Seefahrer, Sirenen und Surfer an der Baskenküste

Den Golf von Biskaya säumen Fischerdörfer, die von der jahrhundertealten baskischen Seefahrerkultur geprägt sind. Daneben bietet die Region einzigartige Lebensräume für die Vogelwelt und mit die besten Wellen Europas.

Von Stephen Phelan
Veröffentlicht am 17. Aug. 2022, 17:41 MESZ
Seefahrer, Sirenen und Surfer an der Baskenküste
In den Tiefen des Golfs von Biskaya hausen der Legende nach Seeungeheuer. Sie prägen die Kultur der Küste.

Vielleicht ist sie eine Nymphe oder eine Sirene, vielleicht auch eine Meerjungfrau – obwohl ihr Schwanz in eigenartig aussehenden Entenfüßen endet. Sie sitzt auf einem Wellenbrecher bei Bermeo, kämmt ihr Haar und blickt über den Golf von Biskaya auf die gemeißelten Köpfe von drei Fischern mit offenen Mündern. Die Rede ist von Xixili. Sie ist Teil des Wahrzeichens von José Luís Butron aus dem Jahr 1980, welches ein Prachtexemplar einer lamia zur Schau stellt: eine zweideutige, amphibische Kreatur aus der Meeresmythologie des Baskenlandes.

Den Legenden nach lebten die Lamiak einst entlang dieser Küste sowie an den zahlreichen Flüssen der Region – so wird auch das Tal oberhalb und hinter Bermeo Lamiaran genannt. Manche Geschichten handeln von Lamiak, die einheimischen Fischern halfen, sie retteten oder sogar heirateten – wie Xixili es selbst getan haben soll. Andere wiederum berichten von Lamiak, die Seeleute anlockten und in den Fluten ertränkten. Die Lamia ist die perfekte Metapher für die Kantabrische See: Sie sicherte vielen Generationen von Seefahrern ihre Lebensgrundlage, brachte gleichzeitig aber auch Legionen von Witwen hervor. 

Auf den Felsen der Meereshöhlen von Ogoño, ähnlich dieser in der Nähe des Dorfes Elantxobe, lauerten sie: Mythische Wesen namens Lamiak. Die sirenenähnlichen Kreaturen warteten dort auf Fischer, um sie anzulocken und ihnen entweder Unsterblichkeit oder den Tod im Wasser zu gewähren.

Foto von Matthieu Paley

Im Fischereimuseum, das in einem sich über die bunten Häuser der Altstadt erhebenden gotischen Ercilla-Turm aus dem 15. Jahrhundert untergebracht ist, wird ein Großteil dieser Geschichte dokumentiert. Man kann dort Schiffsmodelle besichtigen und bekommt tiefe Einblicke in die jahrhundertealte Geschichte des baskischen Schiffsbaus und der Fischerei. In der nahe gelegenen Höhle von Santimamiñe, die auch besichtigt werden kann, wurden Netze, Knochenhaken und Steinpickel für die Muschelzucht inmitten von unheimlichen paläolithischen Kohlemalereien gefunden.

In der frühen Renaissance hatten die einheimischen Seefahrer ein Imperium aufgebaut: Auf robusten Holzschiffen fuhren sie auf der Suche nach Kabeljau über den Atlantik – bis nach Kanada. Ferdinand Magellan nahm 1519 zu seiner schicksalhaften Weltumseglung mehr als 30 baskische Besatzungsmitglieder an Bord seiner fünf Schiffe, von denen drei sogar im Baskenland gebaut wurden. Nur wenige überlebten die Expedition, darunter Juan Sebastián Elcano, Kapitän der Concepción aus Getaria, und Juan de Acurio, Bootsmann auf der Concepción aus Bermeo. Als Magellan getötet wurde, übernahm Elcano das Kommando der Expedition und brachte das einzige der fünf Schiffe zurück: die Victoria. So wurden sie zu den ersten Menschen, die die Welt umrundeten.

Seit Jahrhunderten fischen die Basken an diesen Küsten und bauten mit den schwimmenden Holzschiffen ein Imperium auf. Um dieses Erbe in Ehren zu halten, restaurieren und bauen der Schiffsbauer Xabier Agote (im Bild) und sein Team von Zimmerleuten Schiffe nach alter Tradition.

Auch wenn die Heimathäfen der Seeleute ein halbes Jahrtausend später nicht mehr ganz so aussehen wie früher, gibt es doch laufende Bemühungen, die Flächen und die Meereslandschaft zwischen ihnen zu schützen oder wiederherzustellen. Bermeo ist heute ein Tor zum riesigen Biosphärenreservat Urdaibai – einem Gezeitengebiet, in dem der Fluss Oka durch eine breite, von Wäldern und Feuchtgebieten gesäumte Mündung fließt. Durch das Trockenlegen und Degradieren der Feuchtgebiete wurde das einst lebendige Ökosystem verödet. Nun wurden Deiche und andere Hindernisse entfernt, damit das Wasser wieder in die Sümpfe fließen kann. Diese Wiederherstellungsmaßnahmen haben dem Gebiet zu reichlich Leben verholfen – einheimische Pflanzen gedeihen wieder und Vögel kommen in Scharen zurück. 

