Ruhe finden

Yoga hilft nicht nur gegen Schmerzen und Stress, sondern auch Straftätern dabei, Wut und Verzweiflung zu beherrschen. Freitag, 20. Dezember 2019

Von Fran Smith
Bilder Von Andy Richter

Hinter der erhöhten holzvertäfelten Richterbank im Bezirksgericht von Jacksonville, Florida, gibt Richterin Eleni Derke in ihrer schwarzen Robe eine imposante Figur ab. Die Geschworenen und Anwälte können nicht sehen, was sie sonst noch trägt: wild gemusterte Yoga-Leggins.

Derke entdeckte Yoga vor mehr als 25 Jahren für sich. Sie litt an Schmerzen durch Morbus Crohn. Ihr Arzt riet ihr zu einer Operation. Die wollte sie vermeiden und besuchte einen Cousin, der Yoga-Meister war. Er brachte ihr die Umkehrhaltungen bei, die man Inversionen nennt. Sie sollen den Körper von Giftstoffen reinigen. Derkes Symptome ließen bald nach. „Yoga hat mir das Leben gerettet“, sagt sie.

Sie ließ sich zur Yoga-Lehrerin ausbilden und gibt nun kostenlose Kurse auf dem Rasen des Gerichtsgebäudes. Wenn Anwälte zu viel und lange reden, lässt sie die Sitzung unterbrechen und leitet die Geschworenen im Stehen durch Streck- und Atemübungen. Und die Richterin ist bekannt dafür, Straftäter zu Yoga hinter Gittern zu verurteilen.

Derke verhandelt kleinere Vergehen, die mit Gefängnis bis zu einem Jahr bestraft werden. Verurteilte können ihre Gefängnisstrafe um 40 Prozent oder mehr verringern, wenn sie an „Yoga 4 Change“ teilnehmen. Derke sieht Yoga als eine Chance, Wut, Angst, Verzweiflung und Zwänge zu beherrschen, die Impulse zu Fehlverhalten geben. „Wenn man erst einmal loslässt“, sagt sie, „macht man Platz für die positiven Dinge.“ Ihre Kollegen nahmen ihr das zunächst nicht ab. „Ach komm, Yoga?“ Viele Straftäter reagierten ähnlich. „Ich fand das wirklich schräg“, sagt Cecil Reddick, der im Montgomery Correctional Center in Jacksonville einsitzt. Eine Auswertung des Programms in drei Haftanstalten in Jacksonville ergab: Nach sechs Wochen berichteten die Teilnehmer von erheblichen Fortschritten. Sie konnten besser schlafen, der Gesundheitszustand sowie die Fähigkeit, mit Angst und Ärger umzugehen, hatten sich ebenfalls verbessert. Zwei weitere Bezirksrichter bieten inzwischen die Yoga-Option an.

Reddick entschied sich für das Angebot „get-out-of-jail- quick“ – „schnell raus aus dem Gefängnis“. Er war überrascht, wie die Kurse ihn entspannten, seine Rückenschmerzen linderten und ihm Gelassenheit verschafften.

Laut einer staatlichen Erhebung praktizierten 2017 mehr als 14 Prozent der erwachsenen Amerikaner aus gesundheitlichen Gründen Yoga, 9,5 Prozent mehr als fünf Jahre zuvor. Seit 2018 lernen es Studenten der Harvard Medical School als Teil eines Pflichtkurses zur Stärkung ihrer Resilienz, ihrer Widerstandsfähigkeit. Eltern bringen ihre Babys zu „Itsy Bitsy Yoga“, das sich auf Schlaf, Verdauung und Gehirnentwicklung der Kleinen positiv auswirken soll.

Dieser Artikel wurde gekürzt. Lesen Sie die vollständige Reportage in Heft 1/2020 des National Geographic-Magazins. Dort finden Sie auch weitere Artikel zum Thema "Schmerz"!

Sat Bir Singh Khalsa, ein Yoga-Lehrer und Harvard-Neurowissenschaftler, ist sich bewusst, dass die Forschung noch einen langen Weg vor sich hat. „Aber ich würde sagen, dass wir unsere Glaubwürdigkeit demonstriert haben.“ Khalsa untersucht Yoga auf seine Wirkung gegen Schlaflosigkeit, posttraumatische Belastungsstörungen, Angstzustände und chronischen Stress. Gebiete, auf denen er die überzeugendsten Beweise für den Nutzen von Yoga sieht.

