Umwelt

Ein Zukunftsexperiment im Westen Mecklenburgs

In Nieklitz entwerfen junge Genossenschaftler die Welt von morgen im Mikroformat. Ihre Idee: naturnah leben und enkeltauglich planen. Freitag, 26 Januar

Von Ines Bellinger

Wer wissen will, wie die Zukunft aussehen könnte, muss nach Westmecklenburg reisen. Zwischen den Biosphärenreservaten Schaalsee und Flusslandschaft Elbe führt eine schmale Straße zu einem umzäunten Gelände. Über dem Eingang prangt in weißen Buchstaben auf einer grünen Tafel: „Zukunftszentrum Mensch Natur Technik Wissenschaft Nieklitz“. Das war die Vergangenheit: ein in der Insolvenz gestrandeter Versuch, im Niemandsland nahe der ehemaligen innerdeutschen Grenze ein Naturkundemuseum unter freiem Himmel zu errichten.

Nach der Pleite stand der Park drei Jahre lang leer, bis 2016 junge Menschen eine Genossenschaft gründeten und das zehn Hektar große Grund
stück für 200.000 Euro 
kauften. Mit welchem 
Ziel, das steht auf einem
 Holzschild gleich neben
dem Eingang: „Wir bauen 
Zukunft“. Wer die Pforte passiert, betritt eine Art wilden botanischen Garten: Zwischen Teichen und exotischen Bäumen und Pflanzen winden sich überwucherte Pfade. Auf einem verwunschenen Weiher hebt und senkt sich je nach Wasserstand ein Holzhaus auf einer Pontonbrücke. In einer Werkstatt duftet es nach frisch gehobeltem Holz. Ein Biomeiler pumpt Heizenergie in das wabenförmige Seminarhaus, das die Zukunftsbauer aus der Insolvenzmasse übernommen haben. 

Drinnen sitzen Lale Rohrbeck, Jennifer Silze, Aurèle Haupt und Fabian Gerlach bei Lupinenkaffee und Tee und diskutieren über den Bebauungsplan. In den nächsten Jahren sollen ein Gemeinschaftshaus entstehen, ein Waldgarten und ein Earthship – ein aus Müll gefertigtes, energieautarkes Gebäude, das die Keimzelle der Nieklitzer symbolisiert. Der Kern der Gruppe hat sich beim Bau des ersten deutschen „Erdschiffs“ in Schwaben kennengelernt. „Enkeltaugliches“ Bauen gehört ebenso zu den Prinzipien der Zukunftsbauer wie Achtsamkeit, Kreislaufwirtschaft und das Teilen von Wissen. „Unsere gemeinsame Vision ist, ein Experimentierfeld zu betreiben, auf dem wir und andere Menschen Dinge ausprobieren können, die wir zukunftsfähig finden“, sagt Lale. 

Jedes der 18 Genossenschaftsmitglieder hat 5000 Euro Einlage gezahlt, die Projektmitglieder steuern monatlich bis zu 200 Euro bei, um die laufenden Kosten zu decken. Das können die meisten, weil sie im Haupterwerb ihren eigentlichen Berufen nachgehen: Lale hat Ethnologie studiert. Jennifer ist Umweltwissenschaftlerin, Aurèle Ingenieur für erneuerbare Energien und nachhaltiges Bauen und Fabian Lehmputzexperte. Langfristig wollen sie mit öffentlichen Veranstaltungen die Einnahmen generieren, die sie für ihre ehrgeizigen Projekte brauchen. Sie haben schon einen Workshop zum Bau des Biomeilers abgehalten, einen Permakultur­Kurs, ein Seminar für den Bau von Kleinsthäusern und ein Politikcamp.

Fragt man die Zukunftsbauer, wo sie sich in 20 Jahren sehen, welchen Lebensplan sie haben, schauen sie etwas verständnislos. Besitz­ und Statusdenken ist ihnen völlig fremd. „Die Zukunft ist unser Ziel“, sagt Aurèle. „Wir wollen etwas für eine nachhaltige Welt tun und nicht warten, bis in der Politik endlich etwas passiert.“ 

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe 2/2018 des National Geographic Magazins. Jetzt ein Magazin-Abo abschließen!

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