Wissenschaft

Wer war Carl Sagan?

Der bekannte Wissenschaftler und Fernsehstar kümmerte sich um weit mehr als um seine populärwissenschaftliche TV-Serie.

Von Dan Vergano
Der Astronom Carl Sagan war der „berühmteste US-Wissenschaftler der 1980er und frühen 1990er Jahre“.

Der Brief erschien ihm wie eine Depesche von einem fernen Planeten: eine Einladung an einen jungen Astronomen, Brooklyn zu verlassen und die Seen und Schluchten von Upstate New York zu besuchen.

„In meinem Briefkasten lag ein Brief von Carl Sagan“, erzählte Neil deGrasse Tyson, als er sich kürzlich auf einer Veranstaltung der Library of Congress zu Ehren von Sagan an das Einladungsschreiben aus dem Jahr 1975 erinnerte. „Ich konnte es nicht glauben. Berühmte Menschen schreiben nicht einfach so an Unbekannte.“

Aber die Einladung war echt. Wegen seiner Bewerbung an der Cornell University traf Tyson den berühmten Professor nur kurze Zeit später bei einem Besuch auf dem Campus. Sagan bot dem 17-jährigen Astronomen an, in seinem Haus zu übernachten, falls ein Schneesturm die Busfahrt nach Hause unmöglich machen sollte.

Tyson studierte letztendlich nicht an der Cornell University, sondern in Harvard, aber inzwischen moderiert er die Serie „Cosmos“ (deutscher Titel: „Unser Kosmos“, Sendezeiten auf National Geographic Channel und Fox sonntags 21 Uhr EDT/20 Uhr CDT), die 13-teilige Neuauflage der Originalserie, mit der Sagan berühmt wurde.

Die Einladung, der Besuch und die Verbindung waren typisch für Carl Sagan.

LEBEN IM KOSMOS

„Er arbeitete sehr hart für seine Studenten. Er besorgte ihnen Jobs, machte sich Sorgen um ihre Ausbildung. Viele von ihnen haben heute sehr gute Positionen“, verrät William Poundstone, Autor von „Carl Sagan: A Life in the Cosmos“. „Wenn man mit Menschen spricht, die er inspiriert hat, die ihn kannten, wird er von allen überschwänglich gelobt.“

„Sagan war ohne Zweifel der berühmteste US-Wissenschaftler der 1980er und frühen 1990er Jahre“, sagt Declan Fahy, Experte für Wissenschaftsjournalismus an der American University in Washington, D.C. „Als ,Cosmosʻ eine halbe Milliarde Zuschauer in 60 Ländern erreichte, hob dies seine Berühmtheit auf eine neue Stufe. Das Buch zur Serie war mehr als 70 Wochen auf der Bestsellerliste.“

Aber wer war Carl Sagan? Wissenschaftler, Fernsehstar, Autor, Professor, Skeptiker und freier Denker – er war weit mehr als der Moderator einer TV-Serie.

„Was seine Person so außergewöhnlich machte, war unter anderem die große Zahl der Anliegen, um die er sich kümmerte“, berichtet David Morrison von der NASA, Direktor des Carl Sagan Center for the Study of Life in the Universe am SETI Institute in Mountain View, Kalifornien, USA. Morrison lobt die Breite seiner Leistungen und seine Eigenschaft, sich selbst nicht wichtig zu nehmen.

Sagan, hier auf einer Aufnahme von 1974, war die längste Zeit seiner Karriere Professor für Astronomie an der Cornell University in Ithaca, New York, USA.

WISSENSCHAFTLER

„Er arbeitete sehr hart, 18 Stunden pro Tag. Seine Arbeit machte ihm unglaublich viel Spaß“, sagt Poundstone. „Er war wie für das Fernsehen geschaffen, daran gibt es keinen Zweifel. Im Unterschied zu anderen Wissenschaftlern sah er in Jeans sehr entspannt und normal aus. Was ihn ausmachte, war aber noch erheblich mehr.“

„Als jungem Harvard-Professor gelangen Sagan in den frühen 1970er Jahren echte Fortschritte in der Planetenwissenschaft, als dieser Forschungszweig noch etwas rückständig war“, fährt Poundstone fort.

