Umwelt

Klimawandel: Wenn das Wasser steigt

Die Kosten des Klimawandels steigen stetig. Nirgendwo wird die Rechnung so hoch wie in Miami. Ist die Stadt noch zu retten?

Von Laura Parker

Das also ist einer dieser Orte, an denen Frank Behrens Geld verdienen will. Behrens stellt die Maschine unseres Motorboots ab, und wir treiben durch braunes Brackwasser zur Mitte des Maule Lake, eines Seesim Norden von Miami Beach. Das Gewässer ist Privatbesitz. Ein Paradies? Nicht wirklich.

Aber hier, sagt Behrens, liege eine Chance für seine Firma. Der See in einem ehemaligen Steinbruch diente schon als Schauplatz für Bootsrennen, als Biotop für Seekühe und als Drehort für die Fernsehserie „Flipper“. Jetzt macht Behrens Reklame für ein schwimmendes Dorf mit 29 künstlichen Privatinseln, jede mit einer Fünfzimmervilla, Sandstrand, Swimmingpool, Palmen und einem Steg für eine 25­-Meter­-Jacht. Preis pro Insel: 12,5 Millionen Dollar.

Behrens ist Niederländer, Dutch Docklands heißt seine Firma, und man kann sagen, sie verdient ihr Geld mit dem Untergang. Dutch Docklands hat sich die Erschließungsrechte für den See gesichert, um hier den Reichen die Antwort auf die Erderwärmung zu präsentieren. Der Meeresspiegel steigt? Na und, dann bauen wir eben Inseln und befestigen sie so am Seeboden, dass sie mit dem Pegel steigen oder fallen – wie schwimmende Ölbohrinseln, nur mit noblen Häusern drauf.

Es wird derzeit viel Spektakuläres gebaut hier in Florida. Vom Boot aus sehen wir, wie auf Sunny Isles die Baukräne in den Himmel ragen.

Dort kann es gar nicht luxuriös genug werden. Reiche Südamerikaner und Europäer heizen den Bauboom an, auch große Summen zahlen sie oft in bar. Im Porsche Design Tower hat dafür auch jede Wohnung einen gläsernen Aufzug für das Auto.

Die Prognosen sagen zwar, dass es in den kommenden Jahren immer häufiger zu Überschwemmungen kommen und bis zum Jahr 2100 ein großer Teil der Landesfläche dauerhaft überflutet sein wird. Trotzdem bauen viele weiterhin für Milliarden Dollar Wolkenkratzer. Das könnte eines Tages im Meer versenktes Geld sein.

Wer wissen will, welche Kosten der Klimawandels hat, sollte nach Florida reisen. Auf der ganzen Welt sind Küstengebiete bedroht, aber hier wird es am teuersten: Miami könnte aufgrund des Klimawandels bis ins Jahr 2050 Schäden in Höhe von 278 Milliarden Dollar erleiden, schätzen Experten. Keine Stadt der Welt wird einen höheren Preis zahlen.

In Miami gibt es zwei Perspektiven auf die drohende Katastrophe: Die einen machen einfach weiter, sei es auch nur für die Laufzeit einer Hypothek. Die anderen schauen nach vorn und kalkulieren den Klimawandel in ihren Entscheidungen mit ein. Die Warnungen vor den Folgen der globalen Erwärmung sind dieser Fraktion zu düster geworden, die Auswirkungen mittlerweile zu deutlich spürbar: Überflutungen und Extremwetter. In einer Stadt, in der das Immobiliengeschäft Motor der Wirtschaft ist, fragt man allerdings nicht: Wie kann man den Klimawandel stoppen? Sondern: Was kann man tun, um das Wachstum trotzdem so lange wie möglich in Gang zu halten.

