Wissenschaft

Weltall: Was wollen wir da?

Die Sonde „New Horizons“ nähert sich im Juli dem Zwergplaneten Pluto. Sie ist eines von vielen Projekten, mit denen wir die Mysterien des Alls ergründen wollen. Kann der Mensch irgendwo da draußen leben? Finden wir dort Rohstoffe?

Von Alexander Stirn, Jürgen Nakott, Nadia Drake

Zusammenfassung: Fast 60 Jahre nach dem ersten Weltraumflug des Russen Juri Gagarin scheint ein neues Weltraum-Reisefieber ausgebrochen zu sein. Amerikaner , Russen und Europäer , aber auch Japaner , Inder und Chinesen nehmen immer weiter entfernte Ziele ins Visier. Ihre wissenschaftlichen Missionen liefern neue, faszinierende Ergebnisse. Mittlerweile gibt es so viele Projekte im Weltraum , dass man leicht den Überblick verliert.

Die Sonde „New Horizons“ nähert sich im Juli dem Zwergplaneten Pluto. Sie ist eines von vielen Projekten, mit denen wir die Mysterien des Alls ergründen wollen. Kann der Mensch irgendwo da draußen leben? Finden wir dort Rohstoffe? Oder Kontakt zu außerirdischen Intelligenzen?

Das Reisefieber ist wieder ausgebrochen. Begehrtestes Ziel: der Rote Planet. Kaum ein Raketenstart, dem die US-Raumfahrtbehörde Nasa nicht das Etikett „Reise zum Mars“ verpasst, selbst wenn es nicht mal bis zum Mond geht. In Wettbewerben sollen Bürger Ideen entwickeln, wie Menschen auf dem Mars essen, leben, arbeiten könnten. Wenn ein amerikanischer Astronaut zur Internationalen Raumstation ISS aufbricht, dem Außenposten der Menschheit in gerade mal 400 Kilometer Höhe, macht er das natürlich im Dienst der künftigen Erkundung des Roten Planeten.

Es ist viel Trommeln dabei – um Geld, öffentliche Aufmerksamkeit, politische Unterstützung – und auch ein bisschen Pfeifen im Walde. Schließlich hat die Nasa noch immer kein offizielles Mandat für einen bemannten Flug zum Mars, von der Finanzierung ganz zu schweigen. Es gibt lediglich den Wunsch von US-Präsident Barack Obama, dass bis Mitte der 2030er-Jahre erstmals Menschen den Planeten umrunden, gefolgt von einer Landung – irgendwann.

Das Ferne und Unbekannte zu erreichen galt schon immer als Beweis menschlicher Leistungsfähigkeit. Und das ist nur eines der Motive, die den Menschen ins All ziehen. Da wäre diese Neugier, wie es an einem Ort aussieht, an den man scheinbar nicht hinkommt; den Traum, das Geheimnis des Lebens in fremden Sphären zu ergründen, sofern es dort eines gibt; dort Schätze zu finden wie „das Gold des Mondes“; von oben auf die Erde blicken zu dürfen. Oder sie vielleicht endgültig hinter sich zu lassen und in der fernsten Fremde leben zu können. Das All war schon immer eine unendliche Projektionsfläche für die Menschheit, ein Zielgebiet für Utopien. Wenig treibt den Menschen stärker an, als seine Träume wahr werden zu lassen.

Nach Jahren der Stagnation herrscht wieder Aufbruchsstimmung. Amerikaner, Russen, Chinesen und Europäer – alle nehmen weit entfernte Ziele ins Visier. Auch Japan und Indien erforschen mit eigenen Sonden („Chandrayaan“, „Mangalayaan“, „Hayabusa“) unser Sonnensystem. Ihre wissenschaftlichen Missionen liefern fast täglich neue, faszinierende Erkenntnisse. Und seit wenigen Jahren mischen zudem private Unternehmen den Raumfahrtmarkt auf.