„Sagan stellte als erster die Hypothese auf, dass der Treibhauseffekt die Venusatmosphäre heiß genug macht, um Blei zu schmelzen, während einige Wissenschaftler noch spekulierten, ob sich unter ihren Wolken Ozeane verbergen könnten“, ergänzt Morrison.

Sagan identifizierte außerdem dunkle Regionen auf dem Mars als Hochland und hellere Regionen als Wüstenebenen mit Staubstürmen. Diese Stürme verwirrten später in den 1970er Jahren die Viking-Marslandeeinheiten der NASA.

„Er war ein großartiger Wissenschaftler mit Blick für das große Ganze, der elegant Überschlagsrechnungen auf einem Briefumschlag skizzieren konnte. Er verstand die fundamentalen Voraussetzungen von Wissenschaft und von Beobachtungen“, sagt Morrison.

Bei beiden Voyager-Missionen, die 1977 zur Erforschung von Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun gestartet wurden, gehörte Sagan zum Team für die bildgebenden Verfahren. „Das war lange vor dem Zenit seines Ruhms“, erklärt Morrison, ein ehemaliger Student Sagans. „Damals war er kein Superstar. Er war einfach einer von uns.“

FERNSEHSTAR

Sagan leitete das Team, das die „Goldenen Schallplatten“ zusammenstellte, die mit den beiden Voyager-Raumsonden in den Weltraum geschickt wurden. Die Schallplatten (denen Abtastnadeln beigelegt waren) enthielten Ausschnitte verschiedenster Musikstücke von Bach bis „Johnny B. Goode“ sowie Grüße und Naturklänge von der Erde.

Laut Poundstone hatte Sagan seinen öffentlichen Erfolg zu großen Teilen der Tatsache zu verdanken, dass er mit der Planetenwissenschaft eine wissenschaftliche Nische besetzte, in der später der Wissenszuwachs explodierte, weil die NASA seit den 1960er Jahren Raumsonden zur Erforschung des Sonnensystems auf den Weg schickte.

„Reporter richteten bei diesen Missionen ihre Anfragen immer wieder an Sagan“, berichtet Poundstone. „Sie wussten, dass er Dinge erklären konnte.“ Sagan trat letztlich regelmäßig in der „Tonight Show“ auf und gehörte zu den Lieblingsgästen von Johnny Carson.

Sagan hatte große Visionen. Er eröffnete sogar eine Ladenkette zu Weltraumthemen, die in gewisser Weise Vorläufer der Museumsläden in heutigen Einkaufszentren waren.

„Nachdem 1980 ,Cosmosʻ veröffentlicht wurde und die PBS-Serie startete, musste sich Carl in vielen Dingen umstellen. Er bekam Morddrohungen. Er musste in Limousinen reisen und seinen Terminplan geheim halten“, sagte Morrison. „Daran erinnert sich heute kaum noch jemand.“

Sagan sagte 1985 bei einer Anhörung des US-Kongresses zu den klimatischen, biologischen und strategischen Folgen eines Atomkrieges aus.

SKEPTIKER

Die Morddrohungen bezogen sich zum Teil auf Sagans Arbeit für das „Blue Book“-Projekt der U.S. Air Force in den 1950er und 1960er Jahren, mit dem Hinweisen auf UFOs nachgegangen wurde. „Er ging ohne Vorurteile an die Sache heran, kam jedoch zu dem Ergebnis, dass es keine Nachweise für Besuche von Aliens auf der Erde gab“, sagt Poundstone. Gleichwohl vertrat Sagan engagiert die Ansicht, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit Leben an anderen Orten des Universums gibt.

Sagan war auch an den ersten Vorläufern der heutigen Debatte zur globalen Erwärmung beteiligt. 1983 arbeitete er als Senior-Autor an der Studie des Wissenschaftsmagazins Science zum „nuklearen Winter“ mit. Aus dem Klimamodell der Gruppe ergab sich, dass die Staubwolken infolge eines Atomwaffenkonflikts zwischen den Supermächten unweigerlich weltweit zu Temperaturen unter Null führen würden.

