Wissenschaft

Kurze Arme des T. rex waren womöglich brutale Waffen

Neue Erkenntnisse lassen vermuten, dass die Arme einen idealen Aufbau für das Aufschlitzen von Beute im Nahkampf hatten.Monday, November 6, 2017

Von John Pickrell
 An seinem gewaltigen Körper wirken sie fast ein bisschen lächerlich, aber die 90 Zentimeter langen, mit Klauen versehenen Arme des T. rex könnten einem Wissenschaftler zufolge furchterregender gewesen sein, als man glaubt.

Der genaue Zweck der relativ kleinen Arme des T. rex gibt Forschern seit Langem Rätsel auf. Im Laufe der Jahre haben Wissenschaftler vermutet, dass sie vielleicht Verwendung fanden, um wehrhafte Beute zu packen, Partner beim Geschlechtsakt festzuhalten oder um sich nach dem Ruhen vom Boden aufzustemmen.

In den letzten Jahren schien der Konsens eher zu sein, dass sie verkümmert waren – evolutionäre Überbleibsel der Vorfahren des T. rex, ähnlich den Flügeln eines flugunfähigen Vogels. Womöglich waren die kleinen Arme auch ein notwendiger Ausgleich, um einen derart großen, kräftigen Kopf samt Nackenmuskulatur zu ermöglichen.

Ein Wissenschaftler behauptet nun, dass all diese Theorien nicht stimmen. Steven Stanley, ein Paläontologe der Universität von Hawaii in Manoa, glaubt, dass die Arme des Tyrannosaurus sich ideal zum „brutalen Aufschlitzen“ von Beute im Nahkampf eigneten. Mit den zehn Zentimeter langen Krallen hätte er tiefe Wunden reißen können.

 „Seine kurzen, starken Vordergliedmaßen und langen Krallen hätten es dem T. rex ermöglicht – ob nun auf dem Rücken einer Beute oder in das Opfer verbissen –, vier klaffende Wunden von einem Meter Länge und mehreren Zentimetern Tiefe innerhalb von wenigen Sekunden zu verursachen“, sagte Stanley.  „Und das hätte er in rascher Folge mehrmals wiederholen können.“

Da verwandte Dinosaurier ihre Beute ebenfalls aufschlitzten, „warum hätte der T. rex angesichts solch beeindruckender Waffen dieses Verhalten nicht ebenso zeigen sollen?“, fragte Stanley, der seine Ergebnisse bei einer Konferenz der Geological Society of America präsentierte.

Als Argument für seine These verweist der Wissenschaftler auf die starken Armknochen des T. rex, welche die Gliedmaßen zu ausgezeichneten Werkzeugen zum Aufschlitzen gemacht hätten. Noch dazu verfügte das Tier in den Armen über ein „ungewöhnliches Quasi-Kugelgelenk“, welches es ihm ermöglicht hätte, die Arme in mehrere Richtungen zu bewegen, was für solche Angriffe ebenfalls ideal wäre.

Nicht zuletzt hat der Tyrannosaurus im Laufe der Evolution eine seiner Klauen verloren. Dadurch konnte er die drei verbleibenden Klauen mit 50 Prozent mehr Druck einsetzen.

KAMPF ODER PAARUNG?

Andere Experten müssen erst noch überzeugt werden. „Es scheint mir unlogisch, solche kurzen Arme zum Aufschlitzen zu benutzen“, sagte Jakob Vinther. Der Paläobiologe der Universität von Bristol hatte sich Stanleys Präsentation angesehen.

Ohne weitere Beweise befürwortet er eher die Vorstellung, dass die Arme „einem nebensächlichen Zweck“ dienten, zum Beispiel dem Festhalten eines Partners während der Paarung. Zumindest laut Stanley wäre der Einsatz der Klauen während der Paarung jedoch gefährlich gewesen. 

Die 90 Zentimeter langen Arme hätten an einem ausgewachsenen T. rex außerdem eine sehr kurze Reichweite, sagte Thomas Holtz, ein Tyrannosaurus-Experte an der Universität von Maryland in College Park.

Die Brust eines ausgewachsenen T. rex ist ihm zufolge so breit, dass die effektive Reichweite eines schwingenden Arms sich sehr nah am eigenen Torso des Tieres befand. „Ich kann mir vorstellen, dass er ordentlich Schaden anrichten kann, wenn er trifft. Aber um den Arm einsetzen zu können, müsste der Tyrannosaurus seine Brust quasi an die Flanke seines Opfers drücken“, sagte Holtz. „In einer solchen Position wäre der Tyrannosaurus nicht in der Lage, seine deutlich stärkere Waffe einzusetzen: seine extrem kräftigen Kiefer.“

Während seiner zahlreichen Jahre als Jungtier wären die Arme in Relation zum Rest seines Körpers allerdings größer gewesen, räumt Holtz ein.

„Es könnte sein, dass die Arme eines jungen T. rex tatsächlich funktionaler waren und mit zunehmendem Alter immer weniger eine Funktion erfüllten“, sagt er. „Bei einem jungen T. rex wäre die Reichweite proportional größer gewesen – und bei der Jagd nach kleinerer Beute wäre weniger Kraft nötig gewesen, um das Opfer zu töten.“

Stanley stimmt mit seinen Kritikern überein, dass die Arme im Laufe der Tryannosaurus-Evolution verkümmerten, als die gewaltigen Kiefer die Greiffunktion übernahmen. Aber, so argumentiert er, die kleinen Arme blieben erhalten, da die Dinosaurier sie opportunistisch einsetzen, um im Nahkampf ihre Beute aufzuschlitzen.

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