Wie der Plastikstrohhalm die Welt eroberte

… und wie wir ihn aufhalten können. Dienstag, 10. Juli 2018

Von Sarah Gibbens
Bilder Von ANTHONY WALLACE
Plastikstrohhalme in Plastikverpackung in einem Plastikwarengeschäft in Hongkong.

Anfang des Monats wurde Seattle zur größten US-Stadt, die ein Verbot für Plastikstrohhalme ausgesprochen hat.

Und sie ist nicht allein.

Starbucks plant, die kleinen Plastiktrinkröhrchen bis 2020 zu verbannen. McDonalds verkündete vor Kurzem, die Strohhalme in seinen Restaurants im Vereinigten Königreich und der Republik Irland zu verbieten. Bon Appétit Management, ein Gastronomiedienst mit 1.000 Niederlassungen in den USA, verkündete im vergangenen Mai, die Ausgabe von Plastikstrohhalmen allmählich einzustellen. Alaska Airlines wird eine der ersten Fluggesellschaften, die Strohhalme und Rührstäbchen aus Plastik abschaffen wird – nicht zuletzt dank einer umweltbewussten Pfadfinderin.

All diese Unternehmen reagieren auf den zunehmenden Druck der Öffentlichkeit, die das Verbot eines Produktes verlangt, das zwar recht banal scheint, aber verheerende Folgen für unsere Meere hat.

Allein in den USA werden jeden Tag schätzungsweise 500 Millionen Strohhalme benutzt. Eine Studie aus diesem Jahr kam zu dem Schluss, dass an den Stränden unserer Welt bis zu 8,3 Milliarden Plastikstrohhalme liegen.

Dennoch wurde der Plastikstrohhalm zum Fokus aktueller Umweltkampagnen. Das liegt vor allem auch daran, dass die meisten Menschen auch ganz gut ohne Strohhalme durchs Leben kommen könnten. Auf die kleinen Trinkröhrchen zu verzichten, würde also keine dramatische Verhaltensänderung bedeuten.

Aber wenn es so einfach ist, ohne Strohhalme zu leben, wie wurden sie dann überhaupt zu diesem allgegenwärtigen Alltagsgegenstand?

EINE KURZE GESCHICHTE DER TRINKRÖHRCHEN

Plastikstrohhalme sind keine neue Erfindung. Menschen nutzen schon seit Jahrtausenden kleine Röhrchen, um sich Flüssigkeit zuzuführen. Die alten Sumerer – eine der ersten bekannten Zivilisationen, die Bier braute – tauchten lange, dünne Röhrchen aus Edelmetallen in Gefäße, um an die Flüssigkeit zu gelangen, die unter den Nebenprodukten der Fermentation schwamm.

Ein Mann namens Marvin Stone war der erste, der im Jahr 1888 ein Patent für einen Trinkstrohhalm anmeldete. Das Smithsonian Institute zitiert in diesem Kontext eine verbreitete Legende, der zufolge Stone an einem warmen Sommertag 1880 einen Mint Julep trank. Sein Roggenhalm, den er als Strohhalm benutzte, zersetzte sich aber langsam im Glas. Stone, der eine Manufaktur für Zigarettenhalter besaß, war überzeugt, dass er sich etwas Besseres einfallen lassen konnte.

Er wickelte Papierstreifen um einen Bleistift, klebte sie zusammen und hatte somit den ersten Prototyp eines Papierstrohhalms. Stone patentierte sein Design 1888. Zwei Jahre später gingen die Halme in seiner Fabrik Stone Industrial (heute Precision Products Group) in Produktion.

Erst in den 1930ern machten die Strohhalme dann die Biege. Der Erfinder Joseph Friedmann beobachtete, dass seine Tochter Schwierigkeiten hatte, über den geraden Papierstrohhalm an ihren Milchshake zu kommen. Also steckte er eine Schraube in den Strohhalm, wickelte Zahnseide um das Gewinde und zog die Schraube wieder raus. Dank der Einkerbungen konnte man den Strohhalm dann problemlos biegen, ohne dass er brach. Friedmann ließ seine Erfindung patentieren und gründete die Flex-Straw Company, um sein Design auf den Markt zu bringen.

Zu den ersten Kunden der biegsamen Strohhalme gehörten Krankenhäuser. Sie ermöglichten es Patienten, etwas zu trinken, während sie im Bett lagen.

In den folgenden Jahrzehnten fand der beliebte Papierstrohhalm seinen Weg auch in Softdrinks und Milchshakes in den gesamten USA

DER AUFSTIEG DER PLASTIKINDUSTRIE

Auch mit Beginn der Plastikherstellung im großen Stile hingen die Amerikaner noch an ihren Papierstrohhalmen.

Der US-Amerikaner John Wesley Hyatt nutzte 1870 erstmals Zelluloid als Kunststoff und stellte darauf Plastikprodukte her. In den darauffolgenden Jahrzehnten kamen andere Kunststoffe dazu: Bakelit für Haushaltsgegenstände, Nylon für Strümpfe und Acryl für Militärflugzeuge.