Ein goldenes Zeitalter der Raumfahrt also? „Wir wissen nach wie vor so wenig über das Weltall, dass jedes Zeitalter ein goldenes ist“, sagt Holger Sierks vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung in Göttingen. Der Physiker betreut die optische Kamera an Bord von „Rosetta“, einer jener Raumsonden, die derzeit ein neues Bild vom Sonnensystem erstellen. Im August vergangenen Jahres ist sie in eine Umlaufbahn um einen Kometen eingeschwenkt – ein Novum in der Raumfahrt. Nun begleitet „Rosetta“ den urtümlichen Himmelskörper auf seinem Weg Richtung Sonne.

Es ist mittlerweile wieder so viel los über unserem Himmel, dass man leicht die Übersicht verliert. Gerade erst hat die Sonde „Messenger“ erfolgreich die Erkundung des Merkurs, des innersten Planeten im Sonnensystem, abgeschlossen, da bekommt einer der äußersten Himmelskörper Besuch: Am 14. Juli wird mit der US-Sonde „New Horizons“ erstmals ein Raumfahrzeug am Zwergplaneten Pluto vorbeifliegen. „Es gibt noch so viele weiße Flecken im Sonnensystem, die wir dringend erforschen müssen“, sagt Sierks.

Der Mensch schickt vorerst nur seine Geräte, selbst traut er sich noch nicht allzu weit hinaus. Gerade einmal sechs Personen können auf der Internationalen Raumstation ISS unterkommen, und das fast 60 Jahre nach dem ersten Weltraumflug des Russen Juri Gagarin und 46 Jahre nach der Landung auf dem Mond. Von Raumstationen mit 50 oder 100 Bewohnern träumten die Nasa-Ingenieure in den Sechzigern, von bemannten Basen auf dem Mond, und spätestens 1986 sollten sich die ersten Marsfahrer auf den Weg machen. Dann traf US-Präsident Richard Nixon („Der Weltraum kümmert mich einen Dreck“) eine folgenschwere Entscheidung. Statt in noch tiefer ins Alls führende Reisen zu investieren, gab er den Auftrag zum Bau des Spaceshuttles – eines wiederverwendbaren Raumfahrzeugs für Abstecher in den niedrigen Erdorbit.

Die Shuttle-Fans erhofften sich wöchentliche Billigflüge. Doch der Raumgleiter erwies sich als Milliardengrab, seine Wartung war teuer. Seit- dem hängt die Menschheit auf einer niedrigen Umlaufbahn fest. 1981, als die „Columbia“, das erste Spaceshuttle, startete, herrschte noch der Kalte Krieg, der „Wettlauf ins All“ war ein Zweikampf zwischen Russen und Amerikanern. Heute ist die Konkurrenz größer. Die Chinesen, die gerade Schritt für Schritt eine bemannte Raumstation aufbauen, wollen angeblich in etwa zehn Jahren zum Mond fliegen. Die Amerikaner ziehen mit: Im vergangenen Dezember starteten sie ihr neues „Orion“-Raumschiff. Der Testflug, noch ohne Passagiere, brachte die „Orion“-Kapsel in eine Höhe von 5800 Kilometern – weiter weg von der Erde als alle anderen Projekte der bemannten Raumfahrt seit 1972.

Dabei ist komplett ungewiss, was man dort oben überhaupt findet und welchen Nutzen es der Menschheit bringt, dass sie Milliarden Dollar, Euro, Rubel und Yen in den Orbit schießt. Aber die Früchte menschlicher Neugier ließen sich schon immer erst im Nachhinein kosten. Und schon immer war sie ein unwiderstehlicher Antrieb. „Wir Menschen sind Entdecker“, sagt der deutsche Astronaut Alexander Gerst. „Sobald wir Flöße bauen konnten, sind wir über Flüsse gefahren. Sobald wir Schiffe bauen konnten, sind wir hinter den Horizont gesegelt. Jetzt können wir Raumschiffe bauen, also fliegen wir ins All.“ Sechs Monate verbrachte Gerst im vorigen Jahr auf der ISS. Und als Nächstes auf dem Mars? Der 39-Jährige würde keinen Moment zögern: „Der Flug zum Mars wäre der erste Schritt hinaus in unser Sonnensystem. Er könnte Erkenntnisse liefern, ob wir Menschen allein sind oder nicht.“

Video: Pressekonferenz der NASA - Alles über die Pluto-Mission (mit Animation ab Minute 16:30)

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Noch fehlt dafür allerdings die Rakete. Die „Saturn V“, die einst die Apollo-Astronauten zum Mond brachte, konnte 118 Tonnen ins All wuchten. Die derzeit leistungsfähigste US-Rakete schafft nicht einmal 30 Tonnen. Eine neue Schwerlastrakete soll nun die Aufgabe schultern, das Space Launch System (SLS). Gerade entwickelt die Nasa eine erste Variante für zu- nächst 70 Tonnen Nutzlast.

