Reise und Abenteuer

Die 8 abenteuerlichsten Aussichtsplattformen der Welt

Ist der „Schritt ins Leere“, eine neue 3.856 Meter hohe Aussichtsplattform in den französischen Alpen, die schwindelerregendste?Thursday, November 9, 2017

Von Roff Smith
Eine Person steht in der Touristenattraktion „Schritt ins Leere“ in den französischen Alpen.

„Damit ich Angst bekomme, braucht es reißende Ströme, Felsgestein, Kiefern, tote Wälder, Berge, unebene Wege, die herauf- und hinabführen, und Steilhänge zu beiden Seiten“, schrieb Jean-Jaques Rousseau über seine Liebe zum Wandern in den französischen Alpen. „Das Verrückte an meinem Faible für steil gelegene Orte ist, dass sie in mir einen Nervenkitzel auslösen, den ich in vollem Maße genieße – vorausgesetzt mir kann nichts passieren.“

Rousseau ist mit seiner Vorliebe für schwindelerregende Orte und dieses Gefühl von Nervenkitzel nicht allein. In ganz Europa wanderten Damen und Herren im 18. Jahrhundert im Rahmen der sogenannten „Grand Tour“ Berge hinauf, blickten in tiefe Abgründe und standen am Rande von Klippen – auf der Suche nach atemberaubenden Aussichten, die inspirierend und erschreckend zugleich sein sollten.

Manche Dinge ändern sich eben nie. Auch drei Jahrhunderte später klettern wir noch in die Höhe, um einen berauschenden Blick in die Tiefe zu werfen.

Dank der modernen Architektur können wir uns diesen Kick aber auch auf eine Weise holen, von der Rousseau und die Herrschaften des 18. Jahrhunderts nur hätten träumen können: auf Hightech-Aussichtsplattformen, die gefährlich über Abgründe hinausragen und frei schweben, sich an Hochhäusern in mehreren Hundert Metern Höhe über den Gehsteigen oder auch hoch oben auf der Spitze von Fernmeldetürmen befinden.

Viel gruseliger als beim „Schritt ins Leere“ geht es jedoch kaum. Die Aussichtsplattform wurde vor Kurzem auf der höchsten Terrasse des 3.856 Meter hohen Aiguille du Midi inmitten von Rousseaus altem Revier in den französischen Alpen nahe Chamonix eröffnet.

Hoch oben auf der Spitze des Aiguille du Midi zu stehen, sollte eigentlich einschüchternd genug sein, aber der Glaskubus setzt noch einmal einen oben drauf. Besucher können einen transparenten, fünfseitigen Glaswürfel betreten, der über dem Abgrund schwebt. Hier hat man nichts als einen durchsichtigen Glasboden und 1.035 Meter alpiner Luft bis zu den darunter gelegenen Gletschern unter den Füßen. Wer es schafft, kann gleichzeitig die wunderbare Aussicht auf den Mont Blanc und Chamonix genießen.

Rousseau hätte es wohl geliebt. Eine entspannte, zwanzigminütige Fahrt mit der Seilbahn führt zu diesem Ort hinauf, und vor allem „kann einem nichts passieren“. Die Bodenplatte besteht aus fünf Lagen spezialgehärtetem, ein Zentimeter starken Glasscheiben und hält Windstärken von 225 Stundenkilometern stand. Besucher müssen besondere Pantoffel tragen, damit der Boden auch weiter durchsichtig, sauber und frei von Kratzern bleibt – und dieses schwindelerregende Erlebnis ja nicht getrübt wird.

Hier folgen sieben weitere Anwärter auf den Titel der schaurigsten Aussichtsplattform der Welt:

Grand Canyon.

Ein Spaziergang über einen Gehweg aus Glas, der über den Abgrund des Grand Canyon führt, ist nichts für Zartbesaitete. Von dort geht es extrem tief zum Colorado River hinunter. Wer hier abstürzt, kommt erst nach 150 bis 250 Metern das erste Mal auf. Der hufeisenförmige, freischwebende Gehweg erlaubt es, gute 21 Meter über den Rand des Canyons hinaus über dem Abgrund zu schlendern.

Aussicht auf Chicago.

