Tiere

Kolibris – die fliegenden Juwelen

Zu schnell für das menschliche Auge: Moderne Hochfrequenzkameras ermöglichen es, die letzten Geheimnisse der winzigen Tiere zu ergründen. Freitag, 3 November

Von Brendan Borrell
Bilder Von Anand Varma

Die Spur des kleinsten Vogels der Welt führt in einen Garten im kubanischen Ort Palpite. Der Ornithologe Christopher Clark entlädt sein Auto, das vollgeladen ist mit Ausrüstungsgegenständen wie Kameras, Tonaufnahmegeräten und sogar einem durchsichtigen Käfig. Damit möchte Clark die Flugbahn einer geflügelten Pistolenkugel verfolgen, die gerade von einer orangefarbenen Feuerbuschblüte zur nächsten schießt: der kubanischen Bienenelfe (Mellisuga helenae). Wenn der Kolibri in der Luft anhält und an den Blüten saugt, sind seine Flügel als verschwommener Grauschleier zu sehen – seine Bewegungen sind viel zu schnell für das menschliche Auge, das das Geschehen nicht auflösen kann.


Selbst in der Winzlingswelt der Kolibris ist die Bienenelfe ein Zwerg. Ihr schillernd grüner Körper wiegt kaum mehr als ein Mandelkern. Was dem winzigen Tier an Größe fehlt, macht es mit Enthusiasmus wett, sobald es einen potenziellen Paarungspartner in seinem Revier erspäht: In Clarks gläsernem Käfig sitzt ein attraktives Weibchen. Das Bienenelfenmännchen, das bis eben auf einem Ast gesessen hat, verlässt seinen Aussichtsplatz, schwirrt durch die Luft und trillert dem Weibchen etwas zu.

Immer höher steigt der Kolibri. Bald ist er nur noch als Stecknadel am Himmel zu sehen. Dann plötzlich – wie eine Achterbahn am Scheitelpunkt – stürzt er vorwärts und zischt in die Tiefe. Gleich darauf wiederholt er sein tollkühnes Manöver: Aufstieg, Hechtsprung, Sturzflug. Das Schauspiel dauert jeweils nur eine Sekunde. Irgendwann verschwindet das Geschöpf. Nur ein paar Blätter zittern noch von seinem Luftstrom.

Menschen können die Balzvorführung der Bienenelfe nur dank eines Hilfsmittels beobachten: Clark hat das Spektakel mit einer Hochgeschwindigkeitskamera aufgezeichnet, die jede Sekunde in 500 Einzelbilder teilt. Das Video ist die erste Aufnahme eines Sturzflugs dieser Kolibriart. Clark lädt das Material auf seinen Laptop und analysiert die atemberaubende Akrobatik und das rasende Tempo des Tieres.

Seit acht Jahren reist Clark zwischen der Wüste Arizonas, dem Regenwald Ecuadors und den ländlichen Gebieten Kubas hin und her und filmt die Balzflüge der Kolibris. In seinem Labor an der University of California in Riverside studiert er die Videos, um herauszufinden, was sie über das Flugverhalten der Tiere preisgeben. 

Kolibris erscheinen mit ihren raketenschnellen Bewegungen und dem bunten Kleid wie eine Fusion aus Federn, Fleisch und Feuerwerk. Manche Arten schlagen pro Sekunde hundertmal mit den Flügeln. Nektar nehmen sie mit einem fast unsichtbaren Zungenschnalzer auf. In einer Minute kann ihr Herz über tausendmal pochen. In Gärten und an Futterspendern können Vogelliebhaber nur einen flüchtigen Anblick der Schönheit erhaschen. Also ist die Möglichkeit attraktiv, die Bewegungen der Kolibris in Zeitlupe zu analysieren und so in ihre Welt einzutauchen.

Neben ihren Miniaturmaßen weisen Kolibris auch noch andere Besonderheiten auf: Kein anderer Vogel kann 30 Sekunden und länger auf einer Stelle in der Luft schweben oder verfügt über eine Art Rückwärtsgang. Und: Unter den Kolibris gibt es die schnellsten Wirbeltiere der Welt.

Eine Studie an der University of Toronto aus dem Jahr 2013 ergab, dass Kolibris, wären sie so groß wie Menschen, pro Flugminute mindestens eine 0,33-Liter-Dose Limonade trinken müssten, um ihren enormen Zuckerbedarf zu decken. Kein Wunder, dass sich die Vögel regelrechte Luftkämpfe um besonders ergiebige Gebiete mit nektarspendenden Blumen liefern – samt Drohgebärden, Angriffen und Kollisionen.

Die Zunge, mit der sie aus den Blüten schlürfen, ist ein hochspezialisiertes Organ. Sie ist fast durchsichtig und besteht aus zwei Röhren, die an zusammengerollte Zellophanbögen erinnern. Um Nektar aufzunehmen, zuckt der Vogel mit der Zunge, sodass die Flüssigkeit, wie der englische Naturforscher William Charles Linnaeus Martin schon 1852 schrieb „sehr schnell verschwindet, möglicherweise durch Kapillarwirkung“.

An der University of California in Berkeley filmte Alejandro Rico-Guevara Kolibris beim Trinken aus Blüten und Futterspendern. Die Aufnahmen der Hochgeschwindigkeitskamera zeigten, dass die gespaltene Zunge eher einem flexiblen Baseballhandschuh ähnelt als einem starren Trinkhalm. Jede Zungenröhre entrollt sich und nimmt in einer Hundertstelsekunde Nektar auf. Dann pumpen die Vögel die Flüssigkeit in den Schlund, indem sie den Schnabel zusammenpressen. Was der Naturforscher im 19. Jahrhundert nur vermuten konnte, zeigt die Kamera im 21. Jahrhundert bis ins kleinste Detail.

Dank der Zeitlupe erfahren die Forscher mehr darüber, was passiert, wenn die Biologie mit den Gesetzen der Physik in Berührung kommt. „Es gibt Dinge, die man mit bloßem Auge absolut nicht erkennt“, sagt der Ornithologe Christopher Clark. „Aber wenn man eine Hochfrequenzkamera verwendet, denkt man: Wow! Das ist es also, was der Vogel macht!“ 

Dieser Artikel wurde gekürzt und bearbeitet. Die ganze Reportage steht in der Ausgabe 7/2017 von National Geographic. Jetzt ein Magazin-Abo abschließen. 

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