Ölkatastrophen unter Kontrolle? Das überraschende Geheimnis der Bierdeckel

Quadrisch, praktisch, nützlich – innovative Pappecken binden ausgelaufenes Öl bei Schiffshavarien und Überschwemmungen wie etwa im Ahrtal.

Von Simone Einzmann
Veröffentlicht am 15. Sept. 2023, 14:47 MESZ
Ölkatastrophe

Quadrisch, praktisch, nützlich – innovative Pappecken binden ausgelaufenes Öl bei Schiffshavarien und Überschwemmungen wie etwa im Ahrtal.

Foto von Kris Krüg

In der dunklen Fabrikhalle ist es drückend heiß. Es dampft und poltert, Holz splittert, der Betonboden vibriert – in der Luft liegt der Duft von Fichtennadeln. Scott Treick steht ungerührt vor der hallenfüllenden Trommel, die unaufhörlich mit archaisch anmutender Kraft Rinde von Holzstämmen schält. „Wenn es um Bierdeckel geht“, ruft er über den ohrenbetäubenden Lärm der schweren Maschinen hinweg, „dann stehen wir hier gerade am Mittelpunkt der Erde.“

Umweltfreundliche Pappuntersetzer

Aus seiner Hosentasche zieht der Produktentwickler eine Handvoll Pappdeckel. Diese Untersetzer sind etwas anders als die alltäglichen Saugmatten für überschäumende Biergläser, Baumaterial für gelangweilte Kneipengänger oder Werbeträger. Die von Treick mitentwickelten Liquid Binder Boards können zuverlässig Mineralöl aus Seen, Flüssen und dem Meer aufsaugen, und zwar in vielen Fällen umweltfreundlicher, günstiger und zuverlässiger als mit herkömmlichen Methoden, bei denen häufig Chemie zum Einsatz kommt.

Seit 120 Jahren werden bei der Firma Katz im winzigen Örtchen Weisenbach im Nordschwarzwald Bierdeckel produziert und heute in mehr als 80 Länder exportiert. Inmitten der dunklen Tannen und Fichten tüftelt Treick seit gut 16 Jahren nach neuen Einsatzmöglichkeiten für die Pappuntersetzer, deren Aufgabe seit ihrer Erfindung das Aufsaugen von Flüssigkeiten ist.

Irgendwann kam Scott Treick die Idee, dass die Deckel auch bei der Aufnahme von Öl einsetzbar sein könnten. Anfangs experimentierte er in seinem Büro – mit einer Schüssel Wasser und Speiseöl. In kürzester Zeit hatten die Pappen das Öl aufgesaugt – allerdings auch Wasser. Er recherchierte im Internet und entdeckte, dass der Wissenschaftler Holger Unbehaun von der Technischen Universität Dresden an einem ähnlichen Ansatz arbeitete. Gemeinsam entwickelten sie die ersten Prototypen, besserten nach, veränderten die Rezeptur, wieder und wieder. In seiner heutigen Form kann der Liquid Binder das Vielfache seines Eigengewichts an Öl aufsaugen, nimmt im Gegensatz zum klassischen Bierdeckel aber kein Wasser auf. Die Plättchen aus Holzschliffpappe können nach dem Einsammeln von der Wasseroberfläche sogar als Brennmaterial genutzt werden.

Wirksamkeit im Umweltschutz

„Wenn nicht alle Deckel sofort gefunden werden, ist das kein Problem“, erklärt Treick. „Das Entscheidende ist schließlich, dass das Öl sofort gebunden ist, bevor es im Bauch von Fischen und im Gefieder von Vögeln landet.“ Der Einsatz eigne sich besonders gut für Flüsse, Lagunen und flache Küstengewässer, wo es große Reinigungsschiffe schwer hätten. Selbst bei rauem Wellengang tun die Untersetzer ihre Arbeit. Hier versagen herkömmliche Ölsperren.

Die Generalprobe ereignete sich unerwartet im Juli 2021. Als die erschreckenden Bilder über die Flutkatastrophe im Ahrtal über den Bildschirm flimmerten, reagierte Treick sofort. Nur wenige Tage später verließ ein Lkw mit der neuen Erfindung die Lagerhallen. „Bei Ölkatastrophen denkt man zuerst an Schiffshavarien“, erklärt Treick, „aber tatsächlich verursachen auch zerstörte Heizölkessel von Privathäusern und kaputte Ölwannen von Pkw bei einer Flutkatastrophe große Umweltschäden.“

Der Einsatz im Ahrtal war ein Erfolg, doch Unbehaun und Treick wollten noch mehr. Was, wenn die Bierdeckel das Öl nicht nur aufsaugen, sondern an Ort und Stelle unschädlich machen würden? Die Erfinder machten sich auf die Suche nach ölfressenden Mikroorganismen und wurden fündig. Erste Versuche sind vielversprechend: Die Bakterien beseitigten das Öl nach einiger Zeit komplett. Inmitten der dunklen Tannen und Fichten des Schwarzwalds macht man sich bereit für den nächsten Einsatz – und ist offen für weitere ungewöhnliche Verwendungsmöglichkeiten von Bierdeckeln.

Cover National Geographic 9/23

Foto von National Geographic

Über die Verwendung der Bierdeckel gegen Ölkatastrophen lesen Sie auch im NATIONAL GEOGRAPHIC Magazin 9/23. Verpassen Sie keine Ausgabe mehr: Sichern Sie sich die nächsten 2 Ausgaben zum Sonderpreis! 

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