Wildes Plastik: Recyclingkunstoff aus Liberia

Ein junges Unternehmen in Hamburg kauft Müll aus Ghana oder Liberia und stellt damit Mülltüten und Verpackungsmaterial her.

Von Julia Graven
Veröffentlicht am 18. Aug. 2022, 11:14 MESZ
Plastikmüll

Ein junges Unternehmen in Hamburg kauft Müll aus Ghana oder Liberia und stellt damit Mülltüten und Verpackungsmaterial her.

Foto von mauriceangres / Pixabay.com

Hamburg, Speicherstadt. In dem roten Backsteingebäude am Brooksfleet haben früher Kaufleute Jutesäcke voller Kaffeebohnen mit großen Seilwinden zu Boden 3 hochgezogen. Heute werden dort im dritten Stock Mülltüten gelagert. Sie haben eine ähnlich weite Reise hinter sich wie einst der Kaffee. Das Start-up namens Wildplastic lässt sie aus alten Tüten und Verpackungsmüll aus südlichen Ländern herstellen. Der Sinn dieses Mülltransports: Der Plastikabfall soll nicht länger Land, Flüsse und Meere verschmutzen.

Plastikmüll wird zu Verpackungsmaterial

Christian Sigmund leitet das Sozialunternehmen. Der ehemalige Google-Mitarbeiter trägt einen beigefarbenen Kapuzenpulli mit weißem Firmenschriftzug und fährt morgens von Ottensen mit dem Fahrrad in die Speicherstadt. Manchmal bringt er vorher noch den Müll runter. Wie für Millionen andere Menschen in Deutschland ist es für ihn ganz normal, dass unsere Joghurtbecher, Essensreste und Zeitungen wie von Zauberhand verschwinden – und im Idealfall nicht nur verbrannt, sondern weiterverwertet werden. In armen Ländern bleibt Abfall dagegen ein sichtbares Problem. Er landet neben der Straße, im Wald oder im Fluss. Sigmund hat es beim Surfen an der Nordküste Perus selbst erfahren, als ihm Starkregen „eine ganze Müllkippe“ vor die Füße gespült hat.

Wildplastic kümmert sich um das Recycling von LDPE-Kunststoff. Das ist weiches Plastik, das in manchen Ländern milliardenfach für Einwegverpackungen benutzt wird. Das gesammelte Material wird in Spanien und Portugal zu Granulat verarbeitet, aus dem anschließend in Deutschland Folien für Müllbeutel entstehen. Mit dem Versandhändler Otto als Partner hat Wildplastic über Monate die Produktion optimiert und die Mengen erhöht. Otto verschickt zum Beispiel T-Shirts in Beuteln aus „wildem“ Plastik.

Ende des Jahres soll jede zweite Otto-Versandtüte aus dem Material sein. Im Frühjahr waren die Mülltüten in vielen Rossmann-Filialen im Angebot, deren Lage Christian Sigmund auf einer Deutschland-Karte in seinem Tablet markiert hat. Dieser Testballon sei ein wichtiger Schritt gewesen, denn große Mengen seien entscheidend, um das System zum Laufen zu bringen, sagt Sigmund. Nur wenn er den Sammlern in Liberia oder Indonesien den Ankauf vieler Tonnen Müll garantiere, werde sich bei den Menschen dort der Gedanke durchsetzen, dass Wasserbeutel und Plastiktüten nicht Abfall, sondern ein Wertstoff seien. Dann könne sich wie beim PET eine Kreislaufwirtschaft entwickeln, die das Plastik dauerhaft aus der Umwelt hole.

Christian Sigmund will verhindern, dass Plastikabfälle in Ländern des globalen Südens als Mikroplastik die Umwelt verseuchen. Aus dem Müll macht er einen Wertstoff.

Foto von Kathrin Spirk

Klimafreundliches Ziel: Eine funktionierende Recyclingwirtschaft

Die Weltlage macht die Arbeit von Wildplastic gerade nicht leichter. Corona hat die Containerpreise aus Asien zum Teil mehr als verfünffacht, weswegen das Unternehmen jetzt auf afrikanische Länder wie Ghana oder Liberia ausweicht. „Der erste Container aus Liberia war dann allerdings so schlecht gepackt, dass die Männer in der Recyclinganlage den Gabelstapler stehengelassen und die Säcke von Hand ausgeladen haben“, erzählt Sigmund. Und auch die Qualität habe geschwankt, sodass nicht alle Müllbeutel-Chargen gleich aussahen. Natürlich, sagt Sigmund, sei es keine Ideallösung, Müll um die halbe Welt zu verschiffen, um daraus banale Mülltüten herzustellen.

Recyclingplastik aus Europa wäre wegen der kürzeren Transportwege klimafreundlicher. Aber das würde das Problem mit dem Müll nicht lösen, der jetzt schon herumliegt und sich zu Mikroplastik zersetzt. „In der aktuellen Notsituation geht es nicht besser“, sagt Sigmund. Für die Zukunft hofft er auf eine funktionierende Recyclingwirtschaft vor Ort. Wenn Wildplastic dann überflüssig wäre, hätten Christian Sigmund und seine Kollegen ihr Ziel erreicht.

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