Das hat auch Menschen wie Behrens nach Florida gelockt. Die Manager seiner Firma in Delft glauben nicht, dass ihr schwimmendes Dorf den Süden Floridas retten kann. Es ist nur ein weiteres von vielen innovativen Projekten, mit dem die Niederländer ihr eigenes tief gelegenes Land bereits seit dem Mittelalter vor dem Untergang bewahren. Für die Region rund um Miami, sagt Behrens, ist es ein reizvolles Modell für Investoren. Es gäbe ja auch noch ganz andere Möglichkeiten: schwimmende Gemeinden mit schwimmenden Parks und schwimmenden Schulen. Ein schwimmendes Krankenhaus. „Die Möglichkeiten sind beinahe unbegrenzt.“ Sein Unternehmen hat in Zaandam im Norden von Amsterdam auch schon ein schwimmendes Gefängnis gebaut.

„Viele Menschen sehen nur die negativen Auswirkungen von Überschwemmungen“, sagt Behrens, und in seiner Stimme liegt nicht ein Hauch von Ironie. „Wir wollen ihnen zeigen, dass man damit auch Geld verdienen kann. Beim Klimawandel geht es um eine Menge Geld. Das wird eine ganz neue Branche.“

In Behrens’ Heimat Holland haben bereits rund 450 Unternehmen das steigende Wasser zu ihrem Geschäftsfeld gemacht. Sie operieren weltweit und erzielen vier Prozent der Wirtschaftsleistung der Niederlande, so viel wie die Autoindustrie in den USA. Miami ist ein schöner Markt für sie, seit Kurzem gibt es hier sogar eine niederländische Handelskammer.

Piet Dircke hat sie gegründet. Seine Firma Arcadis hat in New Orleans nach dem Hurrikan Katrina am Bau neuer Deiche mitgearbeitet, vergangenen Sommer kam Dircke nach Miami, um in einem Workshop mithilfe hübscher Skizzen zu zeigen, wie die Zukunft trotz Klimawandels heiter bleiben könnte, zumindest wirtschaftlich. „Das Delta des Miami River ist einer der besten Orte, um zu investieren“, schwärmt er. „Rotterdam ist ein Modell dafür. Singapur, Kopenhagen, Stockholm – alle diese Städte haben das Wasser zu ihrem Markenzeichen gemacht. Das könnte Miami auch.“ Sofern man Innovationen wie die der Holländer nutzt.

Die „Wasserstadt“ mit den schwimmenden Wohninseln? Das wäre in der Tat ein tolles Verkaufsargument. Doch es kommt nicht nur das steigende Wasser auf Miami zu. Nach Einschätzung des Nationalen Klimarats wird Florida in den kommenden Jahrzehnten verschiedenste Extremwetter erleben – von Dürreperioden bis zu Sturmfluten und Hurrikanen. Hitze und Trockenheit bedrohen eine Landwirtschaft, die im Winter die ganze Ostküste mit Gemüse versorgt, sowie den Anbau der wichtigsten Nutzpflanzen: Tomaten, Zuckerrohr und Zitrusfrüchte.

Am deutlichsten spürbar werden die Folgen an der 2170 Kilometer langen Küste sein. Die Infrastruktur dort – Gebäude, Straßen und Brücken – wurde im Jahr 2010 auf einen Wert von zwei Billionen Dollar geschätzt. 13 Millionen Menschen leben an der Küste, sie erbringen vier Fünftel der Wirtschaftsleistung des Bundesstaats. Rund 2,4 Millionen von ihnen wohnen niedriger als 1,20 Meter über der Hochwasserlinie, Hurrikane treffen sie als Erste, und das Meer kommt stetig auf sie zu. Schon heute verliert fast die Hälfte der 1330 Kilometer langen Sandstrände Fläche an die See.

„Beim Klimawandel geht es um eine Menge Geld. Das wird eine ganz neue Branche. - Frank Behrens, Investor

Forscher haben verschiedene Modelle aufgestellt, die von unterschiedlichen Reduzierungen der Treibhausgasemissionen ausgehen. In einer mittleren Variante könnten die Ozeane bis 2060 um 60 Zentimeter ansteigen, weil ihr Wasser wärmer wird und sich ausdehnt und zudem die Eiskappen in Grönland und an den Polen schmelzen. Würden die schlimmsten Szenarien wahr, könnte die Flut bis 2100 um zwei Meter steigen. Dann stünden große Teile von Miami- Dade, dem südlichsten Bezirk, unter Wasser. Ein Anstieg um jeweils 30 Zentimeter würde die Küstenlinie je nach Region um 150 bis 610 Meter landeinwärts verschieben, ein Anstieg um 60 Zentimeter die Klärwerke des Bezirks Miami-Dade und das Kernkraftwerk Turkey Point an der Biscayne Bay überfluten.

