Metern.

«Harald Blauzahn drückte damit wohl seinen Wunsch nach Ordnung aus», nimmt Søren Sindbæk an.

«Nichts war dem Zufall überlassen», sagt Jörn Staecker, der Wikingerexperte aus Tübingen. «Das alles hatte nur eine Botschaft: ‹Ich bin mächtig›», fügt Anne Pedersen hinzu.

Harald Blauzahns Sohn nahm die Raubzüge wieder auf und rüstete gegen England. Aber die alte Zeit der Wikinger war vorbei.

Archäologen haben kürzlich mehrere Skelette vom Gräberfeld der Ringwallanlage Trelleborg im Westen der Insel Seeland untersuchen lassen um herauszufinden, woher die dort Bestatteten stammen. Bei der sogenannten Isotopenanalyse stellte sich heraus, dass die Hälfte der Verstorbenen nicht aus Dänemark, sondern unter anderem aus slawischen Gebieten entlang der südlichen Ostsee kam. Jörn Staecker schließt nicht aus, dass es sich um Söldner aus Jomsburg (dem heutigen Wollin an der Odermündung) handelte, aus denen Harald Blauzahn seine als Jomswikinger bekannte Leibgarde rekrutiert hatte. «Der König konnte sich wohl nicht mehr auf seine eigenen Leute verlassen und brauchte deshalb diese Elitetruppe», sagt er.

Zwei Jahrzehnte hatte Blauzahn seit seiner Taufe regiert. Verließ ihn nun seine Gefolgschaft? Archäologische Funde deuten darauf hin, dass es Kämpfe gab. Erneuerer gegen Bewahrer? Hatte der König sein Volk überfordert? Wollte es die Steuerlast nicht mehr ertragen, um Straßen und Festungen zu finanzieren?

«Sie hatten offenbar genug von ihm», sagt Else Roesdahl.

Auch sein Sohn Sven Gabelbart wandte sich gegen ihn. Ein Vater­Sohn­Konflikt, wie es ihn in der Geschichte immer mal gab? Wollte Sven Gabelbart das Christentum wieder abschaffen? Überliefert ist, dass Harald Blauzahn in einer Schlacht schwer verletzt und dann ins Exil nach Jomsburg gebracht wurde. Dort konnte er sich noch sicher fühlen. Am 1. November 987 starb er. Sein Leichnam wurde wahrscheinlich in die Trinitatiskirche nach Roskilde überführt.

Um diese Zeit brannte die Palisade in Jelling nieder, so zeigen es Aschespuren im Erdreich. Blauzahns prächtige Anlage – dem Erdboden gleichgemacht.

Der neue König war ein Krieger alten Typs. Sven Gabelbart nahm die Raubzüge der Wikinger wieder auf. Zusammen mit seinem norwegischen Verbündeten, dem König Olaf Tryggvason, richtete er sich vor allem gegen England, zwei bis drei Tagesreisen über die Nordsee. Er verlangte dort immer höhere Abgaben, eroberte weite Gebiete, trieb den König Æthelred in die Flucht. 1013 bestieg er den englischen Thron. Nach seinem Tod schuf sein Sohn Knut der Große das sogenannte Nordseereich. Es schloss England, Dänemark sowie weite Teile Norwegens und Schwedens ein und erhielt erstmals eine gemeinsame Währung. 1035 wurde Knut in einer christlichen Kirche, der Kathedrale von Winchester, beigesetzt. Sieben Jahre später endete die Dänenherrschaft in England.

Um diese Zeit setzte sich das Christentum in ganz Skandinavien durch und wurde zur Staatsreligion der entstehenden Königreiche Norwegen und Schweden. Manche Wikinger benutzten neben den christlichen weiterhin die heidnischen Symbole – aber schon bald wurden die Gräberfelder der alten Zeit aufgegeben und die Menschen auf christlichen Friedhöfen bestattet.

Auch die Raubzüge waren endgültig vorbei.

Haithabu blieb noch einige Jahrzehnte lang ein bedeutender Handelsplatz. In einem von der Volkswagenstiftung unterstützten Projekt erforschen Wissenschaftler des Archäologischen Landesmuseums Schloss Gottorf in Schleswig zurzeit die letzten Jahre der Siedlung und den Übergang zur mittelalterlichen Stadt Schleswig am anderen Ufer der Schlei. Sie wissen zwar, dass der Hafen von Haithabu zunehmend verlandete und es immer aufwendiger wurde, Brücken für die Schiffe zu bauen. Archäologische Funde deuten allerdings darauf hin, dass dort noch bis Mitte des 11. Jahrhunderts Handel getrieben wurde und Handwerker tätig waren.

Dann kam das Schicksalsjahr 1066.

Slawische Truppen brannten Haithabu nieder. Erst danach, so haben jüngste Forschungen er geben, wurde in Schleswig die Hafenanlage konstruiert: als neues Logistikzentrum zwischen Ostsee und Nordsee. «Schleswig wurde zum Bischofssitz und zur christlichen Civitas, wie weiter im Norden schon Roskilde und Lund», sagt der Projektleiter Volker Hilberg. Und es übernahm die Rolle des Fernhandelsplatzes.

1066 besiegte auch Wilhelm der Eroberer aus der Normandie, ein Nachfahr von Wikingern, in der Schlacht von Hastings den englischen König Harold Godwinson und begründete das normannische Königshaus.

Für Historiker endet mit diesem Jahr das Zeitalter der Wikinger.

Deren großer König Harald Blauzahn gilt in Dänemark heute als Staatengründer, Jelling ist ein nationales Monument. Als die Nachbildung der Palisade mit den weißen Stelen im September 2013 eingeweiht wurde, ließ es sich Königin Margrethe nicht nehmen, persönlich nach Jütland zu reisen.

Eine letzte große Ehre für Harald Blauzahn, mehr als tausend Jahre nach seinem Tod.

(NG, Heft 9 / 2014, Seite(n) 38 bis 67)

Wei­ter­le­sen