Umwelt

Naturverbundenheit fördert Kreativität und Gesundheit

Richard Louv, Autor von „Das letzte Kind im Wald“ und „Das Prinzip Natur“, erklärt, wie die Gesellschaft das Natur-Defizit-Syndrom, also das Phänomen der zunehmenden Entfremdung von der Natur, überwinden kann.Thursday, November 9, 2017

Von Brian Clark Howard
Ein junges Mädchen blickt über eine Wüstenlandschaft.

„Ich plädiere schon lange dafür, dass die Verbindung zur Natur als ein Menschenrecht angesehen werden sollte“, erzählte Richard Louv am Mittwoch dem im Innenhof der Hauptgeschäftsstelle von National Geographic in Washington, D.C. versammelten Publikum. Louv war eingeladen worden, um den Mitarbeitern von den Vorteilen zu berichten, die es hat, Zeit im Freien zu verbringen.

Louv, Autor der Bestseller „Das letzte Kind im Wald“ (2005) und „Das Prinzip Natur“ (2011), hat den Begriff „Natur-Defizit-Syndrom“ geprägt. Er beschreibt damit die zunehmende Entfremdung der Kinder von der Natur. „Beim Natur-Defizit-Syndrom handelt es sich nicht um ein klinisch anerkanntes Leiden“, erklärt er, „sondern vielmehr um einen Begriff, der die verlorengegangene Kommunikation mit anderen Lebewesen in Erinnerung ruft.“ Dennoch argumentiert er, dass „das Natur-Defizit-Syndrom Auswirkungen auf die Gesundheit, das geistige Wohlbefinden und viele andere Bereiche hat, wie etwa die Fähigkeit [der Menschen], sich lebendig zu fühlen.“

Auslöser dieses Syndroms sind der Verlust von offenen Plätzen, immer vollere Terminkalender, die Förderung von Gruppensport gegenüber der Vernachlässigung von individuellem Spielen und Entdecken, Konkurrenz durch die elektronischen Medien und die „Kultur der Angst“, wie Louv und andere sie bezeichnen. Bei letzterem Phänomen fürchten sich Menschen aufgrund von umfassender Medienberichterstattung über gewaltsame Ereignisse vor der Natur und davor, ins Freie zu gehen. Für einen tieferen Einblick in Louvs Ideen hat National Geographic ein kurzes Interview mit ihm geführt.

Es sind ein paar Jahre vergangen, seit Sie 2005 Ihr Buch „Das letzte Kind im Wald“ veröffentlicht haben. Was hat sich seither getan?

Ziemlich viel. Ich habe ein neues Buch mit dem Titel „Das Prinzip Natur“ geschrieben. Darin weite ich die Idee [des Natur-Defizit-Syndroms] auf Erwachsene aus. Ich wurde dazu inspiriert, weil ich von Erwachsenen ständig den Satz zu hören bekam: „Das betrifft uns auch“. Zu der Zeit gab es viele großartige Projekte zum Thema Natur, aber in den Medien war davon nie etwas zu lesen oder zu hören – erst recht nicht in den Schlagzeilen.

Dass das Buch eine derartige Resonanz finden würde, hatte ich nicht erwartet. Ich behaupte nicht, dass „Das letzte Kind im Wald“ etwas ausgelöst hat, doch es war ein nützliches Werkzeug und hat den Stein ins Rollen gebracht. Wenn man heute einen Blick auf childrenandnature.org wirft [die Webseite des von Louv gegründeten Verbands Children & Nature Network], sieht man unzählige Projekte in den gesamten USA und zunehmend auch international. So gibt es beispielsweise immer mehr Vorschulen mit einem naturbezogenen Ansatz. In den USA und in Kanada setzen sich 112 regionale, provinzielle und staatliche Kampagnen dafür ein, den Kindern die Natur nahezubringen. Viele von ihnen sind neu entstanden.

Es scheint keine Rolle zu spielen, welcher Religion oder politischen Richtung jemand angehört: Sofern sie alt genug sind, erzählen mir alle von dem Baumhaus erzählen, das sie als Kind hatten. Auf die jüngeren Generationen hingegen scheint das immer seltener zuzutreffen. Diese Thematik bringt die Menschen zusammen, denn niemand möchte der letzten Generation angehören, in der es normal ist, dass Kinder draußen spielen.

