Martha Cooper – Legende wider Willen

Schon im Alter von drei Jahren macht Martha Cooper ihre ersten Fotos. Sie trägt dazu bei, Graffiti und Street Art weltweit populär zu machen. Heute ist Martha Cooper eine lebende Legende der Szene – obwohl das nie ihr Ziel war.

Veröffentlicht am 15. Nov. 2021, 13:13 MEZ
Fotografie: ein Junge läuft über ein Dach in der Bronxx (NYC)

Aufnahmen wie diese machten Graffiti und Street Art weltweit populär.

Bild Martha Cooper

Martha Cooper wird 1942 in Baltimore geboren. Ihr Vater und Onkel haben gemeinsam ein Fotogeschäft – so kommt Martha schon in früher Kindheit mit der Fotografie in Berührung. Die Foto-Spaziergänge mit ihrem Vater prägen sie: „Wir nahmen unsere Kameras und sind rausgegangen und haben Bilder gesucht“, beschreibt sie in einem TED-Talk, „und das war die Art Fotos, die ich immer machen wollte“.

Schon früh ist für Martha Cooper klar: Kunstfotografie ist nicht ihr Stil. Sie begreift sich als Dokumentarin und will Fotografie und Ethnologie zu verbinden. Um dieses Ziel zu erreichen, reist sie viel, geht nach dem College für zwei Jahre mit dem Friedenskorps nach Thailand, um Englisch zu unterrichten und fährt im Anschluss 20 000 Kilometer mit dem Motorrad bis nach England, wo sie ein Ethnologiestudium aufnimmt. Fotografie ist für sie ein Werkzeug, nicht Selbstzweck oder Kunstform.

„Wahrscheinlich haben meine zahlreichen Reisen dazu beigetragen, dass ich mich in allen möglichen Situationen mit unterschiedlichen Leuten wohlfühle. Das Reisen hat mir geholfen, Fremde anzusprechen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen, selbst wenn wir nicht dieselbe Sprache sprachen“, resümiert Cooper im Gespräch mit NATIONAL GEOGRAPHIC.

Dokumentarin des Flüchtigen

Das Projekt, das sie zur Legende machen wird, begegnet ihr nach der Rückkehr in die Staaten. Ab 1973 lebt und arbeitet Cooper in New York City. Sie ist die erste festangestellte weibliche Fotografin der New York Post und hat hauptsächlich die Aufgabe, Prominente aufzuspüren und abzulichten. Daneben jedoch nimmt sie Momentaufnahmen auf, die als Lückenfüller in der Zeitung eingesetzt werden können.

Diese Nebenaufgabe führt Martha Cooper auch in die gefährlichen Viertel der Stadt, wo Leerstand und Armut, Drogenprobleme und Gewalt allgegenwärtig sind. Hier startet sie ein Privatprojekt: Sie fotografiert Kinder, die kreativ sind, Dinge bauen und gestalten, während die Eltern mit Überleben beschäftigt sind. Sie hält dabei fest, wie Menschen über sich und ihre Lebensumstände hinauswachsen und ihre Spuren in der Welt hinterlassen. „Die Welt durch eine Kameralinse zu betrachten, hat mein Bewusstsein geschärft für die erstaunliche Kreativität, die man im täglichen Leben entdecken kann“, so Martha Cooper gegenüber NATIONAL GEOGRAPHIC. „Nach Bildern zu suchen ist wie eine wunderbare, niemals endende Schatzsuche.“

Martha Cooper fängt flüchtige Momente ein und macht sie beständig.

Bild Martha Cooper

Viele der Fotografien aus dieser Zeit dokumentieren außerdem die Ursprünge dessen, aus dem sich wenige Jahre später Hip-Hop in New York entwickeln wird. Mit ihren späteren Aufnahmen trägt Martha Cooper dazu bei, diese zunächst regional begrenzte Jugendkultur einem größeren Publikum zugängig zu machen. Noch heute gilt Martha Cooper als erste und wichtigste Dokumentarin der Hip-Hop-Kultur.

