Tiere

5 tierische Kannibalen

Manche Tiere schaffen durch Kannibalismus Konkurrenz aus dem Weg. Andere sind einfach nur hungrig.Montag, 30. Juli 2018

Von Liz Langley
Ein Sandtigerhai schwimmt im Meer vor der Küste von North Carolina, USA.

Kennt ihr den von dem Kannibalen, der zu spät zum Abendessen kam? Er hat die kalte Schulter bekommen.

Manche Menschen finden kannibalistischen Humor geschmacklos – und auch für manche Tiere hört der Spaß bei dem Thema auf.

SANDTIGERHAI

Früh übt sich, was ein Meister werden will. Wenn das auch für Haie gilt, ist es nicht verwunderlich, dass die Tiere so effiziente Räuber sind. Sie fangen schon vor ihrer Geburt damit an.

Die einjährige Trächtigkeit weiblicher Sandtigerhaie beginnt mitunter mit sechs bis sieben Embryos, die in den paarigen Eierstöcken heranwachsen. Allerdings wird am Ende nur ein Hai pro Gebärmuttersack geboren, wie „CBC“ berichtet. Die beiden ältesten Nachkommen fressen noch im Mutterleib ihre Geschwister auf.

Neben den glücklosen Geschwistern halten auch unbefruchtete Eier als Nahrung für die jungen Haie her. Die proteinreiche Kost zahlt sich aus: Mit einer Länge von bis zu einem Meter und einem Geburtsgewicht von etwa 20 Kilogramm ist es sehr unwahrscheinlich, dass die neugeborenen Haie selbst als Mahlzeit enden.

PRÄRIEHUND

Die Hörnchen sind vermutlich die niedlichsten kindsmordenden, kannibalistischen Serienmörder, die man je gesehen hat. Tatsächlich trifft diese Beschreibung nicht auf alle Präriehunde zu. Dank der unermüdlichen Forschung von John Hoogland, einem Verhaltensökologen der University of Maryland, wissen wir aber, dass einige Vertreter der Gattung durchaus nicht zimperlich sind.

Nach einer Menge Detektivarbeit fand er schließlich heraus, dass Schwarzschwanz-Präriehund Kannibalismus praktizieren. „Wir bemerkten, dass sich fast alle Weibchen paarten, aber nur sehr wenige Jungen hatten, die sie säugten“, sagte Hoogland, der 1974 mit der Erforschung der Tiere begann.

Außerdem fiel seinem Team auf, dass Weibchen in die Baue ihrer engsten Verwandten gingen und „wenn sie wieder rauskamen, oft etwas Blut im Gesicht hatten“.

Die Mütter in den Bauen stellten danach jegliches mütterliche Verhalten ein. Nach vielen Mühen „fanden wir da unten enthauptete Babys, die größtenteils kannibalisiert worden waren“, sagte Hoogland.

„Da hatten wir dann den eindeutigen Beweis.“

Der Utah-Präriehund frisst ebenfalls seine Jungen. Bei anderen Arten scheint das Verhalten jedoch kaum oder gar nicht verbreitet zu sein.

„Meine Hypothese ist, dass der Wettbewerb so extrem ist, dass die natürliche Auslese die Präriehunde manchmal dazu treibt, den Nachwuchs ihrer engen Verwandten zu töten, weil das die Überlebenschance ihrer eigenen Jungtiere erhöht“, erklärt Hoogland.

AGA-KRÖTE

Die Kaulquappen der Aga-Kröte, die in Südamerika heimisch ist, haben es auf die Eier ihrer Artgenossen abgesehen, die sie aus dem Wasser fischen. Dabei haben es ihnen besonders die Toxine aus der Gruppe der Bufadienolide angetan, die eigentlich dem Schutz der Eier dienen.

Der nahrhafte Kaviar unterstützt ihre Entwicklung und reduziert die künftige Konkurrenz, wie eine Studie der University of Sydney und der James Cook University im Jahr 2011 belegt.

Aga-Kröten in Cairns, Australien.

Aber nicht nur die Jugend ist kannibalistisch veranlagt. Eine Studie aus dem Jahr 2008 zeigte, dass ausgewachsene Aga-Kröten mit dem mittleren Zeh ihrer hinteren Extremitäten wackeln, um Beute anzulocken – darunter auch junge Aga-Kröten.

Im Rahmen der Studie sezierten die Forscher 28 Aga-Kröten und fanden heraus, dass 64 Prozent ihrer insgesamt 149 Beutetiere andere Aga-Kröten waren. 

SCHLANGEN

Eine Schlange zu sein, schützt einen nicht davor, als Mahlzeit für andere Schlangen zu enden. Einige Arten von Strumpfband- und Königsnattern fallen auch über Artgenossen her, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Eine Studie der Klapperschlangenart Crotalus polystictus aus dem Jahr 2009 ergab, dass 68 Prozent der Schlangenmütter ihren toten Nachwuchs teilweise oder ganz verzehrten – vermutlich, um Nährstoffe zurückzugewinnen, die sie für eine erneute Paarung benötigen.

Ein Artikel der „New York Times“ aus dem Jahr 1901 beschrieb die Fressgewohnheiten einer besonders großen weiblichen Kobra im Bronx Zoo. Das Tier fraß anscheinend dermaßen gern Erdnattern, dass „ihr Appetit Erdnattern im Park schon zu einer Seltenheit gemacht hat“.

 

Galerie ansehen

ROTRÜCKENSPINNE

„Liebesbisse“, „hungrig nach Liebe“, „Ich könnte dich fressen“ – im Bereich Liebe und Sexualität strotzt die Sprache nur so vor Metaphern, die mit Nahrungsaufnahme zu tun haben. Im Tierreich sind das aber keine Metaphern.

Eine weibliche Rotrückenspinne in Albany, Australien.

Manche Insekten und Spinnentiere praktizieren sexuellen Kannibalismus, bei dem das Weibchen das Männchen nach der Paarung frisst. Australische Rotrückenspinnen legen dabei sogar eine besonders akrobatische Vorstellung hin.

Das Männchen opfert sich dem Weibchen, indem es während der Paarung einen Salto direkt in die Mundwerkzeuge seiner Partnerin macht. Während es verzehrt wird, gibt es sein Sperma ab.

Diese Spinnen fressen die Kadaver ihrer Mütter
Diese Spinnen fressen die Kadaver ihrer Mütter

Maydianne Andrade von der University of Toronto Scarborough berichtete in einer Studie aus dem Jahr 2003, dass Männchen, die vom Weibchen gefressen werden (was in 65 Prozent aller Fälle passiert), einen deutlich längeren Paarungsakt vollziehen und doppelt so viele Nachkommen produzieren wie jene Männchen, die nicht gefressen werden.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

Wei­ter­le­sen