Cradle to Cradle - das Design der Zukunft

Wir ertrinken im Müll und verschwenden riesige Mengen kostbarer Rohstoffe. Das Designkonzept „Cradle to Cradle“ („Von der Wiege bis zur Wiege“) will das ändern und Abfall gar nicht erst entstehen lassen.

Wednesday, June 27, 2018,
Von Andrea Henke
Kirschbaum Cradle to Cradle
Der blühende Kirschbaum ist Symbol der Materialverschwendung ohne Umweltschäden und schlechtes Gewissen: Seine vielen Blüten und ihre Nährstoffe werden von anderen Organismen weiterverwendet, darüber hinaus nimmt er Kohlendioxyd auf und produziert Sauerstoff.
Bild Colourbox

Die Idee: Produkte werden von Anfang an so konstruiert, dass sämtliche Materialien wieder verwendet oder ohne schädliche Rückstände kompostiert werden können. Entwickelt hat „Cradle to Cradle“ (C2C) der Chemiker und Verfahrenstechniker Michael Braungart zusammen mit dem amerikanischen Architekten William McDonough.

Vorbild ist die Natur: Ameisen, die nicht nur ihre eigenen Abfälle wieder verwerten, sondern auch die anderer Organismen; oder ein blühender Kirschbaum, dessen Blütenpracht zu neuer Erde wird. In der Natur gibt es keine Verschwendung, so lautet die Grundannahme. „Abfall“ ist nie unbrauchbarer Müll, sondern immer Nahrung für etwas Neues.

Cradle to Cradle unterscheidet zwischen dem biologischen Kreislauf (in dem Materialien zirkulieren, die gesundheitsverträglich und kompostierfähig sind) und dem technischen Kreislauf, dessen Rohstoffe (beispielsweise Kunststoffe oder Metalle) sortenrein und mit geringem Aufwand voneinander getrennt und neu verarbeitet werden können. Die Ressourcen für die Produkte werden den beiden Kreisläufen entnommen und nach der Nutzung zurückgegeben.

Schon beim Entwurf eines Produktes muss eingeplant werden, wo seine Bestandteile am Ende seines Zyklus neu eingesetzt werden. Solche Produkte gelten nach C2C als ökoeffektiv. Dagegen steht der Begriff der Ökoeffizienz. Ökoeffizient ist ein Produkt, wenn es mit dem Verbrauch von weniger Ressourcen bessere Ergebnisse erreicht und durch die Verminderung von Schadstoffen die negativen Umweltauswirkungen reduziert.

Für Braungart ist dieses „weniger schlecht“ nicht gut genug. Er fordert einen Paradigmenwechsel: nicht nur den negativen ökologischen Fußabdruck zu verringern, sondern den positiven Abdruck zu vergrößern: „Wenn ich Ihnen sage: Denken Sie nicht an ein rosarotes Krokodil, denken Sie genau daran. Dasselbe gilt, wenn wir von Abfall reden. Also sollten wir stattdessen von Nahrung sprechen. Wir wollen Produkte entwickeln, die nützlich sind, nicht nur weniger schädlich.“ Betriebe, die nach dem C2C Prinzip arbeiten, findet man vor allem im Bereich Kleidung, Papier, Baumaterial, Büromöbel und Reinigungsmittel.

In Deutschland kauft jeder Deutsche 40 bis 70 Kleidungsstücke pro Jahr. Sie werden oft nur kurz getragen. Bei der ihrer Herstellung fällt ein wahrer Chemiecocktail an. Irgendwann landet die Kleidung in der Müllverbrennungsanlage; die Rohstoffe gehen verloren.

Textilien nach dem C2C Prinzip werden so gewebt, dass man auch nach Jahren die kompostierbaren von den synthetischen Garnen trennen kann; diese werden für neue Produkte wiederverwertet. Alle verwendeten Farben und Garne müssen frei von Schwermetallen und Halogenen sein. Oder die Kleidung besteht nur aus nachhaltig erzeugter Baumwolle und kann innerhalb von sechs Monaten kompostiert werden, wie die in Deutschland produzierte Kollektion „Change“ des Textilproduzenten Trigema.

Betriebe, die nach dem C2C Prinzip arbeiten, erkennt man an einem Zertifikat. Das Hamburger Institut EPEA (Environmental Protection Encouragement Agency), das von Braungart und McDonough 1987 gegründet wurde. untersucht in Deutschland Produkte nach C2C-Kriterien. Alle zwei Jahre muss ein Betrieb nachweisen, ob er die C2C-Prinzipien einhält.

Besonders an der C2C-Denkschule: Anstelle von Produkten werden Dienstleistungen verkauft. „25 Jahre Sehen durch Fensterscheiben“ oder „Zehn Jahre gesundes Sitzen auf einem Bürostuhl“. Mit Ende der Nutzung geht das Material wieder zurück an den Hersteller, und die Bestandteile können neu verwertet werden. Es lohnt sich also für den Hersteller, ein Gerät zu entwickeln, das nicht repariert werden muss. Auf diese Weise, so das Kalkül der C2C-Denkschule, werden die besten und nicht die billigsten Materialien verwendet. Braungart fordert definierte Nutzungszeiten, nicht Langlebigkeit: „Jeder Gegenstand hat eine ideale Nutzungszeit. Eine Waschmaschine, die 30 Jahre hält, ist absurd. Ihr Innovationszyklus beträgt etwa acht bis neun Jahre. Danach können die veralteten Komponenten ausgetauscht und die anderen weiter genutzt werden. Oder die Maschine wird komplett auseinandergebaut, um die Materialien in völlig anderen Produkten zu verwenden.“

Auch in Architektur und Städtebau wird schon nach C2C-Prinzipien gearbeitet. Dabei wird neben der behutsamen Verwendung der Materialien immer eingeplant, wie als Nebeneffekt die Umwelt bereichert werden kann: mit gesäubertem Wasser, das an einen See oder Bach abgegeben wird; mit Nistplätzen für Vögel, Schlupfwinkel für Fledermäuse, der Blumenwiese auf Dächern für Bienen; oder einem natürlicher Wasserfilter. Fassaden können so konstruiert werden, dass die Außenluft gereinigt wird: „Um Feinstaub aus der Luft zu filtern braucht, man Furchen und Rinnen, keine glatten Oberflächen. Und man braucht elektrostatische Aufladung, durch die der Staub aus der Luft angezogen wird. Wenn es dann regnet, wird der Staub abgewaschen und kann nicht mehr eingeatmet werden“, sagt Braungart.

Ansätze dieses neuen Wirtschaftens sind heute weltweit zu finden. Sogar in China ist man auf das Cradle-to-Cradle-Konzept aufmerksam geworden: Der Spielzeug- und Babywarenhersteller Goodbaby fertigt seine Produkte inzwischen nach der Kirschbaum-Ökonomie.

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