Gras statt Holz

Millionen Bäume werden jedes Jahr gefällt, um den Bedarf an Papier und Kartons allein In Deutschland zu decken. Uwe D’Agnone hat eine Alternative gefunden.Freitag, 20. Dezember 2019

Kalender, Kartons, Strohhalme und Bücher – Uwe D’Agnones Geschäft ist Papier. Das sieht man, sobald man seinen Konferenzraum betritt. In den Regalen stapeln sich die Produkte, die seine Firma Creapaper herstellt: vor allem Verpackungen für Lebensmittel, auch Briefpapier und Küchenrollen. Aber etwas an den Produkten ist anders, die meisten haben einen grünlichen Schimmer. Für sie werden weniger Bäume gefällt, stattdessen mehr Wiesen gemäht: Uwe D’Agnones Papier besteht großteils aus Gras.

Vor einigen Jahren hatte der 55-Jährige beim Fernsehen „die Idee meines Lebens“: „Ich sah eine Dokumentation über Indonesien, wo jedes Jahr eine Fläche so groß wie die Schweiz abgeholzt wird!“ Nicht nur für die Herstellung von Papier, aber auch. Dazu
kommt, dass man bis zu 6000 Liter Wasser und bis zu 6 000 Kilowattstunden Strom benötigt, um eine Tonne Zellstoff aus Holz für Papier herzustellen. Uwe D’Agnone sagt: „Das war ein Schlüsselmoment. Ich dachte: Wir müssen eine Alternative finden.“

“Die Produkte bestehen bis zu 51 Prozent aus Gras, mit Potenzial nach oben. Von Kartons bis zum Butterbrotpapier sind viele Varianten möglich.”

von Uwe D'Agnone

Mit Papier kennt sich D’Agnone aus. Seine Ausbildung zum Industriekaufmann machte er in einer Druckerei, später gründete er sein eigenes Unternehmen und stellte Werbeartikel aus Papier her. Außerdem ist er ein begeisterter Tüftler. „Die Aufbereitung von Holz kostet so viel Wasser, Chemie und Energie, weil es viel Lignin enthält“, sagt D’Agnone. „Durch diesen Klebstoff können Bäume in die Höhe wachsen.“ Also wechselte D’Agnone die Perspektive und blickte nach unten statt nach oben – und kam auf Gras. Die ersten Bögen schöpfte er zu Hause. „Als ich das Ergebnis sah, war ich überzeugt: Das kann funktionieren.“

Er experimentierte weiter und kombinierte sein Graspapier schließlich mit Altpapier. Derzeit bestehen seine Produkte bis zu 51 Prozent aus Gras, mit Potenzial nach oben. Von festen Kartons bis zu dünnem Butterbrotpapier ist alles möglich. Auf die Umweltbilanz ist D’Agnone besonders stolz: „Für die Herstellung einer Tonne Grasfasern benötigen wir gerade einmal zwei Liter Wasser und 137 Kilowattstunden Strom.“ Das getrocknete Gras bezieht D’Agnone von Landwirtschaftsbetrieben aus der Region. Es wird gereinigt, geschnitten und zu Pellets gepresst, damit es sich besser transportieren lässt. Anfangs weigerten sich die meisten Papierfabriken jedoch, das Gras zu verarbeiten. Ein unbekannter Rohstoff sei immer ein Risiko für die teuren Maschinen. „Das war eine Sackgasse, erinnert sich D’Agnone. Also wandte er sich an Großabnehmer: Mit dem Otto-Konzern konnte er einen wichtigen Kunden für sich gewinnen. „Es war glückliches Timing. Vor 15 Jahren wäre ich mit dieser Idee nicht weit gekommen.“ Nachhaltigkeit ist heute ein Wettbewerbsfaktor. Immer mehr Konsumenten wollen Plastikverpackungen vermeiden. Auch die Regularien werden strenger: Strohhalme und andere Einwegprodukte aus Plastik sind in der EU ab 2021 verboten.

Mittlerweile kann man die Creapaper-Produkte als Verpackungen schon bei den Supermarktketten finden. Ihr Erfinder D’Agnone ist viel unterwegs, von Kunde zu Kunde, von Papierfabrik zu Papierfabrik, von Vortrag zu Vortrag. Doch es gibt auch Gegenwind. Er zeigt eine Präsentation, die ein großer Holzkonzern veröffentlicht hat: Gras sei eine schlechte Alternative zu Holz, heißt es darin, weil Zeichen. Der Markt nimmt uns nun wirklich ernst.“

die Festigkeit fehle. Zuerst habe er sich geärgert, sagt D’Agnone, während er eine Tüte aus Graspapier befüllt – um zu beweisen, dass sein Rohstoff den Holzfasern durchaus ebenbürtig ist. Inzwischen sieht er das entspannter. „Es ist ein gutes Zeichen. Der Markt nimmt uns nun wirklich ernst.“

Dieser Artikel stammt aus Heft 1/2020 des National Geographic-Magazins!

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