Geschichte und Kultur

Einsteins Liebesaffäre mit „Lina“ – seiner geliebten Violine

Der berühmte Physiker verließ sein Haus selten ohne Musik, die ihn auch zu den elegantesten Theorien der Wissenschaft inspirierte.Thursday, November 9

Von Mitch Waldrop
Albert Einstein spielte Berichten zufolge wunderbar Violine und war ein besonderer Fan von Mozarts Sonaten.

Eines Tages würde er die Relativitätstheorie und die berühmteste Gleichung entwickeln, die je niedergeschrieben wurde, E = mc². Er würde dazu beitragen, die Grundlagen für die moderne Quantentheorie zu legen, einen Nobel-Preis gewinnen und sein Name würde gleichbedeutend mit dem Wort „Genie“ sein.

Aber Elsa Einstein vertraute einst einem Besucher an, dass sie sich aus einem ganz anderen Grund in ihren gutaussehenden Cousin verliebt hatte: „Weil er so wundervoll Mozart auf der Violine gespielt hatte.“ Oder vielleicht war der Grund auch gar nicht so anders. Musik war weit mehr als eine Nebenbeschäftigung für Einsteins Arbeit; sie war wesentlich für alles, was er dachte und tat.

„Musik hilft ihm, wenn er über seine Theorien nachdenkt“, sagte Elsa, die 1919 seine zweite Ehefrau wurde. „Er geht in sein Arbeitszimmer, kommt zurück, spielt ein paar Takte auf dem Piano, kritzelt irgendwas nieder und geht zurück in sein Arbeitszimmer.“

Der große Physiker selbst sagte einmal, wenn er kein Wissenschaftler gewesen wäre, wäre er definitiv Musiker gewesen.

„Leben ohne Musik zu machen ist für mich nicht vorstellbar“, erklärte er. „Ich lebe meine Tagträume in der Musik. Ich sehe mein Leben in Form von Musik ... Die meiste Freude im Leben habe ich an Musik.“

Es war eine Liebschaft, die Zeit brauchte, um sich wirklich zu entfalten. Einstein war sechs, als seine Mutter Pauline, die selbst eine versierte Pianistin war, ihm Geigenunterricht verschaffte. Aber das Instrument war für ihn nur eine Pflichtaufgabe, bis er mit 13 Mozarts Violinensonaten entdeckte. Von diesem Moment an wurde Musik für ihn eine dauerhafte Leidenschaft.

Für den Rest seines Lebens blieb Mozart, zusammen mit Bach, sein Lieblingskomponist. Das war vermutlich kein Zufall. Viele Biografen von Einstein haben darauf hingewiesen, dass die Musik von Bach und Mozart in vielerlei Hinsicht dieselbe Klarheit, Einfachheit und Perfektion besitzt, die Einstein auch mit seinen eigenen Theorien suchte.

Das mag auch seine Aversion gegen die weniger organisierte, emotionalere Musik von Komponisten des späten 19. Jahrhunderts wie Wagner erklären. („Größtenteils kann ich ihn mir nur mit Widerwillen anhören“, sagte Einstein mal über den deutschen Komponisten.)

In diesen Tagen vor iTunes bemühte sich Einstein, seine Musik in physischer Form mit sich zu nehmen. Er ging selten irgendwo hin, ohne seinen ramponierten Geigenkoffer mitzunehmen. Es war nicht immer dasselbe Instrument darin – Einstein hatte während seines Lebens mehrere –, aber angeblich gab er jedem davon der Reihe nach denselben liebevollen Kosenamen: „Lina“, kurz für Violine. Auf seinen Reisen nahm er Lina für kleine Kammermusikabende bei anderen Leuten zu Hause regelmäßig mit, und er pflegte viele musikalische Freundschaften.

In den 1930ern zogen er und Elsa nach Princeton, New Jersey, anstatt zurück nach Nazideutschland zu gehen, und veranstalteten in ihrem Heim jeden Mittwochabend Kammermusikabende. Diese Abende waren ihm hochheilig: Einstein hatte immerzu damit zu tun, seinen Terminplan so umzugestalten, dass er auf jeden Fall dabei sein konnte.

Er war bekannt dafür, zu Halloween rauszukommen und Kinder auf der Suche nach Süßem oder Saurem mit improvisierten Violinenstücken zu überraschen. Zu Weihnachten kam er nach draußen und spielte zusammen mit Sternsingern.

Da es keine authentischen Aufnahmen davon gibt, wie er spielt, setzt sich eine lebhafte Debatte darüber fort, wie gut er war. Ein Foto zeigt ihn in furchtbarer Haltung, seine Geige hängt nach unten, sein Bogen kreuzt die Sehnen in einem Winkel statt senkrecht – alles Fehler, die Geigenlehrer erschaudern lassen.

Einstein war auch berüchtigt dafür, nicht im Takt zu bleiben. Der Legende nach hatte er in einem Quartett mit Fritz Kreisler mal wieder seinen Einsatz verpasst, sodass der große Geigenvirtuoso sich zu ihm drehte und fragte: „Was ist los, Professor? Können Sie nicht zählen?“

Trotzdem gibt es Hinweise, dass Elsa nicht einfach nur sentimental war, wenn sie über die Qualität seines Spiels sprach. Mit 16 nahm ihr Cousin an einer Musikprüfung an seiner Schule teil und der Prüfer schrieb, dass „ein Schüler namens Einstein bei einer besonders gefühlvollen Darbietung des Adagio einer Sonate von Beethoven glänzte.“

Viel später schrieb einer seiner Freunde, dass „es viele Musiker mit einer viel besseren Technik gibt, aber keinen, so glaube ich, der je mit mehr Ehrlichkeit und tief empfundenem Gefühl gespielt hat.“

Einstein spielte bis fast an sein Lebensende. Erst als seine alternde Hand den Fingersatz nicht mehr bewältigen konnte, legte er Lina endgültig beiseite. Aber er verlor nie seine Leidenschaft für Musik.

In einem Porträt, das ein paar Monate nach seinem Tod im April 1955 veröffentlicht wurde, erinnert sich der Autor Jerome Weidmann daran, wie er auf einer opulenten Dinnerparty war und sich genötigt sah, der Kammermusik lauschen zu müssen. Während einer Pause gestand er dem Mann, der neben ihm saß, dass er praktisch kein musikalisches Gehör besaß.

„Sie kommen mit mir“, verkündete Einstein, der den verärgerten Weidman sofort aus dem Konzert und nach oben in ein Arbeitszimmer führte, in welchem sich eine umfangreiche Schallplattensammlung befand.

Dort spielte ihm Einstein Ausschnitte von Bing Crosby, Enrico Caruso und anderen vor – den 1950er Popäquivalenten zu Bruno Mars und Lady Gaga. Er bestand darauf, dass Weidman jeden Ausschnitt nachsingen sollte, um sein Gehör zu trainieren.

Als Einstein zufrieden war, gingen sie wieder nach unten – wo Weidman, zu seinem eigenen Erstaunen, das erste Mal in der Lage war, Bachs Arie „Schafe können sicher weiden“ zu würdigen.

Im Anschluss fragte die Gastgeberin, wo die beiden Männer gewesen waren.

Sie seien „der großartigsten Beschäftigung nachgegangen, zu der der Mensch fähig ist“, hatte Einstein erwidert, „einen weiteren Abschnitt der Grenze zur Schönheit zu öffnen.“

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