Diese Woche haben Sie sich bei einer Veranstaltung im Center for American Progress in Washington mit der amerikanischen Innenministerin Sally Jewell darüber unterhalten, wie wichtig es ist, Kinder und Erwachsene wieder in die Natur zu bringen. Wie ist das für Sie gelaufen?

Sally Jewell ist die ehemalige Chefin des amerikanischen Sport- und Outdoor-Händlers REI und gehört zu den Menschen, die die Initiative ergriffen haben, als mein Buch „Das letzte Kind im Wald“ erschien. Sie schnappte sich einen Rucksack von REI, füllte ihn mit Exemplaren des Buches und verteilte diese im Weißen Haus an die Abgeordneten und an den Präsidenten.

Sie ist die dritte Innenministerin in Folge, die sich mit ganzem Herzen für diese Thematik einsetzt. Der erste Innenminister, der dies tat, war Dirk Kemthorne, ein konservativer Republikaner unter Präsident [George W.] Bush. Ken Salazar [unter Präsident Obama] und nun Sally taten es ihm gleich, wobei sie von den Dreien wohl über die größte Erfahrung in diesem Bereich verfügt. Die Veranstaltung von Dienstag verdeutlicht, dass diese Problematik weiter an Bedeutung gewinnt.

Können Sie uns ein paar konkrete Beispiele nennen, welchen positiven Einfluss der Kontakt zur Natur auf das Leben eines Menschen hatte?

Juan Martinez, ein Mitarbeiter bei National Geographic, ist ein Beispiel. Er wuchs in South Central Los Angeles auf, einem Viertel, wo er unweigerlich mit Gangs zu tun hatte und in Schwierigkeiten geriet. Sein Schulleiter stellte ihn vor die Wahl: nachsitzen oder dem Öko-Club beitreten. Auch wenn der Club für ihn nach einem Haufen von Strebern klang, trat er ihm bei. Anfangs hasste er ihn. Doch das änderte sich, als er die Aufgabe bekam, etwas zu pflanzen.

Er wusste, dass seine Mutter den Betonboden hinter ihrem Haus aufgebrochen hatte, um dort Chilischoten anzubauen. Also züchtete er eine Jalapeño-Pflanze, die er später mit nach Hause, um seiner Mutter zu zeigen. Diese Pflanze und ein anschließender Ausflug mit dem Öko-Club in den Grand-Teton-Nationalpark veränderten sein Leben. Inzwischen ist er ein Umweltaktivist und Vorsitzender des Natural Leaders Network, das zum Children & Nature Network gehört. Außerdem ist er für den National Geographic tätig und hat zwei Mal eine Rede im Weißen Haus gehalten.

Die Natur kann also wirklich ein Leben verändern. Juan Martinez hat nicht nur zur Natur, sondern durch die Natur auch zu den Menschen gefunden. Er konnte eine ganz neue Verbindung zu seinem Heimatviertel aufbauen.

Wie können Städter einen Zugang zur Natur finden?

Seit 2008 leben mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Ein bedeutender Wendepunkt der Menschheitsgeschichte, der zweierlei bedeuten kann: Entweder wird die Verbindung zwischen Mensch und Natur weiter verblassen, oder ein neues Stadtkonzept wird umgesetzt.

Eine Möglichkeit ist das „biophile Gestalten“ [von der Natur inspiriertes Design], bei dem die Natur nicht nur ab und zu besichtigt, sondern in unser Leben, Arbeiten, Lernen und Spielen integriert wird. Dabei geht es nicht nur um Parkanlagen, sondern auch darum, wie wir unsere Nachbarschaften, Gärten und Gebäude gestalten.

Ich bin überzeugt, dass Städte das Potenzial haben, die Artenvielfalt zu fördern. In einem ersten Schritt sollten viele einheimische Pflanzen angepflanzt werden, die die Nahrungskette beleben und die Migrationsrouten von Schmetterlingen und Vögeln wiederherstellen.

Das Wort „Nachhaltigkeit“ ist problematisch, weil es von den meisten mit Stillstand, Überleben und Energieeffizienz in Verbindung gebracht wird. Diese Punkte sind auch ganz richtig, nur schaffen sie nicht mehr als die Vorstellung anzuregen. Ich benutze gerne den Begriff „naturreiche Gesellschaft“ – eine andere Art, die Zukunft zu betrachten, bei der es nicht nur ums Überleben, sondern um etwas noch viel Positiveres geht.

Wie erreichen wir eine grünere Zukunft?

