Reise und Abenteuer

Malta – Zwischen Tradition und Aufbruch

Malta war Kulisse für „Gladiator“ und „Game of Thrones“. Nun beginnt die geschichtsverliebte Insel, sich in einem moderneren Gewand zu zeigen. Auch, weil Valletta 2018 europäische Kulturhauptstadt sein wird. Donnerstag, 2 November

Von Lisa Abend
Bilder Von Colourbox

Ich bin von Zeitreisenden umringt. Die gut 30 Menschen, viele in Fan-T-Shirts der Fernsehserie „Game of Thro­nes“, befinden sich mental gerade im Mittelalter. Zu­sammen entdecken wir Drehorte der Fantasygeschich­te, die zu großen Teilen hier auf Malta gefilmt wurde. Seit ihrem Start 2011 hat die erfolgreichste Serie der US-Fernsehgeschichte der Insel schon viele Tausend Besucher eingebracht.

Wir sind auf der Pjazza Mesquita in Mdina, Maltas alter Hauptstadt. Im Hof wächst ein Olivenbaum, daneben stehen Terrakotta-Töpfe mit kleinen Palmen. Der Platz wirkt still, fast unberührt, wie überhaupt die ganze Stadt mit ihren gerade mal gut 240 Einwohnern. In „Game of Thrones“ wird die Pjazza Mes­quita vollkommen anders inszeniert: als Ort der Intrige, Maßlo­sigkeit und Sünde. Ich sehe zu dem Balkon hinauf, auf dem der hinterhältige Lord Baelish, eine der Hauptfiguren, seine Prosti­tuierten zur Schau stellte. Sein Rivale Ned Stark entdeckte unter ihnen entsetzt seine eigene Frau. Jetzt leuchten die Mauern, Bögen und Pflastersteine aus Kalkstein fast golden in der Sonne, dazwischen setzen grüne Fensterläden und die schmiedeeiser­nen, schwarz gewölbten Fenstergitter kräftige Kontraste.

Neben mir steht ein 1,90 Meter großer Mann mit markanter römischer Nase, Dreitagebart und blauen Augen. Der Hüne heißt Malcolm Ellul, und dass man sich den 41-Jährigen sofort als Dar­steller eines Historiendramas vorstellen kann, ist kein Zufall. Denn der Stadtführer arbeitet auch als Schauspieler. Er hat nicht nur in „Game of Thrones“ mitgewirkt, sondern auch in zahlrei­chen anderen Produktionen, die auf Malta gedreht wurden, dar­unter „Gladiator“ mit Russell Crowe und „Troja“ mit Brad Pitt.

Ellul deutet auf einen Briefkasten an der Pjazza Mesquita. Der passt nicht so recht nach Westeros, dem erfundenen Kontinent, auf dem ein Großteil der Serie spielt. „Das war praktisch das einzige, was sie verändern mussten“, erzählt er – nur eine von vielen Anekdoten während unserer mehrstündigen Tour. „An­sonsten muss man Malta nicht umbauen.“ Alles noch wie im Mittelalter.

Bei meinem ersten Besuch vor ein paar Jahren kam mir die Insel altmodisch vor – nicht einfach alt, sondern als hinke sie der Zeit hinterher. Die ehemalige britische Kronkolonie zwischen Sizilien und Nordafrika war einst Heimat des Malteser­ordens und hat eine faszinierende Geschichte. Aber irgendwie schien mir die Inselnation in der Vergangenheit stecken geblie­ben zu sein. Gastronomie und Kunst kamen mir unterentwickelt vor. Die Mode wirkte altbacken.

