Umwelt

Überraschung: Lebhaftes Riff im trüben Amazonas entdeckt

Farbenfrohe Seefächer, Fische und gigantische Schwämme in trübem Gewässer gefunden. Einer Wissenschaftlerin zufolge tummeln sich in dem Riff die verblüffendsten Tiere, die sie jemals auf einer Expedition gesehen hat.Thursday, November 9

Von Craig Welch
Am Freitag ließen Wissenschaftler verlauten, dass sie im Meer vor der Mündung des Amazonas ein erstaunlich komplexes und großflächiges Riffsystem entdeckt haben, in dem sich viele ungewöhnliche Kreaturen wie diese Schwämme tummeln.

Nachdem sie im Mündungsbereich des Amazonas schlammige Wasserproben entnommen hatte, steuerte die Meeresforscherin Patricia Yager mit dem Forschungsschiff Atlantis in Richtung Festlandsockel, wo ihr brasilianischer Kollege einem Phantom hinterherjagte. Dieser Kollege trug eine sechsseitige Forschungsarbeit aus dem Jahr 1977 bei sich, die auch eine von Hand gezeichnete Karte beinhaltete. Sie ließ darauf schließen, dass sich in diesem Gebiet eine Reihe außergewöhnlicher Riffe verbergen könnte.

Yager war skeptisch. Der Mündungsbereich des Amazonas ist aufgrund der hohen Mengen von Oberflächenabfluss und Ablagerungen so trüb wie kein anderer Fluss auf der Welt. Sie hatte davon gehört, dass sich das Tauchen hier anfühlt, als schwimme man durch eine fast zähflüssige, dunkle Brühe. „Ich war davon ausgegangen, dass alles von dem sich absetzenden Matsch erstickt wird“, sagt sie.

Als ihr Kollege Rodrigo Moura von der Bundesuniversität Rio de Janeiro an dem besagten Tag im Jahr 2012 kleine Gebietsabschnitte nahe des Schelfs durchsuchte, stieß er auf einen der überraschendsten Funde der modernen Tiefseeforschung: ein gut 120 Kilometer von der Küste entferntes, großflächiges Tiefsee-Riffsystem, das sich unter der dicken, trüben Flussfahne des Amazonas verbarg.

Besonders erstaunte die Wissenschaftler, dass sie das Riff in einer von trübem Wasser dominierten Region fanden, das dem massiven Flusssystem entspringt. Viele glaubten, dass Korallen und andere am Meeresgrund lebende Tiere bei diesen Verhältnissen ersticken.

„Wir haben die verblüffendsten Tiere aus dem Wasser hervorgeholt, die ich jemals auf Expeditionen dieser Art gesehen habe“, erzählt Yager an der University of Georgia, die Mikrobengemeinschaften in der Mündung des Amazonas zum Atlantischen Ozean analysiert. Wir haben Tiefseefächer, klitzekleine gelb-orangefarbene Fische, korallenartige, verkrustete Rotalgen (Rodolith) und wunderschöne Schwämme in Gelb und Rot gefunden. „Alle Wissenschaftler lugten über die Reling und waren ganz begeistert davon, was wir alles zutage brachten.“

Die Entdeckung, die in Form einer Studie am Freitag im Wissenschaftsmagazin Science veröffentlicht wurde, hat viele überrascht; besonders diejenigen, die selbst auf der Suche nach dem Riff waren. Für viele Wissenschaftler war sie Anlass, ihre Grundkenntnisse über Riffe noch einmal zu überdenken. Anders als bei den typischen tropischen Korallen befindet sich dieses Riffsystem in Gebieten ohne Lichteinfall oder Fotosynthese, und die Sauerstoffkonzentration ist extrem gering. Und dennoch sind manche Abschnitte 30 Meter hoch und dehnen sich über eine Länge von 300 Metern aus.

„Wir sind auf ein Riff gestoßen, das laut der Lehrbücher gar nicht existieren dürfte“, sagt der Koautor der Studie, Fabiano Thompson von der Bundesuniversität Rio de Janeiro.

Über den Zeitraum mehrerer Jahre gelang es den südamerikanischen Wissenschaftlern, in Gewässern zwischen der brasilianischen Grenze mit Französisch-Guayana sowie dem Bundesstaat Maranhao klitzekleine Schlangensterne, Euryalina, marine Ringelwürmer sowie 73 Fischarten – die meisten davon Raubfische – zutage zu fördern. Sie holten 61 verschiedene Schwammarten hinauf, einer von ihnen so schwer wie ein Elefantenjunges.

Das Riff beherbergt große Hummer und Rote Schnapper, ist ansonsten aber nicht sehr artenreich. Die dichten Schwammbetten ähneln Gebieten im nordöstlichen Atlantik vor der Küste Kanadas und einigen tropischen Gewässern im Westen Australiens. Diese Riffe befinden sich allerdings nicht in der Nähe einer Mündung, die pro Sekunde von bis zu 300.000 Kubikmetern Frischwasser passiert wird, was 20 Prozent der weltweiten Stromdurchflussmenge entspricht.

