Geschichte und Kultur

Zeit der Zweifler

Die Skepsis gegenüber der Wissenschaft nimmt zu, Verschwörungstheorien verbreiten sich immer schneller. Was bewegt vernünftige Menschen dazu, der Vernunft zu misstrauen?

Von Joel Achenbach
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Zeit der Zweifler

Es gibt da diese Szene in Stanley Kubricks meisterhafter Filmsatire „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“. Der geistesgestörte Air­Force-­General Jack D.Ripper, der einen Atomangriff auf die Sowjetunion befohlen hat, erklärt dem verängstigten Offizier Lionel Mandrake, warum er nur destilliertes Wasser und medizinischen Alkohol trinkt.

Ripper: „Haben Sie schon mal was von Fluoridierung gehört? Fluoridierung von Wasser?“
Mandrake: „Äh, ja, doch, ich hab davon gehört, Jack. Ja, doch.“
Ripper: „Wissen Sie auch, was das ist?“
Mandrake: „Nein. Nein, was das ist, weiß ich nicht, nein.“
Ripper: „Dann wussten Sie also nicht, dass Fluoridierung das teuflischste und gefährlichste kommunistische Komplott ist, dem wir ausgesetzt sind?“

Der Film ist aus dem Jahr 1964. Damals war der gesundheitliche Nutzen der Fluoridierung von Trinkwasser bereits ausgiebig belegt und eine solche Verschwörungstheorie komödientauglich. Ist es dann nicht seltsam, dass ein halbes Jahrhundert später in einer aufgeklärten Gesellschaft Fluoridierung immer noch Angst, ja Paranoia auslöst? In den USA , in Portland, Oregon, einer der wenigen amerikanischen Großstädte ohne fluoridiertes Trinkwasser, wurden im Jahr 2013 entsprechende Pläne der Stadtverwaltung abgeschmettert. Die Gegner störten sich daran, dass ihrem Wasser per behördlicher Verordnung „Chemikalien“ zugesetzt werden sollten. Fluorid, behaupteten sie, sei potenziell gesundheitsschädlich.

Dabei ist Fluorid ein natürliches Mineral, das in den geringen Konzentrationen, in denen es dem Leitungswasser zugesetzt wird, den Zahnschmelz härtet und Karies vorbeugt – eine kostengünstige und sichere Maßnahme zur Förderung der Gesundheit für alle. Darin sind sich Wissenschaftler und Mediziner einig. Doch Anti­-Fluorid-­Aktivisten auf der ganzen Welt erwidern: Das glauben wir euch nicht!

Wir leben in einer Zeit, in der wissenschaftliche Erkenntnisse aller Fachrichtungen – von der Unbedenklichkeit von Fluoriden und Impfstoffen bis zur Realität des Klimawandels – auf organisierten und oft wütenden Widerstand stoßen. Dem Konsens der Experten haben die Zweifler den Krieg erklärt – sie stützen sich auf ihre eigenen Informationsquellen und ihre eigenen Interpretationen von Forschungsergebnissen. Es gibt heute so viele Kontroversen, in Büchern, in Artikeln, auf akademischen Kongressen, dass man meinen könnte, eine böse Macht hätte tatsächlich etwas ins Wasser gemischt, das die Leute streitlustig macht.

Es gehört sogar zur Popkultur, der Wissenschaft nicht zu glauben. Der Science-­Fiction-­Film „Interstellar“, der im vergangenen Herbst in die Kinos gekommen ist, spielt in einem totalitären Amerika, die Raumfahrtbehörde Nasa muss im Untergrund operieren, und in den Schulbüchern steht, dass die „Apollo“-­Mondlandung gar nicht stattgefunden habe.

Unser Leben wird bestimmt von Wissenschaft und Technik. Für viele ist diese neue Welt faszinierend und bequem, sie nützt uns – aber sie ist auch kompliziert und manchmal nervenaufreibend. Sie steckt scheinbar voller Risiken, die wir nicht mehr so leicht überschauen können.

