Fotografie

Wie ein Wissenschaftsfotograf Mikroben sichtbar macht

Der Schweizer Martin Oeggerli fotografiert kleinste Lebewesen – und hat es dabei manchmal mit großen Gefahren zu tun.Mittwoch, 28. März 2018

Von Kathrin Fromm
Martin Oeggerli, 44, ist promovierter Mikrobiologe und arbeitet an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Kunst. Mit dem Rasterelektronenmikroskop (hier am Center for Cellular Imaging and Nano-Analytics der Universität Basel) entstehen seine Bilder von Kleinstlebewesen wie Mikroben.

Für die Titelgeschichte der aktuellen Ausgabe haben Sie winzige Mikroben fotografiert. Wie machen Sie das?
Ich scanne sie mit dem Rasterelektronenmikroskop. Das Gerät tastet die Oberfläche mit einem Elektronenstrahl ab und stellt die Topografie als Bild dar. Das sieht ein bisschen aus wie ein Schwarz-Weiß-Foto. Die Farben kommen später hinzu. Das mache ich am Computer.

Unter dem Pseudonym „Micronaut fotografieren Sie seit 2005 Pollen, Pilze, Milben und andere Kleinstlebewesen. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?
Ich bin eigentlich Wissenschaftler, habe lange Zeit in der Krebsforschung gearbeitet. Dabei bin ich mit dem Rasterelektronenmikroskop in Berührung gekommen. Das hat mich nie mehr losgelassen. Ich habe begonnen, Dinge durch das Mikroskop anzuschauen, die mich persönlich interessieren, aus reiner Neugierde. Zum Beispiel hatte mein Großvater eine Regentonne. Er hat mir mal erklärt, dass die Eier der Mücken auf dem Wasser schwimmen. Solche strukturellen Besonderheiten habe ich dann näher betrachtet.

Was fasziniert Sie daran?
Dieser andere, neue Blick auf bekannte Dinge. Das ist auch etwas, was ich den Leuten zeigen möchte: Oftmals hat man ja das Gefühl, man kennt etwas. Wenn man näher rangeht, mit so einer Vergrößerung arbeitet, wie ich das mache, dann sieht man häufig, dass es doch ein bisschen anders ist als man gedacht hätte. Das finde ich spannend!

Unser Titelfoto zeigt Kolibakterien in 2500-facher Vergrößerung. Der Schweizer Fotograf Martin Oeggerli hat das Bild mit dem Rasterelektronenmikroskop gemacht und danach am Computer koloriert.

Wie lange brauchen Sie für so ein Bild?
Das ist unterschiedlich. Weil ich mit biologischen und medizinischen Proben aus der Natur arbeite, ist der Prozess etwas kompliziert. Die meisten Dinge des Lebens haben einen sehr hohen Wassergehalt und sind nicht elektrisch leitfähig – zwei Punkte, die ich fürs Rasterelektronenmikroskop ändern muss. Wenn ich zum Beispiel Kolibakterien aus dem Darm wie für das Titelbild fotografieren will, dann nehme ich die aus einer Kotprobe. Die wachsen relativ schnell, das dauert nur so ein, zwei Tage. Bei anderen Bakterien kann es Wochen dauern, bis man eine kleine Kultur hat. Da muss man Geduld haben.

Was machen Sie mit den Bakterien, damit Sie sie unters Mikroskop schieben können?
Ich töte die Bakterien ab, so dass sie nicht kaputt gehen, sondern erhalten bleiben. Dann fixiere ich die Probe, entwässere sie und bedampfe sie mit einer Gold-Palladium-Mischung, damit sie elektrisch leitfähig wird. Das ist gerade bei Bakterien eine diffizile Angelegenheit. Es darf nicht zu viel sein, damit die Oberfläche noch gut zu erkennen ist, aber eben auch nicht zu wenig, sonst kann das Mikroskop nicht arbeiten. Ein bisschen ist es so wie bei Neuschnee: Wenn es draußen geschneit hat und die Wiese von einem feinen weißen Pulver bedeckt ist, die einzelnen Grashalme aber noch zu sehen sind. So sollte es sein.

Hinterher kolorieren Sie die Bilder dann am Computer. Wie wählen Sie die Farben aus?
Ich versuche, die natürlichen Farben – so weit sie bekannt sind – zu berücksichtigen. Darmbakterien sind zum Beispiel gelb. Generell versuche ich, lebendige Dinge in einem etwas wärmeren Farbton zu kolorieren und den Hintergrund eher kühl zu halten. Das hilft auch dem Betrachter.

Was hat Sie bei der Arbeit mit Mikroben, die auf und in uns Menschen sein können, besonders beeindruckt?
Den Pesterreger vor der Linse zu haben. Davor hatte ich einen gewissen Respekt, obwohl die Bakterien schon abgetötet waren und völlig unschädlich, als ich die Probe aus einem Hochsicherheitslabor bekam. Wenn man sich die Zahlen anschaut, wie viele Tote im Mittelalter an der Pest gestorben sind und man dann heute den Erreger anguckt: wie klein und was für eine große Gefahr. Eigentlich denkt man ja: So etwas Kleines, kann nicht so gefährlich werden. Ein Irrglaube! Wir Menschen haben Urängste von einem Löwen oder einem Hai gebissen zu werden, schlussendlich sind die kleine Viren und Bakterien aber die viel häufigere Todesursachen. Spannend, so etwas den Leuten zeigen zu können!

Die Titelgeschichte über Mikroben mit den Fotos von Martin Oeggerli steht in der Ausgabe 4/2018 des National Geographic Magazins. Jetzt ein Magazin-Abo abschließen!

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