Das Riff, das sich unweit von der Mündung des Amazonas befindet, beherbergt eine erstaunliche Anzahl von Kreaturen wie Seeigel, verästelte Weichkorallen, bauchige Steinkorallen, Röhrenwürmer und 61 verschiedene Schwammarten, von denen viele so prachtvoll und bunt sind wie der Schwamm rechts.

Bisher haben noch keine Wissenschaftler das Riff selbst gesehen. Das Wasser ist trüb. Die schnellen Ströme und der raue Seegang können tödlich sein, außerdem befindet sich das Riff in 50 bis 100 Meter Tiefe. „Viele sind neugierig und wollen es mit eigenen Augen sehen“, so Thompson. Im Rahmen von nur wenigen Ausflügen haben sie schon viel Arbeit geleistet und von der Wasseroberfläche aus ein Riffsystem kartiert, das eine Fläche von 9.500 km2 abzudecken scheint.

Die meisten Menschen denken bei dem Wort Riff an farbenfrohe, tropische Korallen, die in flachen Gewässern und warmen Regionen vorkommen und sich über Tausende von Kilometer erstrecken können. Doch selbst die tiefen Gewässer von Alaska beherbergen großflächige Korallengärten.

Große Flüsse können Nährstoffe in das Meerwasser spülen und damit abrupt den Salzgehalt, die chemischen Eigenschaften und den Lichteinfall verändern, was für gewöhnlich die Entstehung von großen Riffen unterbindet. Wie Yager vermutete, setzen sich Sedimente immer wieder auf dem Meeresboden ab, und besonders in dieser Region schränken die starken Winde und schnellen Ströme aller Wahrscheinlichkeit nach die Artenvielfalt von gründelnden, wirbellosen Lebewesen ein.

“Wir sind auf ein Riff gestoßen, das laut der Lehrbücher gar nicht existieren dürfte.”

von Fabiano Thompson
Bundesuniversität Rio de Janeiro

Im Jahr 1977 fingen Wissenschaftler hier, an der Mündung des Amazonas, Dutzende farbenfrohe Fische, die normalerweise in Riffen beheimatet sind. Daraus schlossen sie, dass diese Region etwas Besonderes ist. 1999 dann fand Moura gelbe Steinkorallen, fluoreszierende Pilzkorallen und andere Spezies, die letztlich darauf schließen lassen, dass die Gene des Korallenriffs von der karibischen Seite des Atlantiks über den Amazonasstrom hierher gelangt sind. Dies schafft wiederum Raum für die Vermutung, dass einst ein beträchtliches Riff diese beiden Regionen miteinander verbunden haben könnte.

Wie sich herausgestellt hat, gelangen Sedimente aufgrund der starken Strömungen und der Tiefe des Wassers im Bereich des Festlandsockels nicht immer bis auf den Grund. In den südlichen und zentralen Bereichen des Riffs ermöglichen die saisonalen Veränderungen des Oberflächenabflusses und der Strömung von Zeit zu Zeit einen Lichteinfall. Der nördliche Bereich des Riffes ist zwar belebt, wächst aber nicht bereits seit Tausenden von Jahren heran und ist weit weniger artenreich. Es gibt allerdings Hoffnung für die Zukunft.

Während Wissenschaftler besorgt sind, dass sich der Klimawandel derart zerstörerisch auf die Riffe der Welt auswirkt, dass diese als Lebensraum für Fische an Bedeutung verlieren werden, tummelt sich im nördlichen Teil des Amazonas-Riffs noch immer eine beträchtliche Anzahl Fische.

Das Riffsystem im Amazonas ist weniger artenreich als viele der tropischen Korallenriffe, bietet aber dennoch Hummern und Fischen wie dem Roten Schnapper und gründelnden Rochen einen Lebensraum.

Und dennoch bahnt sich eine Bedrohung für dieses neue Riff an. Mindestens 35 Abschnitte des Kontinentalschelfs wurden von brasilianischen oder transnationalen Gesellschaften zur Erdölgewinnung aufgekauft. Bis zu 20 von ihnen stehen kurz davor, in der Nähe des Riffs mit der Ölförderung zu beginnen.

„Industrielle Tätigkeiten dieser Größenordnung stellen eine enorme Herausforderung für die Umwelt dar, und die Konzerne sollten ein umfassenderes sozial-ökologisches Gutachten des Systems erstellen, bevor die Auswirkungen weitreichende Ausmaße annehmen und die Konflikte unter den Anteilseignern eskalieren“, rät die neue Studie.

“Wir haben die verblüffendsten Tiere aus dem Wasser hervorgeholt, die ich jemals auf Expeditionen dieser Art gesehen habe.”

von Patricia Yager
University of Georgia

Laut Thompson beginnen die Wissenschaftler gerade erst zu verstehen, auf was sie da gestoßen sind.

„Bisher wurden nur 900 Kilometer untersucht“, sagt Thompson. Die restlichen 90 Prozent haben sie noch nicht erkundet. „Wir müssen dafür noch mindestens zwanzig Mal an den Ort zurückkehren.“

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Artikel in englischer Sprache veröffentlicht am 22. April 2016

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