Da sagen uns etwa Experten, dass wir gentechnisch veränderte Nahrungsmittel ohne Sorge verzehren können, weil bisher keine Belege für eine Bedenklichkeit gefunden wurden. Und auch nicht dafür, dass es gefährlicher ist, Gene im Labor zu modifizieren, als sie durch Zucht neuer Pflanzen zu verändern, wie wir es seit eh und je machen. Doch manche halten Gentechnik für ein Experiment amoklaufender Wissenschaftler. „Frankenfood“ nennen sie gentechnisch manipulierte Lebensmittel, in Anlehnung an Mary Shelleys „Frankenstein“.

Die Welt ist voller realer und eingebildeter Gefahren, und es ist nicht leicht, die einen von den anderen zu unterscheiden. Sollten wir uns Sorgen machen, dass das Ebola-­Virus, das nur durch direkten Kontakt mit Körperflüssigkeiten übertragen wird, zu einer Superseuche mutieren könnte, die sich über die Luft ausbreitet?

Dem wissenschaftlichen Konsens zufolge ist das höchst unwahrscheinlich: Bei keinem Virus ist je beobachtet worden, dass es seinen Übertragungsweg auf den Menschen grundlegend ändert. Nichts deutet darauf hin, dass es sich beim aktuellen Ebola­-Stamm anders verhalten könnte. Wer aber „Luftübertragung Ebola“ in eine Internet­-Suchmaschine eintippt, der öffnet die Tür in eine Horrorwelt, in der dieses Virus nahezu übernatürliche Fähigkeiten besitzt, darunter auch die, uns alle umzubringen.

TED-Video: Der Autor Michael Specter fragt sich, warum immer mehr Menschen den wissenschaftlichen Fortschritt fürchten, anstatt sich darüber zu freuen.

https://embed-ssl.ted.com/talks/michael_specter_the_danger_of_science_denial.html

In unserer verwirrenden Zeit müssen wir entscheiden, was wir glauben wollen. Dazu haben wir die Wissenschaft. „Wissenschaft ist nicht einfach nur eine Sammlung von Fakten“, sagt die Geophysikerin Marcia McNutt. Sie hat einst den Geologischen Dienst der USA geleitet und ist jetzt Chefredakteurin des renommierten Wissenschaftsmagazins Science. „Wissenschaft ist eine Methode herauszufinden, ob das, wovon wir überzeugt sein wollen, den Naturgesetzen entspricht oder nicht.“ Aber für die meisten von uns ist diese Vorgehensweise nicht selbstverständlich. Und darum geraten wir immer wieder in Schwierigkeiten.

Es ist eine Zwickmühle mit langer Geschichte. Die Erkenntnisse, die wir durch wissenschaftliche Methodik gewinnen, sind nicht unbedingt leicht nachvollziehbar, oft schier unglaublich und manchmal schwer verdaulich. Als Galilei Anfang des 17. Jahrhunderts behauptete, dass sich die Erde um die eigene Achse drehe und um die Sonne kreise, verwarf er nicht nur die Lehre der Kirche. Er verlangte, dass die Leute etwas glauben, das dem gesunden Menschen­ verstand widerstrebt – denn dem bloßen Anschein nach läuft die Sonne um die Erde, und die Erdumdrehung spürt man nicht. Galilei wurde vor Gericht zum Widerruf gezwungen.

200 Jahre später entging Charles Darwin diesem Schicksal. Doch seine Theorie, dass alles Leben auf der Erde von einer Urform abstammt und dass wir Menschen eng verwandt mit Affen sind – und entfernt sogar mit Walen und Weichtieren aus der Tiefsee –, ist für viele auch heute noch kaum zu glauben. So verhält es sich auch mit einer anderen Theorie, die bereits im 19. Jahrhundert entstanden ist: dass sich Kohlendioxid, ein unsichtbares Gas, das wir ständig ausatmen und das weniger als ein Promille der Erdatmosphäre ausmacht, auf unser Klima auswirken könnte.

