Umwelt

Grüne Chemie aus dem Zukunftslabor

Mit Katalysatoren, die günstig und wiederverwertbar sind, probt ein Berliner Start-up die Pharma-Revolte. Freitag, 22 Dezember

Von Kathrin Fromm

Es war 2007, Sonja Jost saß gerade an ihrer Doktorarbeit, als sie einen Artikel las, der sie fassungslos machte: 3000 Katalysestoffe hat die Forschung entwickelt, aber nur 30 davon setzt die Pharmaindustrie ein. Jost ist Wirtschaftsingenieurin mit Schwerpunkt Technische Chemie. Sie wollte nicht, dass auch ihre Arbeit in einer Schublade verschwindet.

Heute lehnen an der Wand in ihrem Büro Patente, unter anderem aus den USA (mit Goldsiegel) und von der EU (bürokratisch-schlicht). „Muss ich mal rahmen lassen“, sagt Jost nebenbei. Die 37-Jährige ist Geschäftsführerin des Berliner Start-ups DexLeChem, das sie 2013 mitgegründet hat. Das Ziel: Grüne Chemie in die Konzerne bringen. Den Begriff prägten die US-Wissenschaftler Paul Anastas und John C. Warner 1998. Die zwölf von ihnen formulierten Prinzipien hängen über Josts Schreibtisch. In ihnen geht es vor allem darum, chemische Prozesse sauberer und sicherer zu machen. 

Jost und ihre Mitstreiter haben ein Verfahren entwickelt, um Katalysatoren wiederzuverwenden. Diese Stoffe werden benötigt, um Arzneimittel herzustellen. Dazu werden sie normalerweise in Lösungsmitteln auf Erdölbasis gelöst. Den Herstellungsprozess überstehen die Stoffe nicht, anschließend landen sie auf dem Müll. Jost verwendet stattdessen demineralisiertes Wasser als Lösungsmittel – was an sich schon besser für die Umwelt ist als Erdöl. Vor allem aber kann der Katalysator danach wieder eingesetzt werden. Das ist nachhaltig und spart Geld: bis zu 30 Prozent der Produktionskosten. 

“Wir bekamen gar nicht die Möglichkeit, den richtigen Leuten unsere Idee zu präsentieren.”

Sonja Jost, Gründerin des Start-ups DexLeChem

Trotzdem hatten die Gründer Mühe, Fuß zu fassen, obwohl beim Umstieg auf ihr Verfahren nicht mal zwangsläufig die Zulassung für das Arzneimittel geändert werden müsste. „Wir bekamen gar nicht die Möglichkeit, den richtigen Leuten unsere Idee zu präsentieren“, sagt Jost. Das Problem liege in der Struktur der Chemiebranche: Große Konzerne nutzen lang erprobte Verfahren. Eine Start-up-Kultur entwickelt sich nur langsam – auch weil sich die Ideen nicht einfach am Computer umsetzen lassen wie im IT-Bereich. Sie müssen erst langwierig im Labor entwickelt werden. DexLeChem passt sein Verfahren für jeden Prozess neu an, monatelang.

Dafür gibt es den Reaktor. „Der funktioniert genauso wie die großen in der Industrie, nur eben in Klein“, sagt Jost und blickt stolz auf den rund 30 Zentimeter hohen Metallbehälter unter einem Abzug. Der erste Auftrag kam nicht von Bayer, auf dessen Werksgelände sich DexLeChem eingemietet hat, sondern von einem großen Schweizer Healthcare-Unternehmen. Das öffnete die Tür für weitere Aufträge. Genug Einsatzmöglichkeiten gibt es: Bei einem Viertel der neu zugelassenen Arzneiwirkstoffe wäre der Umstieg auf eine wasserbasierte Katalyse möglich, so Jost. Für grüne Chemie sieht sie ein „riesiges Potenzial“: Denn bisher verbraucht die Herstellung einer Einheit eines Medikaments das Hundert- bis Tausendfache an anderen Stoffen. Noch. Jost will bald selbst in die Produktion gehen, mit ihrem wasserbasierten Verfahren und wiederverwendbaren Katalysatoren. Der Mietvertrag mit Bayer läuft sowieso nur noch ein Jahr.

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe 1/2018 des National Geographic Magazins. Jetzt ein Magazin-Abo abschließen!

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