Auf diesen Foto-Streifzügen, die später in dem Fotoband „Street Play“ veröffentlicht werden, begegnen ihr oft dieselben Menschen immer wieder. So entspinnt sich mit der Zeit der Kontakt mit dem damals vierzehnjährigen Graffiti-Writer HE3, den Cooper zuvor bereits mit den Tauben in seinem Taubenschlag fotografiert hatte. Er zeigt ihr sein Blackbook, das Skizzenbuch, in dem er seine Graffiti-Entwürfe sammelt, und stellt ihr später den Sprayer Dondi, einen der bedeutendsten Graffitkünstler, vor.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Dondi, mit bürgerlichem Namen Donald Joseph White, ist einer der Pioniere der Graffiti-Kunst in New York. Um seine Bilder festzuhalten, fotografiert er die bemalten U-Bahnen. Schon bald beginnt auch Martha Cooper, die Graffiti auf den Zügen und im Stadtbild festzuhalten.

Sie ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Wenige Menschen besitzen damals hochwertige Kameras, noch weniger machen es sich zur Mission, Graffiti zu fotografieren. So erarbeitet sich Martha Cooper schnell ein Alleinstellungsmerkmal innerhalb der Graffiti-Szene. Ein weiteres Merkmal ist das Umfeld, in dem sie die besprühten Züge aufnimmt: Sie sucht besondere Hintergründe im Stadtbild, vor denen die Panels besonders gut wirken.

Diese Fotografien sind ihr Zugang zur Writer-Szene. Nach einem Jahr nimmt Dondi sie mit in die Yards, damit sie dabei sein kann, wenn die Crew die U-Bahnen besprüht. Es ist die erste Zusammenarbeit eines Graffiti-Writers mit einer Fotojournalistin. Hier erlebt sie erstmals die Entstehung eines Panels hautnah mit – wie die Motive abhängig von den Fenstern auf die Züge zugeschnitten werden, wie sich die Writer gegenseitig stützen, um bis ans Zugdach zu kommen. Martha Cooper ist beeindruckt vom Organisationsaufwand, der in jede Trainbombing-Action fließt.

Durch ihre Graffiti-Fotografie findet Martha Cooper schnell Zugang zu der Szene.

Bild Martha Cooper

Graffiti und Street Art sind flüchtig – Martha Cooper dokumentiert und hält fest, ohne den Anspruch, selbst Kunst zu machen. Sie erlaubt es ihren Motiven, sich voll zu entfalten, gibt ihnen ein Medium, in dem sie Bestand haben und bleibt dabei im Hintergrund, ohne die Motive zu beeinflussen.

Die Bibel der Sprüher

Ein anderer Graffiti-Fotograf im New York der Siebziger und Achtziger Jahre ist Henry Chalfant. Im Gegensatz zu Martha Cooper nimmt er die Züge vorwiegend am Bahnsteig auf. Über die Writer-Szene lernen beide sich kennen. Es entwickelt sich eine freundschaftliche Konkurrenz bei der Jagd auf die besten Bilder. „Wir waren keine ernsthaften Konkurrenten, aber wir behielten es jeweils für uns, wenn wir von neuen Graffitis erfahren hatten. Wie die meisten Journalisten wollten wir exklusive Aufnahmen machen,” erinnert sich Cooper.

Die Kurzlebigkeit der Graffiti-Werke vor allem auf den Zügen der New Yorker U-Bahn faszinieren Martha Cooper. Schnell verbringt sie Stunden damit, die Panels auf den Zügen vor unterschiedlichen Hintergründen und in unterschiedlichen Lichtverhältnissen festzuhalten, gibt irgendwann ihren Job auf und widmet sich nur noch der Dokumentation von Graffiti auf Zügen.

Aus diesem Dokumentationsprojekt entsteht eine Bibel der Street Art-Bewegung: Gemeinsam mit Henry Chalfant veröffentlicht Martha Cooper 1984 den Bildband „Subway Art“ – nachdem unzählige amerikanische Verlage eine Veröffentlichung mit der Begründung, die Fotografien förderten Vandalismus, abgelehnt hatten.

Im Hinblick auf die Verkaufszahlen ist „Subway Art“ zunächst ein Flop. Dennoch verschwinden die schmalen Bände mehr und mehr aus den Buchhandlungen. Es heißt, der Bildband sei das meistgestohlene Buch der Welt, was den legendären Ruf noch zementiert.