Selbst wenn wir diese wissenschaftlichen Erkenntnisse auf rationaler Ebene akzeptieren: Unbewusst halten wir an unseren Intuitionen fest – an unserem kindlichen Denken, den so­ genannten Naiven Theorien. Kürzlich wurde am Occidental College in Los Angeles eine Studie dazu durchgeführt. Studenten mit guter naturwissenschaftlicher Schulbildung sollten ankreuzen, ob der Mensch von Meerestieren abstammt oder ob sich die Erde um die Sonne dreht. Beide Aussagen widersprechen der Intuition. Selbst diejenigen, die „richtig“ ankreuzten, gerieten ins Stocken. Sie brauchten für diese Fragen länger als für andere, etwa ob der Mensch von baum­ bewohnenden Tieren abstammt (auch richtig, aber leichter vorstellbar) oder ob der Mond die Erde umläuft (auch richtig, aber auch intuitiv nachvollziehbar).

Was sagt uns das? Je besser unsere naturwissenschaftliche Bildung ist, desto mehr unterdrücken wir unsere intuitiv erworbenen Ansichten. Doch sie spuken weiter in unserem Kopf herum und funken manchmal dazwischen, wenn wir versuchen, die Welt zu verstehen.

Die meisten von uns verlassen sich dabei eher auf persönliche Erfahrungen und Erzählungen von Menschen, die sie kennen. Nehmen wir an, ein Mann hat einen guten Freund, bei dem durch einen Antigentest tatsächlich Prostatakrebs entdeckt wurde. Dieser Mann wird wo­ möglich genau deshalb all die Studien ignorieren, die vor dem Test warnen, weil er selten Leben rettet, aber häufig unnötige Operationen herbeiführt. Wir vertrauen Geschichten nun mal mehr als Statistiken. Wenn wir von einer Häufung von Krebsfällen in einem Ort mit einer Sondermülldeponie erfahren, nehmen wir automatisch an, die Umweltgifte seien die Ursache dafür, denn diese Verbindung scheint uns vertraut. Aber wenn zwei Dinge gleichzeitig auftreten, heißt das noch lange nicht, dass das eine das andere verursacht hat; außerdem kann die Häufung bestimmter Vorkommnisse zufällig sein.

Mit Zufall können wir schlecht umgehen; unser Gehirn lechzt nach System, nach Mustern, die es einordnen kann. Und wie die Wissenschaft zeigt, neigt es dabei manchmal zur Selbsttäuschung. Um zwischen der Deponie und der Krebshäufigkeit mit einiger Sicherheit einen Zusammenhang herstellen zu können, ist eine statistische Analyse notwendig, die zeigt, dass die Zahl der Krebserkrankungen deutlich höher ist als üblicherweise zu erwarten, und es braucht Beweise, dass die Erkrankten mit Chemikalien aus der Deponie in Berührung kamen und die Chemikalien krebserregend sind.

Selbst Wissenschaftlern unterlaufen sogenannte Bestätigungsfehler: Auch sie neigen dazu, nur Beweise wahrzunehmen, die unter­mauern, was sie ohnehin angenommen haben. Deshalb müssen ihre Ergebnisse vor der Veröffentlichung von einem unabhängigen Gutachter beurteilt werden (Peer­-Review). Wissenschaftliche Erkenntnisse sind immer vorläufig und können durch ein neues Experiment oder eine neue Beobachtung hinfällig werden. Ganz selten sprechen Wissenschaftler von absoluter Wahrheit oder absoluter Gewissheit. In den Grenzbereichen unseres Wissens gibt es immer auch Zweifel.

