Tiere

Großer Baumhummer doch nicht ausgestorben

Nach einem Schiffbruch an der Küste der Lord-Howe-Insel rotteten Ratten eine große Gespensterschrecke aus – das dachten Forscher jedenfalls.Donnerstag, 9. November 2017

Von Sarah Gibbens
Ein ausgewachsener weiblicher Baumhummer ist etwa so groß wie eine menschliche Hand.

Eine große Gespenstschrecke, die auf einer abgelegenen australischen Insel heimisch ist, ist von den Toten auferstanden.

Der Baumhummer der Lord-Howe-Insel ist kaum zu übersehen. Die schwarz-braunen Tiere werden bis zu 13 Zentimeter lang und haben einen robusten Körper mit sechs langen Beinen.

Seit Jahrzehnten schien die Art ausgestorben, aber neue DNA-Untersuchungen zeigen, dass das wohl gar nicht der Fall ist. Um die komplizierte und überraschende Wiedererweckung des Insekts zu verstehen, muss man 100 Jahre in der Zeit zurückreisen.

Ein Paar der Art Dryococelus australis auf einem Ficus.
Ein ausgewachsenes Baumhummerweibchen auf der Myrtenheide Melaleuca howeana.

Der drastische Populationseinbruch der Gespenstschrecken begann im Jahr 1918 mit einem Schiffbruch auf der Lord-Howe-Insel, einer kleinen, grünen Landmasse, die vor der Ostküste Australiens aus dem Meer ragt. Neben der Mannschaft befand sich auf dem Schiff auch eine Horde Ratten, die sich über die Insel ausbreitete. Da es keine größeren Säugetiere gab, die den Nagern hätten gefährlich werden können, explodierte ihre Zahl. Der Baumhummer galt um 1920 schließlich als ausgestorben.

1960 besuchte dann eine Gruppe Felsenkletterer eine andere kleine Vulkaninsel namens Ball‘s Pyramid in der Nähe. Dort fanden sie etwas, das wie Überreste der „ausgestorbenen“ Baumhummer anmutete. Erst 2001 kehrten Forscher nach Ball‘s Pyramid zurück. Auf einem Baum in 65 Metern Höhe über dem Meeresspiegel saßen ein paar lebende Exemplare, bei denen es sich tatsächlich um die Baumhummer der Lord-Howe-Insel zu handeln schien.

Im folgenden Jahr wurden mehrere der Insekten eingefangen und an ein Zuchtprogramm im Melbourne Zoo übergeben.

Aber fast ein Jahrzehnt lang wurde die Identität der Insekten debattiert. Optisch sahen die Tiere, die in Gefangenschaft gezüchtet wurden, anders aus: Sie hatten eine dunklere Farbe und ihre Hinterbeine waren dünner als jene der Museumsexemplare von der Lord-Howe-Insel.

Erst, als man die Genome der Museumsexemplare und der im Zuchtprogramm geborenen Insekten sequenzierte, stellten Forscher fest, dass es eine genetische Varianz von weniger als einem Prozent gab. Das war noch immer genug, um die Populationen als die gleiche Art zu klassifizieren. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen wurden kürzlich in „Current Biology“ veröffentlicht.

OFFENE FRAGEN

Die subtilen äußeren Unterschiede geben dennoch zu denken. Die Forscher glauben, dass sie eventuell mit dem Alter der Insekten oder Abweichungen in den Umweltbedingungen zu tun haben.

Die Studie ist nicht nur ein Beispiel für die Erfolgsgeschichte einer Art, sondern zeigt auch, wie fortschrittliche Technologie Wissenschaftlern dabei helfen kann, ältere Generationen ausgestorbener oder bedrohter Arten zu untersuchen.

Was genau eine Art eigentlich ausmacht, ist sein langem ein Diskussionsthema. Ein Bericht der Museums Victoria in Australien listete 26 verschiedene Konzepte für die Unterscheidung von Arten auf. Laut Alexander Mikheyev, dem Hauptautor der Studie, setzte das Team das Kriterium an, dass zwei Organismen in der Lage sind, genetisches Material auszutauschen.

Diese Debatte ist wichtig für Artenschutzmaßnahmen, besonders auf der Lord-Howe-Insel. Dort will die australische Regierung die invasive Rattenpopulation vernichten und die Gespensterschrecken womöglich wieder ansiedeln.

Für Mikheyev repräsentieren diese Erkenntnisse aber etwas viel Existenzielleres. Er hofft, dass jenseits der Untersuchungen evolutionärer Veränderungen anhand alter Museumsexemplare auch andere Arten, die vom Aussterben bedroht sind, mehr Chancen auf ein Überleben haben.

„Wir haben eine zweite Chance, das gibt uns Hoffnung“, sagte er.

Die großen Insekten der Lord-Howe-Insel mögen zwar nicht ausgestorben sein, doch dieses Schicksal droht ihnen noch immer. Es ist nicht bekannt, wie viele Exemplare es in der Wildnis noch gibt, da Ball‘s Pyramid nur durch Felsenklettern erklimmbar ist.

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