Umwelt

Mit dem Auto durch einen Tornado

Filmaufnahmen zeigen die unerwartete Begegnung von zwei Autos mit dem Tornado, der am 16. Mai 2018 durch Nordrhein-Westfahlen zog. Donnerstag, 24 Mai

Von Nick Lunn

Unwetter können Autofahrten schon mal so richtig unangenehm werden lassen. Aber was sollte man tun, wenn man mit dem Auto unterwegs ist und sich plötzlich einem Tornado gegenübersieht?

Am 16. Mai fegte ein Wirbelsturm durch Nordrhein-Westfahlen und überraschte zwei Autofahrer. Im Video ist zu sehen, wie beide Autos anhalten und der Wirbelsturm über sie hinwegzieht. In diesem Fall haben sich die Autofahrer wahrscheinlich genau richtig verhalten, bedenkt man die geringe Intensität des Sturms, wie der National Geographic Explorer und Meteorologe Anton Seimon sagt.

„Zu der Zeit, als die Fahrzeuge im Video dem Sturm begegneten, war der Tornado – auch wenn er sehr beeindruckend aussah – sehr wahrscheinlich am untersten Ende der Skala angesiedelt und seine Windgeschwindigkeit bewegte sich auf oder unter der von Hurrikans“, erklärt Seimon. Von einem Hurrikan spricht man bei Windgeschwindigkeiten über 118,4 km/h.

Bei stärkeren Tornados ist es jedoch am besten, mit dem Auto zu entkommen. Dabei sollte man sich an Kreuzungen im rechten Winkel zum erwarteten Pfad des Sturms von diesem entfernen. Ist kein solcher Fluchtweg in Sicht, wird eine Alternative empfohlen:

„Man sollte das Fahrzeug verlassen und sich mit dem Gesicht nach unten an den niedrigsten Ort legen, den man finden kann, zum Beispiel einen Abflussgraben“, sagt Seimon. Selbst relativ schwache Tornados können Fahrzeuge umwerfen oder wegrollen. Stärkere können sie sogar hochheben und über größere Distanzen durch die Luft schleudern, wodurch mögliche Insassen verletzt oder getötet werden können.

Der Wirbelsturm vom 16. Mai traf diverse Städte und sorgte für mehrere Verletzte. In Europa gibt es pro Jahr zwar deutlich weniger Tornados als beispielsweise in den USA – etwa 300 im Vergleich zu 1.400 –, aber sie sind dennoch keine Seltenheit und stellen eine bislang wenig untersuchte und oft unterschätzte Bedrohung dar.

„Starke Tornados sind in Deutschland nichts Ungewöhnliches“, sagt John Allen, ein Professor für Meteorologie an der Central Michigan University. „Es gab in Europa viele verheerende und tödliche Tornados. Die zahlreichen Berichte darüber reichen bis ins 17. Jahrhundert zurück.“

Zwischen 1950 und 2015 sorgten europäische Tornados für 316 Todesopfer und 4.462 Verletzte. Trotz dieser zerstörerischen Bilanz haben diverse Faktoren dazu beigetragen, dass die Tornados in Europas nur lückenhaft dokumentiert werden, wie eine Studie der American Meteorological Society aus dem Jahr 2017 berichtete. Zu diesen Faktoren zählen ein Mangel an Prognosewerkzeugen, ein geringes öffentliches Bewusstsein für die Thematik und das Fehlen von Datenbanken zur Tornadoverfolgung in vielen Ländern.

Die mangelnde Berichterstattung hat auch dazu geführt, dass Tornados im öffentlichen Bewusstsein hauptsächlich als US-amerikanisches Phänomen gelten. Nur wenige europäische Wetterdienste geben überhaupt Tornadowarnungen heraus.

Daher empfehlen die Autoren der AMS-Studie, dass europäische Wetterdienste enger zusammenarbeiten, um eine gemeinsame Tornado-Datenbank zu etablieren und Vorhersage- und Warnsysteme zu verbessern.

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