Tiere

Fürsorgliche Räuber

Fleischfressende Fledermäuse sind selten, ihre Lebensweisen fast unbekannt. Mexikanische Wissenschaftler haben sich auf ihre Spur begeben und dabei überraschende Entdeckungen gemacht. Freitag, 22 Juni

Von Virginia Morell
Bilder Von Anand Varma

Sie hängen in einem alten Maya-Tempel an der kalten Steindecke und starren auf uns herab, aus Augen, die im roten Schein der Stirnlampen golden glänzen.

Sie haben messerscharfe Zähne, fast durchsichtige Hasenohren und ein verschrumpeltes, wolfsähnliches Gesicht. Auf ihrer Schnauze ragen Nasenblätter empor, die zur Echoortung dienen – und an Lanzen erinnern.

Diese Fledermäuse leben am Rande des Calakmul-Biosphärenreservats auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán. Doch nicht zu Tausenden wie andere Arten, erklärt Rodrigo Medellín, führender Flugsäugerexperte des Landes und Professor an der Nationalen Universität in Mexiko-Stadt: „Sie tauchen immer nur in kleinen Gruppen auf – und beschützen einander.“

Dann fängt er mit einem Schmetterlingsnetz eine der sechs Fledermäuse im Maya-Tempel der archäologischen Stätte bei Hormiguero – ein Weibchen. Er untersucht das dicke, wollige Fell, das es so kuschelig aussehen lässt, während die Schnauze mit den spitzen Zähnen einen ganz anderen Eindruck vermittelt. Vorsichtig faltet der Wissenschaftler einen Flügel auf, an dessen Rand ein Daumen herausragt – mit einer Kralle, geformt wie ein Säbel und ebenso scharf. „Damit halten die Tiere ihre Beute fest“, sagt Medellín – Nagetiere, Singvögel und sogar andere Fledermäuse.

Fleischfressende Fledermäuse werden auch Falsche Vampirfledermäuse genannt, da sie – anders als echte Vampirfledermäuse – kein Tierblut saugen. Es gibt sie in den gesamten Tropen. Aber nur in geringer Zahl: Weniger als ein Prozent aller Fledermausarten frisst Wirbeltiere.

Vom Süden Mexikos bis nach Bolivien und Brasilien sind zwei Arten verbreitet, eine davon kommt auch noch weiter südlich vor: die Großohr-Wollfledermaus (die aus dem Maya-Tempel), und die Große Spießblattnase, auch Linnés Falsche Vampirfledermaus genannt. Letztere ist die größte Fledermausart des amerikanischen Kontinents und hat eine Flügelspannweite von bis zu einem Meter.

Bisher ist nur wenig über Großohr-Wollfledermäuse bekannt. Deshalb nutzt Medellín die Chance, fängt alle sechs ein und trägt sie in weichen Baumwollbeuteln aus dem Tempel. Es sind vier Männchen und zwei Weibchen, eins davon trächtig. Medellín und seine Studenten wiegen und messen sie vorsichtig, dann stanzen die Forscher winzige Hautproben aus den Flügeln – und schicken sie für eine Gen-Analyse ins Labor. Drei Tieren, darunter dem trächtigen Weibchen, montieren sie GPS-Tracker auf den Rücken, um ihre Jagdgewohnheiten besser verfolgen zu können.

Essensreste und Kot aus dem Tempel geben Aufschluss über die Ernährung der Tiere. „Erstaunlich“, sagt Medellín und hält den verwesenden Kadaver eines Mäusejungen hoch. „Eigentlich fressen sie alles auf, bis auf den letzten Happen – manchmal sogar Knochen, Krallen und Schwanz.“ Auch die Flügel eines gelben Schmetterlings sind übrig geblieben und die rostroten Federbüschel eines Vogels, vielleicht eines Baumsteigers.

Wie Wölfe, Löwen, die meisten Vogelarten, einige Wale, Insekten und Primaten teilen die Großohr-Wollfledermaus und die Große Spießblattnase ihre Nahrung mit Artgenossen – allerdings nur mit Mitbewohnern ihres Quartiers. Für die Forscher ist das ein Zeichen von Altruismus, auch wenn die Tiere wohl lediglich ganz bestimmte enge Verwandte an ihrer Beute teilhaben lassen. Aber die Wissenschaftler wissen noch nicht genau, wer Futter mit wem teilt. Aufschluss darüber sollen die Aufzeichnungen der Kameras bringen, die Medellíns Postdoktorand Ivar Vleut am Schlafplatz der Tiere installiert hat. Auf dem Laptop zeigt er einige Ausschnitte.