Manchmal werden Wissenschaftler auch in der Wahl ihrer Methoden den eigenen Idealen nicht gerecht. Vor allem in der biomedizinischen Forschung gibt es die besorgniserregende Entwicklung, dass Ergebnisse außerhalb des Labors, in dem sie erzielt wurden, nicht reproduziert werden können. Francis Collins, Direktor der Nationalen Gesundheitsinstitute in den USA, spricht von einer „geheimen Sauce“, wenn er über die mangelnde Transparenz so mancher Studie klagt: Spezialisierte Verfahren werden angewandt, unterstützt von maßgeschneiderter Software, all das unter Beigabe seltsamer Zusatzstoffe. Welche genau, bleibt das Geheimnis der jeweiligen Forscher. Dennoch ist Collins von einem Grundvertrauen beseelt: „Die Wissenschaft findet die Wahrheit“, sagt er. „Vielleicht irrt sie beim ersten Mal und vielleicht auch beim zweiten, aber letztlich findet sie die Wahrheit.“

Doch selbst wenn unter Forschern keine Zweifel mehr bestehen: Geglaubt wird ihnen deshalb noch lange nicht. Besonders deutlich und bedrohlich wird das, wenn man beim Thema Klimawandel auf die USA blickt. In seinem fünften Bericht hat der Klimarat IPCC der Vereinten Nationen im vergangenen Herbst deutlicher als je zuvor dargelegt, wie sehr sich Wissenschaftler aus aller Welt einig sind: Die Temperatur an der Erdoberfläche ist in den vergangenen 130 Jahren um 0,85 Grad gestiegen; und seit Mitte des 20. Jahrhunderts sind menschliche Aktivitäten wie das Verbrennen fossiler Brennstoffe mit größter Wahrscheinlichkeit die Hauptursache dafür. Dennoch zweifeln insbesondere viele Amerikaner an diesen Ergebnissen. Manche glauben sogar, Klimaaktivisten nutzten das Drohszenario einer Erderwärmung für einen Generalangriff auf die Industriegesellschaft.

Ein Drittel der Amerikaner ist der Auffassung, dass der moderne Mensch schon seit Anbeginn der Zeit existiert.

Dass sich Hunderte Wissenschaftler aus aller Welt zu einem groß angelegten Schwindel zusammentun würden, ist absurd – Forscher lieben es, einander zu widersprechen. Aber es liegt auch auf der Hand, dass in den USA Organisationen, die von der fossilen Brennstoffindustrie mitfinanziert werden, bewusst die Skeptiker unterstützt haben, um die Öffentlichkeit zu verunsichern. Offenbar mit Erfolg: Laut der jüngsten Umfrage des Pew Research Center in Washington, D.C., glauben nur 40 Prozent der Amerikaner, dass menschliches Handeln die Hauptursache für die Erderwärmung ist, ein wesentlich niedrigerer Anteil als in vielen anderen Ländern der Welt.

Es gibt zahlreiche Studien, die untersuchen, wie Menschen zu ihren Glaubenssätzen kommen – und warum sie dabei oft wissenschaftliche Erkenntnisse ignorieren. In einem von Dan Kahan von der Yale-­Universität durchgeführten Projekt sollten 1540 Amerikaner die Gefahr des Klimawandels auf einer Skala von null bis zehn einschätzen. Kahan verglich diese Werte mit dem Grad ihrer naturwissenschaftlichen Bildung. Das Ergebnis: Mehr Wissen ging mit ausgeprägteren Meinungen einher – an beiden Enden des Spektrums. Das heißt, naturwissenschaftliche Bildung führt beim Thema Klimawandel zu Polarisierung, nicht zu Konsens.

Grundsätzlich gebe es bei den Amerikanern zwei Lager, sagt Kahan. Diejenigen, die eher „egalitär“ und „gemeinschaftlich“ orientiert sind, stehen der Industrie kritisch gegenüber. Sie argwöhnen, die Industrie könnte etwas Gefährliches im Schilde führen, und das müsse man staatlich regulieren. Bei ihnen ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie die Risiken des Klimawandels erkennen. „Hierarchisch“ und „individualistisch“ eingestellte Menschen hingegen sehen es gar nicht gern, wenn sich der Staat in die Angelegenheiten der Industrie einmischt. Sie sind geneigt, Warnungen vor dem Klimawandel zurückzuweisen, weil sie genau wissen, was das nach sich ziehen würde: irgendeine Steuer oder eine Maßnahme zur Reduzierung der Emissionen.