Plastik war sowohl strapazierfähig und haltbar als auch billig in der Herstellung. Gerade während des Zweiten Weltkrieges schoss die Kunststoffproduktion in den Fabriken daher in bis dato unerreichte Höhen. Als der Konflikt ein Ende fand, waren die amerikanischen Hersteller auf der Suche nach einem neuen Absatzmarkt. In ihrem Buch „Plastic: A Toxic Love Story“ (dt. Plastik: Eine giftige Liebesgeschichte) beschreibt die Wissenschaftsautorin Susan Freinkel eine Infrastruktur der Plastikproduktion aus Kriegstagen, die plötzlich kein Plastik für den Krieg mehr herstellte. Also wandten sich die Hersteller dem wachsenden Markt für billige Konsumprodukte zu. Die US-Amerikaner, die nicht länger durch die Strapazen und Ungewissheiten des Krieges sparen mussten, wollten sich jetzt mehr Luxus zum möglichst kleinen Preis gönnen.

„Dank des Plastiks hatten die endlich wieder flüssigen Amerikaner ein nie enden wollendes Sammelsurium an preiswerten Gütern zur Auswahl“, schreibt Freinkel.

DIE GEBURT DES PLASTIKSTROHHALMS

Auch Strohhalme gehörten zu den zahlreichen Einwegprodukten, die von den großen Unternehmen in Massen hergestellt wurden. Sie entwickelten sich schnell zu einer günstigeren und stabileren Alternative zu Papierstrohhalmen. Gerade an den Einkerbungen der Plastikgetränkedeckel in Fast Food Restaurants rissen die Papierstrohhalme oft beim Reinstecken.

Im Laufe der 1960er entstand dann eine regelrechte Infrastruktur für die Massenproduktion von Plastikstrohhalmen.

„Sie waren besser, sie waren billiger, sie lösten sich nicht auf“, sagt David Rhodes, der Geschäftsleiter des Unternehmens Aardvark Straws, das Papierstrohhalme herstellt. „Es war wirklich ein besseres Produkt für weniger Geld. Damals hat sich noch keiner darüber Gedanken gemacht, welche Auswirkungen das auf die Umwelt haben könnte.“

Etliche große Hersteller kamen der wachsenden Nachfrage einer Gesellschaft nach, die zunehmend bequeme Produkte für unterwegs wollte. Plastics Europe, einer der größten Kunststoffhersteller der Welt, berichtete, dass 1950 etwa 1,5 Millionen Tonnen Plastik produziert wurden. Im Jahr 2015 war diese Zahl bereits auf 322 Millionen Tonnen gestiegen.

WAS NUN?

Nun hat die Welt alle Hände voll damit zu tun, sich aus der allgegenwärtigen Übermacht des Kunststoffs zu befreien.

Unternehmen, Städte und sogar Regierungen schlagen Verbote von Plastikstrohhalmen vor oder sind bereits dabei, diese umzusetzen. Manche Unternehmen sind schon auf den Zug aufgesprungen und haben mit der Herstellung von Metall- und Glasstrohhalmen für umweltbewusste Konsumenten begonnen.

Dieselben Hersteller, die einst von der öffentlichen Begeisterung über Plastikstrohhalme profitierten, bekommen nun zunehmend den öffentlichen Druck zu spüren, der sie nach Alternativen suchen lässt.

Steve Russel ist der Vizepräsident für den Bereich Plastik des American Chemistry Council (ACC). Die Handelsorganisation repräsentiert neben anderen Industrien auch Plastikhersteller. Er findet, dass der Fokus auf Plastikstrohhalme – oder irgendein anderes beliebiges Produkt – das eigentliche Thema verfehlt.

„Der Fokus auf einzelne Produkte lenkt den Fokus von viel notwendigeren Diskussionen darüber ab, wie wir die Abfallentsorgung für jene Orte gewährleisten, die es am nötigsten haben“, sagt er. „Wir glauben, es wäre besser, wenn Strohhalme nicht automatisch ausgegeben werden, sondern zur Verfügung stehen, wenn ein Kunde danach fragt.“

Russell zufolge konzentriert sich das ACC auf die Müllsammlung, die es als besten Weg betrachtet, um zu verhindern, dass noch mehr Plastikmüll in die Meere gelangt.

Umweltgruppen hingegen sehen das Verbot von Plastikstrohhalmen als einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu ihrem letztendlichen Ziel an: dem Ende der Einwegkunststoffe.

„Damit nimmt man Stellung zur Umweltverschmutzung durch Plastik. Und man bezieht Stellung dazu, was passieren muss: ein Verbot für alle Einweg-Kunststoffprodukte“, erzählte Kate Melges von Greenpeace dem Seattler Nachrichtensender KIRO 7.

Rhodes glaubt, dass Plastikstrohhalme eines Tages eine Ausnahme sein werden. Als Aardvark Straws (ein Tochterunternehmen der Precision Products Group) 2007 gegründet wurde, war das ihm zufolge teils der Nachfrage von Zoos, Aquarien und Kreuzfahrtschiffen zu verdanken. Sie wollten ihren Kunden ein umweltfreundlicheres Image vermitteln.

Er denkt, dass nur der Kostenfaktor dem Ende der Plastikstrohhalme noch im Weg steht.

„Es lässt sich nicht vermeiden, dass ein Papierstrohhalm etwa einen Cent mehr kostet als ein Plastikstrohhalm“, sagt er. „Für große Unternehmen kommt das Hunderten Millionen Dollar gleich. Aber welche Kosten das für das Meer mit sich bringt, das lässt sich mit Geld nicht aufwiegen.“

 

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