Reise und Abenteuer

Entdeckt vergangene Zeiten in Irlands altem Osten

Eine Fahrt durch 5.000 Jahre Geschichte, bei der man Irlands prächtige und sagenumwobene Vergangenheit entdecken kann.Thursday, November 9, 2017

Von Peter Ross
Im County Tipperary ragt der Rock of Cashel über eine Reihe mittelalterlicher Stätten auf.

 

Irlands Osten ist eine mitunter buchstäbliche Schatzgrube alter Stätten. Es ist ein großes Gebiet, räumlich wie zeitlich, das 17 Countys und über 5.000 Jahre Geschichte umfasst. In den Worten eines traditionellen irischen Segenswunsches ausgedrückt: Möge die Straße dir entgegeneilen, möge der Wind dir den Rücken stärken.

VON DUBLIN BIS GLENDALOUGH

Der Avoca verläuft durch die Wicklow Mountains nahe Glendalough, Irland.

Die meisten Reisen in Irland beginnen in Dublin, der Hauptstadt der Republik Irland, die für ihre Geschichte, ihr literarisches Erbe und „Craic“ bekannt ist – ein Wort, das grob übersetzt das Konzept von Spaß, Geplänkel und guter Gesellschaft ausmacht, die sich alle in einem von Dublins zahlreichen Pubs finden lassen.

Damit man Durst bekommt, kann man mit offenem Mund das „Book of Kells“ bestaunen, ein prächtig verziertes Manuskript der Evangelien, das ungefähr aus dem Jahr 800 stammt und in der atmosphärischen Bibliothek des Trinity College ausgestellt wird. Im Davy Byrnes kann man seinen Durst dann löschen – ein Pub, der mit einem deutlich jüngeren, aber nicht weniger gefeierten Buch assoziiert wird. In James Joyces Meisterwerk „Ulysses“ von 1922 ist das der Ort, an dem Leopold Bloom sich ein Glas Burgunder und ein Gorgonzola-Sandwich schmecken lässt.

Von Dublin aus kann man für 60 km den malerischen Weg südlich entlang der R115 durch den Wicklow Mountains-Nationalpark bis nach Glendalough nehmen, einer Klostersiedlung, die im 6. Jahrhundert von St. Kevin gegründet wurde und als „Tal der zwei Seen“ bekannt ist. Der runde Turm ist über 240 m hoch und man kann sich leicht die Mönche vorstellen, die einst hier gelebt und gebetet haben, eifrig bei der Arbeit in ihrem Skriptorium, wo sie so wunderschöne Manuskripte wie das „Book of Kells“ illuminiert haben.

DAS TOR ZUM MEER

Farbenfrohe Häuser säumen den Hafen in Cobh, County Cork, der der letzte Anlaufhafen für die RMS Titanic war.

An der Südküste begegnet man Geschichten über Auswanderung und Invasionen. Das Dunbrody Famine Ship, das an der Hafenanlage bei New Ross fast 100 km von Glendalough entfernt vertäut ist, ist ein Nachbau eines der dreimastigen „Coffin-Ships“, die damals mehr als eine Million Iren nach Nordamerika brachten, um der Großen Hungersnot zu entkommen, die durch die Kartoffelfäule ausgelöst wurde. Unter ihnen befand sich auch Patrick Kennedy, der Urgroßvater von John F. Kennedy, der von New Ross aus 1848 in See stach. (Sein ehemaliges zu Hause, das Kennedy Homestead, kann in der Nähe von Dunganstown besichtigt werden.) Die Schiffe, die gen Neue Welt und neues Leben segelten, wären auch an Hook Head vorbeigekommen, wo der älteste Leuchtturm der Welt steht, der vor etwa 800 Jahren gebaut wurde und auf geführten Touren besichtigt werden kann.

Ganz in der Nähe befindet sich Irlands älteste Stadt, Waterford, die 914 von den Wikingern gegründet wurde. Im Reginald‘s Tower kann man sich aus nächster Nähe von den Beweisstücken ihrer einstigen Präsenz überzeugen. Danach geht es ins Mittelaltermuseum, wo seidene Priestergewänder aus dem 15. Jahrhundert mit aufgestickten Szenen der Bibel zu den größten Schätzen Europas gehören.

