Tiere

Monster im Haus

Ausgestorbene Tiere kennen wir vor allem aus Museen. Sie Schmücken aber auch Wohnzimmer, Läden und Lobbys. Doch das Hobby der privaten Sammler ist umstritten.Donnerstag, 26. September 2019

Von Richard Conniff
Bilder Von Gabriele Galimberti und Juri Diluca
Ein Kaatedocus siberi zwischen anderen Relikten der Naturgeschichte im Theatrum Mundi, einer Wunderkammer im italienischen Arezzo.

Der Chirurg sitzt in Cowboyhut und Bluejeans am Hotelpool in Tucson, Arizona, und schwärmt von einem Schädel. Er ist im Handgepäck mit ihm hierhergeflogen. „Ich sehe den Sehnerv geradezu vor mir“, sagt er. „Ich sehe den sechsten Hirnnerv, der die seitlichen Augenbewegungen möglich gemacht hat, und den Trigeminusnerv, der für die Empfindungen der Gesichtshaut zuständig war.“ Der Schädel ist alt, der Patient also tot, und die Kanäle, durch die die Nerven einst liefen, sind schon lange leer. Der Schädel gehörte einem Dinosaurier.

Der Chirurg möchte nicht mit Namen genannt werden, obwohl er in Tucson eine sehr öffentliche Messe für Fossiliensammler besucht. Hier auf der Tucson Gem and Mineral Show ist er zwar unter Gleichgesinnten, doch gegenüber Außenstehenden macht ihn sein Hobby nervös. Die meisten privaten Sammler hüllen sich in Schweigen. Denn über die Vor- und Nachteile der kommerziellen Paläontologie wird seit zwei Jahrzehnten hitzig gestritten. Es begann mit der Versteigerung von Sue: Der Tyrannosaurus rex gelangte 1997 für 8,4 Millionen Dollar von seinem privaten Besitzer ins Chicagoer Field Museum. Diese Rekordsumme weckte bei Händlern und bei Grundbesitzern wahre Goldrauschfantasien. Paläontologen fürchteten dagegen, von Laien aus ihrer Domäne vertrieben zu werden – wenn sich wie auf dem Kunstmarkt nur noch reiche Sammler die Fossilien leisten könnten.

Und von denen gibt es viele. Manche (wie der Chirurg, der ein eigenes Museum plant und die Stücke selbst präpariert) sind mit tiefem Ernst dabei und könnten fast als Paläontologen durchgehen. Andere aber wirken eher wie kleine Jungs, die sich für die schaurigen – und teuren – Monster aus einer anderen Zeit begeistern.

„Am besten verkaufen sich Kiefer, Klauen und Hörner“, bestätigt ein Händler auf der Messe hinter vorgehaltener Hand.

Die Spielzeugdinosaurier beflügeln die Fantasie seines kleinen Sohnes Edoardo – aber für den italienischen Filmregisseur und -produzenten Francesco Invernizzi (hinten) muss es schon das Original sein. „Ich wollte immer einen Dinosaurier haben“, sagt er, „also habe ich beschlossen, einen zu kaufen.“ Genau genommen gehört der riesige Schädel keinem Dinosaurier, sondern einem Mosasaurier, also einem Meeresreptil – Invernizzi schätzt ihn trotzdem. Heute steht er im Wohnzimmer seines Hauses nicht weit von Mailand. Aber nicht für immer. Eines Tages werde der Fund zusammen mit anderen von ihm gesammelten Gegenständen „in ein naturhistorisches Museum wandern“, sagt Invernizzi.

Viele Sammler sind einfach nur Fossilienfans – aber einige gehören zu den Superreichen der Welt. Wie der chinesische Immobilienentwickler, der auf der Messe in Tucson um einen Ichthyosaurus feilscht, ein Meeresreptil, das hier für 750 000 Dollar angeboten wird. Als ein Journalist eine Frage an den Dolmetscher des Immobilienmoguls stellt, unterbricht der das Gespräch mit einem Räuspern. Und marschiert mürrisch weiter, in Richtung eines drei Millionen Dollar teuren Stegosaurus.

Längst hängen Dinosaurier und andere Riesenfossilien nicht mehr nur in Museen, sondern landen in Privat- und Geschäftshäusern. In der Eingangshalle eines Sommerhauses an Massachusetts’ Küste begrüßen Schild und Hörner eines Triceratops-Schädels die Wochenendgäste, und von der Wohnzimmerdecke hängt ein über fünf Meter langer Mosasaurier, eine Meerechse. In Südkalifornien ziert ein gewaltiger Ichthyosaurus das Hauptbadezimmer eines Sammlers – das Wohnzimmer ist schon zu voll mit Fossilien. In Dubai ist ein 24 Meter langer Diplodocus die Hauptattraktion in einem Einkaufszentrum. Und im kalifornischen Santa Barbara, in der Lobby eines Softwareunternehmens, blickt einer der besterhaltenen Tyrannosaurus-Schädel finster mit gefletschten Fangzähnen auf die gleichgültige Rezeptionistin, die gegenüber an ihrem Platz sitzt.

