Kungsleden: Wandern auf dem schwedischen Königspfad

Es müssen nicht immer die Alpen sein zum Wandern: Das schwedische Lappland ist bekannt für Polarlichter und Rentiere – und seinen Fernwanderweg Kungsleden. Er führt durch die spektakuläre Flora und Fauna.
Foto von Marina Weishaupt
Von Marina Weishaupt
bilder von Marina Weishaupt
Veröffentlicht am 7. Okt. 2022, 09:47 MESZ

Nach 37 Stunden Zugfahrt und vier Mal Umsteigen ist das Ziel erreicht: Der lange Weg von Süddeutschland in den hohen Norden Schwedens endet an einem winzigen Bahnhof mit einem kleinen Haus und zwei Infotafeln. Und hier in Abisko, knapp 200 Kilometer nördlich des Polarkreises, geht der Weg dann eigentlich erst los, denn hier startet einer der weltweit bekanntesten Fernwanderwege: der Kungsleden (schwedisch für Königspfad). 

Ein aus Holz gebauter, tunnelartiger Gang markiert den Start des über hundert Jahre alten Weges quer durch das schwedische Lappland bis nach Hemavan. In zwei Teilabschnitten führt er über insgesamt 440 Kilometer durch die schönsten Berglandschaften des Fjälls. Fjäll, das steht in Schweden für die höher gelegenen Bergregionen mit alpiner Vegetation. Hier gibt es Lemminge und Rentiere, Polarlichter und Fjällstugas – und vor allem viel unberührte Natur.

“Bei der Ankunft im frühen September scheint die Sonne auf die Bergkämme und die Färbung der Birkenwälder in den Tälern deutet bereits auf den nahenden Herbst hin.”

Ein langer Weg mit Geschichte

Der Fernwanderweg Kungsleden ist in den vergangenen Jahren immer beliebter geworden bei Besuchern aus der ganzen Welt – laufen kann man ihn schon seit vielen Jahrzehnten. Seine Geschichte beginnt vor rund 120 Jahren: Bereits um die Jahrhundertwende wird die Region aufgrund ihres Erzvorkommens an das Eisenbahnnetz angeschlossen. Mit der Eröffnung der Bahnstrecke wird aus einer zunächst recht unorganisierten und provisorischen Ansiedlung von Erzarbeitern eine stetig wachsende Gemeinde: Kiruna. Auch Reisende werden nach und nach in die Provinz weit über dem Polarkreis gelockt. Zumindest diejenigen, die das nötige Kleingeld dazu haben. Denn zu Beginn des 19. Jahrhunderts sind derart lange Zugreisen teuer und somit nicht für jedermann möglich. 

In den zwanziger Jahren macht es sich die Schwedische Tourismusvereinigung zur Aufgabe, die Region für Besucher attraktiver zu machen. Die Natur und Kultur des schwedischen Fjälls soll der Bevölkerung zugänglicher werden. Ab 1926 erfolgt das Anlegen des ersten Teilabschnitts des Kungsleden von Abisko nach Nikkaluokta, inklusive der Errichtung erster Hütten entlang der Tagesetappen. Dieser nördliche Abschnitt gilt bis heute als der schönste Teil der Route.

Die gemütlichen Fjällstugas laden im Abstand von etwa fünfzehn bis zwanzig Kilometern zum Verweilen ein. Sie sind ein Relikt aus den Anfängen des Weges und beinahe wirkt es so, als wäre die Zeit dort stehen geblieben. Elektrizität, Mobilfunknetz oder fließendes Wasser gibt es hier nicht. Dafür sorgen Kerzenlicht, Holzöfen und urige Batsus – so das schwedische Wort für Sauna – für eine gemütliche Atmosphäre.

Von Abisko nach Nikkaluokta

Es ist dieser Teilabschnitt, den wir in sieben Etappen laufen. Bei der Ankunft im frühen September scheint die Sonne auf die Bergkämme und die Färbung der Birkenwälder in den Tälern deutet bereits auf den nahenden Herbst hin. Die gute Wetterprognose hält und es ist trocken. Doch das Klima hier oben ist rau: Während die Tage zur Mittagszeit noch spätsommerliche Temperaturen annehmen, bringen die sternenklaren Nächte bereits den ersten Frost.