„Wir haben alles getan, die Ozeane aufzuheizen. Jetzt müssen wir sehen, wie wir mit den Folgen fertig werden.“ - Hal Wanless, 
Professor für Geologie, Universität Miami

„Dann liegen die mitten im Ozean“, sagt Hal Wanless. „Die meisten vorgelagerten Inseln werden nicht mehr bewohnbar sein. Der Flughafen bekommt Probleme bei 120 Zentimetern. Und wenn die Meere ansteigen, wird Salzwasser in unsere Trinkwasserversorgung dringen. Alle träumen hier von einem netten Happy End. Aber wir stehen vor einer Katastrophe. Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten alles getan, die Ozeane aufzuheizen. Jetzt müssen wir mit den Folgen klarkommen.“ Wanless ist Leiter des geologischen Instituts an der Universität Miami. Drei Jahrzehnte lang hat er fast als Einziger gewarnt, dass der Ozean Florida überspülen könnte. Schon in den Achtzigern dokumentierte er, dass sich die Seepocken an den Stegen seines Heimatorts Coral Gables immer höher ansiedelten. Mittlerweile ist es schwer geworden, Mahner wie ihn zu ignorieren.

Im Jahr 2012 richteten Überschwemmungen, Waldbrände, Dürren und Stürme in den USA Schäden in Höhe von mehr als 110 Milliarden Dollar an. Es war, was Umweltschäden anbelangt, das zweitteuerste Jahr in der Geschichte des Landes. In Asien lieferte 2013 der Taifun Haiyan einen weiteren Ausblick in die Zukunft: Er war einer der stärksten je gemessenen Wirbelstürme, 6200 Menschen starben. Im gleichen Jahr zerstörten Dürreperioden zahlreiche Ernten auf nahezu allen Kontinenten, insbesondere in Afrika und Südasien. Das brasilianische Hochland erlebte die schlimmste Trockenheit seit 1979. Salziges Meerwasser droht in die Mündungsgebiete großer Flüsse aufzusteigen, es würde das Süßwasser vergiften und die Landwirtschaft zerstören.

Experten der Weltbank sagen politische Instabilität, Nahrungsknappheit und Hungersnöte voraus. Weltweit werden in den kommenden Jahrzehnten womöglich Millionen von Menschen durch die Auswirkungen der globalen Erwärmung aus ihrer Heimat vertrieben. Doch Politiker rund um den Globus eiern seit Jahrzehnten um die Frage herum, wie der Anstieg der Temperaturen zu bremsen ist.

Auch von der Regierung des Bundesstaats Florida ist derzeit wenig zu erwarten. Dort haben die Republikaner die Mehrheit, und von ihnen glauben viele noch immer nicht an die Ergebnisse der Klimaforschung. Darum haben die Kommunalpolitiker der vier Bezirke im Süden ihr Schicksal selbst in die Hand genommen und eine Prioritätenliste der Baumaßnahmen bis 2060 erstellt. Wobei ihnen klar ist: Es wird teuer werden, und es bedarf mutiger, schmerzhafter neuer Schritte.

„Bisher haben wir immer einen Etat aufgestellt, in den dann alles Mögliche gepackt wurde, Entsalzungsanlagen, das Höherlegen von Straßen, der Bau von Kanälen“, sagt Harvey Ruvin, der in Miami-Dade eine Arbeitsgruppe zum Anstieg des Meeresspiegels geleitet hat. „Aber das reicht nicht. In Zukunft werden wir ganze Landstriche höherlegen müssen. Und das geht nur auf Kosten anderer Landstriche, die dafür aufgegeben werden müssen.“ Er ahnt, was damit auf die Region zukommt. Politiker werden unangenehme Entscheidungen auf die lange Bank schieben. Es wird darüber gestritten werden, wem welches Gebiet gehört. Endlose Diskussionen um Erschließungspläne und Bauvorschriften werden ausbrechen. Was all das kostet? Ruvin will am liebsten gar nicht darüber sprechen. „Ich kann Ihnen keine realistische Zahl nennen. Vielleicht 50 Milliarden Dollar?“ Er weiß, dass das noch zu tief gegriffen ist.