Die Firma Zoic im italienischen Triest ist auf das Restaurieren von Fossilien spezialisiert. Hier setzen Mitarbeiter die Knochen eines Allosaurus zusammen, der in Wyoming ausgegraben wurde. Der Fund wurde später in Paris bei einer Auktion für etwa 1,2 Millionen Euro versteigert.

So richtig hat der Goldrausch bisher trotzdem nicht eingesetzt. Bei Tyrannosaurus- Exemplaren herrscht derzeit sogar ein Überangebot. Aber Streitpunkte gibt es zwischen wissenschaftlicher und kommerzieller Paläontologie trotzdem genug. Zum Beispiel immer dann, wenn gefälschte Funde aus China, geschmuggelte Dinosaurierknochen aus der Mongolei und illegale Ausgrabungen auf der ganzen Welt Schlagzeilen machen. Der Grundvorwurf ist immer gleich: Händler und Sammler handelten eigennützig – für profitable Geschäfte und zum Privatvergnügen. Forscher dagegen hätten ein wissenschaftliches Interesse an den Knochen, das letztlich der ganzen Menschheit diene.

Auf der Messe in Tucson preist ein Händler den Vorübergehenden ein Apatosaurus-Bein an. „Das wäre ein verdammt guter Grillhappen!“, scherzt er. Ein anderer prahlt, sein Heimatort in Deutschland sei „die Stadt der Millionäre“. Er bietet einen Tyrannosaurus-Schädel zum Verkauf, zwar nicht echt, sondern aus Kunststoff – dafür vergoldet: Der anspruchsvolle Käufer könne ihn „seinen Freunden zeigen, und die sagen dann ‚Wow!‘“, erklärt der Händler. Hier zählen jedenfalls andere Werte als in der wissenschaftlichen Welt.

In manchen Kreisen ist er bekannt als der „Dino-Cowboy“: Der Rancher Clayton Phipps (o.) erkundet zusammen mit seinem Sohn Luke einen Teil der Hell-Creek-Formation, nicht weit von seinem Heimatort Jordan in Montana. Die fossilreichen Gesteinsschichten stammen vom Ende der Kreidezeit. Viele wissenschaftlich bedeutsame Fossilien wurden hier geborgen, darunter 1902 der erste T. rex. Fossilien, die auf Privatgrund gefunden werden, gehören in den USA in der Regel dem Grundbesitzer. Sammler können mit den Landbesitzern eine Grabungserlaubnis verhandeln. Das Graben sichert Phipps einen Großteil seines Einkommens: Immer wenn er kann, sucht er auf seiner Farm nach Dinosaurierknochen.

Obwohl sie so viel trennt, arbeiten Privatsammler, kommerzielle Fossiliensammler und Museumspaläontologen inzwischen auch immer öfter zusammen. Allein schon aus Notwendigkeit: Auf der ganzen Welt streichen Museen Personal und Etats zusammen. „Deshalb graben kommerzielle Sammler mittlerweile viel mehr aus als Forscher“, sagt Kirk Johnson, der Direktor des Smithsonian National Museum of Natural History. „Wir gehen drei Wochen auf Expedition. Die graben fünf Monate lang.“ Die Fossilien, die von kommerziellen Händlern entdeckt und an Privatsammler verkauft werden, „würden sonst auch nicht automatisch an Museen gehen“, ergänzt Mark Norell, Paläontologe am American Museum of Natural History. Wahrscheinlicher sei, dass sie gar nicht geborgen würden – und durch Erosion verwittern, bis nichts mehr davon übrig ist.

Sicher sei in den Achtziger- und Neunzigerjahren „eine Menge wirklich wichtiges Material“ zerstört worden, so Norell. Aber diese Laiengrabungen durch Cowboys und Bauern kämen heute seltener vor. Im Westen der USA leisteten kommerzielle Sammler oft bessere Arbeit als akademische Paläontologen, und sei es auch nur wegen des teureren Equipments.

In China ist das anders. Dort werden die meisten Ausgrabungen nach wie vor von unkundigen Amateuren vorgenommen. Dennoch stammen von dort (und aus den USA) die sensationellsten Funde der vergangenen 25 Jahre.

Manchmal finden auch private Stücke als Dauerleihgaben oder Geschenke den Weg in naturhistorische Museen, vorausgesetzt, die Besitzer haben die wissenschaftliche Dokumentation aufbewahrt. Mal ist die Gabe eine großmütige Geste des Besitzers. Mal freuen sich die Erben mehr über die steuerlich absetzbare Spende als über den Saurierschädel über Opas Kamin. „Eigentlich sind Dinosaurier für ein häusliches Umfeld sowieso nicht das Richtige“, sagt ein Museumsmitarbeiter, der Ausstellungen entwirft. „Sie lassen sich auch nicht leicht abstauben.“

Dieser Artikel wurde gekürzt. Lesen Sie. die gesamte Reportage in Heft 10/2019 des National Geographic-Magazins!

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