Apostle Islands: „Die Inseln nehmen dich gefangen und lassen dich nicht mehr los“

Der Obere See ist dafür bekannt, unwirtlich und rau zu sein. Die Apostle Islands im US-Bundesstaat Wisconsin sind dagegen eine relativ geschützte Oase. Ungefährlich sind sie deshalb noch lange nicht.

Von Stephanie Pearson
Veröffentlicht am 27. Feb. 2023, 12:26 MEZ
Sonnenuntergang über York Island und Sand Island

Vom Fuß des Leuchtturms auf Raspberry Island sieht man die Sonne über York Island und Sand Island untergehen 

Foto von David Guttenfelder

„Dies ist kein Platz für Amateure“, bemerkt Dave Cooper, während er die Ardea, ein siebeneinhalb Meter langes Alu-Landungsboot, durch das aufgewühlte Wasser des Oberen Sees steuert. Wir befinden uns auf dem Rückweg von Devils Island, 26 Kilometer vom Festland entfernt. Der Wind bläst mit Geschwindigkeiten von 37 bis 46 Stundenkilometern aus Nordost, die Wellen sind anderthalb Meter hoch. Cooper, als Manager für Kulturressourcen im Schutzgebiet Apostle Islands National Lakeshore tätig, durchpflügt mit dem Boot die Wellentäler und reitet auf den Kämmen. „Man fühlt sich wie auf einem Pferd“, kommentiert er. „Ich versuche, einen sanften Ritt daraus zu machen.“ 

In seiner dreißigjährigen Tätigkeit als Archäologe am Oberen See hat Cooper an zahlreichen Such- und Rettungseinsätzen teilgenommen. Die Apostles, sagt er, seien „eine Inselkette, die die Menschen besuchen, um weite Strecken zu paddeln. Theoretisch bietet dies Paddlern größeren Schutz, verleitet sie aber auch dazu, sich zu viel zuzumuten.“ Das ist nicht die einzige Gefahr. Infolge des Klimawandels erwärmt sich der See in alarmierender Geschwindigkeit – pro Dekade um mindestens 0,5 Grad. Immer heftiger wütende Stürme ziehen Infrastruktur wie Schiffsanleger in Mitleidenschaft, lassen das Ufer erodieren und erhöhen die Sedimentmenge im See, was wiederum Algenblüten auslösen kann. 

Postmoderne Wildnis: Paradies für Paddler und Naturliebhaber

Doch die Apostle Islands haben eine treue Anhängerschaft. Dazu zählt Tom Irvine, geschäftsführender Direktor der National Parks of Lake Superior Foundation, einer gemeinnützigen Stiftung. Schon sein Urgroßvater und Ururgroßvater arbeiteten als Leuchtturmwärter auf Outer Island. „Die Inseln nehmen dich gefangen und lassen dich nicht mehr los“, sagt Irvine. „So erging es auch meiner Familie. Sie sind ein Teil unserer kollektiven Seele.“ Im Sommer 2020 machte Irvine den Fotografen und NATIONAL-GEOGRAPHIC-Explorer David Guttenfelder mit den Inseln bekannt. Guttenfelder, ein versierte Kajakfahrer, entschloss sich, die Gewässer in einer ambitionierten 18-tägigen Paddeltour zu erkunden und dabei möglichst viele der 22 Inseln zu besuchen. „Der See hat mich in seinen Bann gezogen“, sagt er. 

Aus einer Brandungshöhle schiebt sich das Kajak des Fotografen David Guttenfelder in die Gewässer des Oberen Sees. Das Schutzgebiet hat jährlich 225000 Besucher und ist ein grandioser, aber auch gefährlicher Tummelplatz für Kajakfahrer, Segler und Motorbootfahrer. 

Foto von David Guttenfelder

Im August 2021 begleitete ich ihn auf einer Etappe seiner Tour; weitere Inseln erkundete ich auf eigene Faust. Auf meiner Reise traf ich Umweltschützer, Wissenschaftler und Einheimische, von denen viele schon seit Jahrzehnten dort leben und arbeiten. Trotz ihrer sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten verehren sie alle die Inseln zutiefst. „In einer solchen Umgebung kann man leicht ehrfürchtig werden“, sagt Neil Howk, ein pensionierter Ranger, der 35 Jahre lang in dem Schutzgebiet arbeitete. Wir stehen in einem Primärwald auf Outer Island, wo hoch aufragende Hemlocktannen, Weymouth-Kiefern, Gelb-Birken und Abendländische Lebensbäume ein derart dichtes Kronendach bilden, dass der Sonnenschein im spärlich bewachsenen Unterholz auf uns wie die Lichtstrahlen im Inneren einer Kathedrale wirkt. 