„Die Artenvielfalt hat massiv zugenommen, von etwa 100 Arten auf 225“, sagt Rowan Hardman, eine Koordinatorin des British Council, die eng mit dem Urdaibai Bird Center zusammenarbeitet. Die Organisation eröffnete 2012 ihre gemeinnützige Einrichtung, in der es ein hochmodernes Museum mit Beobachtungsplattform gibt. Von hier aus kann das Sumpfgebiet überblickt werden. „Wir sehen Vögel, die vorher nie hier waren: Knäkenten, Haubentaucher, Fischadler. Einige, wie die Tafelente, brüten jetzt hier.“

Hardmans Favorit ist der Löffler: „Er ist groß, weiß und ein pathetisches Tier, aber auch so ruhig und statisch. Diese Vögel schlafen immer nur oder sträuben leise ihr Gefieder. Dieses Sumpfgebiet ist zu einem friedlichen Zufluchtsort für sie geworden.“ Das Reservat ist ein wichtiger Zwischenstopp für Löffler und andere Zugvögel wie den Purpurreiher, die auf dem Weg nach oder von Afrika hier zwischenlanden. Hardman kennt nicht nur die Geschichten der lamiak, sondern auch die lokalen Vogelmythen.

„Es heißt, dass Schwalben Glück bringen und man deshalb ihre Nester nicht zerstören sollte. Ich glaube, das hat einen religiösen Hintergrund, denn die Farben ihrer Federn werden mit der Jungfrau Maria in Verbindung gebracht“, erklärt sie. In Geschichten der Vorfahren wird sogar behauptet, dass sich die lamia aus diesem Gebiet zurückzogen, als sich das Christentum dort ausbreitete, da sie empfindlich auf die Echos der Kirchenglocken reagierten.

Derselbe Klang spendete Fischern wiederum Trost und brachte ihnen Glück. An sommerlichen Festtagen überqueren Pilgerzüge aus Bermeo, Bakio oder Arrieta die lange Steinbrücke nach San Juan de Gaztelugatxe. Sie steigen die 241 Stufen hinauf – unter denen sich auf einer der Fußabdruck von Johannes dem Täufer befinden soll  – und läuten dreimal die Glocke oben an der Kirche. Das Läuten der Glocke soll Glück bringen und vor dem Bösen schützen – insbesondere die Menschen auf dem Meer.

Besucherinnen und Besucher des Eilands bei San Juan de Gaztelugatxe gehen 241 Stufen herauf, um die Glocke der Kirche zu läuten, die auf der Fläche eines ehemaligen Klosters aus dem 9. Jahrhundert erbaut wurde. Die Glocke dreimal zu läuten soll Glück bringen – vor allem den Seefahrern auf dem Meer.

Ein gewisses heiteres Heidentum bleibt jedoch bestehen – vor allem zur Karnevalszeit im benachbarten Mundaka, das über einen malerischen Küstenweg durch das Lamiaran-Tal leicht zu erreichen ist. An diesem Sonntag im Februar verkleiden sich die Männer des Dorfes als Atorrak: mit weißen, spitzenbestickten Laken und Kissenbezügen – inspiriert von der Legende über die notdürftige Verkleidung eines Ehebrechers. Während sich die Frauen hingegen in lamiak verwandeln: gespenstische Gestalten in schwarzen Kleidern, mit weißen Perücken und zweifarbigem Make-up.

„Es ist immer lustig“, sagt der einheimische Surflehrer Gaizka San Justo. „Wir trinken, essen und singen den ganzen Tag.“ San Justos Vater ist ein Fischer, dadurch ist er mit den Geschichten über die lamiak aufgewachsen. Er hat die Erfahrung gemacht, dass Surfer allerdings genauso abergläubisch sein können wie Schleppnetzfischer – sie verehren und fürchten das Meer nur auf unterschiedliche Weise.

„Wir wollen da draußen immer die große Welle – die Fischer wollen sie gerade nicht“, so San Justo. Tatsächlich ist das Surfen in Mundaka Weltklasse, denn die Gezeiten sorgen im Zusammenspiel mit den Strömungen im Mündungsgebiet für nahezu optimale Bedingungen. Als durch Baggerarbeiten von Bauunternehmern der Sand- und Wasserstand beeinträchtigt wurde, startete die Surf & Nature Alliance 2016 eine Kampagne, um diese Aktivitäten zu unterbinden und so die linksbrechende Welle als Teil der Biosphäre Urdaibai rechtlich abzusichern – was bisher nicht möglich war. „Jetzt ist der Break wieder in voller Stärke da“, sagt San Justo, „einer der besten 'Lefts' in Europa.“

„Er hat viel Power, bildet eine hervorragende Barrel und macht eine sehr lange Welle, die man circa anderthalb Minuten reiten kann.“ Für Anfänger sei das allerdings nichts, räumt er ein. Surfunterricht dafür gibt er in seiner Mundaka Barra Surf School trotzdem gern. Ansonsten bietet auch das Chartern eines Boots eine Möglichkeit, um sich in die entgegengesetzte Richtung aufzumachen: vorbei an der Brandung und hinaus in den Golf von Biskaya, um den Pfaden vor der Küste zu folgen, auf denen schon baskische Seeleute vor Jahrhunderten nach Wolfsbarsch oder Thunfisch geangelt haben.

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