Bildergalerie: Fotos des schwedischen Kungsleden

Vom Startpunkt führt der Kungsleden direkt in das Herz des 1909 gegründeten Abisko Nationalparks. Zunächst am reißenden Fluss Abiskojåkka entlang, der hier durch jahrtausendelange Erosion eine eindrucksvolle Schlucht aus Dolomitmarmor geschaffen hat. Naturliebhaber kommen in dem eher kleinen Nationalpark jedoch auch aus einer Reihe von anderen Gründen auf ihre Kosten: Der Abisko ist für seine reiche Flora und Fauna bekannt. Blühende Wiesen voller seltener alpiner Blumen und Pflanzen bedecken hier im Frühsommer dank kalkhaltigen Böden die Erde. Im Herbst färbt sich die von üppigen Birkenwäldern bedeckte, in Berge gebettete Landschaft intensiv gelb, orange und rot. 

Auch die Tierwelt ist weitaus diverser, als es die geringe Größe des Nationalparks vermuten lässt. Tiere, die man sonst in Europa eher selten sieht, kann man hier entdecken – wenn man viel Geduld und Zeit mitbringt: Bär, Vielfraß, Luchs und Elch wissen sich zu verstecken. Auch Steinadler, Seeadler und Gerfalken kann man hier mit etwas Glück entdecken.

Natur für alle: Das Jedermannsrecht

Das Aufschlagen eines Zeltes in in Schweden durch das Jedermannsrecht allen Besuchern des Landes erlaubt.

Foto von Marina Weishaupt

Verglichen mit anderen Wanderpfaden ist man auf dem Kungsleden erstaunlich frei: Wer sein Zelt inmitten der scheinbar unberührten Natur aufschlagen möchte, kann dies tun. Sämtlicher Grund darf betreten werden, mit Ausnahme von landwirtschaftlich genutzten Feldern oder die direkte Umgebung von Privathäusern. Auch das Pflücken von Pilzen, Blumen und Beeren sowie das Campieren oder Feuermachen ist gesetzlich jedem erlaubt. 

Für diese Freiheit sorgt das “Jedermannsrecht”: Seit 1994 ist dieses in der schwedischen Verfassung verankert und erlaubt grundsätzlich jedem den Zugang zur Natur. Dies gilt auch für den größten Teil des Kungsleden – mit einigen Ausnahmen im Abisko Nationalpark. Wer sich auskennt, kann sich also an den vielen Blau- und Moltebeeren oder etwa dem Gemeinen Birkenröhrling bedienen. Um die Natur dennoch so gut es geht zu schonen, ist ein respektvoller und umsichtiger Umgang essenziell.

Das Volk der Samen

Diese unscheinbare Ansammlung von Häusern ist eine Siedlung der Samen, dem indigenen Volk Skandinaviens. Sie leben im sogenannten Sápmi, einem Gebiet, das sich über Norwegen bis in den nordöstlichen Teil Russlands zieht.

Streift man durch die scheinbar endlosen Täler entlang des Kungsleden, muss man sich eines besonders bewusst sein: Immer wieder durchquert man auch Gebiete der Samen, das indigene Volk Skandinaviens. Kleine, fast unscheinbare Ansammlungen von Berghütten deuten beispielsweise darauf hin. 

So naturverbunden und andächtig das Urvolk das nordische Fjäll bereits seit mehr als 10.000 Jahren nutzt und pflegt, so respektvoll sollte man sich auch als Gast verhalten. Das Sápmi, wie ihr grenzüberschreitendes Verbreitungsgebiet genannt wird, erstreckte sich in seinem heutigen Ausmaß bereits 100 v. Chr. über große Teile Norwegens, Schwedens, sowie den Norden Finnlands bis in den nordöstlichen Teil Russlands.

Das Land der Rentiere

Der Hohe Norden ist auch die Heimat der Rentiere. Gezüchtet werden dürfen sie in Schweden nur von den Samen.

Obwohl der Großteil der geschätzten 20.000 bis 40.000 in Schweden lebenden Samen heutzutage ein modernes und sesshaftes Leben führt, bleibt die alte Kultur des Volkes ein großer Bestandteil ihres Lebens. Dazu gehört seit Jahrhunderten die Rentierzucht, die in Schweden vollständig dem Urvolk vorbehalten ist. Dabei richtet sich die Arbeit nach den Gewohnheiten der Tiere: Im Winter suchen die Herden Schutz und Futter in Wäldern, im Frühsommer ziehen sie sich in die Berge zurück, um den vielen schwedischen Mücken zu entkommen. 