Er hatte also sowohl UFO-Fans als auch kriegslüsterne Gegner des Berichts zum nuklearen Winter verärgert. Morrison erinnert sich an die Konsequenzen aus den Morddrohungen gegen Sagan: „Seine Büronummer an der Cornell University wurde geheim gehalten, und er kam über einen Hintereingang zur Arbeit.“ In der Ära des „Unabombers“, der Bomben per Post an Professoren schickte, wurden Morddrohungen sehr ernst genommen.

„Wissenschaft ist mehr als eine Wissenssammlung. Sie ist eine Art zu denken, eine Art, das Universum skeptisch und in genauer Kenntnis der menschlichen Irrtumsfähigkeit zu befragen“, sagte Sagan in seinem letzten Interview mit Charlie Rose von PBS im Jahr 1996. Im gleichen Jahr starb er an Krebs.

Die Macht des skeptischen Denkens inspirierte sein Buch von 1995, „Der Drache in meiner Garage. Oder die Kunst der Wissenschaft, Unsinn zu entlarven“, in dem er versucht, die wissenschaftliche Vorgehensweise allgemeinverständlich zu erklären. Es enthält auch ein sogenanntes „Quatsch-Erkennungs-Kit“ für Skeptiker.

Sagan war aber nicht allem gegenüber skeptisch: Er war Verfechter des Cannabis-Konsums. In einem Buch des Harvard-Professors Lester Grinspoon taucht er als der erfolgreiche Drogenkonsument „Mr. X“ auf. In den Jahren vor seinem Tod setzte er sich für die medizinische Anwendung von Cannabis ein.

Sagan spricht 1986 in den Jet Propulsion Laboratories in Pasadena, Kalifornien, USA, über die Voyager 2.

WORTFÜHRER

„Er wollte etwas Bedeutungsvolles tun“, sagte Ann Druyan, Sagans dritte Ehefrau, in ihrer Rede auf der Veranstaltung der Library of Congress, auf der die Briefe Sagans der Bibliothek übergeben wurden. „Dieses Ziel stand im Mittelpunkt seines gesamten Lebens.“

Druyan, mit der Sagan bei vielen Projekten eng zusammenarbeitete, war Co-Autorin der „Cosmos“-Originalserie und gehört auch zum Produktionsteam der neuen Serie.

Sagan schrieb 20 erfolgreiche Bücher (die er diktierte, nicht tippte) und hunderte wissenschaftliche Studien. Nichtsdestotrotz brachte ihm seine Berühmtheit Kritik von anderen Wissenschaftlern ein – und eine Brüskierung von der National Academy of Scientists, für deren Mitgliedschaft er nominiert, aber nicht akzeptiert wurde.

„Das ist einfach die menschliche Natur: Neid und Missgunst“, folgert Poundstone.

Im Rückblick wird eine der wichtigsten Leistungen der „Cosmos“-Serie darin gesehen, dass sie das Nachdenken über den Weltraum populär gemacht hat und viele junge Wissenschaftler inspirierte. Sagans wichtigstes Vermächtnis ist vielleicht sein Wirken als prominenter Verteidiger der Wissenschaft.

„Sein Einfluss zeigt sich heute darin, dass er von beinahe allen Wissenschaftlern, die in den Medien eine prominente Rolle spielen, als inspirierende Persönlichkeit genannt wird“, meint Fahy. „Wenn wissenschaftliche Einrichtungen das gesellschaftliche Interesse an der Wissenschaft fördern wollen, denken sie zuallererst Dinge wie: ,Wir brauchen mehr Carl Sagansʻ.“

„Wenn er heute noch leben würde“, glaubt Poundstone, „würde sich Sagan wahrscheinlich beherzt auf seine unnachahmliche Weise für die Wissenschaft einsetzen, ungeachtet aller Angriffe.“

„Seit mindestens 100 Jahren gab es wissenschaftliche Stars“, fährt er fort. „Aber Sagan war der erste Wissenschaftler, dessen Persönlichkeit für das Zeitalter des Fernsehens geschaffen war, und genau dort fühlte er sich zu Hause.“

Artikel in englischer Sprache veröffentlicht am 17. März 2014

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