Langfristig wird es nicht reichen, Deiche zu verstärken. In Zukunft werden ganze Fabriken verlegt werden müssen, weg von der Küste.

Und dann kommt schon die nächste Frage in dieser Region, in der sich alles um schnelle Gewinne dreht: „Wie bringt man den Wählern bei, dass sich eine Gemeinde für Zukunftsprojekte verschulden muss, wo die Kommunen schon Angst haben, die Grundsteuern ein bisschen zu erhöhen, um Bibliotheken zu erhalten?“ Ruvin, 77, ist einer der geschicktesten Politiker der Region. Er hat versucht, den ewigen Zauderern die Kosten des Abwartens vor Augen zu führen. Vergangenes Jahr lud er zwei Manager des Rückversicherungs-Weltkonzerns Swiss Re ein. Sie sollten die Mitglieder seiner Arbeitsgruppe über die Zukunft Floridas aufklären. Die knallharten Zahlenmenschen präsentierten ein Prognosemodell: Die Region muss bis 2030 mit unwetterbedingten Schäden in Höhe von 33 Milliarden Dollar rechnen. Jedes Jahr! 2008 war es erst halb so viel. Dann erklärten die Versicherer, dass man die Schäden um 40 Prozent mindern könne. Falls man bald etwas unternehme, um gefährdete Immobilien zu schützen. „Wir dürfen nicht weitere 10, 20 oder 30 Jahre tatenlos abwarten“, sagt Mark Way von der Swiss Re.

„Schutz“, „Anpassung“, „Rückzug“ – das klingt wie das Trauern eines Stadtplaners. Aber es sind die Parolen, die Menschen wie Way verwenden, um Mut zu machen: Man ist nicht ausgeliefert, wenn man bald reagiert und innovativ ist. Fabriken müssen verlegt werden, weg von der Küste. Wertvolle Immobilien müssen geschützt werden: Universitäten, Krankenhäuser, Flughäfen. Und die Touristengebiete, von denen Floridas Wirtschaft lebt.

Die Aufgabe allerdings, die elf Kilometer schmale vorgelagerte Insel zu schützen, auf der das Touristenzentrum Miami Beach liegt, wird selbst mit holländischem Know-how nicht einfach. „Willkommen im Zentrum der Gefahrenzone“, sagt Bruce Mowry, ein städtischer Ingenieur. Ich treffe ihn an der Ecke 20. Straße und Purdy Avenue, einem der tiefst gelegenen Punkte von Miami Beach. Hier hat er beim Hochwasser im vorigen Herbst einen großen Sieg gefeiert: Mit einem Aufwand von 100 Millionen Dollar und 20 neuen Pumpen hat er die Stadt während einer Springflut im Oktober weitgehend trocken gehalten. Ein Jahr zuvor war bei einer ähnlichen Flut noch ein Kajakfahrer die Purdy Avenue entlanggepaddelt – nicht gerade ein Foto für die Touristenbroschüre.

Packt man 60 weitere Pumpen und 200 Millionen Dollar obendrauf, hat Miami Beach noch einmal 20 bis 30 Jahre Luft, hofft Mowry. Da­ nach aber dürfte der Meeresspiegel so weit gestiegen sein, dass die Stadt jährlich mit bis zu 237 Überschwemmungen rechnen muss. „Es wird nicht so weit kommen, dass es Miami Beach nicht mehr gibt“, sagt er. „Aber es wird ein anderer Ort sein. Vielleicht mit schwimmenden Wohnvierteln. Mit Hochstraßen auf Pfeilern. Wenn Leute mich fragen: ‚Bruce, ist das möglich?‘, antworte ich: ‚Möglich ist es. Aber könnt ihr es euch leisten?‘“

Wo in ein, zwei Generationen möglicherweise schon alles unter Wasser liegt, baut man weiter, als gäbe es kein Morgen.

