Tiere

Rosalinda aus Taka-Tuka-Land und der Artenschutz von Papageien

Der Hellrote Ara Rosalinda wurde im Film „Pippi-Langstrumpf in Taka-Tuka-Land“ bekannt – heute lebt er im Zoologischen Stadtgarten Karlsruhe. Zoodirektor Matthias Reinschmidt erzählt über den Papagei und die Aufgabe des Zoos als Artenschutzzentrum. Donnerstag, 12 Juli

Von Andrea Henke

Wie geht es Rosalinda?

Rosalinda ist ein Männchen, heißt eigentlich Douglas und ist jetzt 51, das entspricht etwa 100 Menschenjahren. Das höchste bisher nachgewiesene Lebensalter eines Aras lag bei 56 Jahren, er ist also ein richtiger Methusalem. Vor kurzem haben wir einen großen Gesundheitstest gemacht: Douglas plagt Arthrose, die Gesichtshaut ist sehr runzlig, der Vögel hat keine Schwanzfedern mehr, an den Flügeln fehlen ein paar Schwungfedern. Immerhin hat er noch keinen Grauen Star.

Seit knapp zwei Jahren ist er verwitwet, seine langjährige Partnerin ist an Herzschwäche gestorben. Wie geht man mit einem trauernden Papagei um?

Wir haben Douglas ein bisschen trauern lassen – man holt nicht sofort einen neuen Partner. Intelligente Vögel wie die Papageien brauchen eine gewisse Zeit, um wieder offen für eine neue Partnerschaft zu sein. Als wir dann das Ara-Weibchen Rubin zu ihm brachten, ist der alte Herr plötzlich wieder zur Höchstform aufgelaufen und hat von seiner Arthrose offenbar nichts mehr gespürt: Die junge Frau bringt ihn ganz schön in Schwung. Beide leben in unserem Exotenhaus und kraulen sich gegenseitig. Rubin kam aus Privathand, ist Anfang 20, sieht sehr schön aus, hat aber auch keinen Schwanz mehr, weil sie ihn sich abgebissen hat. Eine Voliere brauchen die zwei also nicht, weil sie nicht fliegen. Wir haben ihnen ein Klettergerüst über die Seychellen-Schildkröten gebaut, die nur unten herumliegen.

Beide Vögel sehen ein wenig zerrupft aus, das sieht man selten im Zoo.

Douglas hat sich vor Jahren die Brustfedern gerupft, Rubin hat sich den Schwanz abgebissen. Normalerweise würde ich solche Tiere nicht im Zoo ausstellen. Wir machen das dann zum Thema bei Führungen: Papageien sind sehr soziale Tiere, man darf sie nicht allein halten und sie brauchen eine große Voliere, in der sie auch fliegen können, sonst passieren solche Dinge.

Wissenschaftler vergleichen die Intelligenz von Papageien mit der von Menschenaffen. Sehen Sie das auch so?

Ja. Im Tierpark Loro Parque auf Teneriffa, wo ich 15 Jahre lang gearbeitet habe, befindet sich eine Aufzuchtstation mit der weltweit größten Papageiensammlung. Seit einigen Jahren hat dort die Loro Parque Foundation in Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für Ornithologie eine Forschungsgruppe gebildet, die an der Intelligenz von Papageien forscht. Aktuelle Publikationen weisen darauf hin, dass Papageien in dieser Hinsicht mit Menschenaffen, Hunden und Delfinen zu vergleichen sind. Sie stechen gemeinsam mit Krähen unter allen Vögeln in Bezug auf die relative Hirngröße als auch auf die Neuronendichte heraus. Irene Pepperberg von der Harvard University hat den berühmten Graupapagei Alex über viele Jahrzehnte begleitet. Alex konnte Konzepte mit bis zu sechs oder sieben Variablen unterscheiden: verschiedene Farben, Formen und Material. Pepperberg hat ihm das über die menschliche Sprache beigebracht. Alex war so intelligent, dass er beides verbinden konnte.

Der Import von Papageien nach Europa ist inzwischen verboten. Wie gelingt die Zucht dieser Vögel?