Gestern habe ich das Martin-Luther-King-Denkmal besucht. King hat vorgemacht, wie es geht. Er sagte, dass jede Bewegung im Keim ersticken wird, wenn es ihr nicht gelingt, eine Welt zu zeichnen, in der die Menschen gerne leben würden. Die Welt muss mehr sein als nur energieeffizient: Sie muss auch über eine bessere Zivilisation verfügen.

Ich denke, wir befinden uns in einer kulturellen Depression. Das bei jungen Leuten beliebteste Literaturgenre nennt sich „dystopische Belletristik“. Darin wird eine postapokalyptische Welt dargestellt, in der nicht einmal Vampire Spaß haben. Meiner Theorie nach stellen sich die meisten Amerikaner die entfernte Zukunft ähnlich wie die Filme Blade Runner und Mad Max vor.

Wenn das die überwiegende Vorstellung ist, ohne dass wir eine ausgleichende Vision einer großartigen Zukunft haben, sollten wir mit unserer Fantasie lieber vorsichtig sein.

Sie haben über die Auswirkungen von Zeit in der Natur auf Probleme wie Angstzustände, Depressionen, ADHS und Adipositas geschrieben. Wie wichtig ist das?

Eine aktuelle Studie über Depressionen, ADHS, körperliche Gesundheit, Adipositas bei Kindern und die Epidemie der mangelnden Bewegung besagt, dass sich die Natur wie ein Gegenmittel auf all diese Beschwerden auswirkt. Der Spruch stammt zwar nicht von mir, aber ich finde ihn dennoch sehr treffend: „Sitzen ist das neue Rauchen“.

Neuen Erkenntnissen zufolge kann stundenlanges Sitzen ebenso gesundheitsgefährdend sein wie Rauchen. Wissenschaftler der Universität von Illinois gehen der Frage auf den Grund, ob Waldspaziergänge ergänzend bei der Behandlung von ADHS eingesetzt werden könnten. Einer Studie der Universität von Kansas zufolge zeigten Jugendliche ein höheres Level an Kreativität und Wahrnehmungsfähigkeit, nachdem sie drei Tage lang mit dem Rucksack gewandert bzw. gereist waren.

Menschen, die von ihrem Krankenhausbett aus die Natur sehen konnten, erreichten eine schnellere Genesung. Angesichts ihrer heilenden Wirkung müssen wir auch im Technologiezeitalter Wege finden, um mehr Zeit in der Natur zu verbringen. Das muss eine bewusste Entscheidung sein.

Stichwort Technologie: In welchem Maße sind Fernsehen, Internet, Videospiele und Smartphones daran schuld, dass Kinder ihre Zeit drinnen verbringen?

Ich weigere mich stets, die Technologie im Allgemeinen und insbesondere Videospiele zu dämonisieren. Das hat den einfachen Grund, dass Menschen bei dieser Problematik immer direkt auf dieses Thema zu sprechen kommen. Dabei werden andere Aspekte wie „die Gefahr des Fremden“ [Louv zufolge haben Eltern durch die sensationsgierigen Medien Angst, ihre Kinder draußen spielen zu lassen] und schlechtes städtisches Design außer Acht gelassen – ebenso wie die Tatsachen, dass unser Bildungssystem überarbeitet werden muss und dass wir Pausen und Ausflüge streichen.

Es gibt also genügend andere triftige Gründe. Dennoch tragen die elektronischen Geräte selbstverständlich ihren Teil zu der Problematik bei. Die Stiftung Kaiser Family Foundation hat herausgefunden, dass Kinder 53 Stunden pro Woche mit einem elektronischen Medium verbringen – und ich gehe davon aus, dass es sich bei Erwachsenen kaum anders verhält.

Ich selbst habe ein iPhone und ein iPad und verbringe viel Zeit vor Bildschirmen. Je mehr Hightech wir in unserem Leben haben, desto mehr Natur benötigen wir zum Ausgleich.

Woran können Eltern feststellen, dass ihre Kinder am Natur-Defizit-Syndrom leiden? Gibt es irgendwelche Warnzeichen?

Ich denke nicht, dass es sich auf Symptome herunterbrechen lässt, die einzelne Kinder aufweisen. Vielmehr handelt es sich hierbei um ein allgemeines Problem – eine Problematik der Gesellschaft, die für uns alle Konsequenzen hat.

Wei­ter­le­sen