In einem Café treffe ich den maltesischen Filmregisseur Kenneth Scicluna. Draußen wirbt ein Schild für Craftbiere. „Auf Malta ist alles so klein, dichtgedrängt und alt, dass leicht ein Gefühl der Enge entsteht“, sagt Scicluna. „Ich komme mir immer beobachtet vor. Nicht nur von anderen Leuten, sondern vom Land selbst. Es ist so alt. Es weiß so viel.” Mir gefällt das Bild eines Landes, das über seine Bewohner wacht. Aber Scicluna befürchtet, dass zu viel Geschichtsbewusstsein kulturelle Veränderungen behindert. „Wir wollen unbedingt ein modernes Land sein, aber wir wissen nicht so recht, wie wir das machen sollen. Die Vergangenheit versperrt den Weg.“

Was ist Maltas Weg in die Zukunft?

Dabei gab es erste Neuerungen. Die Europäische Kommission benannte die Hauptstadt Valletta und das holländi­sche Leeuwarden als die beiden Kulturhauptstädte Europas für 2018. Neue Boutique-Hotels entstanden. Wichtige Kulturinitia­tiven wurden ins Leben gerufen. Und: Die Filmindustrie entdeck­te Malta als Kulisse. Das alles weckte meine Neugier. Hatte die Insel nach langer Zeit, in der das Land vor allem für Sonne und Ritter bekannt gewesen war, endlich in die Gegenwart gefunden? Was ist der Weg in Richtung Zukunft?

In Valletta gestaltete beispielsweise der italienische Architekt Renzo Piano das Stadttor aus dem 16. Jahrhundert neu. Er entwarf das Tor als dramatischen, scharfkantigen Durchbruch in den alten Mauern. Dann flankierte er den Spalt mit zwei Treppenhäusern. Sie ragen wie minimalistische Flügel in die Höhe. Direkt hinter die Mauer setzte er ein neues Parlamentsgebäude. Seine gerasterte Fassade hat einige Kritiker zum Vergleich mit einer Käsereibe inspiriert. Mir erscheint sie gleichermaßen imposant und elegant.

Ich bewundere gerade die Stimmigkeit von Pianos Ensemble, da bemerke ich einen jungen Mann bei der Mittagspause. Ramon Vella heißt er, und ihm gefällt der Bau überhaupt nicht. „Ich weiß, dass die Experten das für Kunst halten“, sagt er, „aber das Gebäude passt nicht zum Wesen meiner Stadt.“ Mit seiner Meinung steht er nicht allein da. Der maltesische Ministerpräsident, der das Projekt unterstützt hatte, wurde unter anderem deshalb nicht wiedergewählt. Das bestätigt auch Toni Attard, Planungsdirektor der maltesischen Kunstbehörde. „Es gibt hier eine ausgesprochene Neigung zu Kulturerbe und Tradition. Die Leute regen sich mehr über eine bröckelnde Bastion auf als über einen Künstler, der seine Koffer packt und das Land verlässt.“

Kann man diese Haltung ändern? Mehr Vielfalt an Ideen und Stimmen würden der isolierten Kultur des Landes guttun. Attard beschreibt die Bemühungen der Kunstbehörde in beide Richtungen: Die öffentlichen Ausgaben für Kunst sind von 100.000 Euro im Jahr 2004 auf aktuell 1,8 Millionen Euro erhöht worden. Einheimische Künstler erhalten Stipendien für Auslandsaufenthalte, nach ihrer Rückkehr sollen sie die Kultur daheim neu beleben. „Unsere Kulturszene ist vielleicht noch nicht auf Weltniveau“, sagt Attard. „Aber es bewegt sich etwas.“ In den vergangenen Jahren sei das Interesse an maltesischer Kunst stark gewachsen. Dazu trägt auch die Ernennung von Valletta zur Kulturhauptstadt Europas bei. Für das winzige Land ist die Auszeichnung eine Chance, der Welt seine neuen Qualitäten vorzuführen.

Der Artikel wurde bearbeitet und gekürzt. Die ganze Reportage steht in der Ausgabe 2/2017 des National Geographic Travelers. Jetzt ein Magazin-Abo abschließen!

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