Wissenschaft

Unser Auge im All

Sogar mit bloßem Auge ist es manchmal zu sehen, in der Abenddämmerung oder kurz vor Sonnenaufgang, wenn in unseren Breiten die schrägen Sonnenstrahlen in 600 Kilometer Höhe von den dort kreisenden Satelliten reflektiert werden: Dann wandert ein Lichtpunkt

Von Timothy Ferris

Sogar mit bloßem Auge ist es manchmal zu sehen, in der Abenddämmerung oder kurz vor Sonnenaufgang, wenn in unseren Breiten die schrägen Sonnenstrahlen in 600 Kilometer Höhe von den dort kreisenden Satelliten reflektiert werden: Dann wandert ein Lichtpunkt, nicht heller als ein Stern, langsam über den Himmel. Turbulenzen in der Atmosphäre lassen seine Bahn stockend und verwackelt aussehen. Das eben ist der Grund, warum das "Hubble"-Teleskop so weit oben fliegt: um sich bei seinen Beobachtungen über diese Verzerrungen der Luft zu erheben. Stockend und verwackelt - so könnte man auch die Anfänge dieses inzwischen populärsten wissenschaftlichen Instruments der Welt beschreiben. Nach dem Eintritt in die Umlaufbahn, im Jahr 1990, erwies es sich als kurzsichtig. 1993 wurde es von einer Space-Shuttle-Mannschaft repariert, später von Astronauten mehrmals auf den neuesten technischen Stand gebracht.

Heute schwelgen die Wissenschaftler in den Daten, die es liefert. Seine wunderschönen Bilder von Sternhaufen, Nebeln und Galaxien haben das Teleskop - benannt nach Edwin Hubble, der die Ausdehnung des Universums entdeckte - auch bei Laien zu einem Begriff gemacht, einem Symbol der Wissenschaft.

Nicht zu Unrecht: Die naturwissenschaftliche Revolution wurde generell von neuen Instrumenten, besonders aber von Teleskopen angestoßen. Bei dem Wort "Wissenschaft" denken zwar noch viele an kluge Köpfe, die große Ideen ausbrüten. Das aber ist ein Klischee, ein Überbleibsel aus Zeiten, als man Wissen vorwiegend in den Büchern der Philosophen suchte. In der Naturwissenschaft übertrumpfen Instrumente die Argumente. Was Galileis Teleskop offenbarte, trug mehr als Galileis theoretische Überlegungen dazu bei, die Schwächen des geozentrischen Weltbildes offenzulegen. Newtons Mechanik war vorrangig nicht deshalb so erfolgreich weil sie so elegant formuliert war, sondern weil sie voraussagen konnte, was die Astronomen mit ihren Teleskopen sehen würden.

Galileis Zeitgenosse Johannes Kepler, den Immanuel Kant einmal als akkuratesten Denker unter allen Menschen lobte, begriff es sehr schnell: Einfache Beobachtungen mit wissenschaftlichen Instrumenten können jahrhundertelange intelligent geführte Diskussionen blitzartig beenden. Der Theoretiker Kepler besaß selber zwar nie ein Teleskop, doch er rühmte Galileis Erfindung in einer Ode als "viel wissendes Rohr, kostbarer als jedes Szepter".

"Hubble" ist Galileis Teleskop in einer keplerschen Umlaufbahn. Könnten die beiden Wissenschaftler es sehen, wären sie von seinem technischen Raffinement gewiss ebenso beeindruckt wie von seinen Möglichkeiten, alte Ideen mit neuen Entdeckungen infrage zu stellen - und sie im Internet zu veröffentlichen. Denn in der Wissenschaft geht es immer darum, Erkenntnisse auch allgemein zugänglich zu machen.

Das hatte wohl auch Lyman Spitzer, Jr. im Sinn, der Astrophysiker und Bergsteiger, der schon 1946 vorgeschlagen hatte, ein Teleskop in eine Erdumlaufbahn zu schießen. Bis "Hubble" starten konnte, verging aber noch beinahe ein halbes Jahrhundert. Spitzer hatte betont, man könne mit einem solchen Teleskop nicht nur bekannte Ideen überprüfen und verfeinern, sondern auch ganz neue Gedanken entwickeln. "Der wichtigste Beitrag eines solchen Instruments", so prophezeite er, "würde nicht darin bestehen, unser aktuelles Weltbild des Universums, in dem wir leben, zu bestätigen. Man würde damit vielmehr ganz neue, bis dahin unvorstellbare Phänomene entdecken, und die würden dann womöglich unsere Vorstellungen von Raum und Zeit völlig verändern."

So ein Milliardenprojekt mit vagen Versprechungen über veränderte Vorstellungen von Raum und Zeit zu verkaufen, das konnte nicht einfach sein. Aber Spitzer blieb hartnäckig. Jahrelang setzte er sich beim US-Kongress für das Vorhaben ein. Gleichzeitig versicherte er seinen Wissenschaftlerkollegen, man könne so ein Teleskop etablieren, ohne damit die Finanzierung der traditionellen, erdgebundenen Astronomie zu gefährden. Am Ende setzte er sich durch, und er erlebte noch, dass "Hubble" flog. Am 31. März 1997, er war 82 Jahre alt, arbeitete Spitzer in seinem Büro an der Universität Princeton mit Daten des Weltraumteleskops; wenige Stunden später starb er. Sein Traum war Wirklichkeit geworden. Auch seine Prophezeiung, das Teleskop werde unsere Vorstellungen von Raum und Zeit verändern, sollte sich erfüllen - und zwar auf so faszinierende Weise, wie sie es sich nicht einmal dieser Visionär hätte ausmalen können.

Der Astrophysiker Lyman Spitzer, Jr. musste sehr viel Überzugungsarbeit leisten, bis das milliardenschwere Projekt "Hubble" endlich umgesetzt werden konnte. Erst kurz vor seinem Tod erlebte er, wie das Teleskop in die Umlaufbahn geschossen wurde. 

(NG, Heft 7 / 2008, Seite(n) 138)

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