Fragt sich nur, ob SLS bis zum nächsten geplanten „Orion“-Testflug überhaupt fertig ist: 2018 soll eine unbemannte Kapsel auf eine Rundreise um den Mond geschickt werden. Auch für mögliche Flüge zu Asteroiden oder gar zum Mars wackelt die Finanzierung noch. Nicht zuletzt deshalb klebt die Nasa auf alle Aktivitäten ihr „Reise zum Mars“-Etikett. Die Botschaft: Wer als Politiker nicht genügend Geld fürs Raumfahrtprogramm lockermacht, drückt sich vor der ultimativen Herausforderung.

Prominente Unterstützung für den Aufbruch ins All kommt auch von anderer Seite: „Ich glaube, dass wir keine 1000 Jahre mehr überleben werden, wenn wir zuvor nicht von diesem zerbrechlichen Planeten flüchten“, sagt der britische Physiker Stephen Hawking. Egal ob Asteroideneinschläge oder Atomkriege – früher oder später drohe der Menschheit die Vernichtung. Einziger Ausweg seien Kolonien im All oder auf anderen Planeten. Hawking: „Die Menschheit hat nur eine Zukunft, wenn sie den Weltraum erobert.“

Aber nicht alle Fürsprecher der Raumfahrt haben philanthropische Gründe. Sie ist auch ein profitverheißendes Geschäft. Im Auftrag der Nasa bringen Firmen wie SpaceX, gegründet vom südafrikanischen Milliardär Elon Musk, seit einiger Zeit Fracht zur ISS. Ab 2017 sollen sie zusätzlich Astronauten befördern.

Musks Unternehmen arbeitet zudem an wiederverwendbaren Raketen. Sie sollen nach getaner Arbeit nicht, wie bisher, beim Rücksturz verglühen, sondern zurück zur Erde fliegen und ein paar Tage später erneut starten können. „Wenn wir es schaffen, Raketen genauso effizient zu verwenden wie Flugzeuge, reduziert das die Kosten für einen Flug ins All auf ein Hundertstel“, sagt Musk.

Drastisch sinkende Startkosten eröffnen neue Geschäftsmodelle. Zum Beispiel in der Tourismus- und der Rohstoffbranche. Eines Tages sollen Weltraumfahrer für einige Zehntausend Euro zu aufblasbaren Stationen im Erdorbit fliegen können, ein paar Tage dort bleiben und den Ausblick genießen.Das US-Unternehmen Planetary Resources plant, Asteroiden anzusteuern, die Sonne auf ähnlichen Bahnen umkreisen wie die Erde. In deren Innern finden sich wahrscheinlich Metalle, die in der Erdkruste äußerst selten und entsprechend wertvoll sind. Unbemannte Raumschiffe könnten irgendwann den Abbau übernehmen. Einige sehr optimistische Spekulationen gehen sogar davon aus, mit den reichen Helium-3-Vorkommen auf dem Mond eines Tages in Fusionsreaktoren womöglich unbeschränkt Energie zu erzeugen.

Elon Musk will noch dieses Jahr Pläne für sein privates Raumschiff vorstellen, das Menschen zum Mars bringen soll. Musk, der mit SpaceX und dem Elektroauto Tesla seinen Einfallsreichtum unter Beweis gestellt hat, verspricht ein „komplett neuartiges Raumschiff “. Vor einigen Wochen legte er nach: „Ich glaube“, sagt Musk, „wir haben eine gute Chance, in elf oder zwölf Jahren einen Menschen zum Mars zu schicken.“ Nicht irgendwann wie die Nasa. Nicht in „etwa“ zehn oder 15 Jahren, sondern in elf oder zwölf. SpaceX hat einen Plan.

(NG, Heft 7 / 2015, Seite(n) 36 bis 71)

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