Die vier gläsernen Balkone im 103. Stockwerk des Wills Tower (ehemals Sears Tower) bieten aus 412 Metern Höhe einen schwindelerregenden Blick auf das Stadtzentrum von Chicago, den Lake Michigan sowie auf mehr als 80 Kilometer umliegende Landschaft. An klaren Tagen kann man vier Staaten sehen: Illinois, Wisconsin, Michigan und Indiana. Die beste Aussicht bietet sich einem allerdings in der Abenddämmerung, wenn die funkelnden Lichter der Stadt leuchten und wie eine riesige Installation unter den Füßen erstrahlen. Wer Nerven aus Stahl hat, kann sogar ein privates Frühstück oder Abendessen auf diesen gläsernen Balkonen reservieren. Hochzeiten sind ebenfalls möglich.

Schweizer Alpen.

Sie gilt als die höchste und gruseligste Hängebrücke Europas. Der gerade einmal 91 cm breite Gehweg in den Schweizer Alpen überbrückt einen mehr als 457 Meter tiefen, eisigen Abgrund. Die Brücke wurde von einer Schweizer Seilbahngesellschaft anlässlich des 100. Jubiläums der benachbarten und 1913 eröffneten Engelberg-Gerschnialp-Seilbahn erbaut.

Iguazú-Wasserfälle.

Reißende Ströme standen ganz weit oben auf Rousseaus Nervenkitzel-Liste. Näher als die Iguazú-Wasserfälle kommt nichts an diesen Wunsch heran. „Dagegen können die Niagarafälle einpacken!“, soll Eleanor Roosevelt beim Anblick der 270 Stromschnellen und tosenden Wasserfälle entlang des Flusses Iguazú an der Grenze zu Argentinien und Brasilien ausgerufen haben. Ein freischwebender Gehweg über der Fallkante gibt eine Vorahnung, wie es sich anfühlen würde, selbst den 250 Meter tiefen Hang hinabzustürzen.

Auckland, Neuseeland.

Einen fast 1,2 Meter breiten Fußweg entlangzugehen klingt nicht gerade nach Nervenkitzel. Wann war schließlich das letzte Mal, dass man sein Gleichgewicht verloren hat und hingefallen ist, während man mittig auf einem Gehsteig unterwegs war? Stellt man sich diesen Gehweg jedoch in 193 Metern Höhe über den Straßen von Auckland, Neuseeland, auf der Aussichtsterrasse des Sky Tower-Fernmeldeturms vor, gleicht er vom Schwierigkeitsgrad eher einem Schwebebalken. Besucher werden doppelt gesichert und müssen Overalls tragen, damit auf keinen Fall etwas aus ihren Taschen fällt, was einen Passanten unten auf dem Boden verletzen könnte. Auch ein Skyjump von der Plattform aus ist möglich. Angeblich ist es aber beängstigender, den Weg zu meistern, als zu springen, weil man sich so viel länger in der Höhe aufhält.

Schaurige Aussichtsplattformen brauchen nicht zwangsläufig steile Winkel, Glas und Stahl. Die norwegischen Architekten Tommie Wilhelmsen und Todd Saunders haben eine wunderbar schwindelerregende Aussichtsplattform aus skandinavischem Holz mit eleganter, kurviger Linienführung entworfen. Sie überblickt den majestätischen Aurlandsfjord im Westen Norwegens aus einer Höhe von über 600 Metern. Nähert man sich dem Ende der Plattform, biegt sie sich wie eine tödliche Achterbahn vor seinen Füßen nach unten. Alles, was einen davon abhält, in die Tiefe zu stürzen, ist eine Panzerglasscheibe. Und irgendwie mag dabei nicht wirklich ein Gefühl von Sicherheit aufkommen.

Österreichischen Alpen.

Die „Treppe ins Nichts“ befindet sich in 2.743 Metern Höhe in den österreichischen Alpen und wurde vergangenen Juli eröffnet. Zunächst fährt man mit der Seilbahn hinauf, um sich dann den Weg über eine schmale, schwindelerregende Hängebrücke zu bahnen, die eine 400 Meter tiefe Schlucht überbrückt. Anschließend geht es an einer Felswand am Hunerkogel vierzehn Stufen hinunter zu einer Aussichtsplattform aus Glas. Von hier aus kann man den Blick weit über die Alpen bis hin nach Slowenien schweifen lassen. Wer starke Nerven hat, kann natürlich auch einen Blick Hunderte Meter in die Tiefe zum Dachsteingletscher riskieren.

Artikel in englischer Sprache veröffentlicht am 21. Januar 2014

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