Wenn man auf der N25 etwa 120 km südöstlich fährt, erreicht man den Hafen von Cobh (gesprochen wie das englische „cove“). Hier überblickt die Statue der 17-jährigen Annie Moore und ihrer zwei Brüder den Hafen; sie war die erste Auswanderin, die Ellis Island durchlief. Sie begannen ihre Reise von hier nach New York im Jahr 1891. Einer weitaus weniger glücklichen Reise wird in der Titantic Experience-Attraktion gedacht – 1912 ankerte der unglückselige Ozeandampfer hier für den letzten Zwischenstopp seiner Jungfernfahrt (Cobh hieß damals noch Queenstown).

Die Stadt Cork etwa 24 km im Landesinneren ist ein guter Ort zum Einkehren. Auf dem Englischen Markt kann man seine Essensvorräte auffüllen. Dort wird seit 1788 gehandelt und er wurde als eine der besten Markthallen Großbritanniens und Irland beschrieben. Hier kann man die irische Liebe zum Fleisch in all ihrer Schönheit bestaunen und findet solche Spezialitäten wie „Crúbeens“ (Schweinsfüße) und „Drisheen“ (Blutwurst). Oder wie ein Standbesitzer es ausdrückt: „Jeder Teil des Schweins wird verkauft, außer seinem Quieken.“

MÄRCHENSCHLÖSSER, EIN RIESENGRAB UND EIN PINT BEI EINER HEXE

Grabsteine pflastern den Friedhof der St. Canice‘s Cathedral in Kilkenny City.

Auf der Autobahn M8 geht es 96 km nach Norden zum Rock of Cashel. Dieser auffallende grüne Hügel, der manchmal auch St. Patrick‘s Rock genannt wird, wird von einer Ansammlung mittelalterlicher Bauten gekrönt, unter denen sich auch ein Schloss, eine Kathedrale und eine Kapelle befinden. Hier trifft Disney auf „Gormenghast“ und bietet einen spektakulären Ausblick auf die Landschaft Tipperarys.

Vom Rock of Cashel aus geht es nach Osten zum Lough Gur. Die bemerkenswerte archäologische Landschaft, die Irlands größten Steinkreis und ein als Riesengrab bekanntes Grab beheimatet, wird im strohgedeckten Heritage Center erklärt. Hier kann man sich auch ein Picknick am Ufer des hufeisenförmigen Sees gönnen.

Alternativ kann man von Cashel aus in westlicher Richtung nach Kilkenny gehen und die Mittelalterliche Meile von der St. Canice‘s Cathedral aus dem 13. Jahrhundert (wenn man kann, sollte man mal auf den Turm aus dem 9. Jahrhundert steigen) bis zum Schloss laufen. Kilkenny Castle wurde von einem normannischen Ritter namens Strongbow errichtet und sieht auch so aus mit seinen finsteren Ecktürmen und Mauerzinnen.

Das Bier in Kilkenny lässt sich zum Mittelalter zurückverfolgen, wo es von den Mönchen der St. Francis Abbey gebraut wurde. Die Überreste der Abtei kann man sich im Zuge der Smithwick Experience ansehen, einer Multimedia-Tour der ehemaligen Brauerei, in der eines von Irlands ältesten Bieren gebraut wurde. Wenn man es lieber einfach trinken möchte, kann man in Kyteler‘s Inn vorbeischauen, eröffnet 1324 von Dame Alice Kyteler, von der manche behaupten, sie hätte ihre vier wohlhabenden Ehemänner ermordet, und andere, dass sie eine Hexe gewesen sei. Davon sollte man sich das aber nicht Pint verderben lassen.

VON CHRISTLICH ZU HEIDNISCH

Der morgendliche Nebel liegt über Temple Finghin – einer Ruine im Clonmacnoise-Komplex – und dem Fluss Shannon in County Offaly, Irland.

