Die Vermessung der Meere

Boris Herrmann sammelt mit seiner Jacht auf den Meeren Daten, die helfen den Klimawandel besser zu verstehen.Donnerstag, 21. November 2019

Von Christian Schwägerl

Der Segelsportler Boris Herrmann ist diesen Sommer weltbekannt geworden als er mit der Klimaaktivistin Greta Thunberg den Atlantik überquert hat. Die Aktion war für den 38-Jährigen aber kein PR-Gag, wie ihm Kritiker vorwarfen. Und es war auch kein einziger Ausflug in den Umwelt- und Klimaschutz. Ihn treibt schon seit langer Zeit die Frage um, was einzelne Bürger, Politik und Wirtschaft für Natur und Nachhaltigkeit tun können.

Herrmann ist Profisegler. Sein Sport ist von hartem Training und brutalen
Rennen geprägt. Aber wann immer er mit seiner Jacht „Malizia II“ in See
sticht, tut er viel mehr, als gegen seine Konkurrenten zu kämpfen: In Kooperation mit dem Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel hat Herrmann an Bord ein wissenschaftliches Messgerät installiert. Das registriert kontinuierlich Temperatur, pH-Wert, Salzgehalt und Kohlendioxidkonzentration des Wassers, auf dem die „Malizia II“ gerade unterwegs ist.

Herrmann trägt damit dazu bei, ein gravierendes Problem zu lösen: Aus den entlegenen Teilen des Ozeans, vor allem auf der Südhalbkugel, gibt es kaum Messdaten darüber, wie schnell das Meerwasser durch unsere CO2-Emissionen wärmer und saurer wird. „Wir wissen viel zu wenig“, sagt der Segler, „obwohl die Meere das große Organ der Erde sind. Sie sind ein Energiespeicher, der alles beeinflusst und von dem das Weltklima der Zukunft abhängt.“ In solch abgelegene Regionen kommt der Skipper mit seiner Rennjacht. „Man kann ja nicht überall ein sündhaft teures Forschungsschiff hinschicken“, sagt er.

Nach dem Trip mit Greta Thunberg ist die Nonstop-Regatta „Vendée Globe“ Boris Herrmanns nächstes großes Ziel: Die gefährliche Regatta für Einhandsegler beginnt im November 2020 und führt in die stürmischen Gewässer von Südatlantik und Südpazifik entlang des Südpolarmeers, wo sonst kaum Schiffe unterwegs sind. „Dass ich das Klimamessgerät mit an Bord habe, gibt dem Rennen einen zusätzlichen Sinn“, sagt Herrmann. Selbst wenn ein Segel reißt oder ein Mast bricht und er das Ziel nicht erreicht „habe ich immer noch rund um die Welt Daten gesammelt und einen kleinen Beitrag für die Wissenschaft geleistet“.

Manchmal brummt das Gerät der Kieler Klimaforscher auf hoher See hörbar. Alle 24 Stunden wird das Instrument mithilfe einer CO2-Flasche kalibriert, sodass die Daten korrekt gemessen werden. Eine Pumpe nimmt Meerwasser auf, das von Sensoren automatisch untersucht wird. Das Gerät verbraucht ein Viertel des Stroms, den Herrmann durch Sonnen- und Strömungsenergie direkt bei der Fahrt erzeugt. „Das ist schon ein Opfer, denn auf hoher See ist auf so einer Rennjacht grundsätzlich alles knapp“, räumt der Skipper ein. „Aber es ist die Sache wert.“ Zurück an Land, überträgt Herrmann die Messdaten an das Forschungsinstitut, von wo aus Klimaforscher in aller Welt die Daten nutzen können.

Seine Erlebnisse auf See teilt Herrmann am liebsten mit Kindern und Jugendlichen – bei deren Besuchen auf dem Schiff und bei Veranstaltungen an Land. Der Skipper hat viel zu erzählen: von Etappen durch die Nordostpassage, die plötzlich ganz ohne Eis möglich sind. Oder davon, dass er auf seinen Fahrten immer weniger Delfine, Seevögel und andere Meeresbewohner beobachtet.

Nicht nur junge Menschen will Boris Herrmann inspirieren, sondern auch seine Kollegen. Sein Ziel ist es, dass bei großen Rennen in entlegenen Meeresgebieten alle Rennjachten Messgeräte an Bord haben. „Athleten haben eine gesellschaftliche Verantwortung“, sagt er überzeugt.

Dieser Artikel stammt aus Heft 12/2019 des National Geographic-Magazins.

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