Durch „Subway Art“ trägt Martha Cooper dazu bei, Street Art weltweit populär zu machen. Graffiti-Writer lassen sich von den Fotografien von Cooper und Chalfant inspirieren, üben die abgebildeten Styles und fügen ihren eigenen Stil hinzu. Still und heimlich wird „Subway Art“ zu dem Grundlagenwerk für Graffiti-Künstler und Street Art-Schaffende, das es noch heute ist. Martha Cooper wird mit ihrer Fotografie zur lebenden Legende innerhalb der Szene.

Zufällig Ikone

Dabei wollte sie genau das nie sein: „Ich fühle mich unwohl mit der Vorstellung, eine Legende oder Ikone zu sein,“ erklärt sie in ihrem TED-Talk. Und auch Künstlerin wollte sie nie werden: Martha Coopers Fotografie-Stil ist streng dokumentarisch, sie bildet nur ab und fügt nichts hinzu. Dramatische Beleuchtung oder experimentelle Blickwinkel sind nicht ihr Anspruch – Martha Cooper lässt ihre Motive für sich wirken, tritt völlig in den Hintergrund und überlässt ihren Motiven die Bühne. Dadurch wirkt ihre Graffiti-Fotografie besonders einprägsam. In jeder Aufnahme sind die Wertschätzung und Faszination für Graffiti und Street Art deutlich wahrnehmbar.

Nach der Veröffentlichung von „Subway Art“ lockert sich die enge Bindung mit der Graffiti-Szene. Martha Cooper verfolgt andere Projekte, arbeitet als freie Fotografin und Fotojournalistin unter anderem für NATIONAL GEOGRAPHIC. Den Stellenwert, den „Subway Art“ in der Graffiti-Szene erreicht hat, verfolgt sie nicht. Erst in den frühen Jahren des neuen Jahrtausends kommt sie wieder mit dem Thema Street Art in Berührung: Sie dokumentiert Tags - die kunstvollen Namenskürzel der Sprüher – und neue Street Art-Bewegungen wie Yarn Bombing. Dabei werden Flächen und Gegenstände im öffentlichen Raum durch Einstricken gestaltet. Nachdem sie immer wieder auf Subway Art angesprochen wird, kommt Martha Cooper wieder in Kontakt mit der Szene – und einer neuen Generation von Sprühern.

Obwohl sie nie eine Ikone sein wollte, ist Martha Cooper eine lebende Legende der Street Art- und Graffiti-Szene.

Bild Nika Kramer

Seitdem setzt Martha Cooper in Sachen Graffiti-Fotografie einmal mehr Maßstäbe. Aus einer Kooperation mit der Crew 1UP, im Zuge derer der Martha Cooper gemeinsam mit der Berliner Fotografin Ninja K. die Sprüher eine Woche lang bei verschiedenen Aktionen begleitete, entstand der Fotoband „One Week with 1UP“. Hinzu kommen weitere Bildbände, Projekte wie das Streetart-Projekt Outsides und Ausstellungen wie die Ausstellung Martha Cooper: Taking Pictures im URBAN NATION Museum in Berlin. Auch mit fast 80 reist Martha Cooper um die Welt und fotografiert Street Art und Graffiti. Dabei ist sie jedoch häufig Vorurteilen aufgrund ihres Alters ausgesetzt: „Fotografen, die mich nicht kennen, schieben mich oft zur Seite oder stehen mir direkt vor der Linse, wenn wir in einer Gruppe fotografieren. Wenn ich eine Aufnahme wirklich will, kann ich gemein werden. Ich bin bekannt dafür, dass ich Leute zur Seite stoße, wenn sie mich ignorieren.“

Heute lebt Martha Cooper in New York, wo sie als freie Fotografin unter anderem für Non Profit-Organisationen arbeitet. Privat betreibt und pflegt Cooper die Seite kodakgirl.com, eine Hommage an Fotografinnen, die für ihre Arbeit nicht anerkannt wurden. Daneben fotografiert sie bevorzugt vergängliche Architektur und verfolgt damit weiterhin ihre Mission, Flüchtiges festzuhalten und zu dokumentieren.

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