Wenn Seen einfach verschwinden

Klimaerwärmung, Übernutzung und Dürren lassen einige der größten Seen der Erde austrocknen – mit verheerenden Folgen für Menschen, Tiere und Pflanzen.

Von Kenneth R. Weiss
Veröffentlicht am 23. Feb. 2018, 09:57 MEZ
Wasser wird zu Wüste: das salzverkrustete Bett des Poopó-Sees in Bolivien. Boote sind trockengefallen, Fische und ...
Wasser wird zu Wüste: das salzverkrustete Bett des Poopó-Sees in Bolivien. Boote sind trockengefallen, Fische und Wasservögel verschwunden. Auch die Fischer ziehen fort.
Bild Mauricio Lima

Die Reifenspuren auf dem Grund des Poopó-Sees reichen bis zum Horizont. Wir folgen ihnen in einem Geländewagen. Wasser sehen wir dabei nirgends: Der zweitgrößte See Boliviens hat sich buchstäblich in der dünnen Luft des Andenhochlands aufgelöst.

Der ehemalige Seegrund liegt mehr als 3650 Meter über dem Meeresspiegel. Fischerdörfer, deren Bewohner sich tausend Jahre aus dem Poopó-Sees ernährten, liegen verlassen. Wir fahren an leeren Lehmziegelhäusern vorbei. Staubwirbel tanzen in der warmen Brise um sie herum.

Mein Führer Ramiro Pillco Zolá stapft über die Salzpfanne zu einem verfallenen, halb vergrabenen Boot. Er erzählt von seiner Kindheit hier am See: Bevor er sein Heimatdorf San Pedro de Condo verlassen hat, konnte man den Poopó-Sees noch im Ruderboot überqueren. Pillco Zolá studierte an der Universität Lund in Schweden Gewässerkunde und Klimawandel und machte seinen Doktor. „Was hier vor sich geht, ist keine Lappalie“, sagt er. „Vor drei Jahrzehnten bedeckte das Wasser des Sees noch eine Fläche von 3000 Quadratkilometern. Das lässt sich nur schwer zurückgewinnen.“

Der Klimawandel erwärmt weltweit viele Seen schneller als die Meere und die Luft. Zusammen mit menschlicher Misswirtschaft führt die beschleunigte Verdunstung zu verstärkter Wasserknappheit und dem Verlust von Lebensräumen für Vögel und Fische. „Die Spuren des Klimawandels finden sich überall“, sagt die Wasserökologin Catherine O’Reilly von der Illinois State University, die mitverantwortlich ist für eine von 64 Wissenschaftlern durchgeführte Studie über Seen auf der ganzen Welt. „Aber sie manifestieren sich bei jedem See etwas anders.“

Auf fast allen Kontinenten leiden Seen unter der Kombination aus Übernutzung und extremer werdenden Dürren. Satellitenbilder zeigen die schockierenden Ausmaße. Der afrikanische Tschadsee etwa schrumpft seit den Sechzigerjahren, von ihm ist nur noch ein schmaler Streifen übrig. Es gibt immer weniger Fische und Wasser für die Landwirtschaft. Binnenvertriebene und Geflüchtete, die ebenfalls auf den See angewiesen sind, belasten die knappen Ressourcen zusätzlich. Im ostchinesischen Tai­ Hu­-See befördern ausgeschwemmte Düngemittel und eingeleitetes Abwasser die Cyanobakterien­blüte, das warme Wasser steigert deren Wachstum noch. Die Bakterien bedrohen die Trinkwasserversorgung von zwei Millionen Menschen. Der Tanganjikasee in Ostafrika ist so aufgeheizt, dass die Fischerträge gefährdet sind, die Millionen Menschen in den vier Anrainerstaaten ernähren. In Venezuela ist der Pegel hinter dem Guri-Stausee mit seinem wichtigen Wasserkraftwerk in den vergangenen Jahren extrem gesunken. Um Strom zu sparen, musste der Staat Schulunterricht ausfallen lassen.

In unserer wärmer werdenden Welt haben viele Seen mit Problemen zu kämpfen. Am meisten gefährdet sind Wassereinzugsgebiete, die nicht in Flüsse oder ins Meer entwässern. Ab flusslose Seen sind meist seicht und salzig – und reagieren hochempfindlich auf Störungen. Ein krasses Beispiel dafür ist das Verschwinden des Aralsees in Zentralasien. Das Todesurteil für den See waren vor allem ehrgeizige sowjetische Bewässerungsprojekte, die seine Zuflüsse umleiteten.

Nach dem Kaspischen Meer war der Urmiasee im Iran einst der größte Salzwassersee im Nahen Osten. Aber in den vergangenen 30 Jahren ist er um etwa 80 Prozent geschrumpft. Die Flamingos, die hier früher Salzwasserkrebse in Hülle und Fülle fanden, sind fast alle verschwunden. Das Gleiche gilt für Pelikane, Reiher und Enten. Übrig geblieben sind nutzlos gewordene Anleger und rostige Bootsgerippe, die langsam im Sand versinken. Der Wind bläst Salzstaub vom Seeboden auf die umliegenden Felder und macht den Ackerboden nach und nach unfruchtbar. Einwohner in der 90 Kilometer entfernten Millionenstadt Täbris klagen nach Staubstürmen über Entzündungen an Augen, Haut und Lunge. Und das einladend türkisblaue Wasser im Urmiasee verfärbt sich seit einiger Zeit immer wieder blutrot – Auswirkungen der Algenblüte bei steigen­dem Salzgehalt. Viele Touristen, die früher hier Heilbäder nahmen, kommen nicht mehr.

Rund um den Urmiasee verstärkt der Klimawandel die Dürreperioden und treibt die ohnehin unerträglichen Sommertemperaturen weiter in die Höhe. Zudem leiten mehrere Tausend illegale Brunnen und immer neue Dämme und Bewässerungsprojekte Wasser zum Anbau von Äpfeln, Weizen und Sonnenblumen aus den Zuflüssen ab. Experten befürchten, dass nach dem Aralsee auch der Urmiasee der Übernutzung zum Opfer fallen könnte.

Offenbar erreichen ihre Warnungen Teheran: Der iranische Präsident Hassan Rohani hat umgerechnet fünf Milliarden Dollar zur Erneuerung des Urmiasees versprochen. Mit dem Geld soll mehr Wasser aus Stauseen abgeleitet, die Leistung von Bewässerungssystemen verbessert und anspruchslosere Saat verwendet werden. Und obwohl die Beziehungen zwischen den USA und dem Iran seit Jahrzehnten belastet sind, haben die beiden Länder einen wissenschaftlichen Austausch zur Regenerierung des Urmiasees und des Großen Salzsees in Utah ermöglicht. Die Regierungen wollen verhindern, dass ihren Salzseen das gleiche Schicksal wie dem Poopó-Sees droht.

Dieser Artikel wurde gekürzt und bearbeitet. Die ganze Reportage steht in der Ausgabe 3/2018 des National Geographic Magazins. Jetzt ein Magazin-Abo abschließen!

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