„Hier sieht man eine Mutter mit ihrem Jungen hängen“, sagt Vleut, „und da bringt eine andere Fledermaus eine Maus.“ Der Jäger, wohl eines der Männchen, platziert sich neben die beiden. Das Weibchen reckt ihm die geflügelten Unterarme entgegen – wie ein Vogeljunges, das von den Eltern Futter erbettelt. Dann nimmt es ihm die Beute ab, eine Maus, der bereits der Kopf fehlt, und verschlingt alles bis auf den Schwanz.

Der Jäger hängt gelassenneben dem Weibchen und leckt sich die Flügel. „Das ist das übliche Verhalten“, sagte Vleut. „Die Tiere wirken oft satt, wenn sie zurückkommen, sie bringen wohl nur den letzten Fang zum Teilen mit.“

Wie die Fledermäuse in der Wildnis jagen, haben die Forscher bisher noch nicht beobachten können. Trotzdem haben sie eine ziemlich genaue Vorstellung von ihren Techniken. Denn Medellín hielt zwei Wochen lang zwei Großohr-Wollfledermaus-Männchen in einem Flugkäfig. Dort erbeuteten sie die Mäuse, die der Wissenschaftler für sie freiließ. Er hatte im Käfig extra Laub ausgebreitet, damit die Mäuse darunter raschelten. Die Flugtiere bemerkten das Geräusch sofort – und drehten, zur Ortung der Beute, ihre Ohren wie Satellitenschüsseln hin und her. „Die Fledermäuse hingen von den Käfigwänden oder einem Zweig herab“, erzählt Medellín. „Da blieben sie, absolut regungslos. Doch sobald sie das kleinste Geräusch von den Mäusen hörten, stürzten sie sich hinab.“

Ein paar Tage später ziehen wir in einer kleinen Gruppe durch den Regenwald, um Große Spießblattnasen aufzuspüren. Vleut hat 2009 erstmals eines dieser seltenen Tiere gesehen. Bei einer Fledermauszählung hatte er sogar mal eine in seinem Netz. „Ich konnte sie riechen, bevor ich sie überhaupt gesehen habe – ich dachte erst, irgendetwas wäre in meinem Netz gestorben“, sagt er. „Dann war ich vollkommen sprachlos, als ich sah, wie sich das riesige Tier aus dem Netz herausnagte. Und ich hatte ein bisschen Angst, weil es so groß war.“

Fasziniert las er daraufhin alles, was er über die Fledermäuse finden konnte, und stellte fest, dass sich noch niemand mit ihrer Ökologie befasst hatte. Er kontaktierte Medellín, und die beiden starteten ihre Studie. „Zurzeit versuchen wir zu bestimmen, wie viele dieser Fledermäuse in einem Gebiet leben können“, sagt Vleut. „Es gibt eine Belohnung, wenn jemand ein Schlafquartier entdeckt und es uns verrät.“

Auf diese Weise fanden sie mehrere Unterschlüpfe. Einen weiteren entdeckten sie dadurch, dass sie einer Großen Spießblattnase einen Sender auf den Rücken montierten. Unsere Gruppe folgt nun diesem Signal bis zu einem hohlen Baum. Vleut verbindet eine GoPro-Kamera mit seinem Computer, bindet mehrere Seile um sie, führt die Kamera dann in die Öffnung des Baumstamms und lässt sie langsam hinab.

Ein paar Minuten langbleibt der Bildschirm dunkel. Dann leuchten im Licht der Kamera drei Augenpaare, ein erwachsenes Weibchen mit einem Jungtier und ein erwachsenes Männchen. Von dem seltsamen Eindringling überrascht, verzerrt sich ihr Gesicht, sie klappern mit den Zähnen, ihre Ohren zittern.

„Das machen sie auch, wenn sie die Burrrr- Geräusche machen, es bedeutet, dass man sie in Ruhe lassen soll“, sagt Medellín, den Blick auf den Bildschirm gerichtet. Wir beschließen, die Kamera zu entfernen. Die Wissenschaftler diskutieren sofort, wie sich eine unauffällige Kamera in den Baum einführen ließe.

Für die Maya waren die fleischfressenden Fledermäuse furchterregende Wesen, so wie heute noch für ihre Beutetiere. Aber diese geflügelte Mischung aus Maus und Wolf hat auch eine weiche, verletzliche Seite. Dann sitzen die Tiere im Schlafquartier aneinander geschmiegt oder umsorgen zärtlich ihre Nachkommen, so wie alle anderen Säugetiere auch.

Dieser Artikel wurde gekürzt. Den ganzen Artikel finden Sie auch in Ausgabe 7/2018 des National Geographic Magazins. Jetzt ein Magazin-Abo abschließen!

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