Fotografie

Diese Herren wollen der Messias sein

Der norwegische Fotograf Jonas Bendiksen reist um die Welt und macht Fotos von Männern, die behaupten, der wiedergeborene Jesus zu sein. Hier erklärt er warum. Donnerstag, 9 November

Von Jonas Bendiksen
Bilder Von Jonas Bendiksen

Der vorletzte Vers des Neuen Testaments, die Offenbarung 22:20, hat mich schon immer besonders fasziniert. Er prophezeit, dass Jesus Christus eines Tages auf die Erde zurückkehren wird. Aber was heißt bald?

In den vergangenen drei Jahren habe ich Männer mit der Kamera begleitet, die alle behaupten, die Zweite Wiederkunft Jesu zu sein. Ich wollte ihre Lehren nicht kritisch hinterfragen, sondern sie besuchen und Zeit mit ihren Anhängern verbringen. Ich wollte Bilder finden, die das menschliche Verlangen nach Glaube, Bedeutung und Erlösung illustrieren.

Religion ist mir ein ziemliches Rätsel. Wahrscheinlich liegt das daran, dass ich in Norwegen nicht damit aufgewachsen bin. Trotzdem las ich schon immer gern in der Bibel – im letzten Jahrzehnt sogar immer häufiger. Und wieder und wieder kam ich zu dieser mysteriösen Zeile zurück – das Versprechen, auf dessen Erfüllung die Christen nun seit 2000 Jahren warten.

Ich fragte mich: Wenn Jesus heute wiederkehrte, um sein Werk zu vervollständigen – was würde er von der Welt halten, die wir geschaffen haben? Und andersherum: Was würden wir von ihm halten? Mit diesen Fragen im Kopf begab ich mich auf die Suche nach den modernen Erlösern. 

Ich fand sie mit der Methode, mit der man heute eine Antwort auf jede Frage bekommt: Google. Im Netz gibt es viele Menschen, die man als Propheten, Gurus oder spirituelle Anführer bezeichnen könnte. Aber nur wenige erfüllten meine Minimalanforderungen an den Messias: Sie hatten jahrelang ihre spirituelle Mission verfolgt, eine in sich stimmige Offenbarung verkündet und eine Anhängerschaft versammelt.

Jeder dieser Männer ist einzigartig, genauso wie die Gemeinschaften, die sich um sie herum gebildet haben. Für die meisten von uns ist der Glaube an eine höhere Macht abstrakt. Diese Menschen kennen ihren Heiland persönlich und können ihn anfassen. Und sie wirken dabei intelligent, nicht verwirrt oder als habe man sie einer Gehirnwäsche unterzogen.

Wo immer ich hinkam, versuchte ich ganz offen zu bleiben. Am meisten beeindruckte mich, dass es einigen der Prediger gelingt, die Widersprüche des Neuen Testaments in ihren Auslegungen aufzulösen. Viele werden die selbst ernannten Erlöser als Betrüger und Verrückte abtun. Aber alle abrahamitischen Religionen, Judentum, Christentum und Islam, warten auf den Messias (auch wenn sie sich über dessen Identität und das Timing uneinig sind). Wenn man jedoch fest daran glaubt, dass der Erlöser bald kommt, warum ist es so unmöglich daran zu glauben, dass es einer der Männer auf diesen Fotos ist?

Dieser Artikel wurde gekürzt und bearbeitet. Die ganze Geschichte steht in der Ausgabe 8/2017 von National Geographic. Jetzt ein Magazin-Abo abschließen. 

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