Wie viele Tiere insgesamt in Nordschweden gehalten werden, weiß man nicht. Sicher ist, dass man entlang des Kungsledens so einige kleinere und größere Herden zu Gesicht bekommt. Bis in den Herbst hinein legen sie hier ihre Fettreserven an, bevor der erste Schnee sie zurück auf die Winterweiden lockt.

Zunehmender Tourismus

Weite Teile des Kungsleden sind mit Holzbohlen belegt, um die Natur zu schützen. Rund 30.000 Besucher wandern heute jährlich entlang des Kungsleden. Mittlerweile bringen Helikopter auch lauffaule Menschen auf die umliegenden Gipfel.

Die Anzeichen des zunehmenden Tourismus sind hier im wilden Fjäll trotz allem nicht zu übersehen – und zu überhören. Erkundeten vor etwas weniger als einem Jahrhundert nur rund 200 Menschen die ersten neu erschlossenen Etappen, so verzeichnet der schwedische Tourismusverband heute jährlich rund 30.000 Wanderbegeisterte aus aller Welt. 

Besonders zwischen Nikkaluokta und der Kebnekaise Bergstation kann man in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen Helikopter hören und sehen. Das Angebot, sich zum Startpunkt der anspruchsvollen Tour zu Schwedens höchsten Berggipfel fliegen zu lassen, wird rege wahrgenommen. Wer es jedoch vorzieht, sämtliche Kilometer zu Fuß zu bestreiten, wird mit weiteren wunderschönen Ausblicken belohnt. Um dabei die empfindliche Natur weitestgehend zu schützen, sind große Teile des Fernwanderweges mit Holzbohlen versehen. 

Beste Aussichten für Polarlichter

Zwischen September und März ist die Wahrscheinlichkeit, am Himmel des schwedischen Lapplands Polarlichter zu sehen, hoch.

Von September, wenn die herbstlichen Nächte zunehmend mehr von der Dunkelheit eingenommen werden, bis Ende März haben Polarlichter Saison – und auf dem Kungsleden ist die Wahrscheinlichkeit hoch, sie zu sehen. Da das Gebiet im Regenschatten der feuchten Atlantikluft liegt, gibt es hier nur selten Niederschlag. Die klaren Nächte und die geringe Lichtverschmutzung sorgen dafür, dass Abisko die Region mit der weltweit höchsten Wahrscheinlichkeit ist, den Lichtertanz am Firmament zu sehen.

Meist zeigen sich die Polarlichter zunächst als unscheinbare weiße Schleier, bevor die Sonnenpartikel in intensivem Grün tanzen. Für die Samen hat das sagenumwobene Naturschauspiel vielfältige Bedeutungen. Sie stellen beispielsweise die Augen ihrer Verstorbenen dar – oder werden gar durch einen magischen Polarfuchs hervorgerufen. Die Sagen sind nicht ohne Grund so faszinierend wie vielfältig zugleich.

Kebnekaise Bergmassiv

 Auf der vorletzten Etappe schaut man auf den 1672 Meter hohen Tuolpagorni.

Für die beliebteste Wanderroute von Abisko nach Nikkaluokta verlässt man den Kungsleden nach etwa sechs Tagen und nähert sich während der vorletzten Etappe dem Kebnekaise-Bergmassiv. Dieses beeindruckt mit mehreren Zweitausendern und hat auch den gleichnamigen und größten Berg Schwedens hervorgebracht. Wem der Aufstieg auf den zweiteiligen Gipfel des 2.096 Meter hohen Kebnekaises zu viel des Guten ist, kann sich am Anblick des – mit 1672 Metern deutlich kleineren – Tuolpagorni erfreuen. Der markante Berg scheint das Tal förmlich zu dominieren und ist von hier aus bis fast zum Ende der Wanderung zu erblicken.

Mit müden Füßen aber einzigartigen Einblicken verlassen wir den königlichen Pfad. Es geht zurück auf die Heimreise – und die vielen Stunden im Zug wirken plötzlich erstaunlich erholsam. 

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