Umwelt

Neue Insel taucht vor der Küste der USA auf

Der sandige Strand ist mit Walknochen und den Überresten alter Schiffswracks übersät. Dienstag, 7 November

Von Craig Welch

Sie kam aus dem Nichts – im April tauchte eine neue Landmasse vor den Outer Banks von North Carolina auf, eine brandneue Insel im Atlantik.

In diesem dynamischen Meeresabschnitt, wo der kalte, südwärts gerichtete Labradorstrom auf die wärmeren Wasser des Golfstroms trifft, ist es nicht ungewöhnlich, dass kleine Landmassen aus dem Meer auftauchen und kurz darauf wieder verschwinden. Schließlich handelt es sich um eines der rausten Gewässer in ganz Nordamerika. Die flache Region ist von wallenden Gezeiten, versteckten Sandbänken und schroffen Winden geprägt und hat sich unter Seeleuten daher auch den Spitznamen Friedhof des Atlantiks verdient.

Aber selbst für diesen Ort hat die neue Insel ungewöhnliche Ausmaße. Die sichelförmige Landzunge ist etwa anderthalb Kilometer lang und misst an ihrer breitesten Stelle ungefähr 120 Meter.

„Das ist schon ein Brocken“, sagt Danny Couch, 57. Er ist ein lokaler Historiker, Tourführer und lebenslanger Einwohner des nahegelegenen Hatteras Island. „Alle zehn bis 15 Jahre bekommen wir hier mal was ziemlich Dramatisches. Aber das hier ist die größte [Insel], die ich in meinem Leben gesehen habe.“

NICHT GERADE EIN PARADIES

Das Auftauchen der neuen Insel zieht im ganzen Land die Aufmerksamkeit auf sich, aber Experten warnen, dass sie von gefährlichen Strömungen umgeben ist. Walknochen und die Überreste alter Schiffswracks stehen aus dem Sand hervor. An den Stränden der Insel finden sich wunderschöne Muscheln. Die reißenden Wellen,  die sie vom Rest der Küste von Cape Hatteras trennen, haben  Sandtigerhaie und „Rochen von der Größe von Motorhauben“ mit sich gebracht, sagt Couch.

„Sie ist ungewöhnlich groß verglichen mit dem, was wir in den letzten Dekaden gesehen haben“, sagt Dave Hallac, der Leiter des Cape Hatteras National Seashore und der Outer Banks Group. „Aber wenn man das in den geologischen Kontext setzt, ist das im Grunde gar nichts.“

Für Leute, die den kurzlebigen Charakter dieses Ortes kennen, scheint es fast schon vorherbestimmt, was als nächstes passiert. Die Landmasse könnte schon mit dem nächsten Sturm verschwinden. Sie könnte aber auch weiter wachsen – vermutlich aber nur für kurze Zeit.

Hallac, Couch und andere Experten sind sich einig: Die neue Landmasse, die bereits den Spitznamen Shelly Island erhalten hat, wird mit ziemlicher Sicherheit noch im Laufe des Jahres verschwinden. (Die Insel wurde nach den vielen Muscheln an ihren Stränden von einem kleinen Jungen auf ihren Namen getauft.)

„Hier wird nichts zu einem festen Bestandteil“, sagt Stanley Riggs. Der im Ruhestand befindliche Geologieprofessor und Autor hat Bücher über die Küste von North Carolina geschrieben. „Von einer Stunde auf die nächste ist hier nichts mehr wie vorher. So etwas wie ‚normal‘ gibt es hier nicht.“

„Alles kann sich über Nacht verändern“, fügt Couch hinzu. „Das macht es ja gerade so erstaunlich.“

DIE GEBURT EINER INSEL

Als einige Menschen also erstmals bemerkten, wie sich sandiger Boden jenseits der Brandung vor Cape Point aus dem Wasser erhob, widmeten die Behörden dem keine große Aufmerksamkeit, sagte Mark Dowdle. Er ist der stellvertretende Leiter des Nationalen Park Service der Outer Banks Group. So laufen die Dinge dort eben.

„Das ist einfach ein Teil des natürlichen Prozesses“, sagt Dowdle. „Ich habe gesehen, wie Teile der Outer Banks monatelang abgetragen wurden, nur um sich dann wieder aufzufüllen.“

In manchen Gegenden tragen Stürme und der steigende Meeresspiegel mitunter die Strände ab. Anderswo bringen sie hingegen zusätzlichen Sand.

„Man hat hier einfach viele Kräfte, viele Stürme, viele Turbulenzen, viele komplexe und dynamische Strömungen“, sagt Riggs. „Das Land im Norden ist schmal, schmal, schmal – so schmal, dass man einen Baseball darüber hinweg werfen kann. Im Süden gibt es einige der wenigen Strände in North Carolina, die wachsen.“

All diese extremen Veränderungen spitzen sich besonders bei Cape Point zu, das um die 16 Kilometer von der Kante der Kontinentalplatte entfernt liegt und den Punkt markiert, an dem der Labradorstrom und der Golfstrom aufeinandertreffen. Das Resultat dieser Umstände ist, dass sich dort nie wirklich vorhersagen lässt, wie das Meer das Land verändert.

In den 1950ern trennte beispielsweise kaum mehr als eine Sanddüne einen Campingplatz auf Cape Point vom Meer. Heutzutage befindet sich derselbe Campingplatz etwa 400 Meter vom Meer entfernt.

„Nach Hurrikans oder Tropenstürmen gibt es manchmal Zeiten, in denen bestimmte Strandabschnitte einfach zu verschwinden beginnen“, sagt Hallac. „In anderen Gebieten sehe ich dann irgendwas aus dem Sand gucken und erkenne dann, dass es die Spitz eines Schilds ist, das sich mal auf Augenhöhe befand.“

Das Einzige, auf das man sich dort verlassen kann, ist die Schönheit und die Überraschung, die mit dieser Unbeständigkeit einhergehen.

„Ich vermute, dass es sich weiterhin verändern wird“, sagt Dowdle. „Das hat es schon immer getan. Und das wird es aller Wahrscheinlichkeit nach auch weiterhin für immer tun.“

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