Der Klimawandel ist in den USA zur Gretchenfrage geworden. Es geht dabei, allgemein gesagt, vor allem darum, wie wir sein wollen, zu welcher Gruppe wir gehören wollen. Ein hierarchisch strukturierter Individualist, sagt Kahan, hat gute, persönliche Gründe, den Stand der Wissenschaft zum Klimawandel zu ignorieren. Was wäre schon, wenn er der Forschung glaubt? Die Welt würde er auch nicht retten. Aber: Er würde sich und seine Gruppe infrage stellen.

Diese Ignoranz ist menschlich. Wissenschaft spricht unsere Ratio an, aber es sind vor allem unsere Gefühle, die unsere Glaubenssätze stützen. Und unsere größte Motivation ist es, uns mit Leuten, die so sind wie wir, gut zu verstehen. „Wir wollen einfach akzeptiert werden“, sagt Science-­Chefin Marcia McNutt, „das Bedürfnis dazuzugehören ist so stark, dass die Werte und Meinungen unserer unmittelbaren Umgebung gegenüber der Wissenschaft immer die Oberhand behalten. Insbesondere, wenn das Leugnen der Wissenschaft mit keinerlei Nachteilen verbunden ist.“

Für Klimawandelskeptiker ist es heute leicht, eigene Informationen und eigene Experten zu finden – das Internet macht es möglich. Die Zeiten sind vorbei, als Universitäten, Enzyklopädien, Nachrichtenagenturen und auch NATIONAL GEOGRAPHIC als Filter für wissenschaftliche Erkenntnisse dienten. Das Internet hat das Wissen demokratisiert, und das ist gut so. Aber genau wie im Kabelfernsehen kann man auch im Internet in einer „Informationsblase“ landen, in der nur noch Nachrichten herumtreiben, die mit den eigenen Ansichten übereinstimmen.

Wie kann man Zweifler umstimmen? Es bringt nichts, sie mit noch mehr Fakten zu bombardieren. Sie müssen es von Leuten hören, denen sie vertrauen, die ihre Werte teilen. Die Amerikanerin Liz Neeley, die bei der Organisation Compass ein Kommunikationstraining für Wissenschaftler anbietet, hat es selbst erlebt. Ihr Vater steht dem Klimawandel skeptisch gegenüber. Er bezieht einen Großteil seiner Informationen aus konservativen Medien. Irgendwann erklärte sie ihm, dass sie den Klimaforschern glaube und viele von ihnen persönlich kenne. „Wenn du meinst, dass ich Unrecht habe“, sagte sie, „dann heißt das, du traust mir nicht.“ Ihr Vater lenkte ein.

Für einen rational denkenden Menschen ist das alles ganz schön entmutigend. Kahan zufolge ist es beinahe nebensächlich, was wir glauben. Viel wichtiger ist, wer sonst noch daran glaubt. Auch Wissenschaftsjournalisten, sagt er, trauten wissenschaftlichen Theorien nicht etwa, weil sie alle Beweise geprüft hätten, sondern weil sie sich in der Welt der Wissenschaft zu Hause fühlen. Als ich Kahan gegenüber erwähnte, dass ich von der Evolutionstheorie überzeugt bin, antwortete er: „Das besagt eigentlich nur etwas über Ihre Persönlichkeit. Es sagt nichts über Ihre Urteilsfähigkeit aus.“

Nur 40 Prozent der Amerikaner glauben, dass menschliches Handeln die Hauptursache für die Erderwärmung ist.