Die Wasserstadt der Zukunft? Selbst wenn Miami sich mit viel Geld neu erfindet, wird es wohl weniger wie die Seeschönheit Stockholm aussehen. Eher wie die Florida Keys. Dort stehen viele Häuser auf Stelzen, dort sterben die Kiefern an Salzwasservergiftung, und auf den Golfplätzen sät man mittlerweile salztolerantes Gras. Der Highway nach Key West verbindet die Inselkette über 42 Brücken. Auch er wird eines Tages unter Wasser stehen, und es ist fraglich, ob es dann Sinn macht, ihn für Hunderte Millionen Dollar höherzusetzen, denn das Wasser würde ihn ja bald wieder einholen. Die Bevölkerungszahl auf den Keys ist ohnehin begrenzt: Es dürfen nicht mehr Menschen hier leben, als man binnen 24 Stunden mit Autos evakuieren kann, wenn ein Wirbelsturm im Anflug ist.

Die Inseln sind die Überreste eines alten Korallenriffs. Riffe können Küsten vor Sturmfluten schützen. Solange sie gesund sind, halten sie mit dem Anstieg des Meeresspiegels Schritt und wachsen höher, als der Ozean ansteigt. Die meisten Riffe vor Florida sind allerdings vor 40 Jahren durch eine Krankheit abgestorben. Und weil das Wasser heute wärmer ist und zudem mehr Säure enthält, erholen sich die Riffe auch nicht mehr. Gerade suchen Meeresbiologen nach Korallenarten, die auch unter solchen Bedingungen überleben. Denn das Riff, könnte man es denn reanimieren, böte so viel Schutz wie ein 241 Kilometer langer Deich. Dieser lebende Deich wäre kostenlos und würde sich immerzu von selbst erhöhen.

Aber das Bemühen ist noch nicht allzu groß. Auch hier, wo das Wasser vor der Haustür steht, würden viele einfach die Augen verschließen, sagt Don Craig von der Stadtverwaltung. Key West hat in den vergangenen Jahren Millionen Dollar in neue Pumpen gesteckt, eine höhergelegene Feuerwache gebaut und Teile des Deichs, der die Insel fast völlig umschließt, erneuert. Viele hoffen, auf diese Art durchzukommen. Wenn Craig den Leuten sagt, die Lebensader der Keys, der Highway, werde aber eines Tages unter Wasser liegen, löst er vier verschiedene Reaktionen aus. „Manche bekommen Angst“, sagt er. „Aber manche sagen: ‚Bis dahin bin ich tot, also kümmert es mich nicht.‘ Und wieder andere sagen: ‚Die Forscher sind doch gar nicht einig, ob es so kommen wird, also warum erzählst du es uns?‘“ Und die vierte Reaktion? „Schweigen.“

Die Ignoranz treibt in ganz Florida surreale Blüten. Wo in ein, zwei Generationen möglicherweise schon alles unter Wasser liegt, baut man weiter, als gäbe es kein Morgen. In den Sümpfen der Everglades wurde eine neue Wohnsiedlung angelegt und mitten darin ein künstlicher See. Dort schüttet ein Schwimmbagger nun fingerförmige Halbinseln auf – Baugrund für weitere Häuser. In Miami wurde kürzlich ein 5000 Quadratmeter großes Grundstück unmittelbar am Ufer des Miami River verkauft – für 125 Millionen Dollar. Ganz in der Nähe wird für eine Milliarde Dollar das Brickell City Centre gebaut. Eigens dafür wurde an Ort und Stelle eine Zementfabrik errichtet. Auf der anderen Seite der Stadt ist ein 600 Millionen Dollar teures Kongresszentrum geplant.

