Wissenschaft

Die vergessene sowjetische Raumfähre konnte automatisch fliegen

Während des Kalten Krieges baute die UdSSR einen Space Shuttle-Zwilling, der mit dem Space-Shuttle-Programm der USA konkurrieren sollte.

Von Brian Handwerk
Die Sowjets fürchteten, dass die USA ihr Space Shuttle als Waffe einsetzen könnten. Deshalb bauten sie ein eigenes. Und nutzen dabei gestohlene Pläne.

Das Space-Shuttle-Programm ist inzwischen Geschichte, aber bis heute wecken die klangvollen Namen der Raumfähren Erinnerungen an große Abenteuer der Weltraumfahrt: Enterprise, Challenger, Buran.

Moment! Buran?

Dies war tatsächlich der Name eines Space Shuttles – allerdings eines sowjetischen Doppelgängers aus dem Kalten Krieg. Das aufwendige Buran-Programm wurde so lange vorangetrieben, bis der Regierung schlicht das Geld ausging – aber die Raumfähre wurde letztendlich nie für ihren eigentlichen Zweck eingesetzt. Buran (russisch für „Schneesturm“) unternahm nur einen Flug in den Weltraum. Am 15. November 1988 flog die Raumfähre in den Erdorbit und führte dort einen dreieinhalbstündigen unbemannten Flug durch. Ein vergleichsweise bescheidenes Resultat vieler Jahre intensivster Anstrengungen. Dennoch war Buran in jeder Hinsicht ein spannendes Projekt.

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Sowjetische Wissenschaftler hatten schon seit Jahrzehnten über wiederverwendbare Raumschiffe nachgedacht. Die forcierte Entwicklung des US-amerikanischen Space-Shuttle-Programms in den frühen 1970er Jahren war für die Sowjetunion der entscheidende Impuls, mit dem Bau vergleichbarer Raumschiffe zu beginnen. (Die Raumfähre „Columbia“ wurde erstmals im April 1981 vom US-Shuttle-Programm in den Orbit gebracht.)

„Aufgrund der Rivalitäten des Kalten Krieges – und von Befürchtungen, im Weltraum waffentechnisch in Rückstand zu geraten – hielt es die Sowjetunion für notwendig, ein ähnliches System wie die USA zu entwickeln“, erklärt Cathleen Lewis, Kuratorin für Internationale Raumfahrtprogramme im National Air and Space Museum der Smithsonian Institution.

„Die Sowjets vermuteten, dass das amerikanische Shuttle zum Abfangen und Zerstören von Satelliten eingesetzt werden würde“, sagt Lewis, die auf sowjetische und russische Weltraumprogramme spezialisiert ist. „Damals wurden von der Sowjetunion keine Kosten gescheut, um mit der Militärtechnologie der USA mitzuhalten. Deshalb wollte die Regierung ein eigenes Shuttle, und es sollte ein Konkurrenzprodukt zum US-Shuttle sein.“

Diese Entscheidung fand bei den sowjetischen Weltraumforschern allerdings wenig Anklang.

„Von den sowjetischen Experten wurde das Projekt damals konsequent schlechtgeredet“, so Lewis. Die Vertreter der sowjetischen Weltraumprogramme kritisierten, dass Buran Ressourcen von erfolgversprechenderen Unternehmungen abzog. „Damals standen die sowjetischen Weltraumforscher im Mittelpunkt des weltweiten Interesses, weil sie herausragende Resultate bei der Erforschung der Venus erzielt hatten.“

Ungeachtet aller Einwände leitete die sowjetische Regierung massive Ressourcen in das Buran-Programm.

Auf dem Höhepunkt arbeiteten mehr als 150.000 Ingenieure, Wissenschaftler, Techniker und andere Mitarbeiter an Buran – wobei viele Arbeiter in den Fabriken anfangs nicht wussten, was sie da eigentlich produzierten. Das Programm wurde zunächst geheim gehalten, doch schon bald wurden erste Details bekannt. 1982 nahm ein australisches Aufklärungsflugzeug Bilder eines russischen Schiffs auf, das ein kleines Modell-Raumschiff aus dem Ozean zog, welches den Amerikanern äußerst bekannt vorkam.