Den großen Durchbruch in der Papageienzucht hat man Ende der achtziger Jahre geschafft, als man begann, kleine Endoskope in der Papageienmedizin zu verwenden. Man hat die die Vögel betäubt, ein Endoskop eingeführt und konnte so die innenliegenden Geschlechtsorgane sehen. 80 Prozent der Papageien haben keinen Geschlechtsdimorphismus, Männchen wie Weibchen sehen von außen gleich aus. Eine planmäßige Zucht war nicht möglich. In Ermangelung eines gegengeschlechtlichen Partners machen Papageien nämlich natürliche Verhaltensweisen wie Kopulationen auch mit gleichgeschlechtlichen Partnern. Am Verhalten kann man nicht auf ein Pärchen schließen. Die Endoskopie hat die Papageienzucht revolutioniert, ist aber inzwischen fast vollständig durch einen einfachen DNA-Test abgelöst worden, der deutlich weniger invasiv ist und einfach durchgeführt werden kann.

Worauf muss man bei der Zucht von Papageien achten?

Papageien brauchen optimale Bedingungen. Der Nistplatz, und besonders die Harmonie des Paares sind ganz entscheidende Faktoren. Es ist gut, mehrere Papageien zu halten, dann können die Vögel ihre eigene Wahl treffen. Um die Tiere in Brutstimmung zu bekommen, ist eine Abwechslung in der Ernährung notwendig. Es reicht nicht, einfach den Körnernapf zu füllen, sondern es müssen entsprechende vitamin- und mineralienreiche Früchte und Saaten gegeben werden. Bei importierten Papageien war das sehr schwierig, weil alle auf ihren eigenen Rhythmus in Afrika, Südamerika oder Asien eingestellt waren. Sie kamen im November oder Dezember in Brutstimmung, gegenläufig zu unseren klimatischen Bedingungen. Inzwischen sind die allermeisten Papageien auf unseren europäischen Rhythmus umgestiegen. Die Brutsaison liegt jetzt zwischen März bis August.

Laut Washingtoner Artenschutzabkommen sind nur vier Papageienarten nicht als bedroht gelistet. Züchten Sie in Karlsruhe bedrohte Arten?

Wir haben einZuchtprogramm für den Orangehaubenkakadu. Das ist der am meisten bedrohte Weiße Kakadu. Er kommt auf der indonesischen Insel Sumba vor, die zu 95 Prozent entwaldet ist. In den verbliebenen fünf Prozent leben nur noch 500 Orangehaubenkakadus. Wo es geht, sammeln wir sie ein, um ein gezieltes Zuchtprogramm zur Erholung der Art aufzubauen. Ein paar Jahrzehnte können wir so überbrücken, bis die Situation sich so verändert hat, dass wir es wagen können, die Kakadus wieder auszuwildern.

Der Schutz des Lebensraums ist neben Handelsverbot und Zucht der dritte wichtige Faktor im Artenschutz?

Die Zerstörung des Lebensraums ist die größte Gefahr für diese Tiere. Ein aktuelles Beispiel ist die Karibikinsel Dominica, wo ein Hurrikan im vergangenen Herbst schwere Verwüstungen angerichtet hat. Dort leben zwei hochbedrohte Arten, die es nur in dieser Region überhaupt gibt. Von der Kaiseramazone hat man gerade noch 20 Stück gefunden. Die Socorro-Taube ist ein weiteres Beispiel: Es gibt in den Zoos der Welt nur noch 140 Tiere. Socorro ist eine südamerikanische Insel, auf der die Amerikaner eine Militärbasis gebaut haben. Die Soldaten brachten Katzen mit, und diese haben die heimischen Tauben ausgerottet. Die Tauben lebten seit vielen Generationen nur dort und waren nicht an Feinde angepasst. Wir haben bei uns ein Pärchen aufgenommen, und das Weibchen hat gerade ein Ei gelegt.

Weitere spannende Artikel über Tiere und Wissenschaft stehen im National Geographic Magazin. Jetzt ein Magazin-Abo abschließen!

Wei­ter­le­sen