Fotografie

Was macht man, wenn man plötzlich ein Krokodil vor sich hat?

Laut den Fotografen Jennifer Hayes und David Doubilet: ein Foto.

Von Jennifer Hayes
Die Fotografin Jennifer Hayes bekommt Besuch von einem neugierigen Krokodil, als sie gerade Fotos in den Mangroven des Nationalparks Jardines de la Reina in der Karibik macht.

Ich sehe genau eine Sache, wenn ich Krokodile aus nächster Nähe betrachte: uralte Ingenieurskunst. Diese Jungs und Mädels sind lebende Dinosaurier, die bereits mehrere Massenaussterben überlebt haben. Und wer weiß, mit ihrem Glück und ihrem einfachen, aber eleganten Design werden sie vielleicht auch die Menschheit überleben.

Mein Fotopartner und Ehemann, David Doubilet, und ich arbeiteten in einem Mangrovenflussarm im Nationalpark Jardines de la Reina. Dieser Nationalpark ist ein Archipel aus kleinen Inseln, Mangroven und Riffen etwa 25 Kilometer südlich von Kuba. Seine Abgeschiedenheit und strenge Schutzmaßnahmen ließen eine karibische Zeitkapsel entstehen. Die robusten Riffe voller Fische und die klaren Mangrovengewässer bieten einer gesunden Krokodilpopulation einen Lebensraum.

Ich war gerade in eine seltsame und wundervolle Qualle vertieft, die über mir in den Mangroven schwebte, als David durch seinen Atemregler hindurch ein lautes Geräusch machte und auf mich zuschwamm.

Ich drehte mich um und hatte ein Krokodil nur wenige Zentimeter vor meinem Gesicht. Mein Reptilbesucher, der an menschliche Begegnungen gewöhnt war, war langsam und nicht aggressiv. Aber die Situation hätte sich in Sekundenschnelle ändern können und David wollte mich warnen.

Wir haben schon mit Nilkrokodilen in Botswana, Leistenkrokodilen in Australien und mit Spitzkrokodilen in Kuba gearbeitet. Ich war begeistert davon, dass ich mich umdrehte und dieses gutmütige Spitzkrokodil vor mir hatte. Mit einem Nil- oder Leistenkrokodil hätte ich so eine Begegnung nicht gern gehabt. Diese Arten sind alles andere als gutmütig und die Begegnung wäre wahrscheinlich schlecht verlaufen ... für mich.

Mich haben Leute gefragt, ob ich wütend darüber war, dass David meine Begegnung mit dem Krokodil fotografiert hat, obwohl er besser versucht hätte, mich zu „retten“. Meine Antwort darauf ist: Ich hätte David umgebracht, wenn er das Foto nicht gemacht hätte. Ich habe mich nicht bedroht gefühlt. Ich war ein Besucher in dem Lebensraum dieses Tieres und es hat sich veranlasst gefühlt, mal nachzusehen, was der ganze Trubel sollte. Dann verschwand es völlig unbeeindruckt wieder.

Das war die Art von Begegnung, die man sich erhofft, wenn man für einen Auftrag unterwegs ist. Man ist mitten im Moment. Man hat keine Angst, aber ist begeistert, so ein Tier aus solcher Nähe zu sehen, das freiwillig zu einem kommt. (Lesenswert: Als die Krokodile herrschten)

In den dichten Mangroven des Nationalparks Jardines de la Reina leben Spitzkrokodile.
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