Die Dinosaurier mitten unter uns

Der deutsche Paläontologe Dr. Rainer Schoch über Vögel und ihre ausgestorbenen Verwandten.Donnerstag, 3. Mai 2018

Herr Schoch, Fossilien verraten uns bis heute Erstaunliches über die Vorzeit: Enge Verwandte des Tyrannosaurus Rex waren gefiedert, und ein Fossil aus der Zeit vor dem Einschlag sieht unserer heutigen Ente verblüffend ähnlich. Wie interpretieren Experten diese Erkenntnisse?

Dinosaurier sind nicht völlig ausgestorben, das sehen wir täglich. Sie haben sich weiter entwickelt und spielen eine bedeutende Rolle in unserer heutigen Welt. Die Vögel sind zwar nur eine winzige Gruppe innerhalb des großen verästelten Stammbaums der Dinosaurier, aber mit ihrer Aufspaltung in viele neue Zweige haben wir eine große neue Dinosaurierwelt bekommen. Es ist bewegend, in den Vogelarten Merkmale der Dinosaurier zu erkennen. Die Federn, aber auch vieles im Skelett ähnelt heutigen Vögeln: der Bau des Schädels, die zusammengewachsenen Schlüsselbeine, die Fuß- und Handanatomie. Die Raubdinosaurier hatten drei Finger, die haben die Vögel in ihren Flügel integriert.

Warum haben Vögel im Gegensatz zu allen anderen Dinosauriern den Asteroideneinschlag überlebt?

Wir nehmen an, dass Dinosaurier einen hohen Stoffwechsel hatten und warmblütig waren. Große warmblütige Tiere sind von klimatischen Schwankungen stärker betroffen als kleine, weil sie sehr viel mehr Nahrung brauchen. Beim Verschwinden der Dinosaurier denken wir an die sehr großen Arten, Pflanzenfresser wie die Langhals-Dinosaurier, die Sauropoden, die Entenschnäbler, oder an riesige Fleischfresser, die von anderen Dinosauriern gelebt haben. Der T. Rex ist verschwunden, weil seine Nahrung verschwunden ist und diese wiederum ist verschwunden, weil auch sie nicht mehr ihre gewohnte Vegetation als Nahrungsquelle vorgefunden hat. Die Veränderungen waren zu schnell, um sich anpassen zu können. Vögel haben überlebt, weil der Luftraum viele Möglichkeiten zur Nischenbildung bietet: Stockwerke in der Vegetation eröffnen mehr Chancen als ein reines Leben am Boden.

Welche technischen Entwicklungen helfen Wissenschaftlern, diese Zeit genauer zu untersuchen?

Man sagt ja leichthin: „Der Knochen ist versteinert“. Das ist eine falsche Vorstellung. Die Knochensubstanz ist weiterhin dieselbe und enthält im gut erhaltenen Zustand alle möglichen Informationen über Blutgefäße, Nerven und den Feinbau der Knochen. Jetzt können wir Fossilien im CT und mit anderen Methoden scannen. Das sind ganz neue Verfahren, nicht mehr nur das anatomische Zeichnen wie in den vergangenen 400 Jahren. Es ist schon toll, wenn man den Zahnwechsel oder die Hirnnerven sieht. Die Federn können wir mit heutigen Techniken viel besser untersuchen, vor allem mit UV-Licht oder unter dem Elektronenmikroskop. Wir können also ins Detail gehen und sehen, wo die Knochenzellen sitzen. Die Zellen selbst sind zwar nicht erhalten, aber ihre Hohlräume, die Wohnbauten sozusagen. Die Zellgröße sagt etwas über die Komplexität der Tiere aus.

Eine weitere wichtige Neuerung sind chemische Analysen. Dafür eignet sich zum Beispiel Zahnschmelz besser als Knochen. Im Skelett ist der Zahnschmelz das naturgetreueste Archiv. Man braucht allerdings für Analysen entsprechende Mengen Zahnschmelz, den man abschabt. Mit Hilfe von mikroskopischen Untersuchungen an Dünnschliffen können wir zudem das Alter eines Fossils bestimmen, das war noch vor 20 Jahren unmöglich. Wir ziehen einen Bohrkern aus dem Zentrum des Oberschenkelknochens und bekommen so etwas wie Jahresringe zu Gesicht. Jetzt wissen wir, dass große Dinosaurier nicht, wie man früher dachte, 100 bis 200 Jahre alt wurden, sondern tatsächlich kaum 40 Jahre lang lebten. Der T. Rex als großer Fleischfresser wurde nur knapp über 30 Jahre alt. Der Plateosaurus als relativ früher, großer Pflanzenfresser wurde nur etwa 25. Wir erkennen auch, wann ein Dinosaurier pubertiert hat, sogar die tägliche Gewichtszunahme können wir berechnen.

In welche Richtung wird die Evolution von Vögeln weitergehen?

Vögel sind in ihrer Anzahl und Artenvielfalt aus verschiedenen Gründen sehr bedroht. Die Abholzung nimmt ihnen den Lebensraum, aber möglicherweise passen sich die Tiere an neue Lebensräume an. Aber in die Zukunft sehen können wir nicht wirklich. Wir gucken halt immer zurück.

 

Die Bild des Archäopteryx stammt aus der Ausgabe 5/2018 des National Geographic Magazins. Jetzt ein Magazin-Abo abschließen!

Wei­ter­le­sen