Dass das sowjetische Shuttle seinem amerikanischen Gegenstück zum Verwechseln ähnlich sah, war kein Zufall: Seine Entwickler hatten durch Spionage Zugriff auf die technischen Unterlagen des amerikanischen Shuttles erhalten. Die Sowjets nutzten zwar alle Informationen, die sie über die US-Version sammeln konnten, entschieden sich aber dagegen, diese blind zu kopieren. Ihre Entwürfe wiesen einige wichtige Unterschiede auf.

Gefeierte sowjetische Testpiloten absolvierten zwar Übungsflüge mit dem Shuttle (in der Erdatmosphäre, nicht im Weltraum), aber Buran war letztendlich darauf ausgelegt, vollautomatisch zu fliegen. Diese Fähigkeit wurde bei seinem einzigen Flug in den Orbit eindrucksvoll demonstriert: Bei seiner Rückkehr gelang dem Shuttle eine saubere Landung im Flugzeugstil, die vollständig vom Computer gesteuert wurde.

Ein weiterer offensichtlicher Unterschied zwischen den Shuttles war das Antriebskonzept.

Die drei Haupttriebwerke des amerikanischen Space Shuttles kehrten nach jedem Flug zusammen mit dem Orbiter zurück zur Erde. Buran nutzte vier Haupttriebwerke, die in einer separaten Einweg-Raketenstufe untergebracht waren. „Der Einsatz einer Trägerrakete anstelle von hocheffizienten Triebwerken sollte Geld sparen“, verrät Lewis.

Mit der Energija wurde zu diesem Zweck die stärkste jemals gebaute Rakete entwickelt. Sie verlieh dem System eine hohe Flexibilität. Das US-Shuttle konnte nur Lasten ins All transportieren, die in dessen Nutzlastbucht passten. Mit der leistungsstarken sowjetischen Rakete hingegen ließen sich nahezu beliebige Objekte ins Weltall transportieren – auch erheblich schwerere Nutzlasten von mehr als 100 Tonnen. Diese Flexibilität war in der Ära des Kalten Krieges, in der die Möglichkeiten zukünftiger Raumstationen des SDI-Programms von Präsident Reagan in allen Köpfen herumspukten, äußerst attraktiv.

Der Zusammenbruch der sowjetischen Wirtschaft führte jedoch dazu, dass keines der ambitionierten Programme abgeschlossen wurde, mit denen die Rakete getestet und verbessert werden sollte. Stattdessen war die Energija dem gleichen Schicksal geweiht wie Buran: Sie wurde nach dem erfolgreichen Start 1988 eingemottet und hob nie wieder ab. 1993 wurde das Programm von Präsident Boris Jelzin offiziell für beendet erklärt.

„Was bleibt, ist die Frage, was alles möglich gewesen wäre“, sagt Lewis. „Und darüber können wir nur spekulieren.“

Einige wenige verfallende Test-Shuttles mit interessanter Vergangenheit sind alles, was von dem einst stolzen Programm noch übrig ist. Das Buran-Shuttle, das den ersten und einzigen Orbitalflug absolvierte, ist unwiederbringlich verloren. Es wurde 2002 am Weltraumbahnhof Baikonur Kosmodrom beim Zusammenbruch seines Hangars zerstört. Bei diesem Unfall wurden acht Menschen in den Tod gerissen. Zwei Schwestermodelle, die für Testzwecke im Einsatz gewesen waren, befinden sich in unterschiedlichen Stadien des Verfalls. Eines steht im Kosmodrom in der einsamen Steppe Kasachstans, ein anderes auf dem Flughafen Schukowski nahe Moskau.

Zwei weitere Test-Shuttles werden regelmäßig in der Öffentlichkeit gezeigt. Eines reiste auf einem Schiff um die Welt und wurde unter anderem bei den Olympischen Sommerspielen 2000 in Sydney präsentiert. Inzwischen befindet es sich im Technikmuseum Speyer in Deutschland. Das zweite Testmodell wurde zu einem Restaurant im Moskauer Gorki-Park ausgebaut. 2014 unternahm es eine weitere Reise und landete in der Moskauer „Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft“.

Lewis ist erstaunt, dass die Geschichte von Buran erneut öffentlich gefeiert wird. „Die Russen planen ganz sicher nicht, die Technologie auferstehen zu lassen. Sie ist andererseits aber auch kein ideales Symbol für die Vergangenheit. Viele andere Weltraumprogramme waren weitaus erfolgreicher als das Buran-Projekt.“

Artikel in englischer Sprache veröffentlicht am 12. April 2016

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