In nordwestlicher Richtung kommt man nach etwa 122 km an Clonmacnoise an, einem Komplex früher Kirchen und hoher Steinkreuze, die mehr als 1.000 Jahre alt sind. Diese herrlichen und ergreifenden Ruinen waren einst ein Zentrum der Religion und des Lernens. Der bronzene Bischofsstab aus dem 11. Jahrhundert wurde während Ausgrabungen im 19. Jahrhundert entdeckt und kann nun um Irischen Nationalmuseum in Dublin besichtigt werden.

Von den christlichen Überresten Clonmacnoises aus reist man in nordöstlicher Richtung zum Hill of Uisneach, einer heidnischen Landschaft voller Mythen und Magie. Uisneach wird seit Langem mit Beltane assoziiert, einem alten Feuerritual, das den Beginn des Sommers feiert. Vom Hügel aus kann man 20 Countys sehen. Ein großer Findling am südwestlichen Hang namens Katzenstein markiert angeblich die Ruhestätte von Ériu, der Erdgöttin, nach der Irland benannt ist, und dient als Tor zur jenseitigen Welt. Der Legende nach ist die Sonnengöttin im Lough Lugh, dem See auf der Spitze des Hügels, ertrunken. Uisneach ist privates Ackerland, aber von Mai bis September gibt es Führungen von Mittwoch bis Sonntag.

CAVAN BURREN PARK

Im Cavan Burren Park bedeckt Moos den fruchtbaren Waldboden.

Nahe der Grenze zu Nordirland befindet sich der Cavan Burren Park, etwa 120 km nördlich von Uisneach. Es ist ein wunderbarer Ort, um sich nach der langen Autofahrt ein bisschen die Beine zu vertreten, und mit fast 10 km Wanderwegen hat man die Möglichkeit, das Kalksteinplateau mit seinen vielen stein- und bronzezeitlichen Strukturen zu erkunden. Diese historisch wichtige Landschaft wird von einem Nebel der Folklore bedeckt: Viele der Gräber, Seen und anderen geologischen Merkmale werden mit Riesen, Feen, magischen Pferden und Druiden assoziiert und – laut einem der Führer – „von kinderlosen Paaren zum Geschlechtsverkehr genutzt in der Hoffnung, so zu empfangen.“ Die Romantiker der heutigen Zeit fahren vielleicht lieber 150 km östlich nach Calingford, um auf den „Antragssteinen“ zu sitzen, wo Liebende traditionell die Feen darum baten, ihre Ehe zu segnen und sie fruchtbar zu machen.

BRÚ NA BÓINNE UND DER HILL OF TARA

Graslandschaft umgibt die Grabhügel von Knowth, einer UNESCO-Welterbestätte bei Dublin, Irland.

140 km südöstlich von Cavan Burren und 50 km nördlich von Dublin befindet sich Brú na Bóinne, eine UNESCO-Welterbestätte. In einer Flussbiegung des Boyne befinden sich drei große Steingräber: Newgrange, Knowth und Dowth. Nur Newgrange und Knowth sind per Führung vom Besucherzentrum aus begehbar, und nur Newgrange ist für Besucher geöffnet. Newgrange wurde um 3.200 vor Christus errichtet, lange vor den ägyptischen Pyramiden und Stonehenge, und es ist ebenso gewaltig wie prachtvoll. Man vermutet, dass es neben seiner Funktion als Grabstätte auch als Sonnenkalender diente. Wenn zur Wintersonnenwende die Wetterbedingungen günstig sind, finden die Strahlen der Sonne ihren Weg durch einen 18 m langen Gang und fluten die Grabkammer mit ihrem Licht.

Etwa 30 km südlich von Brú na Bóinne sieht der Hill of Tara von der Luft aus wie ein paar miteinander verbundener Ringe aus. Es ist ein geheiligter und symbolträchtiger Ort, der sich aus Grabhügeln, Gräben, Wällen und Ritualsteinen zusammensetzt. Dies war der Ort für die Krönungen und Feste der alten Könige und an dem angeblich St. Patrick seine neue Religion ­– das Christentum – den Druiden und ihren alten Göttern zum Trotz gepredigt haben soll. Welch besserer Ort, um die Reise zu beenden?

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