Mag sein – nur hat die Evolution tatsächlich stattgefunden; ohne sie blieben die Entdeckungen der Biologie unerklärlich. Der Klimawandel voll­ zieht sich vor unseren Augen. Impfstoffe retten Leben. Unsere moderne Gesellschaft beruht auf dem, was Forscher herausgefunden haben.

Zweifel an der Wissenschaft haben auch Konsequenzen. Diejenigen – meist gut Gebildeten und Begüterten –, die meinen, dass Schutzimpfungen Autismus auslösen könnten, untergraben mit ihrer Verweigerung auch die „Herdenimmunität“ gegen Krankheiten wie Keuchhusten und Masern. Seit der Veröffentlichung einer Studie in der britischen Fachzeitschrift The Lancet von 1998, in der ein gängiger Impfstoff mit dem Auftreten von Autismus in Verbindung gebracht wurde, hat die Anti­Impf-­Bewegung weltweit starken Zulauf erhalten. Zwar zog die Zeitschrift später die für grob fehlerhaft befundene Studie zurück. Aber der Zusammenhang zwischen Impfung und Autismus wird noch immer propagiert und belegt – durch die „University of Google“, wie die Schauspielerin und Anti­Impf-Aktivistin Jenny McCarthy in einer TV­-Show ihre Quelle nannte.

In der Klimadebatte sind die Auswirkungen des chronischen Zweifelns wahrscheinlich langfristig und global. Zumindest in den USA haben die Erderwärmungs-­Leugner ihr Ziel erreicht und Gesetze zur Emissionsregulierung verhindert. Forschungsergebnisse, die den Klimawandel und seine Gefahren belegen, seien politisch gefärbt, behaupten sie, die Studien würden sich auf Umweltaktivismus statt auf harte Fakten stützen. Das ist nicht wahr, es verunglimpft ehrliche Wissenschaftler. Vielleicht sollten diese sich aus dem Elfenbeinturm hinauswagen und sich in die politischen Debatten einmischen? Doch als Forscher muss man vorsichtig sein. „Vom schmalen Grat zwischen Wissenschaftskommunikation und Interessenvertretung kann man nur sehr schwer wieder in die Wissenschaft zurückkehren“, sagt Liz Neeley.

Außerdem ist gerade ihre Distanz die stärkste Waffe der Forschung; dass uns die Wissenschaft die Wahrheit sagt und eben nicht das, was wir vielleicht gern hören würden. Für manche Leute ist das Dazugehören wichtiger als die Wahrheit, aber für die besten Wissenschaftler ist die Wahrheit wichtiger als das Dazugehören.

Wissenschaftliches Denken muss man lernen, und manchmal wird es einem nicht richtig beigebracht, sagt Marcia McNutt. Wenn sie die Schule verlassen, halten viele die Wissenschaft nur für eine Sammlung von Daten, nicht für eine Methode. Wissenschaftlich zu denken ist nicht im Menschen angelegt. Aber das ist Demokratie genau genommen auch nicht. Den größten Teil der Menschheitsgeschichte hindurch gab es beides nicht. Stattdessen brachten wir uns gegenseitig um, beteten einen Regengott an und machten alles mehr oder weniger so wie unsere Vorfahren, ob recht oder schlecht.

Wir leben in einer zeit rasanter Veränderungen, und das kann manchmal beängstigend sein. Nicht alles ist Fortschritt. Ohne Ameisen und Blaualgen zu nahe treten zu wollen: Unsere Wissenschaft hat uns zu den dominierenden Lebewesen gemacht, und wir sind dabei, den gesamten Planeten zu verändern. Natürlich sollten wir einiges von dem, was Wissenschaft und Technik möglich machen, infrage stellen. „Alle sollten Fragen stellen“, sagt McNutt. „Aber dann sollten sie sich der wissenschaftlichen Methode bedienen – oder aber anderen Leuten, die sich ihrer bedienen, vertrauen.“

Die Fragen werden nicht einfacher werden. Wir müssen noch bessere Antworten finden.

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(NG, Heft 3 / 2015, Seite(n) 38 bis 55)

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