Immerhin trafen sich im vorigen Herbst ein paar handverlesene Führungskräfte großer Banken, Versicherungen und aus der Immobilienbranche mit dem Versicherer Lloyd’s of London, um sich auch über die Risiken des Optimismus zu informieren. Ein Versicherungsmanager erzählte ihnen, in manchen Gebieten würden Hausbesitzer bereits Versicherungsprämien bezahlen, die höher sind als ihre Hypothekenraten. Wenn die Prämien eines Tages unbezahlbar würden, könnte das einen Finanzcrash auslösen, gegen den der Zusammenbruch des Immobilienmarkts von 2008 wie ein kleiner Auffahrunfall wirkt: Wenn Hausbesitzer keine Versicherungen bekommen, geben die Banken keine Kredite, es gibt kein Geld mehr in der Region, der Wert der Immobilien sinkt – und die Wirtschaft stürzt ab. Aber das wird vorerst meist nur hinter vorgehaltener Hand diskutiert.

Zu den wenigen Politikern, die bereit sind, offen über die wirtschaftliche Bedrohung zu reden, gehört Phil Stoddard, in dritter Amtszeit Bürgermeister von South Miami. Er empfängt mich in seinem Haus, einem Bungalow mit Steinfußboden (Überschwemmungsvorsorge-­Klasse 101) und Solarzellen auf dem Dach. „Ich sage den Leuten, sie sollen auf hohem Niveau kaufen und auf niedrigem verkaufen“, sagt er trocken und wartet einen Moment, damit der Witz seine Wirkung entfalten kann. Er meint natürlich nicht Aktien, sondern die Lage von Bauland und Häusern.

Stoddard ist auch Professor für Biologie an der Universität in Miami. Während einer langweiligen Sitzung über die Folgen des Klimawandels kritzelte er eine eigene Analyse auf seinen Block. Es sei damals im Gremium um den Strandhafer Uniola paniculata gegangen, erinnert er sich. Dessen tiefe Wurzeln stabilisieren die Dünen an den Küsten. „Das ist ganz prima – solange der ansteigende Ozean nicht alles wegschwemmt. Ich dachte mir: ‚Uns steht eine echte Katastrophe bevor, und wir reden hier über Strandhafer?‘“

Auf seinem Block zeichnete er ein Diagramm mit drei Kurven: die Entwicklung der Bevölkerung, der Immobilienpreise und des Meeresspiegels. Alle drei steigen. Dann fallen Bevölkerungswachstum und Immobilienpreise plötzlich in den Keller. „Irgendetwas wird eines Tages das System kippen lassen“, sagt Stoddard. „Das kann ein Hurrikan sein, eine Überschwemmung oder der Verlust von Süßwasser. Dann werden die Leute sehen, dass sie wegkommen.“

Der Immobilien­Ausverkauf ist für ihn über kurz oder lang unvermeidbar. Das sagt er den Menschen auch. „Wer mich fragt: ‚Ich bin soundso alt. Mein Haus hat einen soundso hohen Wert. Was soll ich machen?‘, dem antworte ich: ‚Wenn Sie den Wert des Hauses als Altersversorgung brauchen, sollten Sie irgendwann Kasse machen. Es muss nicht dieses Jahr sein. Aber 20 Jahre sollten Sie nicht mehr warten.‘“

Stoddard war auch dabei, als der Geologe Hal Wanless vor einiger Zeit über die neuesten Erkenntnisse der Klimaforscher berichtete: Dass die beschleunigte Auflösung der Eiskappen den Meeresspiegel schneller und höher ansteigen lassen werde, als offizielle Prognosen bisher zugeben wollen. Am Abend jenes Tages ging er mit seiner Teenager­Tochter über den mondbeschienenen Strand von Miami und erzählte ihr davon. „Sie ist erst ganz still geworden“, sagt er. „Und dann hat sie mich gefragt: ‚Ich werde hier später wohl nicht mehr wohnen, oder?‘ Und ich habe geantwortet: ‚Nein, das wirst du nicht.‘ Die Kinder haben es begriffen. Viele ihrer Eltern wollen es immer noch nicht wahrhaben.“

(NG, Heft 3 / 2015, Seite(n) 114 bis 133)

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