Wissenschaft

„Es geht darum, dass wir uns wohlfühlen“

Der Volkswirtschaftler Karlheinz Ruckriegel beschäftigt sich mit dem Glück. Er weiß, was jeder Einzelne tun kann und wo die Politik gefragt ist. Wednesday, November 8, 2017

Von Kathrin Fromm
Einfach mal lächeln! Für das emotionale Wohlbefinden ist es wichtig, dass wir den Tag über mehr positive als negative Gefühle haben.

Wie würden Sie als Ökonom Glück definieren?
Nicht anders als jeder Soziologe, Psychologe, Mediziner und Neurobiologe, der sich näher mit der Glücksforschung beschäftig. Im Mittelpunkt steht die große Frage: Worum geht es eigentlich im Leben?

Und, wie lautet die Antwort?
Es geht darum, dass wir uns wohlfühlen. Wir nennen es subjektives Wohlbefinden. Es hat zwei Ebenen. Einerseits geht es um die Gefühle, während wir unser Leben leben. Besonders wichtig für dieses emotionale Wohlbefinden ist das Verhältnis von positiven und negativen Gefühlen im Tagesdurchschnitt.

Das lässt sich ja schlecht beeinflussen, oder?
Doch, das geht. Dazu muss man die positiven Gefühle im Leben stärken. Wir wissen aus der Psychologie und der Neurobiologie, dass wir im Kopf einen negative bias haben. Das heißt, wir nehmen die negativen Gefühle intensiver wahr und gewichten sie stärker als die positiven Gefühle. Das lässt sich drehen! Zum Beispiel mit Hilfe eines Dankbarkeitstagebuchs. Darin notiert man sich zwei, drei Mal die Woche Dinge, die sich in den letzten 24 Stunden ereignet haben und für die man dankbar ist. Nach einiger Zeit nehmen wir die Welt positiver war. Ich mache das selber auch.

Und welches ist die zweite Ebene des Glücks?
Das kognitive Wohlbefinden. Hier geht es um die Zufriedenheit mit dem Leben, also um eine Bewertung vor dem Hintergrund der eigenen Ziele. Wichtig dabei ist, dass man sich realistische Ziele setzt, sonst ist die Frustration vorprogrammiert. Ein extremes Beispiel: Wenn ich mit meinen 60 Jahren auf die Idee komme, in der nächsten Saison beim FC Bayern zu spielen, könnte ich das zwar als Ziel haben, aber es würde nicht klappen. Das ist zum Scheitern verurteilt. Ziele können zwar ehrgeizig sein, aber sie müssen schon noch erreichbar sein. Außerdem sollten die Ziele sinnhaft sein. Untersuchungen zeigen, dass sinnhafte Ziele insbesondere solche sind, bei denen es um persönliche Entwicklung, um zwischenmenschliche Beziehungen und Beiträge zur Gesellschaft geht. 

Das klingt so, als sei jeder für sein Glück selbst verantwortlich.
Das stimmt, aber nur zu einem Teil. Auch die Politik und die Unternehmen als Arbeitgeber sollten etwas zum Glück jedes Einzelnen beitragen.

Karlheinz Ruckriegel ist Glücksforscher und Professor für Volkswirtschaftslehre an der Technischen Hochschule in Nürnberg.

Wie denn?
Bezogen auf die Politik ergeben sich Ansätze aus dem World Happiness Report der UN und dem Better Life Index der OECD. Deutschland schafft es in beiden Studien nicht in die Spitzengruppe, anders als etwa Norwegen und Dänemark. Das hat seine Gründe. Zwei Empfehlungen der OECD für Deutschland sind hier besonders wichtig. Erstens: ein faires Steuersystem. In Deutschland muss man als Arbeitnehmer relativ viel Steuern zahlen, auf Vermögen muss dagegen relativ wenig gezahlt werden. Und zweitens: Bildung stärken, besonders im frühkindlichen Bereich. Es geht hier auch um Chancengerechtigkeit. Unsere Bildungsausgaben liegen unter dem OECD-Durchschnitt. Und das ist schlicht ein Armutszeugnis!

Ist nationales Glück so einfach messbar?
Ja, zentral ist hier die Frage nach der Lebenszufriedenheit: Am einfachsten und weltweit gebräuchlichsten ist die Frage nach der Lebenszufriedenheit auf einer Skala von 0 bis 10. Die Menschen schätzen ihre Zufriedenheit dabei relativ gut ein. Das sieht man etwa daran, dass sich die Werte gut mit den Einschätzungen von nahen Angehörigen und Freunden decken. Im zweiten Schritt geht es dann darum herauszufinden, welche Variablen die Lebenszufriedenheit beeinflussen.

Wie machen wir das?
Bei der Lebenszufriedenheit haben wir in Deutschland einen Durchschnittswert von etwas über 7. In Dänemark liegt er bei über 8. Woher das kommt? Bei uns geben zwei Drittel der Befragten 7 und mehr an, ein Drittel 6 und weniger. Die schlechten Zufriedenheitswerte kommen hauptsächlich von Menschen aus sozio-ökonomisch benachteiligten Schichten. Darin spiegelt sich wieder, dass sie in ihrem Leben sehr eingeschränkt sind und für sich und ihre Kinder kaum Hoffnung auf eine Verbesserung sehen. In Dänemark ist die Gesellschaft hingegen viel durchlässiger, die Kluft zwischen Arm und Reich weniger groß. Es gibt deshalb dort ein hohes Maß an Vertrauen in den Staat und die eigene Zukunft – und das zeigt sich auch bei der Zufriedenheit.

Kommen wir noch zum Arbeitsleben. Was können Unternehmen tun, um ihre Mitarbeiter glücklich zu machen?
Vor allem sollte es ein Umdenken beim Führungsstil geben. In Deutschland führen wir traditionell sachorientiert und nicht menschenorientiert. Das Führungskonzept, das in der heutigen Zeit gefragt ist, heißt hingegen positive leadership. Die Vorgesetzten sollten sich mehr um die Mitarbeiter kümmern, sie unterstützen, fair sein, Informationen weitergeben, Fortbildungen ermöglichen. Das ist oft nicht der Fall. Dem Engagement-Index des Meinungsforschungsinstituts Gallup zufolge machen 70 Prozent der Beschäftigten in Deutschland Dienst nach Vorschrift, 15 Prozent haben bereits innerlich gekündigt und wollen das Unternehmen verlassen. Nur 15 Prozent sind also hoch engagiert. Dabei sind glückliche Mitarbeiter für Unternehmen eine Win-Win-Situation. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Menschen, die gerne zur Arbeit gehen, produktiver, kreativer und loyaler gegenüber ihrem Arbeitgeber sind. Zu dieser Erkenntnis kommt man allerdings auch schon mit etwas gesundem Menschenverstand. 

Das klingt so, als wären die Rezepte fürs Glück bekannt...
Ja, wir wissen mittlerweile sehr viel. Jetzt geht es mehr um die – wissenschaftlich begleitete – Umsetzung. Denn der Weg zu mehr Wohlbefinden ist ein Gewinn für alle. Glückliche Menschen sind nicht nur gesünder, sondern haben auch eine deutlich höhere Lebenserwartung.  

Ein Artikel über die Länder mit den glücklichsten Menschen steht in der Ausgabe 11/2017 des National Geographic Magazins. Jetzt ein Magazin-Abo abschließen!

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