Wissenschaft

Wem gehört mein Dino?

Professor Jens Lehmann über die Konkurrenz zwischen Paläontologen, kommerziellen Firmen und privaten Sammlern.Montag, 30. September 2019

Von Marlene Göring-Kruse
Jens Lehmann, Leiter der Geowissenschaftlichen Sammlung der Uni Bremen, inspiziert einen Bernstein.

Professor Lehmann, wo darf ich bei uns Fossilien ausbuddeln?

Das hängt vom Bundesland ab. In Bayern können Sie alle Fossilien behalten, wenn Sie sich mit dem Grundstückseigentümer einig sind – außer es ist ein Urvogel. In Nordrhein-Westfalen gehört jeder wissenschaftlich bedeutende Fund grundsätzlich dem Land. Selbst wenn Sie in einem Fluss tauchen und finden einen Mammutzahn, dann wäre das schon eine paläontologische Grabung und genehmigungspflichtig.

Geht der Forschung denn viel durch private Sammler verloren?

Meist im Gegenteil. Wir machen ein Riesentamtam um Bodendenkmalschutz. Gleichzeitig gibt es in Deutschland eine Menge Zementwerke, wo Tausende wertvolle Fossilien einfach in den Brecher gehen. Da würde wohl nie etwas geborgen, wenn nicht der eine oder andere Privatsammler dort unterwegs wäre.

Private Sammler nutzen also der Forschung?

Ja, Laienforschung ist für die Paläontologie sehr wichtig. Wenn man es Leuten zu schwer macht, kriegt man weder Nachwuchs fürs Fach, noch bekommt man als Wissenschaftler die interessanten Stücke zu sehen. Ich verstehe die Begeisterung der Hobbyisten. Mir ging es ganz ähnlich.

Wann war das?

Ich war 16 und hatte nicht viel Ahnung von Bodendenkmalgesetzen. Es gab bei uns eine Grabungsstätte, und ich habe eben direkt daneben angefangen zu graben – im Prinzip also illegal. Und hatte Glück: Ich fand einen Protorosaurus aus dem Erdaltertum, 1,50 Meter klein, ein Reptil, das lange vor den Dinosauriern lebte und bestens erhalten war. Ich habe meinen Fund abgegeben, er wurde präpariert, und ich bekam eine Replik. Als Wissenschaftler weiß ich, wie wichtig es ist, dass gerade so ein Stück öffentlich hinterlegt wird.

Wieso ist das für die Forschung so wichtig?

Man muss sicherstellen, dass andere Wissenschaftler später Zugang haben – nur so lassen sich Ergebnisse nachprüfen oder neue gewinnen, wenn sich die Methoden weiterentwickelt haben. Wenn ein Stück in Privatbesitz ist, dann weiß man nie, was die Nachkommen mit Opas und Omas Dino-Knochen machen.

Wie stark ist die Konkurrenz zwischen Forschern wie Ihnen, kommerziellen Grabungsfirmen und privaten Sammlern?

Man merkt schon, dass sich heute mehr Leute auf dem internationalen Markt tummeln und mehr betuchte Käufer unterwegs sind. Aber wir liefern uns keine Preisschlachten. Der Markt hat sich sogar entspannt, gerade weil mehr professionelle Firmen unterwegs sind. Heute geht ein gut erhaltenes Dinosaurierskelett schon für den Wert eines Einfamilienhauses über den Tisch. Früher wäre dasselbe vielleicht für einen mehr- stelligen Millionenbetrag zu haben gewesen.

Ihnen wurde nie ein Stück weggeschnappt?

Das nicht, aber ich kann Ihnen ein anderes Beispiel nennen. Vor zwei Jahren habe ich mich für einen Dinosaurierwirbel aus Wyoming interessiert, der gut in unsere Sammlung gepasst hätte. Auf einer Messe habe ich ihn dann nicht mal eine Minute angeschaut und wusste: „Den will ich nicht.“ Der bestand, salopp gesagt, nur noch aus Klebstoff, und der war auch noch eingefärbt. Das ist ein Unterschied zwischen Händlern und Forschern: Der Händler will das Fossil aufhübschen, der Wissenschaftler will möglichst viel original erhalten haben.

Wieso?

Das Fossil soll optisch und chemisch neutral bleiben, denn ich möchte nach der Präparation womöglich noch Isotopenuntersuchungen machen. Als Wissenschaftler würde ich kein Material zum Konservieren benutzen, das ich nicht wieder rückstandlos wegbekomme.

Der Händler hat den Halswirbel für die Forschung also wertlos gemacht?

Genau. Ich nenne das Raubgrabung am Fossil. Damit meine ich nicht, dass es illegal gesammelt wurde. Sondern es passiert oft, dass ein Gesteinsrohling mit einem Dinosaurierknochen ganz fix präpariert wird und dabei all die wichtigen morphologischen Details zerstört werden. Im Prinzip können Sie das Stück hinterher weg- werfen. Das Problem ist, dass sich auch für solche Fossilien irgendwann ein Käufer findet. Jemand, der schlicht sagt: „Wow, ich wollte schon immer einen Stegosaurus-Wirbel zu Hause stehen haben.“ Manche privaten Sammler präparieren aber auch extrem gut: weil sie sich auskennen und sehr viel Zeit investieren, die Berufspaläontologen nicht haben.

Das Interview stammt aus Heft 10/2015 des National Geographic-Magazins. Dort finden Sie auch eine Reportage über das umstrittene Hobby des privaten Sammelns von  Fossilien.

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