Wildtiere im Wohngebiet: Wie aus dem Schwarzbär ein Stadtbär wird

Weil ihre natürlichen Lebensräume schrumpfen, passen Kojoten, Bären und Waschbären sich geschickt an das Leben in der Stadt an.

Von Christine Dell’Amore
Veröffentlicht am 22. Juli 2022, 16:31 MESZ
Bär frisst aus Müllcontainer

In South Lake Tahoe frisst ein Bär Abfälle in einem Müllcontainer.

Foto von Corey Arnold

Auf den ersten Blick ist es eine Szene, wie sie sich jeden Tag in jeder beliebigen amerikanischen Stadt abspielt: Ein Postbote steigt aus seinem Lieferwagen und geht mit großen Schritten über die Straße. Unspektakulär. Was ihm nicht auffällt oder ihn nicht kümmert: Nur wenige Meter entfernt sitzt ein kräftiger Schwarzbär auf den Hinterbeinen und kratzt sich energisch das ausfallende Winterfell. Direkt links von ihm, hinter einem Maschendrahtzaun, dröhnt eine viel befahrene Hauptverkehrsstraße. Für den Bären ist der Lärm offenbar nur Hintergrundrauschen. Irgendwann trollt er sich den Bürgersteig hinunter ins Wohnviertel. Die Innenstadt von Asheville in North Carolina ist keinen Kilometer entfernt.

Zahl der Schwarzbären in Nordamerika steigt auf 800.000

An diesem Highway haben Forscher eine faszinierende Entdeckung gemacht: eine tief ausgehöhlte Stelle in einem knorrigen alten Silber-Ahorn. Dort hat der Bär N209, ein Weibchen, das wie einige Hundert weitere an der Studie beteiligte Bären mit einem Funkhalsband ausgestattet wurde, seinen Winterschlaf gehalten. Trotz des Verkehrs, der wenige Meter entfernt vorbeirauschte. „Die Bären überraschen mich immer noch“, ruft mir Colleen Olfenbuttel über den Verkehrslärm hinweg zu. Die Biologin, Expertin des Bundesstaates für Schwarzbären und andere Pelztiere, hält die Leiter fest, während ein Kollege in die Baumhöhle klettert und den Schlafplatz vermisst. Es ist der größte Baum, den Olfenbuttel in den 23 Jahren, in denen sie sich mit Schwarzbären beschäftigt, gesehen hat. „So viel Anpassungsfähigkeit hätten wir ihnen nie zugetraut“, sagt sie.

Ein Schwarzbär taucht aus seiner Höhle unter einem leer stehenden Haus in South Lake Tahoe auf. Der dicht besiedelte Ferienort in Kalifornien bietet den Bären eine Menge Abfälle und andere Nahrung. Deshalb sind die Stadtbären rund 25 Prozent schwerer als Bären, die in ländlichen Gebieten leben.

Foto von Corey Arnold

Es ist verblüffend, wie heimisch die Schwarzbären in Asheville sind. In der modernen Stadt in den Blue Ridge Mountains schlurfen sie am helllichten Tag durch die Wohnstraßen. Einige der 95.000 Bewohner haben die behaarten Nachbarn akzeptiert. Fast jeder, den man fragt, hat ein Video von der letzten Begegnung mit einem Bären auf dem Handy. Manchmal entstehen die Aufnahmen direkt vor der Haustür. Dass die Bären in Asheville und anderswo heimisch wurden, liegt an der veränderten Landnutzung und dem üppigen Nahrungsangebot im Umfeld der Menschen. Das hat die Population in Nordamerika auf fast 800000 Tiere anwachsen lassen.

Natürliche Lebensräume schwinden

Zugleich haben zersiedelte Städte und Vororte den Bären große Teile ihrer Lebensräume geraubt. Sie hatten kaum eine andere Wahl, als sich auf das Zusammenleben mit den Zweibeinern einzustellen. Das Phänomen tritt nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auf der ganzen Welt auf; und es beschränkt sich auch nicht auf Schwarzbären. Viele Nahrungsgeneralisten ziehen los und wappnen sich mit geändertem Verhalten für den Überlebenskampf in der Stadt. Bei Forschern kristallisiert sich eine Erkenntnis heraus: Viele Tierarten passen sich auf nie da gewesene Weise an das Stadtleben an: Kojoten sehen sich um, bevor sie eine Straße überqueren. Schwarzbären wissen, wann die Müllabfuhr kommt. Waschbären finden heraus, wie sie Verschlussgurte von Mülltonnen lösen.

Im Golden Gate Park in San Francisco stehen Waschbären in Habachtstellung: Sie warten auf einen Anwohner, der ihnen verbotenerweise regelmäßig Futter bringt. Verlassen sich Waschbären auf Nahrung von Men - schen, verbreiten sie häufiger Krankheiten, werden leichter von Autos überfahren und sterben, wenn die Fütterung ausbleibt.

Foto von Corey Arnold

Eine 2020 erschienene Übersichtsarbeit zu Wildtieren in der Stadt gelangte zu einem erstaunlichen Ergebnis: 93 Prozent der in Städten lebenden Säugetiere verhalten sich anders als ihre Artgenossen in ländlichen Gebieten, darunter ganz unterschiedliche Tiere wie Wildkaninchen, Wildschweine, Rhesusaffen oder Steinmarder. Die meisten von ihnen wurden nachtaktiv, um Menschen aus dem Weg zu gehen. Außerdem haben sie ihren Speiseplan auf Nahrung des Menschen erweitert und ihr Revier auf eine viel kleinere Fläche begrenzt. Die Forscher sagen: Je mehr wir über die Tiere in unserer Nähe wissen, desto besser kommen wir mit den neuen Mitbewohnern zurecht.

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