Harlem: Kulturelles Herz des afroamerikanischen Amerikas

Der Stadtteil Harlem ist für seine Bürgerrechtsgeschichte, das herzhafte Essen und die lebhafte Musikszene bekannt. Darum ist jetzt die beste Zeit, die Kultur und Gemeinschaft in New Yorks einflussreichstem afroamerikanisch geprägten Viertel zu erleben.

Von Alicia Miller
Veröffentlicht am 16. Mai 2023, 12:25 MESZ
Kapelle Harlem

Jedes Jahr im August spielt die Kapelle der baptistischen Gemeinde in den Straßen Harlems.

Foto von a katz / shutterstock.com

„1965 fing ich an, hier nach der Schule und an den Wochenenden Besorgungen zu machen“, erinnert sich Billy Mitchell, während er die Türen des Auditoriums aufschwingt. „Und ehe ich mich versah, lernte ich all diese wunderbaren Menschen kennen. The Temptations. The Supremes. James Brown und Marvin Gaye hatten es mir angetan – vor allem Mr. Brown. Er fragte mich, wie meine Schularbeiten liefen.“ Es ist ein 30 Grad heißer Junimorgen, aber wir sind der drückenden Hitze in die kühle Umarmung des Apollo Theaters entflohen. Um uns herum leere rote Sitze, die Bühne ist beleuchtet und für die heutige Show vorbereitet. Diese Szene hat Billy, ein ApolloVeteran und Botschafter seit fast 60 Jahren, schon oft gesehen. Ich als Neuling bin fasziniert von dem geschichtsträchtigen Ort und Billys offenem Charme. 

Harlem: Legendäre Abende im Apollo

Er hat schon jeden im Musikgeschäft getroffen und erzählt davon mit der gleichen Ungezwungenheit, mit der ich vielleicht über meine Pläne fürs Mittagessen spreche. Und das, obwohl er selbst eine lokale Berühmtheit ist. Er ist Mr. Apollo. „Ich habe mich selbst nie so bezeichnet“, fährt Billy fort, „aber das Dorf Harlem hat beschlossen, mich so zu nennen. Dafür bin ich sehr dankbar. Das Theater war immer ein Leuchtfeuer des Stolzes für dieses Viertel.“ Harlem, 45 Blöcke vom Central Park bis zur 155th Street, im Osten begrenzt von der Fifth Avenue und im Westen vom Hudson, ist kein Ort, den man sieht, wenn man New York zum ersten Mal besucht. Oder zum zweiten Mal. 

Doch die meisten, die sich schließlich doch die Mühe machen, in dieses unverwechselbare Viertel zu kommen, fragen sich, warum sie so lange gebraucht haben. Vom Apollo in der W125th Street dagegen haben viele schon einmal gehört. Jeder, von Jimi Hendrix bis Mariah Carey, ist hier aufgetreten. Die legendäre Amateur Night ist seit Langem ein Sprungbrett für neue Talente, hier wurden Ella Fitzgerald oder Lauryn Hill entdeckt. Als Michael Jackson und Prince starben, versammelten sich riesige Mengen vor dem Apollo, um ihr Leben zu feiern. Während der Leichnam von James Brown 2006 hier aufgebahrt wurde, standen die Menschen mehrere Blocks Schlange, um dem Godfather of Soul die letzte Ehre zu erweisen. 

„In den 30ern war dies das einzige Theater in Harlem, das für Afroamerikaner zugänglich war“, erklärt Billy, während er mich in die Geschichte der Harlem Renaissance einführt, der künstlerischen Explosion des frühen 20. Jahrhunderts, die das Viertel als Zentrum der Schwarzen Kultur berühmt machte. „Die Betreiber waren klug. Sie wussten, dass viele Afroamerikaner aus dem Süden nach Harlem kommen würden, um dem Rassismus und den Lynchmorden zu entkommen. Und um Arbeit zu finden. Das Theater bot ihnen einen Ort, an dem sie sich aufhalten und wo sie auftreten konnten. 

Auch heute noch geben wir Afroamerikanern die Möglichkeit und den Raum, sich zu entwickeln, zu experimentieren, erfolgreich zu sein – und, wenn sie nicht gut genug sind, zu scheitern. Das Apollo ist nicht nur ein Ort der Unterhaltung.“ Was Billy meint: Im Apollo geht es um Gemeinschaft. Das gilt offensichtlich auch für Harlem. Eine Stunde, nachdem ich mich von ihm verabschiedet habe, schlendere ich eine ruhige Straße mit breiten Bürgersteigen, alten Bäumen und hohen Brownstone-Stadthäusern entlang und kann nicht so recht glauben, dass ich mich immer noch in einer der am dichtesten besiedelten Städte der Welt befinde. 

Zwischen den dicht gebauten Backsteinhäusern gibt es auch einige grüne Flecken in Harlem.

Foto von Momos

Afroamerikanisches Viertel zwischen Parks und Jazzclubs

In den Parks mit ihren Bänken, Wasserfällen und Grillplätzen gehen Menschen mit Hunden spazieren, in den kleinen Cafés trinken Einheimische ihren Milchkaffee. Das gute Aussehen ist, wie so oft, auf die Geschichte zurückzuführen. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, als Lower Manhattan immer weiter nach Norden vordrang, wurde das Ackerland von Harlem in begehrten Wohnraum für weiße Mittelklassefamilien umgewandelt. Doch ein Immobiliencrash führte dazu, dass stattdessen Schwarze Arbeiterfamilien in die Nähe der Innenstadt und ihres boomenden Arbeitsmarktes ziehen konnten. 

Es folgte die Harlem Renaissance, angeführt von Literaten wie Langston Hughes und Künstlern wie Aaron Douglas. Auch die Jazzmusik blühte auf und zog während der Prohibition weiße Manhattaner in die zahlreichen Clubs der Gegend. Noch heute befinden sich die besten Jazzlokale New Yorks in Harlem, wobei einige – wie das intime Bill’s Place – gut in den stattlichen Brownstones versteckt sind. 


 

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Foto von National Geographic

Im Laufe seiner Geschichte hat Harlem schon viele Veränderungen durchgemacht. Mehr über die Entwicklungen des Viertels lesen Sie im National Geographic Traveler 3/23. Verpassen Sie keine Ausgabe mehr: Sichern Sie sich die nächsten 2 Ausgaben zum Sonderpreis!

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