Tiere

Chinesischer Zoo verfüttert lebenden Esel an Tiger

Der Vorfall hat Tierschützer entsetzt und beleuchtet die Grausamkeiten, die in einigen Zoos des Landes vor sich gehen. Donnerstag, 9 November

Von Jani Actman

Ein Video, das in einem chinesischen Zoo aufgenommen wurde, zeigt, wie ein lebender Esel vor den Augen der Öffentlichkeit an Tiger verfüttert wird. Der Vorfall hat Bedenken ausgelöst, was den Tierschutz in der Anlage und in chinesischen Zoos generell betrifft.

In dem Video, das sich im Internet verbreitete, stößt eine Gruppe von Männern in Regenjacken den Esel eine hölzerne Rampe hinab. Er landet in einem Wassergraben, in welchem sich die Tiger auf ihn stürzen. Das Video wurde Berichten zufolge von einem Besucher des Yancheng Safari Park vor Shanghai aufgenommen. Später zeigt es, wie der Esel unter Wasser um sich tritt.

Das Video dokumentiert nur den Beginn der Tortur. Laut der South China Morning Post starb der Esel erst nach einer halben Stunde.

Hinter dem Vorfall steckten einer (chinesischen) Mitteilung des Zoos zufolge verärgerte Aktionäre. Weil sie wütend darüber waren, dass sie keine finanziellen Renditen vom Zoo erhielten, ließen die Aktionäre eine Gruppe von Männern einige der Tiere einfangen – darunter auch ein Esel –, die sie außerhalb der Einrichtung an Leute verkaufen wollten. Nachdem sie von Sicherheitskräften aufgehalten wurden, entschieden sich die Männer, den Esel in das Tigergehege zu stoßen, um wenigstens „Fütterungskosten zu sparen“, erzählte ein Aktionär dem „Guardian“.

„Es ist ein schrecklich trauriges Video, weil alle darin leiden, ob es nun der Esel, die Tiger oder die Besucher sind, die da zusehen“, sagt Doug Cress. Er ist der Geschäftsführer der World Association of Zoos and Aquariums. Das Gremium akkreditiert Zoos, hat aber keine Verbindungen zum Yancheng Safari Park.

Cress sagt, dass so ein Vorfall nie hätte passieren dürfen. „Wenn der Zoo angemessene Barrieren zwischen den Menschen und den Gehegen gehabt hätte, hätte man die Tiere erstens gar nicht aus den Gehegen bekommen und hätte sie zweitens nicht in das Tigergehege werfen können. Die Absperrungen und Sicherheitsmaßnahmen dieses Zoos sind also eindeutig nicht effektiv.“

Bis zum Redaktionsschluss hatte der Zoo auf die Anfrage von National Geographic zu einem Kommentar noch nicht reagiert.

Der Vorfall ist nur der jüngste in einer Reihe verstörender Ereignisse in chinesischen Zoos. Ihren mangelnden Standards beim Tierwohl haben viele von ihnen ihren schlechten Ruf zu verdanken. Laut Cress hat der neue Reichtum Chinas in den letzten 20 Jahren zu einem Boom im Zoo- und Aquarium-Business geführt. Respekt für die Tiere und ein Verständnis für die besten Methoden zum Tierschutz hinken dem allerdings hinterher.

Zoobesucher warfen nachweislich schon Steine und Müll auf Tiere. Manchmal werden Tiere auch gezwungen, vor den Besuchern Kunststücke aufzuführen. Solche Aktivitäten werden von angesehenen Akkreditierungsstellen als Missbrauch von Tieren kritisiert.

Dave Neale ist der Leiter für den Bereich Tierschutz der gemeinnützigen Organisation Animals Asia mit Sitz in Hongkong. Er sagt, er sei entsetzt über den Vorfall im Yancheng Safari Park – aber nicht überrascht. Als er den Zoo in der Vergangenheit besuchte, konnten die Besucher bezahlen, um zur Unterhaltung lebende Enten und Hühner in die Gehege der Tiger und Löwen zu werfen.

In anderen Einrichtungen hat er vereinzelt auch erlebt, dass Schafe, Ziegen, Schweine und Kühe zur Verfütterung an die Raubtiere angeboten wurden. „Wenn jemand genug Geld bezahlt, dann machen manche Parks alles“, sagt er. „Das untergräbt den pädagogischen Wert eines Zoos – ich sehe keinerlei pädagogischen Wert in so etwas.“

Neale erzählt, dass solche Grausamkeiten meisten in nicht-städtischen Safariparks vor sich gehen, die nicht von Chinas staatlicher Forstverwaltung beaufsichtigt werden. Zoos wie die in Peking oder Shanghai werden von städtischen Behörden betrieben und konzentrieren sich eher auf Arterhaltung als auf Entertainment.

Der Yancheng Safari Park wurde von der Chinesischen Gesellschaft der Zoologischen Gärten akkreditiert. Laut Neale hat die Organisation gute Absichten, allerdings mangelt es ihr an Ressourcen, um bei ihren Mitgliedern strenge Standards zum Tierwohl durchzusetzen. Die Gesellschaft hat bisher noch nicht auf die Anfrage von National Geographic reagiert, ob sie plant, als Reaktion auf den Vorfall mit dem Esel etwas zu unternehmen.

Neben den unzureichenden Absperrungen hat der Vorfall noch ein anderes Problem verdeutlicht, so Cress: Zootiger sind einfach nicht dafür bestimmt, lebende Tiere zu fressen. In der Wildnis töten Tiger eine große Vielfalt von Beutetieren – von Hirschen über Wasserbüffel bis hin zum gelegentlichen Nutzvieh. Aufrechte Zoos verfüttern an ihre Tiger jedoch Rind- und Pferdefleisch und keine lebenden, atmenden Tiere.

„Es war nicht der Hunger, der diese beiden Tiger angetrieben hat, es war Neugier“, sagt Cress. „Sie scheinen keine Vorstellungen davon zu haben, wie man ein solches Tier erlegt und was sie damit anfangen sollen.“

Auch wenn die Tiger den Esel im Video angreifen, zeigen sie dabei kaum die klinische Präzision, die man aus Naturdokumentationen kennt. In der Wildnis schleicht sich ein Tiger an sein Opfer heran und kann es binnen Minuten töten, indem es ihm am Hals die Luft abklemmt.

Außerdem, fügt Cress hinzu, könnte ein mangelnder Raubtierinstinkt den Tigern schaden, wenn zum Beispiel ein gehörntes Tier in ihr Gehege geworfen wird.

„Die Sicherheit von Tier und Mensch sollte oberste Priorität haben“, sagt Neale, „daher ist der Zoo definitiv verantwortlich, auch wenn das hoffentlich ein einmaliger Vorfall war.“

Jani Actman auf Twitter und LinkedIn folgen.

Wei­ter­le­sen