Khalsa, der 1971 mit Kundalini-Yoga begann, erklärt begeistert, Epigenetik und Neuroimaging zeigten, wie Körper und Gehirn interagierten – und die Geheimnisse der Kraft des Yoga enträtselten. So analysierten norwegische Forscher das Blut von zehn Freiwilligen vor und nach zweistündigen rhythmischen Yoga-Atemübungen und fanden beträchtlich gesteigerte Gen-Aktivität in den zirkulierenden Immunzellen. Und Wissenschaftler, die überlebende Brustkrebspatientinnen untersuchten, entdeckten, dass Yoga die Expression von Genen verringert, die bei Entzündungen eine Rolle spielen und zudem als eine Ursache zahlreicher komplexer Krankheiten gelten.

Wissenschaftler an den US-amerikanischen National Institutes of Health stellten fest, dass Menschen, die lange Zeit Yoga praktizieren, nicht die üblichen altersbedingten Abbauprozesse bei der grauen Gehirnsubstanz aufweisen. Bei Yogis kann man auch ein größeres Volumen mehrerer Gehirnregionen feststellen, zum Beispiel beim Hippocampus, der entscheidend ist für Gedächtnis und Regulierung von Affek­ten, sowie beim Precuneus und dem posterioren cingulären Kortex, die mit Aufmerksamkeits­prozessen und Selbstwahrnehmung in Verbindung stehen.

Studien bringen wissenschaftliche Legitima­tion, doch sie sind nicht der Grund dafür, dass diese uralte Disziplin in unserer fragmentierten schnelllebigen Gesellschaft so erfolgreich ist. „Yoga ist eine Strategie, die Menschen glücklich machen und befähigen soll, mit dem modernen Leben fertig zu werden“, so Khalsa.

Auch in der Arbeitswelt ist Yoga kaum noch wegzudenken. Krankenkassen beteiligen sich an den Kosten. Unternehmen bieten in ihren Fitnessräumen fast täglich die unterschiedlichsten Kurse an. Olivia Mead gründete „Yoga for First Responders“ und brachte Yoga in Polizei­ und Feuerwehrwachen und Aus-­ und Weiterbildungsstätten. Ihre Kurse passen die traditionellen Yoga-­Elemente – Körperpositio­nen, Atemregulierung, Tiefenentspannung und Meditation – so an, dass sie den Menschen hel­fen, die Herausforderungen ihrer Einsätze zu meistern. „Es geht im Grunde darum, den Geist zu nutzen“, sagt sie, „und nicht darum, die Zehen zu berühren.“

In einem überfüllten Raum des Montgomery Correctional Center in Jacksonville nahmen 19 Frauen, alle gleich gekleidet mit den T­-Shirts und Hosen für Häftlinge, ihre Plätze auf im Halbkreis arrangierten Yoga-­Matten ein.  Kathryn Thomas, eine ehemalige Hafen­lotsin und Gründerin der gemeinnützigen Orga­nisation „Yoga 4 Change“, geleitete die Frauen durch tiefes Ein-­ und Ausatmen und in die flie­ßende Serie von Positionen, die man Sonnen­gruß nennt. Eine gewisse Ruhe wurde spürbar.

Die Frauen mussten nicht teilnehmen. Einige von ihnen kamen eigentlich nur, „um etwas zu tun zu haben“, sagte Melissa Bruce. Viele flüchteten vom Lärm und Stress des Zusammenlebens. In der Hoffnung, sich eine gute Stunde lang einfach mal in sich selbst zu versenken und abzuschal­ten. Nicht alle erreichten Erleuchtung oder Transformation. Aber einige Frauen erzählten hinterher, sie hätten Dinge gelernt, die ihnen halfen, den folgenden Tag zu überstehen. Die Teilnehmerin Philieza Lopano sagte, sie führe die Atemübungen und sanftes Stretching aus, um ihre Ängste zu lindern, wenn die Zellen wie­der zugesperrt sind.

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