Nur wenige Hundert Meter entfernt schlagen die Wellen des Oberen Sees krachend gegen das Ufer. Der Wald jedoch dämpft das Tosen und hüllt uns in fast vollständige Stille. Am frühen Nachmittag hatte unsere Gruppe mit den Kajaks an der Nordspitze der 3237 Hektar großen Outer Island angelegt. Sie liegt 45 Kilometer vom Festland entfernt und zählt zu den am wenigsten besuchten Inseln der Gruppe. Trotz ihrer abgeschiedenen Lage wurden die Wälder der Insel ab etwa 1883 massiv abgeholzt. Die hochgewachsenen Bäume, die uns umgeben, sind dabei verschont geblieben. „Hier sieht es vermutlich noch immer so aus wie vor 400 Jahren“, meint Neil Howk. Der Wilderness Act, den der US-Kongress im Jahr 1964 verabschiedete, definiert Wildnis als „ein Gebiet, in dem die Erde und ihre Lebensgemeinschaft vom Menschen unbeeinflusst sind“. Die Natur der Apostle Islands wurde von Menschen über Jahrhunderte gezähmt, gepflegt und genutzt.
 

Ihr heutiger Zustand stellt eine postmoderne Wildnis dar; die Inseln zählen zu den seltenen Orten, die mit der Zeit und unter sachgerechter Bewirtschaftung einen Großteil ihrer ursprünglichen Pracht wiedererlangt haben. Betrachtet man die Inseln heute als eine urwüchsige, zur Erholung genutzte Wildnis, vergisst man darüber, dass der Volksstamm der Ojibwa jahrhundertelang hier gelebt hat; dass europäische Siedler – lange Zeit vergeblich – versucht haben, der Wildnis Herr zu werden, und später hier Rohstoffe abgebaut haben. 

Apostle Islands: Ein National-Lakeshore-Schutzgebiet

Die menschliche Besiedlung auf den Apostle Islands begann vor 11000 Jahren, als nomadisch lebende Jäger und Sammler den Karibuherden folgten. Die frühesten archäologischen Zeugnisse von Wohnstätten sind 5000 Jahre alt. Vor über 400 Jahren zogen die Ojibwa aus dem Tal des Sankt-Lorenz-Stroms westwärts und ließen sich auf der Insel „Mooniingwanekaaning-minis“ nieder der „Heimat des Goldspechts“, heute Madeline Island. Mit einer Fläche von 6216 Hektar ist sie die größte der Apostle Islands – und die einzige, die nicht in das National-Lakeshore-Schutzgebiet aufgenommen wurde. „Madeline Island ist unsere Stammesheimat“, sagt Christopher D. Boyd, Vorsitzender der Red Cliff Band of Lake Superior Chippewa (die anglisierte Form von Ojibwa). „Sie ist der Dreh- und Angelpunkt unseres Volkes, aber alle Inseln sind unser Zuhause.“ 

Das Steilufer von Sand Island ist von Brandungshöhlen durchklüftet, die Eis, Wind und Wellen des Seewassers ausgewaschen haben. Der Obere See besitzt eine bessere Wasserqualität, und seine Ufer sind weniger bebaut im Vergleich zu den anderen Großen Seen.

Foto von David Guttenfelder

Der Ojibwa-Stammesführer Kechewaishke, um etwa 1759 auf Madeline Island geboren, machte sich 1852, also mit über 90 Jahren, in einem Birkenrindenkanu auf den Weg nach Washington, D.C. Bei einem Treffen mit Präsident Millard Fillmore wollte er persönlich gegen die von der US-Regierung geplante Umsiedlung der Ojibwa in weiter westlich gelegene Reservate protestieren. Die Reise wurde zum Erfolg: Fillmore gestattete den Ojibwa, am Oberen See zu bleiben. Als ab Mitte des 19. Jahrhunderts die Schleusenanlagen Soo Locks die Großen Seen für die Schifffahrt öffneten und den Weg für eine weitere Expansion nach Westen bereiteten, kam ab 1855 eine Welle europäischer Einwanderer auf den Inseln an. 

Um die Schiffe sicher durch die tückischen Gewässer des Oberen Sees zu geleiten, ließ der U.S. Lighthouse Service im Verlauf von 60 Jahren neun Leuchttürme errichten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatten sich die nährstoffreichen Gewässer um die Apostle Islands zu einem der größten kommerziellen Fanggebiete für Amerikanische Kleine Maränen und Heringsmaränen entwickelt, während Holzunternehmen die Wälder der Inseln rodeten und Sandstein abgebaut wurde. Mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes wurde das nordwestliche Wisconsin auch zu einem populären Urlaubsziel. Bei Großstädtern waren die Inseln schon bald als Erholungsorte beliebt. Die strengen Anforderungen, die die US-Nationalparkbehörde an ihre Schutzgebiete stellte, erfüllten sie jedoch nicht. 1930 besuchte der Landschaftsarchitekt Harlan Kelsey den Archipel, um dessen potenziellen Schutzstatus zu evaluieren. Während seines Besuchs wüteten Buschfeuer auf einigen Inseln. Kelsey prophezeite, dass sich das gesamte Gebiet schon bald in eine „schwelende, trostlose Einöde“ verwandeln würde. In seinem Bericht erklärte er, dass „die ursprüngliche Schönheit [der Inseln] erbarmungslos und in gewissem Maße unwiederbringlich von Menschenhand zerstört worden ist“.


 

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Foto von National Geographic

Warum es dazu nicht kam, sondern die Apostle Islands zu einem wichtigen Schutzgebiet wurden, lesen Sie im NATIONAL GEOGRAPHIC Magazin 3/23. Verpassen Sie keine Ausgabe mehr: Sichern Sie sich die nächsten 2 Ausgaben zum Sonderpreis! 

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